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Die neue Welt · 1928-08-17 · Heft 48 (17.8.1928) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 48 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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III.MARX ERGASSE 30-32 Telephon : 90-5-67 und 95-9-38 VI.MAR I AH IIP ER ST Ri 49 Tele p ho n,: 4'1.2,1 . v '; Verl a n q e n Sie Pros p e k t e! DIE NEUE WELT M*. 46 Der Niedergang des türkischen Judentums. Besuche beim Chacham Baschi und dem askenasischen Rabbiner in Konstantinopel Noch vor 15. Jahren, war das türkische Judentum für die jüdische Welt von großer Bedeutung. Denn damals gehörten zum türkischen Reich Gebiete, welche viele taüsendc Juden beherbergten, darunter Palästina als Ziel der zionistischen Weltpoldtik, während heute sich auf türkischem Boden bloß drei Gemeinden von Gewicht, K o nstantinopel, Smyrna und Adrianopel befinden. Der Schriftsteller I. Tri wachs aus Tel-Awiw, der die Türkei und Aegypten bereiste, erzählt über seine interessanten Begegnungen mit verschiedenen Menschen in Konstantinopei und über das Leben der türkischen Juden. Ihrer gibt es in der beutigen Türkei 150.000, und zwar in Konstantinopel 80.000, in Smyrna 20.000 und in Adrianopel 15.000, der Rest lebt zerstreut in den übrigen Städten und Städtchen. „Kaum war ich in Konstantinopei angelangt", schildert Triwachs, „ als ich einem Bücherhäudler, einem Juden aus Jerusalem, begegnete, der dort für eine Wiener Firma tätig ist. Diese Art Händler interessiert sich nur für bibliophile Seltenheiten. Monatelang treiben sie sich in der Türkei herum, um bei in Verfall geratenden Gemeinden und bei Privaten solche Bücher aufzuspüren; denn nirgends sind sie so billig zu haben, wie gerade jetzt in der Türkei, billiger als in allen andern sephardischen Gemeinden der Mittelmeerländer. Das, was Gelehrte in mühevoller Arbeit durch Generationen gesammelt halben, wird jetzt verschleudert, zumal niemand da ist, der für diese Schätze Verständnis hat. Das ist 'immerhin ein Fortschritt gegenüber der Zeit, da in den Gemeinden der asiatischen Türkei die wertvollsten Inkunabeln als Makulatur an türkische, griechische und armenische Krämer verkauft wurden und man Gewürze in Blätter eingewickelt sah, von denen jedes halbe den Preis des ganzen Kramladens überstieg. Dieses Symptom des tiefsten Niederganges begleitete ich auf meinem Wiege zum Chacham Baschi Br wohnt im Hause der Gemeinde im europäischen Viertel Pera. Es empfängt mich ein noch rühriger Alter, Rabbi Cha j dm Eids eher ona, Oberirabbiner idler Türkei seit acht Jahren. Er ist heute 97 Jahre alt und übt seine Funktionen aus wie vor 65 Jahren, da er Rabbiner in ^ustschuk (Bulgarien) war. Geboren in Stara Zagora, war er 30 Jahre lang Rabbiner der sephardischen Gemeinde in Bukarest. Seit 18 Jahren lebt er in Konstantinopei. „Dean Chacham Baschi," 'bemerkt der Alte mit bezeichnender Handbewegung, „ist die Macht, die er einst besaß, genommen worden. Einmal hatte er wie die anderen Repräsentanten der religiösen Gemeinschaften wichtige Privilegien und übte großen Einfluß auf seine Glaubensgenossen aus. Aber das neue Regime des Mustapha Kemaü Pascha hat dem Religionsältesten; alle Macht genommen. Die .türkische iNationalregierung hat eine Umgestaltung des jüdischen Lebens bewirkt. In den Dingen der Kehlllah herrscht. Verwirrung und Unorientiertheit, aber man hofft auf Besserung. Die Juden in der Türkei sind in bezug auf das lüdisch-geistige Leben verflacht. Ganz besonders hat die Einführung des Freitags als Z w a n g s r u h e t a g zum Aufgeben . religiöser Uebungen beigetragen. Während für die Christen im Gesetz der Sonntag als, arbeitsfreier Tag bewilligt ist, wobei der mohammedanische Freitag nicht gehalten, werden muß, wird auf den Sabbath keinerlei Rücksicht genommen. Zum,Schluß fragte Ich den Rabbi, ob sich die' türkische Judenscbaft des im Lausann er Friedensvertrag festgelegten Minoritätsrechtes begeben habe und ob es wahr s$, daß sie dazu von der Regierun« gezwungen worden sei; da antwortete der Chacham Baschi, böse darüber, daß ich ihn mit dieser heiklen Frage in Verlegenheit gebracht habe: „Es ist nicht wahr, daß man uns gezwungen hat. Hier in diesem Raum, wo wir jetzt sitzen, fand die Versammlung der jüdischen Notabein statt, auf der wir beschlossen, die Minderheitsrechte nicht in Anspruch zu nehmen.'* - Ich hatte den Eindruck, daß das Geheimnis, weshalb sich Jaden ihrer nationalen Rechte begeben konnten, nie gelüftet werden wird. . Nicht minder eindrucksvoll war für mich mein Besuch beim Rabbiner der askenasischen Gemeinde Kon- •fcatinopels (10.000 Seelen), Dr. Markus. Er ist Prediger des „Oesterreichischen Tempels", einer von österreichischen Jaden seinerzeit gegründeten Synagoge. Dr. Markus stammt aus Rußland, hat in Bonn und Köln studiert und bekleidet sein Amt in Konstantinopei seit 27 Jähren. Er ist auch Direktor des einzigen jüdischen Lyzeums, eine Art Gymnasium, in der Türkeit, das von Sephardim und Askeoasim besuch* wird. Dr. fttarints leistete m Zeit, ate Konstantinopel der wichtigste Punkt der zionistischen Politik war, wertvolle zionistische Arbeit. Deshalb war meine leirste Frage an ihn? „Woher kommt es, daß i n der Türkei keine Spur von Zionismus zu finden ist?" Dr. Markus gibt zu verstehen, daß aus politischen Gründen für den Zionismus in der Türkei vorläufig kein Boden ist und erzählt folgendes Histörchen: „Der heutige Diktator Kenia! Pascha befehligte die türkischen Truppen während des Weltkrieges auf Galipoli. Er selbst soll gelegentlich einer Begegnung mit türkischen Juden erzählt haben, daß er dort dem Feinde Aug' in Aug* gegenübergestanden sei. Der Feind war niemand anderer als — jenes zionistische Korps, das Jabotinski und Trumpeldor organisiert hatten." Tatsache ist, daß das türkische Judentum mit der übrigen jüdischen Welt wenig Zusammenhang besitzt. Aus Palästina. Der Eisenbahnknotenpunkt. Die Regierung Palästinas hat der Jaffacr Handelskammer offiziell mitgeteilt, daß die Verlegung des palästinensischen Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel-Awiw, die geplant war, auf u n b esti m mt e Z eit verschoben worden ist. Noch im Jahre 1925 hatte Sir Herbert Sarauel als Oberkommissär eine Kommission eingesetzt, die darüber beraten sollte, ob eine Verlegung des Eisenbahn-" knotenpunktes von Ludd nach Tel-Awiw zu empfehlen sei. Die Kommission hat sich zu der Frage positiv geäußert. Die Bevölkerung von Jaffa und Tel-Awiw wünscht die Verlegung als teilweises Aequivalent dafür, daß der Palästinahafen in Haifa statt in Jaffa gebaut wird. Der Entschluß der Regierung, die Verlegung des Knotenpunktes der Kantara—Haifa- und Jaffa—Jerusalem-Eisenbahnlinien von Ludd nach Tel-Awiw auf unbestimmte Zeit zu verschieben, hat Enttäuschung hervorgerufen. Eine Petroleumraffinerie in Haifa. Nach einer Meldung aus Haifa will die Royal Dutoh, nachdem der projektierte Ausbau des Hafens durchgeführt werden soll, dort^ eine große Petroleumraffinerie errichten. Die Gesellschaft hat bereits umfangreiches Gelände in unmittelbarer Nähe des Hafens angekauft, „B. Z. am Mittag" schreibt dazu: „Für den Royal Dutch wird es sich darum handeln, in Haifa Mossul-Petroelum zu verarbeiten. Voraussetzung iherfür ist der Bau einer Röhrenelitung vom Mossulgebiet bis zum Hafen, von einer Länge von etwa 500 bis 600 Kilometer. Die Franzosen, die auf die Mossul-Konzessionen große Pläne setzten, werden du roh-^n Beschluß;-der Royal Dutch in den Hintergrund gedrängt;^' « Eine Straße über den Karmel. Die Regierung beginnt in den nächsten Tagen den Bau einer Straße zwischen Her-Hakarmel und Hadar- Häkarmel. Die Kosten des Baues betragen 10.000 Pfund. Die Ausführung des Baues würde durch eine Anleihe Lord Mel.chets an die Stadtverwaltung Haifas ermöglicht. Die jemenitischen Juden. t Die Vereinigung der Juden . aus dem Jemen veröffentlicht einen Aufruf, in ,;Doär Hajom" gegen das Verhalten der zwei herrschenden Parteien Achduth-Awodat und Hapoel-Hagair. Die Jemeniten fühlen ich in allem zurückgesetzt und verlangen eine Äenderung der Lage. . Der Aufruf wurde von der gesamten jüdischen Bevölkerung! Palästinas mit Sympathie aufgenommen. Das Judenviertel von Loschitz bei Olmütz abgebrannt In der Stadt Loschitz bei Oiimütz ist am 9. d. ein Großfeuer ausgebrochen, das sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete. Binnen kurzer Zeit stand das Juden vi er t e'l in Flammen. Das Feuer griff auch, auf den Hauptplatz über. Der Turm des Rathause« stürzte ein und die Ostgemeinde wurde vom Feuer ergriffen. Infolge der Wassernot war die Bekämpfung des Feuers sehr schwierig. Erst gegen 3 Uhr nachmittags konnte der Brand lokalisiert werden. Dem Brand sind meist Häuser kleinerer Leute zum Opfer gelfallen, die nicht versichert sind. Der Schaden ist sehr groß. . yH ■, z=5g>- , -........................... WS I T M A R*C Servtef M^rhUmU: ,i,n»M4i,*+»*»*,»4iiw999tm<m9m pwrmw**»sg» wöchentlich mit den Luxusdampfern 44 und )|IIIfVVIllIl ffl R«8«lmaftlg« ■lllinlnn nach Palästina, Q>l«ch«nlnn<l, Konstantin«*«! Rundfahrten Im MIMelmaar B l Iii ge Sommerfahrten Auskünfte^ »Sitmar*, I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) Telephon 56009 s& Hören die Juden auf, Medizin zu studiteren? unter den Juden Rückgang des ärztlichen Studiums Deutschlands. Im „Schild", dem Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, schreibt E. Lewin-Do rsch: Die Vorliebe der Juden für den ärztlichen Beruf hat geschichtliche Ursachen. Sie ist wie viele andere Tendenzen in ihrem beruflichen und sozialen Verhalten aus einer Jahrhunderte alten Tradition zu erklären. Bekanntlich sind schon im Mittelalter jüdische Aerzte nicht selten zu hohem Rufe gelangt. So bilden denn auch in Deutschland die jüdischen Aerzte seither einen verhältnismäßig großen Prozentsatz im Vergleich zu den nichtjüdischen; ebenso wie an der Gesamtheit der deutschen Medizinstudenten die jüdischen einen nicht erheblichen Anteil ausmachen. Jedoch die Statistik der letzten Jahre und Jahrzehnte für die preußischen Universitäten zeigt eine deutliche und obendrein ständig wach send e Abnahm e d i e s e s Anteils, Bereits in der Zeit vordem Kriege' läßt sich die sinkende Tendenz feststellen; sie setzt sioh noch stärker in der Nachkriegszeit fort. Im Wintersemester 1905-06 kamen auif je 100 Medizinstudenten 16, im Wintersemester 1911-12 12,5 und im Wintersemester 1925- 26 nur noch 7 jüdische! Also in einem Zeitraum von etwas mehr als 20 Jahren ein Rückgang des Anteils jüdischer Medizinstudenten auf den preußischen Universitäten von 16 auf 7 Prozent. Noch greifbarer tritt diese rückläufige Bewegug in die Erscheinung, wenn man die Zahlen für die, jüdischen Medizinstudenten mit denen der e v a n g e 1 i s c h e n ü n d katholischen in Verlgleich setzt. Im Winter 1911-12 betrug die Gesamtzahl der evangelischen, katholischen und jüdischen Medizinstudenten an den preußischen Universitäten 3930, im Winter 1926-27 2934. Davon fielen auf das Semester 1911-12: 2321 evangelische, 1118 katholische und 491 jüdische, auf das Semester 1926- 27: 1730 evangelische, 998 katholische und 266 jüdische Medizinstudenten. Prozentual umgerechnet ergibt sich, daß die Evangelischen ihren Anteil - auf der Höhe von 59 Prozent bewahrt haben; der Anteil der Katholiken aber ist von 28,4 auf 34 Prozent gestiegen, während allein bei den Juden eine Verminderung, und zwar von 12,5. auf 7 Prozent eintrat. Dieses Sinken des jüdischen auf Kosten des katholischen Anteils ist um so bemerkenswerter, als sich bei einem Vergleich der Volkszählung von 1910 und 1925 herausstellt, daß die durch den Krieg und Gebietsabtretungen verursachte Abnahme der Gesamtbevölkerung Deutschlands zum größten Teile von den Katholiken, und zwar mit einem Verlust von 17 Prozent, getragen wird, während der Verlust der evangelischen mir. 2 , derjenige der Juden 3 Prozent beträgt. Obwohl also der katholische Anteil an der Gesamtbevölkcrung Deutschlands weitaus mehr als der jüdische sank, ist er umgekehrt im Medizinstudium gegenüber dem jüdischen erheblich gestiegen. Aber die Ursachen dieser negativen Bewegung? Vorläufig läßt sich die Antwort nur in Andeutungen geben. Es gehört zum Charakter der jüdischen Gemeinschaft, daß sie sich, mit 'Unvergleichlicher Zähigkeit an ihre Traditionen, und zwar nicht nur an ihre religiösen, festklammert. Ihre ganze Lebensführung wird tiefer, als es zum Bewußtsein gelangt, durch die Schwerkraft der Üeberlicferung beeinflußt. Wenn also die, bei den Juden seit Jahrhunderten, traditionelle Entscheidung für den ärztlichen Beruf eine solche Ablenkung 'erfährt, wie sie die mitgeteilte Statistik offenbart, so werden vielleicht die Ursachen allgemeiner Natur sein und, zum Teil wenigstens, in einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen U ms c h i c h t u n g des deutschen Judentums gesucht werden können, die sich mit der Wucht eines geschichtlichen Prozesses gegenwärtig vollzieht. Da durch die Umwälzung den Juden der Weg zum höheren Staatsdienst geöffnet worden ist, so 'liegt die Annahme nahe, den Rückgang der jüdischen Medizinstudenten durch eine Abwanderung jüdischer Akademiker in andere Fakultäten zu erklären. Aber die Statistik beweist, daß e i n e s o 1 c h e A b w a n d e r u ng nicht stattfindet. Vielmehr ist die Zahl der jüdischen Studenten aller Fakultäten, wenn man die Wintersemester 1925-26 und 1911-12 miteinander, vergleicht, absolut gesunken. Und da ferner eine Abwanderung jüdischer Studenten von der Universität an die Technische Hochschule oder an die Handelshochschule nicht oder nicht in nennenswertem Umfange stattfindet, so darf man vieHerchi: vermuten, daß der Rückgang der jüdischen Medizinstudenten, als Symptom für den gegenwärtigen R-ückizug der deutschen, Juden vom akademischen Beruf überhaupt durch die allgemeine wirtschaftliche Notlage bedingt ist, in der sich der Jüdische Mittelstand besonders in der Provinz und auf dem Lande befindet Die 'zahlenmäßige Abnahme des jüdischen Naeitowuchses reicht als Erklärung för die Bewegung kämm ans. Die afimähliche Vernichtung des «nitHeren jüdischen, und «ugJeich auch nichfetödlsohen, Wohlstandes durch den Hochkapitalismus wird die wesentliche Ureach* aaco dieser Verändern»« sein. Der neunte Ab Das Präsidium der Budapester Neologengemeinde hat angeordnet, daß am Q. Ab, dem Gedenktag der Zerstörung; Jerusalems, sämtliche Bureaus der Kultusgemeinde geschlossen bleiben und daher keinerlei Parteietwerkehr ^stattfindet

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