Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 47 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 DIE NEUE WELT Seite 5 1000 Dollar B9 B39 sind oft nicht so viel wert, als das Urteil zufriedener Gäste. Ein zufriedener Gast ist die beste Empfehlung! UM OTTO KASERER Personen in den verschiedenen Listen kandidiert und gewählt. Das zweite Charakteristikum der Wahlvorgänge ist die nicht seltene Unterstützung der bisherigen Macher durch -die politischen Behörden, welche den von ihnen verübten Wahlmißbräuchen gegenüber entgegenkommen, ein Auge zudrücken. Dies ist besonders in Galizien wahrnehmbar, wo auch die Interventionen der zionistischen Abgeordneten nicht immer Abhilfe schaffen können. Auf die Ergebnisse der Wahlen, die ja eine neue Aera im jüdischen Gemeindeleben inaugurieren sollen, wird insbesondere vom zionistischen Standpunkte aus, nach dem Abschlüsse der Wahlen, noch zurückzukommep sein. Die „Ica" verkauft Insgeheim Slobodka. In Warschau weilte einer der Direktoren der „Ica", Herr Eduard U n g e r. Die Ankunft des Herrn Unger in Polen wurde geheimgehalten wegen einer Transaktion, die er durchführte. Die „Ica" besitzt nämlich in Ostgalizien ein großes Landgut, Slobodka, welches sie einer Privatperson um 40.000 Dollar verkaufte. Um den Erwerb von Slobodka bestrebte sich die Verwaltung der L e m b e'r g e r jüdischen Gemeinde, welche dort eine landwirtschaftliche Lehrfarm für die jüdische Jugend, die sich mit der Landwirtschaft bekannt machen will, errichten wollte. Die jüdische Gemeinde in Lemberg war entschlossen, für das Gut ebenfalls die Summe von 40.000 Dollar zu bezahlen. Die Tatsache, daß die „Jca" unter gleichen Bedingungen einen Privaten vorgezogen hat, hat in jüdischen Gesellschaftskreisen eine Empörung hervorgerufen. Als die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Lemberg in Erfahrung gebracht hatte, daß der „Ica" Direktor, Eduard Unger, in Warschau weilt, hat sie zu ihm einen Delegierten entsendet. Direktor Unger hatte jedoch bereits die Verkaufsformalitäten des Landgutes durchgeführt und reiste nach Paris ab, um auf diese Weise dem Zusammentreffen mit dem Delegierten der Lemberger jüdischen Gemeinde auszuweichen. In Chaluz-Kreisen, die seit Jahren bestrebt waren, diese Farm zu erlangen, hat die Nachricht mit Recht sehr betrübend gewirkt. Unerhörtes Vorgehen einer litauischen Grenzwache gegenüber Juden. Wie alljährlich begaben sich am Tage der nationalen Traner, am Tisza b'Aw, sehr viele Juden auf einen der an der polnisch-litauischen Grenze gelegenen Friedhöfe im Bezirke Swiecany. An der Pilgerfahrt nahmen ungefähr 2000 Personen aus Litauen, 1500 Personen aus Polen, •hauptsächlich aus dem Kreise Wilno teil. Als die Juden aus Polen im Begriffe waren, die Grenze zu überschreiten, trat ihnen eine Abteilung litauischer Grenzwache entgegen und verhinderte sie daran. In diesem Momente näherten sich die Juden aus Litauen der Grenze. Die litauischen Grenzwächter begannen die Juden, darunter auch Frauen und Kinder, mit dem Kolben der Karabiner zu schlagen. Niemand konnte sich die Ursache dieses Vorgehens der litauischen Soldaten erklären. Wie es sich herausstellte, haben die litauischen Soldaten die Situation ausgenützt und für die Erlaubnis der Grenzüberschreitung Gelder verlangt. Als sie kein Geld erhielten, jagten sie die Anwesenden brutal fort. Das Verhalten der litauischen Grenzwache war derart herausfordernd, daß der Kommandant einer polnischen Grenzwacheabteilung, Leutnant. K u 1 e s z a, sich bemüssigt sah,: beim litauischen Kommandanten zu intervenieren. Als Antwort zog der litauische Qffizier den Revolver. Die daaiebenstehenden litauischen Soldaten gaben einige Schreckschüsse in die Luft ab. Es entstand eine unbeschreibliche Panik. Nur dank dem kalten Blute des polnischen Offiziers kam es zu keinem ernsten Unfall. Diese Sachlage dauerte bis 2 Uhr nachmittags, worauf die litauischen Behörden den Juden die Grenzüberschreitung gestatteten, jedoch nur unter der Bedingung, auf der litauischen Seite nicht länger als zwei Stunden zu verteilen. Um 4 Uhr überfiel eine Albteilung der litauischen Grenzwache die betenden Juden und jagte sie mit Kolben und Bajonetten auseinander. Die Wilnaer Kultusgemeinde zionistisch. Niederlagen der Aguda, Achduth und der Folkisten. Wilna ist neben 'Warschau das wichtigste Kulturzentrum des jüdischen Lebens in Polen. Als politische Organisationen standen lange Zeit die „Demokratische V o 1 k s p a r t e i", d» i. die jlddischisten antizionistischen Vertreter des Kleinbürgertums und der „Bund", der die Partei der jüdischen antizionistischen Sozialisten darstellt, im Vordergrund. Die eben erfolgte Wahl in die Wilnaer Kultusgemeinde hat wieder einmal Gelegenheit gegeben, die zionistische Hegemonie im jüdischen Leben Polens an die Oberfläche zu. bringen, trotz des wütendsten Wahlkampfes alfer Partelen gegen die zionistische Liste hat diese die weitaus größte Stimmenzahl auf sich vereinigt. Ueberdies sind auf den Listen der Kauifileutc und der Handwerker zumeist Zionisten gewählt worden, so daß die Wilnaer Gcmewide unbedingt eine zionistische Mehrheit aufweisen wird. Charakteristisch innerhalb des Wahlkampfes war der Umstand, daß die Aguda mit Mühe und Not sage und schreibe zwei Vertreter duirchbringen konnte. Die Aguda, die nach der blamablen Niederlage bei der Sejm- und Senatswahl sich nicht recht traute, mit offenem Visier vor die jüdischen Wähler zu treten, hat diesmal auch unter der Maske der sogenannten „unparteiischen" orthodoxen Achduth Wählerfang betrieben, allerdings, wie das Wa'hlresultat zeigt, mit kläglichem Erfolg. Dieser Ableger der Aguda, obwohl mit sicheren zehn Mandaten rechnend und an vier andere Parteien gekoppelt, hat es zu drei Mandaten gebracht. Nicht 'besser ist es den folkistischen Demokraten ergangen. Diese Zionistenfresser haben von den CENTRALKINO II.Taborstraße 8 Tel- 42-3-41 Uru. Alleinaufführung 001 mit M*gret Mann, June Colfynr. James Haifl rHauptdm steiler von ,i lotel Stadt Lemberg1) Beginn: 7. 9 Uhr fürnf Mandaten, die sie erwarteten, ein einziges Mandat nach Hause gebracht. Die nun unter zionistischer Führung stehende neue Gemeindeverwaltung wird mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, denn sie hat ein unerfreuliches Erbe übernommen. Bekanntlich war die 1919 auf demokratischer Grundlage gewählte Gemeinde von den polnischen Behörden nicht anerkannt worden, so daß bis auf heute eine geordnete Gemeindewirtschaift, somit auch ein ordentliches Gemeindebudget nicht vorhanden ist. Ueberdies ist mit Einkünften aus den Titein der Fried'hofsverwalturjg, des Matrilke'lamtes, der Schechita usw. nicht zu rechnen, da diese Obliegenheiten nicht der Gemeinde, sondern privaten Instituten und' Stiftungen unterstehen. Die neue Verwaltung wird a'lso außer den Einkünften aus den Kultusgemeindesteuern noch andere Quellen heranziehen müssen, wenn4 sie ihr Programm erfüllen wHl. * ■ Auch aus einer Reihe ostgalizischer Gemeinden sind uns Meldungen zugekommen, wonach dort die zionistischen Listen die Majorität aller Stimmen auf sdch vereinigt haben. Plumers Abschied von Palästina. Aus Jerusalem berichtet die J. T. A.: Der Oberkommissär von Palästina, Feldmarschall Lord Plumer, der im Herbst dieses Jahres offiziell aus seinem Amte scheidet, hat am 31. August seinen Urlaub angetreten. Er verließ Jerusalem mittels Sonderzuges und reist über Aegypten nach England. Er wird als Oberkommissär nach Palästina nicht mehr zurückkehren. Im November d. J. trifft der neuernannte Oberkommissär für Palästina, Sir John Robert Chancello r, zur Uebernahme seines Amtes in. Jerusalem ein. Bis dahin wird der neuernannte Ghefsekretär der Palästina-Regierung, Luke, die- Geschäfte des Oberkommissärs führen. .; Bei der Abreise Lord Plumers fanden sich die Regierungsbeamten, die Konsuln der fremden Mächte, die Oberhäupter aller religiösen Gemeinden und zahlreiche Notabein des Landes am Bahnhof ein. Es fand eine Polizeiparade statt. Unter den Klängen der britischen Nationalhymne fuhr der Zug ab. Vor der Abreise empfing Lord Plumer den politischen Repräsentanten der Zionistischen Exekutive Palästinas, Colonel F. H. Kisch, als die Vertreter des Rabbinates die Oberrabbiner Kock und Jacob Meir, als die Vertreter des Nationalfonds David Y e 11 i n und Dr. Thon. Die Abordnung überreichte Lord Plumer ein kunstvoll ausgestattetes Album mit Bildern aus Palästina. Lord Plumer war sehr bewegt und sagte in seiner Dankansprache, er sei glücklich darüber, daß die drei Jahre seiner Amtstätigkeit in Palästina Jahre des Friedens gewesen seien. Das Hindenburg-Interview erfunden. Wir haben letzthin ein in allen führenden Blättern Deutschlands erschienenes Interview einer Journalistin Mirjam Sterner mit dem Reichspräsidenten Hindenb u r g abgedruckt. Von zuständiger Stelle in Berlin wird uns mitgeteilt, daß dieses Gespräch frei erfunden ist. Der vierte Kongreß der nationalen Minderheiten. Ende dieses Monats wird in Genf der vierte Kongreß der naKoiUilen Minderheiten;,>• landen. In den letzten drei Jahren fand a..iäh*uxh ein s">i:hei Kongreß statt, an welchem si(h Vtr'reter dt:r jüu'schen Minderheiten in verschiedenen Ländern, mit Dr. L. Motzkin an der Spitze, hervorragend beteiligten. Auch in diesem Jahre haben Vertreter der wichtigsten jüdischen Minderheiten ihr Erscheinen zugesagt. Bolschewikischer Judenhaß. Gefährliche Strömungen. In den Moskauer Zeitungen mehren sich die Berichte über das Anwachsen der antisemitischen Bewegung in Sowjetrußland. Aus den vielen Meldungen seien als die charakteristischesten die folgenden herausgegriffen: In einer Sitzung der kommunistischen Parteikomitees von Dnjepro-Petrowsk teilte der jüdische Studierende des dortigen Technikums, Schkliar, mit: „Ich bin an Verfolgungen gewöhnt, aber diese haben einen Grad erreicht, daß sie nicht mehr zu ertragen sind. Ich sehe rnfch gezwungen, aus der kommunistischen Partei auszutreten und bin dafür, daß alle Juden diese Partei verlassen. Ein Jude darf nicht Kommunist sein, sofern ihm das Leben etwas bedeutet!" Schkliar teilte zahlreiche Fälle furchtbarer Mißhandlung und Peinigung jüdischer Studenten mit. Der 14jährige jüdische Schüler Grischa Wiwe in Kasan wurde von seinen Mitschülern auf eine Wiese außerhalb der Stadt gelockt und dort stundenlang geprügelt. Er erlitt infolge der Mißhandlungen einen Blutsturz und war mehrere Tage bewußtlos. Die Eltern des Schülers wagten nicht, den Fall zur Anzeige zu bringen» weil ihnen die Nachbarn in einem solchen Falle mit Totschlag drohten. Die Moskauer Zeitung „Komsomolskaja Prawda" berichtet, wie in Rostow die Kommunisten Cholin, Kriwzow und Klotschai ihren jüdischen Parteigenossen Abrascha Ilstein, mit dem sie in einem Kurort eine Wohnung teilen mußten, so lange durch antisemitisch betonten Spott und körperliche Mißhandlung quälten, bis er in eine hwere H)sterie verfiel. In mehreren Städten der Provinz mußten altbewährte jüdische Parteigenossen die kommunistischen Klubs verlassen, weil ihnen die Antisemiten dort das Leben schwer machen. In der letzten Zeit ist es oft. vorgekommen, daß in. Sowjetfabriken jüdische Angestellte von ihren nichtjüdischen Arbeitskollegen gezwungen wurden, ihre Stelle aufzugeben. Dies nur eine ganz kleine Auslese aus , den von der Presse mitgeteilten Tatsachen des russischen Antisemitismus. Warum die Linkspartei Poale Zion verboten wurde. Wie jetzt bekannt wird, ist die vor kurzem erfolgte behördliche Auflösung der linken Partei Poale Zion deshalb erfolgt, weil sich diese Partei gegen die jüdische Kolonisation in Bir-Bidschan erklärt hat. Das Zentralkomitee der linken Poale Zion hatte an die Ortsgruppen Zirkulare versandt, in denen diese aufgefordert wurden, den Plan zu bekämpfen. Jüdische Arbeiter müssen die Kohlenbergwerke verlassen. Aus Mos'kau wird gemeldet: Von hundert jüdischen Arbeitlosen, die in den letzten Monaten zur Arbeit, nach den Kohlenbergwerken im Donezgebiet geschickt wurden, kehrten viele in ihre bisherigen Heimatsorte zurücik, da sie sich als physisch der schweren Perigarbeit nicht gewachsen erwiesen ha'ben. Die Zeitung „Euress" erhöbt gegen die Administration der Bergwerke den Vorwurf, daß sie den jungen Juden, die sich zur Arbeit in den Bergwerken meldeten, nicht genug Verständnis entgegengebracht habe. Die Administration hätte wissen müssen, daß diese jungen Leute durch Entbehrungen von Hause aus physisch entkräftet seien, und hätte ihnen nicht gleich die schwerste Arbeit zumuten sollen. 8000 Pfund Entschädigung für Oskar Slater. Wie aus London gemeldet wird, hat die englische Regierung dem Kaufmann Osikar Slater, der unschuldig 19 Jahre im Zuchthaus zugebracht hatte, eine Entschädigung von 8000 'Pfund Sterling zugesprochen. Der Prager jüdische Friedhof bleibt erhalten. Die durch das tschechoslowakische Preß'büro vor kurzem verbreite Nachricht, daß der weltberühmte' Präger alt-jüdische Friedhof in Verbindung mit dem Assanierungswerk der Stadt Prag verschwinden muß, da die Denk« malskomtnission ihn nicht in den Denkmalschutz mit einbezogen hatte, entspricht nicht den Tatsachen. Die Stadtregulierungskommission hat in dem der Oeffent- Uchkeit übergebenen Dekret einen Auslassungsfehler begangen, der, wie verlautet, inzwischen gutgemacht wurde. Der Friedhof steht unter Denkmalsschutz und wird erhalten bleiben.