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Die neue Welt · 1928-08-17 · Heft 48 (17.8.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 48 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 48 DIE NEUE WELT Seite 3 Die Anleihe des Jüdischen Nationalfonds. Vier Millionen Dollar. — Günstiger Stand der Verhandlungen. Aus Paris meldet die J. T. A.: Herr Marec Schwarz hat dieser Tage in Paris die Verhandlungen mit dem Repräsentanten der Firma Messrs Kelly & Conders, Herrn Don M. Kelly, über die Durchführung einer Anleihe von vier Millionen Dpllar für das jüdische Aufbauwerk in Palästina zum Abschluß gebracht. Wie der J. T. A. aus zuver lässiger Quelle mitgeteilt wird, erscheint die Anleihe g e s i c h e r t; sie wird von der Firma Messrs. Kelly. & Conders Mitte September d. J. aufgelegt werden. Wie schon mitgeteilt, weilte Herr Marec Schwarz vor kurzem in Palästina, wo er mit den Direktoren des Jüdischen Nationalfonds über die Bedingungen der geplanten Anleihe Besprechungen gepflogen hat. Das Direktorium hat den folgenden Bedingungen zugestimmt: Die Rückzahlung der Anleihe erfolgt innerhalb 20 Jahren, der Zinsendienst beträgt 6,5 Prozent. Die Hälfte des Anleihebetrages fließt dem Jüdischen Nationalfonds für Zwecke des Bodenkaufs, die andere Hälfte der Zionistischen Exekutive für Konsolidierungsarbeit in Palästina zu. Die Kämpfe in der amerikanischen zionistischen Organisation. Austritt des Richters Dannenbaum. Aus New York meldet die J. T. A.: Der Richter J. Dannenbaum aus Houston (Texas), einst der Führer im Streite gegen die Brandeis-Gruppe und Präsident der Konvention der amerikanischen Zionisten in Cleveland, später Vorsitzender der Keren Hajessod-Kampagne, ist aus der amerikanischen zionistischen Organisation ausgetreten. Seinen Austritt begründete er damit, er könne der Bewegung unter der Führerschaft von Lipsky nicht dienen und ihr weder Zeit noch Geld widmen. Seiner Meinung nach hätten Lipsky, Dr. Weizmann und ihre gesamte Gefolgschaft zurücktreten und die Führerschaft anderen überlassen müssen. Er wolle nicht durch stillschweigende Duldung bei anderen den Glauben erwecken, daß die jetzigen Führer noch immer seine Unterstützung genießen. * Damit scheint der Kampf in der amerikanischen Organisation, der auf dem im Juli abgehaltenen Kongreß durch den Sieg der Lipsky-Gruppe beendet schien, neuerlich entfacht. Diesem Kongresse lag der Bericht einer vom Präsidenten Weizmann, der sich mit Lipsky unbedingt solidarisch erklärt, eingesetzten Untersuchungskommission vor. In diesem Berichte wird einerseits festgestellt, daß Lipsky persönlich rein dasteht und nichts zu seinem persönlichen Vorteile getan hatte, anderseits aber wird mitgeteilt, daß er unerlaubte Manipulationen und Versuche, die Wählerlisten zum amerikanischen Kongresse zugunsten seiner Gruppe willkürlich zu erstellen, geduldet habe. Der an Weizmann adressierte und dem Kongresse vorgelegte Bericht schloß mit der Empfehlung,. die politische Leitung Das tSgliche Bad für dta Famlllo! FUr jedermann erschwinglich I Preis S rfbva- Vo'lkontmener Badezimmerersatz JOSEF TRIMKL Wien, V!., Mariahllferstrafie Nr. 35, I. Stock. Telephon B-27-6-29 von der Verwaltung gänzlich zu trennen und die an den obcrwähnten Manipulationen aktiv oder passiv beteiligten Funk tionäre, also auch Lipsky, nicht wiederzuwählen. Lipsky gab auch vor der Tagung die Erklärung ab, auf eine Wiederwahl zu verzichten. In der Erwartung, daß Lipsky demissionieren werde, ging die Opposition zum Kongresse Nach einer heftigen Debatte erklärte die Lipsky-Gruppe, daß sie wohl die positiven Resultate der Untersuchung anerkenne, nicht aber die Ratschläge, welche im Berichte der Kommission enthalten sind, und ihrerseits auf der Wiederwahl Lipskys bestehe. Lipsky wurde gewählt und nahm die Wahl an. Die Opposition legte Protest ein und die Demission des Richters Dannenbaum scheint der Auftakt zu einem neuen Kampf zu sein. Das Kontrollamt für Palästina. Eine palästinensische Stimme. Im „Haaretz" vom 2. August widmet M. Glückson der Errichtung eines Kontrollamtes einen Artikel, in welchem er u. a. ausführt: Wir pflegen in der zionistischen Organisation für Prinzipien", Ansichten und Systeme zu kämpfen — des Kampfes wegen. Treten wir jedoch an die Verwirklichung, dann werden unsere Hände schwach und die ganze Mühe der Resolutionen zeigt sich vergeblich. So zum Beispiel stand auf der Tagesordnung des Aktionskomitees die Frage des Kontrollamtes, eines Or- ."WD unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates „Adas Israel" Ungarisches Masigeflügel von bester Qualität! Tel. R-40-5-90 Wien, II., Große Schiffgasse 5 Tel. R-40-5-90 ganes, welches die Rationalisierung und die ständige Ueberwachung aller zionistischen Institutionen übernehmen soll. Das Problem der Gesundung und Erneuerung des zionistischen Apparates war das Alpha und Omega des 15. Zionistenkongresses. Die neue Parole lautete: Nicht die Schließung einiger Schulen und die Kürzung des Budgets zur Verbesserung der Lebensbedingungen des jüdischen Arbeiters usw., sondern die Gesundung unseres ganzer. Apparates im Sinne der Sparsamkeit und rationellen Arbeit in Uebereinstimmung mit unseren Mitteln und Bedürfnissen. Innerhalb der Organisation stärkte sich die Eikenntnis von der Notwendigkeit einer grundlegenden Reform des Verwaltungsapparates und der Büros aller unserer anderen finanziellen Institutionen, von des Schaffung eines Status und einer Vorschrift für die Beamtem, schaft, ihrer Besoldung usw. Dies sollte für alle Organisationen bindend sein. Ist es notwendig zu betonen, daß mmMmm,mimmmmiammviai es in bezug auf die Frage der Konsolidierung keine zwei Meinungen gibt? Der Kongreß selbst hatte keine Zeit den Kontrollor zu ernennen. Die Vorbereitungsarbeiten wurden der Exekutive überlassen und das A. K. sollte dann den Kontrollor bestimmen. Im letzten Jahr ist nichts geschehen, was die Bildung dieses Amtes überflüssig gemacht hätte. Wir haben aber jetzt wie früher viele Räder in unserer Maschine, die sich unnötigerweise drehen. Wir hofften, daß die jetzt stattgefündene A. K.-Sitzung diese Frage lösen wird. Aber wir irrten. Das A. K. hatte wichtigere Dinge zu erledigen. Es mußte seine Tage mit der Lösung einer persönlichen Kabinettskrise vergeuden. Die Frage des KontroIIamtes, die Gründung unserer Bewegung blieb auf dem Fleck stehen. Antisemitismus in der polnischen Sozialdemokratie. Eine Diskussion auf der Brüsseler Konferenz. Auf dem Brüsseler Kongreß der Internationale der Arbeiterschaft gab es eine Judendebatte, «dtie sich auf die Verhältnisse innerhalb der polnischen Sozialdemokratie bezog. Der Führer der jüdischen sozialdemokratischen Partei „Bund", «Dr. Kruk, führte Klage gegen die Führer der polnischen Sozialisten, die es zulassen, daß der A n i I s em i t Ismus unter der polnischen Arbeiterschaft und sogar unter der Führerschaft überhandnehme. Als Beispiel führte er die l.-Mai-Konffikte der letzten Jahre an, wo die polnischen Sozialisten sich weigerten, zusammen mit den jüdischen Arbeitern zu demonstrieren .und diese jüdische Arbeiterschaft ihrem Schicksal überließ, als sie einerseits von der Polizei, andererseits von den iKom'tttimristen angegriffen und brutal mißhandelt wurde. Der polnische Sozialist NiedzaalkowsJei erwiderte auf die Anklagen von Dr. Krale. Der Kongreß der Internationale nahm schließlich die von Dr. Kruk unterbreitete Resolution an, wonach in Polen eine einheitliche sozialistische Partei, die die Arbeiterschaft aller in diesem L a n d c w o h n e n d -e n Nationen einschließt, also eine Einheit des anheilenden Polen, zu schaffen sei. Ob der Kongreßbeschhiß, welcher Einigkeit befiehlt, von Wirkung sein wird, ist fraglich. Der vom Kongreß unterstützte Wunsch nach Brüderlichkeit geht aber von den Juden aus und nicht von den Polen. Also, einseitige Liebe. Es verdient, hervorgehoben zu wenden, daß sich unter den Führern der antisemitisch orientierten polnischen Sozialdemokratie J u d e n befinden, die allerdings von ihrem Judentum nur in der Weise Gebrauch machen, daß sie es möglichst gut verstecken. So die noch aus der österreichischen Vergangenheit bekannten Herren Dr. Di am and und Dr. Li eh e rfflta n n, welcna sich vor dem Hinauswiurf dadurch schützen, daß sie selber antisemitisch und für J.udenrehrheit der Partei eintreteri. Als dtie sozialdemokratischen polnischen Angestellten von der Verwaltung der Warschauer Sitraßenbahn die Entfernung ihrer ebenfalls sozialistisch organisierten jüdischen Arbeitskollegen forderten, haben die Diamand und Liebermann geschwiegen. Sie werden gewiß unter denen zu finden sein, welche die Ausführung des Kongreßbeschlusses, die Juden aufzunehmen und 'brüderlich zu behandeln; verhindern werden. Denn der Asslmiiatiionsjude ist in christlicher Geseilschaf t gerne allein. Er glaubt sich so sicherer. Die Synagoge im Die Kehilla von Kittsee. Wie Meteore vom Himmel gefallen, liegen die sieben jüdischen Enklaven des Burgenlandes im einstigen Macbt> und. Schutzbercich der Fürsten. 'Estcrhazy und haben sich, jede gesondert, immer enger eingekapselt: Bi'senstadt, Mattersburg, Deutsch--Kreuz, Lackenbjich, Kobersdorf, Frauenkirchen, Kittsee. Wunderbar, unfaßbar wie die Geschichte der jüdischen Diaspora, ist der Anblick dieser uralten, sieben Judensiedlungen, eingesprengt im fremden Boden, jahrhundertelang vom Schicksal in ihrer Entwicklung begünstigt, fast durchaus von blutigen Katastrophen bewahrt geblieben. Aber jetzt sterben sie hin. In unmittelbarster Nähe von Wien gelegen, sind sie leicht erreichbar und bei etwas regerem Interesse der jüdischen Zeitgenossen müßten sie überlaufen werden, worüber sie sich aber, wie der Schreiber dieser Zeilen bestätigen kann, nicht gerade zu 'beklagen haben. * Die kurze, angenehme Fahrt mit der Elektrischen vom Wiener Hauptzollamt gegen Preßburg wird in dem Grenzörtchen unterbrochen. Daß man im Vor überfahren das berühmte „Heidentor" passierte sowie die schönen Donauorte PetroneH, Deutsch-Altenburg und Hainburg sah, wird undankbar vergessen, wenn von Berg aus das Dorf Kifctsee erreicht und die dortige Kehilla entdeckt ist. Hier befindet sich die merkwürdigste und eigenartigste Synagoge, welche auch weitgereiste Kenner jemals gesehen haben dürften, Sie ist nämlich bestimmt kein häufiger Fall ■•— in einem ehemaligen Nonnenkloster untergebracht. Derv Schu'tzherr der. Kittseer hat seinen Juden vor rund 400 Janren das schon damals betagte Gebäude überlassen. Es ist gut erhalten, .mit Verständnis .renoviert, steht mit dem bizarren Erker und dem uralten Ziehbrunnen unter den Bauernhäusern, wie ein romantisches Stück.. Mittelalter,. das man abzuräumen vergessen. hat, und beherbergt nebst der kleinen Schill,, in die man durch eine' 'Seffent Ör/ gelängt, eine Anzahl von Juden Wohnungen. Und überraschend, wie dieser Judentempel im Nonnenkloster, wirkt die Lage des Judenfriedhofs. Da ist die Burg Kittsce, zu einem Teil von ihrem kunstverständigen Bewohner in alter Vornehmheit erhalten, zum anderen in einen riesigen Getrcideschüttkasten umgewandelt. Die breiten rissigen Maliern der Rittersburg aber greif weitaus und umschließen den guten Ort der Kehilla. Judenschutz über den Tod hinaus. — Der Zufall ließ mich hier Zeuge einer Bestattung sein. Höchst bemerkenswert, dieser jüdische Leichenzug. Keine „Pompfuneberer", keine Priesterornate, kein Leichenwagen mit schwarzen Pferden, keine Blumen, keine Kantoren, keine Musik. Und schon gar nicht der gemessen feierliche Gleichschritt, die disziplinierte Trauerkundgebung der Beine. Nicht einmal der Rabbiner geht an bevorzugter Stelle, sondern mitten drin im Knäuel seiner Gemeinde. Di es et dicht gescharte, ungeregelte Haufen, von nichts überragt, als von der ungehobelten schwarz gedeckten Kiste, wirkt bezwingend in seiner stummen Einfachheit. Sinnbild der Nichtigkeit alles Irdischen. Was Staub war, wird zu Staube. So passiert der schwarze Knäuel mit der schwarzen Truhe, die breite frundliche Dorfzeile von Kitsee. Der Gegensatz zu dem Bild dieser Straße mit den Bauern und Bäuerinnen, die vor ihren Häusern stehen — sie haben alle den toten Kittseer Juden geschätzt — ist so kraß, als wenn einander zwei Welten begegneten. Zwei Balbattim halten altsilbcnte Gefäße in Händen, von ungewohnter Form und seltener Art. Sie nahmen diese Kleinodien nicht mit, um den nackten, ernsten Leichenzug mit Schmuckstücken zu zieren: Es sind die alten Zdoke- Büchsen von Kittsee. Die eine — langgestreckt, im gotischen Stil gehalten, Nachbildung eines „Rabbonim- Häuschens", wie es über den Gräbern der Größten errichtet wurde — geht schon länger als 400 Jahre mit auf den Friedhof. Die andere, ein prächtiges Barockstüok, ist jünger, aber doch schon zwei Jahrhunderte im Besitz der Gemeinde. . Sie bogen von der Hauptstraße ab, -passierten die Synagoge, und wie, sie jetzt hügelan ziehen längs dem verwitterten Burggemäuer, gehört nicht viel Phantasie dazu, den Judenhaufen so zu sehen, wie er, die Truhe auf den Schultern der Brüder von der Chewra Kadischah umringend, vor Jahrhunderten, (hier hinaufkam: In Schnallen-, schuhen, Pumphosen, die dunkelgrüne Mantiille umge-. schlagen, am Kopf den Schiffhut. Das kleine Tor in der Burgmauer läßt die Sargträger und den stark angeschwollenen Leichenzug passieren, dem sich sehr zahlreiche christliche Ortsbewohner angeschlossen haben. Sie hören alle zu, wie der Riabbi zu seiner Gemeinde spricht, von dem Verblichenen und von seiner Sorge um den Fortbestand der alten Treue — ganz freimütig und ganz (familiär, denn vollzählig umsteht die .Kehilla das offene Grab und man hat es hier noch •nicht erlernt, geheim zu tun vor den anderen —, sie hören, wie einer den Toten um Verze?bung bittet und wie der kleine, verwachsene Mann mit der Schiildmütze, der Acrmsten einer, aber hochgeachtet ob seiner Kenntnisse und geistigen Fähigkeiten, kein „Oischer" und doch Sprecher der Chewra Kadischaih, in bewegter Rede Abschied für alle nimmt. Dann klappern die Zdöke-Büchsen. * An diesen (Leichenzug, an den Anblick der Sytnagoge und des Friedhofes muß sich die Phantasie des Besuchers klammern, um die Vision der alten Gemeinde heraufzubeschwören. Denn es ist nicht mehr da, das alte Kdttsee, es gibt keine „Gaß" mehr. Ein Häuflein Steuerträger, gezählte Neunzehn, erhält das sterbende Gemeindewesen. Diese Kehilla von jetzt, kaum hundert Seelen, blieb von schweren Scbkiksalsschilägen verschont, wahrte i'hre Traditionen, ist aber durch Abwanderung ausgeblutet. Draußen sind viele Söhne der Gemeinde zu Reichtum und Ehre ge-; langt und — abgefallen. Ein Sprößling von Kittsee war der berühmte Geiger Joachim, an dessen Geburtshaus eine Gedenktafel in ungarischer Sprache angebracht ist. Die Familien Mtuthner, Figdor, Singer kommen von hier; bekanntlich hat auch Frau Bundespräsident Hainisch ihr Stammhaus im Kittseer Ghetto. Als ich mich dem Ortsrabbiner vorstellte, meinte der zarte, greise Mann: „Auch mein Amtsvorgänger hieß Abeles, aber sein Sohn heißt schon Andor." So erfährt mau zwischen Tür und Angeln die Geschichte der Entfremdung und des Verfalls. Otto Ab ei es.

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