Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 47 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 47 Die neue Richtung in der jüdischen Auswandererfürsorge. Herr Adolf K o p 1 a n d, eine der führenden Persönlichkeiten der jüdischen Einwandererhilfsorganisation „Hias" in Amerika, weilt seit einigen Tagen >n Polen. Die Warschauer jüdische Emigrationsgesellschaft veranstaltete aus diesem Anlaß eine Pressekonferenz, in welcher der Oast unte/ anderem folgendes ausführte: „Hias" ist eine unparteiische Institution, in welcher alle Richtungen und Fraktionen zu gemeinsamer Arbeit vereinigt sind. Am Beratungstisch der „Hias" sitzen Menschen mit verschiedenen Anschauungen, ohne in Streit zu geraten, weil ihnen allen ein Ziel gemeinsam ist, den notleidenden Brüdern in Osteuropa zu Hilfe zu kommen. Bis jetzt habe Herr Kopland in Mexiko bloß die Juden gekannt, die als Absender von Geldbeträgen an ihre Ver-> wandten in Europa in den „Hias"-Bureaus erschienen. Nun wollte er auch die Empfänger der Geldunterstützungen aus eigener Anschauung kennen lernen. Es war für ihn ein Leidensweg, als er sich mit eigenen Augen von der großen Not und den, schweren Leiden überzeugte, in denen die Juden in diesen Auswanderungsländern leben. Verschiedenartig sind jetzt d ese Auswanderungsproleme. Er war in Palästina und lernte dort die Bedürfnisse jener Juden kennen, die unfähig sind, sich in Palästina eine dauernde Zukunft zu sichern. Er war auch in Rumänien und lernte dort die dringendste Not der jüdischen Auswanderermassen kennen. In Amerika herrscht in den breitesten jüdischen Kreisen der Glaube, daß die Auswanderung aus den osteuropäischen Ländern bereits eine abgeschlossene Sache ist. Jüdische Einwanderer kommen jetzt sehr wenig nach Amerika, man läßt sie nämlich nicht herein- Die amerikanischen Juden sehen jetzt nicht mehr die großen jüdischen Einwanderermassen wie in früheren Jahren und daraus folgern sie, daß das Auswanderungsproblem in den osteuropäischen Staaten bereits seine frühere Schärfe Verloren habe. Er habe sich jedoch nunmehr persönlich überzeugt, daß diese Auffassung falsch ist und daß der Zeitpunkt, da man von der" Erledigung der jüdischen Auswandererfrage wird sprechen können, noch in weiter Ferne und gar nicht abzusehen ist. Viele Jahre gemeinsamer Hilfsarbeit der amerikanischen Juden und der einheimischen Juden der Aüswandererländer werden noch notwendig sein, um dieses Ziel zu erreichen. Die verminderten Einwanderungsmöglichkeiten und die daraus resultierende Verminderung des Interesses an der jüdischen Auswanderung schufen die Notwendigkeit, dem Auswandererhilfsdienst sowie dem Schutz der Einwanderer in den Einwanderungsländern neue Formen und neue Richtungen zu geben. Der Grundgedanke dieser neuen Richtung ist, daß der Emigrant von der Minute an, da er den Bahnhof der Ausreisestation betritt, bis zu derr Augenblick, da er in seinem Einwanderungsland seine neue Existenz beginnt, unter dem Schutz der jüdischen Auswanderungsgesellschaften und der „Hias" steht und so vor dem schädlichen Einfluß der Agenten und Abenteurer bewahrt bleibt! Das neue Amendement zum amerikanischen Einwanderungsgesetz ist für die jüdischen Auswanderer insofern vorteilhaft, als den Auswanderern, welche Eltern oder sonstige nähe' Verwandte in Amerika haben, die Möglichkeit schafft, ins Land. zu gelangen. Diese Kategorien von Auswanderern wird sich binnen sehr kurzer Frist mit ihren in Amerika lebenden Verwandten dauernd vereinigen können,. Andererseits aber muß, darauf hingewiesen werden, daß die ohnehin sehr schwach dotierte Quote im Sinne des neuen Gesetzes durch diese Familienangehörigen in Anspruch genommen wird, wodurch die allgemeine Auswanderung nach Amerika in gewissem Sinne eine neue Eins c h r ä n k u n g erfährt. Hebräischer Kulturkongreß in Venedig.' Einen äußerst eindrucksvollen Verlauf nahm hier der hebräische Kulturkongreß der italienischen Judenheit, der in Anwesenheit der Oberrabbiner fast aller italienischen Gemeinden, der Vertreter des italienischen Gemeindeverbandes unter großer Beteiligung aller an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache interessierten Kreise in Venedig stattfand.- Auf dem Kongreß wurde eine große Zähl von Referaten gehalten, die sich mit hebräischer Kindererzjehuug, neuen Lehrmethoden der hebräischen Sprache, alter und; moderner hebräischer Literatur, dem Einfluß, den die'zionistische Bewegung auf die Renaissance des Hebräischen ausgeübt hat, beschäftigten. Die Tagung wählte am Schluß ein Präsidium für die hebräische Kulturfödöration, das sich aus den Herren Dr. Dante Lattes, Dr« Don ati und B a c h i zusammensetzt. Mit dem Absingen der Hatikwah wurde der Kongreß, an dem aucn eine große Anzahl von Vertretern zionistischer Jugsr.dgruppen teilgenommen hatte, geschlossen. Oer neue Oberrabbiner von Tunis. Der Minister-Resident von T u n i s, Luden Saint, hat ein Dekret unterzeichnet, nach welchem der Oberrabbane-r von Souesse Josef Guez zum zeitweiligen Oberrabbiner von Tunis bestellt ist, Der neue Oberrabbiner von Tunis wurde 1861 geboren und ist ein direkter Nachkomme des Gaon David1 Guez, eines der berühmtesten TaltnuJistcri von Nordafrika. Berl Waldmann gestorben. In Wien äst im Alter von 70 Jahren Herr Berl Waldmann gestorben, ein Schüler jenes Kreterabbiners Schaipira aus Gzortkow, der als Bekämpfer des Wumterrabbinertums berühmt geworden war. Der Verstorbene war jahrzehntelang aktiver Zionist. Er hinterläßt acht Kinder, die alle tätige Zionisten sind. Von seinen Söhnen lebt der älteste, Dr. Israel Wald mann, in Wien; sein dritter Sohn, Redakteur Moses Waldmann, ist Mitglied der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. Drei Kinder leben in Palästina. Die Beerdigung des Verstorbenen fand am 3. August unter großer Beteiligung statt. Der Kultusvorsteher von Oporto Der Maranne Arttir Carlos de Barras Basta. Die kleine, noch ganz junge jüdische [Gemeinde von Oporto in Portugal hat jüngst beschlossen, eine Synagoge zu errichten. Dieser AnJaß bietet Gelegenheit, einiges über diese jüdische Gemeinde, ihre Mitglieder, besonders aber über i'hren Vorsteher au berichten. Die jüdische Gemeinde in Oporto gehört wohl zu den. interessantesten jüdischen Gemeinschaften. Gegründet wurde sie von jüdischen Einwanderern aus Polen und aus Rußland, die während des Krieges und nach dem Krieg hieher verschlagen, worden. Sie bilden, umgeben von einigen tausend sephardischen portugiesischen Juden in Oporto und den wenigen Provinzstädten, in denen Juden überhaupt leben, eine einsame Insel aschkenasisch-jüdischen Kultuslebens und europäisch-jüdischer .Kultur. Die sephandiischen Juden in Portugal sind wohl strenggläubig orthodox, haben aber nur sehr wenig Gemeinsinn; sie konnten sich noch nicht einmal zur Bestellung eines eigenen Rabbiners oder zürn Bau einer ständigen Synagoge aufschwingen und begnügen sich rri^t den Vorträgen durchwandemd,'er Rabbiner aus Tunis oder Algier oder Marokko. Auch wenn' sie rituelie Fragen zu lösen haben, wenden sie sieh an die Rabbinate der nahen •marokkanischen Städtchen. Sonst gehen sie ganz in ihren Geschäften auf. Die auch bei den orientalischen Sephardim oft beobachtete hochmütige Ablehnung der äschkenasisch'en Juden geht .hier so weit,'daß'die Sephardim die eingewanderten Juden aus Polen und anderen europäischen Ländern überhaupt' nicht für vollgültige Juden ansehen und Eheverbindungen mit ihnen verbieten, so daß viele ihrer Söhne mit Christinnen im Konkubinat leben und ihre Töchter nur selten einen Mann bekommen. Durch diese aufeine ganz geringe Zahl von Familien beschränkte Inzucht ist bereits unter den sephardischen Juden .'m Portugal starke Degeneration eingetreten. Unter solchen LJrnständen bedeutet der Zusammenschluß der aschkenasischen Juden zu einer Gemeinde eine wahre Auffrischung des Judentums in diesem Lande, und es ist sicherlich kein unverständliches Symptom hiefür, daß die Marannen, welche ' sich entschließen, gänzlich zum Judentum zurückzukehren, 'lieber bei den' eingewanderten Aschkenasim mit ihrem frisch pulsierenden jüdischen Leben Anschluß suchen,', iah bei den verdorrenden Sephardim. " ■ Nur so. ist die sonderbare Erscheinung zu erklären, daß die polnisch-jüdische Gemeinde von Oporto zu,Jhr$m Vorsteher und Gemeindepräsidenten den vor nicht langer Zeit zum Judentum zurückgekehrten Marannenkapitän Artur Carlos .de Barras Basta, Direktor der Staatsgefängnisse Iii, Oporto, wählte. Kapitän Carlos de Barras Bastajrist heute *ein eifriger, von der hohen Aufgabe, des Judentums erfüilter Jude und will nicht als Neophyte, als Ger, betrachtet und behandelt werden. Er erzählt gerne davon, wie er eines Abends, als sein Großvater »hin das große Geheimnis seiner jüdischen Abstammung enthüllte und von der glorreichen, aber, gleichzeitig tragischen Geschickte des jüdischen Volkes erzählte, plötzlich eine i n p e r e Wandiung verspürte und sich entschloß, in aller Form! zu dem-Glauben seiner V^ter zurückzukehren und für sein angestarnmtQS Volk tätig zu sein. Der Kultuspiäsjdent von Opcrto besitzt eine solche Autorität auch unter den oephar- Cischen Juden, daß er diese zu zwingen vermochte, entsprechende Beträge zu dem Bau der Synagoge zu leisten. Aber er bat auch ein eigenes. Blatt gegründet, das ihm als O-ian. zur 'Aufklärung der Märannen über ihre Vergai.- genheit und'die Pflichten für die Zukunft dient. Professor Dr. Igna? Ziegler. . Ätis Kar 1 s b ad wird uns geschrieben: Am 1$. d. M. begeht Prof. Dr. Ignaz Ziegler sein 4Qjähriges Amtsjubiläum al$ R.a b b i, u e r in Karlsbad, Am 15. August 1388 isai er sein Amt an und wirkt seit diesem Tag untmter- Blanka Brick Karl Brick gesch. Schwitzer Vermählte Wien, 5. August 1928 brachen als Seelsorger der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad. Auch in humanitärer Beziehung ist er schöpferisch tätig. Das israelitische Kurhospital, das über 500 Unbemittelte aufnimmt, ist sein Werk und das zukünftige israelitische Altersheim, dessen Bau vor wenigen Tagen ausgeschrieben wurde, hat ebenfalls Dr. Ziegler } ins Leben gerufen. Nicht minder bedeutsam ist Dr. Zieglers schriftstellerische Tätigkeit. Seine bekanntesten Werke sind: „Die Königsgleichnisse des Midrasch", „Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz" sowie „Die sittliche Welt des Judentums". Seinen Jubiläumstag wird die Gemeinde durch einen Festgottesdienst ehren. Professor Dr. Siegmund Feilbogen gestorben. Dieser Tage starb in Zürich Prof. Dr. jur. Siegmund Feil bogen, frü'her Dozent an der Wiener Exportakademie. Prof. Feilbogen gehörte zum engen Freundeskreis Theodor Herzls und hat sich in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung um die Verbreitung der Herzischen Ideen in maßgebenden nichtjüdischen Kreisen bemüht. Sacher-Masoch im Lemberger Ghetto. Dem Dichter Leopold v. Sacher- Masoch widmet sein Nachkomme Alexander v. Sacher-Masoch im ,,Berliner Tageblatt" ein Feuilleton, dem wir das folgende entnehmen: Der Dichter Leopold Ritter v. Sacher-Masoch wurde in Lemberg am 7. Jänner 1834 geboren. Seine Amme war eine ukrainische Bäuerin und von ihr hatte er, wie er später selbst oft behauptete, diese Liebe zu den alten ruthenischen Volksliedern, Märchen und Sagen und die Liebe zum kleinrussischen Volk. Der Knabe wuchs in einer bunten, fremdartigen, oft grotesk vielförmigen Welt auf — in Galizien. Nebeneinander lebten hier Polen, Ruthenen, Armenier, Rumänen, Juden, Karaiten und Russen. Die Verwaltung und ein Teil der Intelligenz bestand aus Oesterreichern. Es war ein Chaos von Sitten, Trachten und Religionen. Jetzt will ich erzählen, wie der Dichter zum Judenfreund wurde. Er war zeitlebens überzeugter Philosemit, hat für die Juden gestritten in einer Zeit, als Abkömmlingen dieser Rasse in den östlichen Ländern noch. keinerlei Möglichkeit einer geistigen Entfaltung und kein öffentlicher Beruf offen stand. Hat für sie gekämpft, obwohl er viel darum befehdet wurde, als Christ, und ich kann wohl sägen, als einziger Christ seiner Zeit. Außer einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl, das er als Fämilienerbteil mitbekommen hat (sein Vater konnte sich später bei Hof nicht halten und mußte wegen seiner liberalen Gesinnung den Abschied nehmen), und dem aus diesem entsprungenen Drang, Unterdrückten gegen die Unterdrücker beizustehen, wirkte auf ihn, daß er in seiner Jugend Zeuge von Geschehnissen war, die geeignet erschienen, diesen Drang zur Ueberzeugung zu reifen. Damals war das Ghetto noch mit Mauern und Ketten von dem übrigen Lemberg abgegrenzt. Mein Urgroßvater, des Dichters Vater war es, der diese Ghettosperre aus eigener Machtvollkommenheit aufhobt Das Ghetto war der Herd jeder Art von Krankheiten und Seuchen. Der erste christliche Arzt, der die Schwelle des Ghettos von Lemberg überschritten hat, war Dr. Franz v. ,Masoch. Dieser harte, einsilbige Mann, der im Ruf eines Sonderlings stand, ging zu den Juden, zu diesen Ausgestoßenen, durchbrach den Jahrhunderte alten Bann des Nebeneinander und wurde in diesen winzigen Gäßchen, verbauten, licht- und luftlosen Ghettohäusern wie ein übernatürliches Wesen, wie ein Prophet verehrt. Und wenn der Knabe Leopold an der Seite des über alles geliebten Großvaters durch die Straßen von Lemberg schritt, knieten beim Anblick des Gelehrten viele Kaftane nieder, neigten sich viele Stirnbinden, unter welchen Blicke der Liebe und Verehrung leuchteten. „Unser Vater" — nannten die Juden den Großvater, der ernst und in Gedanken versunken wie immer diese , Szenen zumeist gar nicht bemerkt haben mag. Diese Verehrung, die das jüdische Völkchen Franz v. Masoch entgegenbrachte, vererbte sich naturgemäß auf alle Mitglieder der Sacherschen Familie. So trafen den Knaben nur freundliche Blicke und Worte, ja, er durfte mehr sehen, ihm gegenüber brauchte man nicht so unterwürfig und verschlossen sein, war er doch ein Freund, der Enkel ihres Wohltäters, der Sohn ihres Erretters. Er sah ihre Seele, ihr Herz. Ein Griff und es kann sich jedermann mittels des „Heimbad"-Apparates und unter Zuhilfenahme eines Gefäßes mit warmem oder kaltem Wasser zu jeder Zeit und in jedem Raum ein angenehm erquickendes Brausebad herstellen. Abgesehen davon, daß dieser Apparat ein vollständiger Badezitnmerersatz ist, bietet er noch verschiedene bedeutende Vorteile, da er infolge seines' kleinen Formats auf Reisen mitgenommen werden kann. Er ist der praktischeste und hygienischeste Behelf bei Kalt- und Warmwasserkuren. Der „Heimbad*-Apparat erfMit nicht nur Reinigungszwecke, er winkt durch die massageartige Brause gesundheitsfördernd und kräftigend. Die tägliche Benützung des ,,Heinrbad"-Apparates muß eine Quelle der Reinigung, Erfrischung und Gesundheit werden für jung und alt, für Stadt- und Landbewohner. Preis S 20. Alleinvertrieb: Josef Trinkl, Wien, VI.. MariahHierstraßc 35/1. (Tel. B 27-6-29.)