Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 47 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT die Gegner der Agencypolitik immer gehabt haben, «ich bestätigten und an der Hand des. Berichtes erst in weiten' Kreisen der Organisation sich durchsetzten, so Wird ein ähnlicher Prozeß sich hinsichtlich der Organisator! sehen O e f a h r e n, die mit der Agencypolitik verknüpft sind, vollziehen. Wenn man erst einmal so weit sein Wird, durch den Entwurf einer Konstitution der erweiterten Agency die politische Entrechtung der Zionistischen Organisation als solcher, die Annullierung der Bedeutung, des Kongresses der zionistischen Bewegung zu klarem Bewußtsein zu bringen, werden weite Kreise der Ofgani sation, die diese Befürchtungen heute noch nicht ernst nehmen, ihre volle Bedeutungsschwere erkennen; und es wird sich in der Frage der organisatorischen und potiti sehen Gefahren der Erweiterungspolitik derselbe Prozeß der Ernüchterung und der Aufrüttelung der Geister vollziehen, der sich unmittelbar vor der A. C. Sitzung und in der Sitzung selbst hinsichtlich der natio^ nalen und sozialen Gefahren dieser Politik vollzogen hat. Diese Ueberlegung verstärkt die Erkenntnis, daß die Resolution des A. Czur Frage der Agencypolitik alles andere als eine endgültige Entscheidung darstellt, vielmehr die erste Etappc der beginnenden Erkenntnis und der Umgestaltung dieser Politik ist, die mit nichts anderem ais ihrer Liquidation und der Jttaugurierutlg einer ganz anderen Politik enden kann, die die Nichtziönistcn zur Kooperation in bestimmten Bezirken des Palästinaaufbaues heranziehen wird, ohne sie damit in die Agency einzu-* beziehen. . . . Dieser Eindruck von dem Sirin der A. C.-Sjtzung, verstärkt sich noch, wenn man den zweiten Teil der; Sitzung., in dessen Mittelpunkt die ' sogenannte Sacher- Krise stand, näher analysiert. Wohl noch niemals, weder auf einer A. C.-Sitzung noch auf einem Kongreß der Nachkriegsjahre, war die zionistische Exekutive einem derartigen Trommelfeuer der Angriffe schärfster Kritik und heftigster Angriffe ausgesetzt, wie dies in der Debatte, die zur Demission Sachers,und der Oesamtexekutive geführt hat, der Fall gewesen ist. Das, was der Basler Kongreß infoiger der ünstligeir Stimmenenthaltutig der Linken bei der Wahl der Exekutive nur undeutlich bereits erkennen Meß, ist jetzt vollste Wirklichkeit geworden: die Tatsache nämlich, daß heute eine Exekutive im Zionismusdie Geschäfte leitet, die von der großen Majorität'der -Organisation abgelehnt wird. Der Versuch mancher Gruppen, insbesondere der' Hitachduth, in dieser Hinsieht zwischen Dr. Weizmann 'tjhd Sacher strepg zu-scheiden, war verfehlt und kann " die 'Gesamteituation nicht ändern. Die Tatsache, daß Dr. Weizmann sich zweimal völlig mit Sacher solidarisierte und seiner Demission sofort die Oesamtdemission der Exekutive folgen ließ, beweist, daß es sich hier nicht Um ein Problem Sacher, sondern um das Oesamtproblem der heutigen Exekutive mit Dr. Weizmann handelt.". Die '^esani^oliilk, _ die heute von. dieser Exekutive repräsentiert wird; sei e6:die äußere gegenüber der Mandatsmacht, sei esdie innere m bezug auf die Leitung der Geschäfte in Palästina, wird heute; nuit von einer M i n pr i tä t c| e r Org a n is ät i on vertreten und getragen, während die große Majorität zu ihr in entschiedener Opposition steht.. Wäre es' nach richtigen parlamentarischen Methoden zugegangen, sp hätte in dieser A. C.-Sitzung eine neue Exekutiv«, bestehend aus der Linken, den Misracbj und enern Tejl der Opposition, gebildet werden müssen und gebildet .werden können. Wenn dieser Versuch, der unternommen wurde, diesmal gescheit : tert ist, so lag dies in erster Reihe an der un entschied denen Haltung der Hftachduth, die zwar in der Negation und in der Opposition sehr fest und unbeirrbar, in der Bereltschaft zur Bildung einer neuen Exekutive ohne Dr. Weizmann aber noch sehr unentschlossen und zögernd war; und es lag des ferneren auch daran, daß es naturgemäß am zehnten Tag dieser A. C.-Sitzung, während ein Teil der A. C.-Mitglieder bereits nicht mehr anwesend war und verschiedene der für eine neue Exekutive in Frage kommende Persönlichkeiten gar nicht in Berlin waren, außerordentlich schwer sein mußte, im Verlaufe von wenigen Stunden eine neue Exekutive zu bilden. Und so kam es zu d-em Beschluß des A. C, für den M A. C.-Mitglieder schließlich stimmten, der zwar nicht die Zurücknahme der abgegebenen Mißtrauenserklärung gegen Sacher, deren Zurücknahme Dr. .Weltmann vorher kategorisch und ultimativ gefordert hatte, aussprach, auch nicht Dr. Weizmann und seine Exekutive neu wählte, sondern ihn beauftragte, das Amt, das der Kongreß ihm übertragen hatte, bis zum nächsten Kongresse fortzuführen. Es war unter den geschäiMenen Umständen die einzig mögliche Lösung, nachdem nun einmal die Hitachduth nicht die Konsequenz aus ihrer oppo-, sitionellen Haltung zu ziehen bereit war, und man hat gewiß Grund, diesbezüglich Vorwürfe gegen die Hitachduth .zu erheben. Aber man darf nicht , den Sinn dieses Beschlusses dahin verfälschen, daß man jetzt es so d»afzustellen versucht, als ob eine'Majorität .desy A....C. und der Organisation, hiniter der gegenwärtigen. Executive stände, oder alts ob es gar objektiv und für alle Zeiten unmöglich sei, eine Exekutive ohne Dr. Wetomann und seine engeren Freunde zu toikten. Auch In 'diesem zweiten Teil des A. C. erwies es sich, daß die immer wiederholte Demi s si o ii sd r o H «hg D. r. W e \ % rrt;a n n, s, mi t; d er «r idie _ letzten Kongresse dauernd söinem .Willen unterworfen hatte, keine entscheidenden Wirkungen mehr ausübt. Ebenso wie alle opponierenden Gruppen in der Agency-Frage festblieben und gegen 'den Willen Dr." Weizmanns an 'ihren Bedingungen festhielten, so ließ sich auch keine der Gruppen . von der. Mißtraueinsfd'elviaraWon gegen Sacher zurückhalten, obwohl Dr. Weizmann sich mit ihm völlig solidarisiert hatte, ließ »sich auch keine der Gruppen dazu bereit finden, diese Deklaration zurückzunehmen^ als Dr, Weizmaiin dies als Vorbedingung seines weiteren Verbleibens erklärte. In beiden Fällen mußte Dr. Weidmann un'd "die Exekutive nachgeben, nicht das A. G. Und .hier liegt Idas entscheidende Chjaraikteriisti/ktim dieser . A. C.-Sitzung. Zum ersten Male war eine Majorität vorhanden, ide fest zu . ihren. Prinzipien und Forderungen stand und sich nicht durch e^.Ü^lmätum Dr/Weizmanns. z-iu*. Preisgab^, "derselben' bewegen Jleß,'Tn'idem seit Jahren u n^sn frya für höhe Feiertage vöm Verein „Rasche Hilfe", Wien, II. Josefinengasse 71 r ■ Vorzustellen an Wochentagen v.on 7 bis 8 Uhr abends Und er, dieser Lejbke Mamser, ist also auch zum Leichenbegängnis gekommen. Er hat sich nicht halten können. Kauni hat er in der Zeltung die Parte gelesen, hat er beschlossen, zu kommen. Denn Lejbke ist schon lange nicht mehr, der er War. Er ist ein fewter und ordemS lieber Busiqessman, führt äußerst solid seih Geschäft und in seiner Nachbarschaft, wo er ein eigenes Haus und Garage und Auto besitzt, gilt er als der feinste und anständigste Mann weit und breit. Er läßt sich jede jüdische Sache angelegen'seit], er haf eine' offene Hand und spendet sogar für solche Zwecke, denen man in Amerika nur wenig Interesse entgegenbringt. Jetzt hat er's gewagt und Ist gekommep. Er hat den Wunsch, hierherzukommen, in sich nicht niederkämpfen köpneh.; zunächst hat er es, obwohl er kein Heiliger ist, für seine Pflicht angesehen^ an der Rettung jenes Menschen teilzunehmen/ dem er so vjel Böses getan; und weiters hat er sich nach einem bekannten heimischen Gesicht gesehnt vielleicht, daß er den und jenen sieht üpd erkennt, vielleicht, daß er Aug in Aqg mit dem einen oder andern zusammentrifft, der mjt ihm in denselben Cheder gegarigen ist. Nie mehr wird eine solche Gelegenheit kommen, steht er doch schon an der Schwelle ... Bald, sehr bald und alles ist vorbei. Deshalb wollte er noch einmal wenigstens in heimischer Atmosphäre sein, zwischen Menschen und Juden aus der alten Heimat. Von Zeit zu Zeit Warf sich ihm das Gesicht eines* Bekannten entgegen. Er konnte sich aber nicht erinnern, wer das wohl sein mag, selbst dann nicht, wenn bekannte heimische Gesichter nahe sein Auge streiften, Er hatte auch einigemal ihm bekannte Stimmen . von einst sprechen hören, aber wieder dasselbe: er konnte sich nicht darau erinnern, wer dort in seinem Stadtchen mit solcher Stimme gesprochen hatte. Wohl würde er die einen und die anderen von denen., die an seinem Auge vorüberkamen, wenn sie Barte trügen, erkannt haben, aber diese glattrasierten Pratzen trugen ein Chaos in den Schatz seiner Erinnerungen hinein. Er konnte sie nicht auseinanderhalten, er wußte nicht, ob $1« seiner Generation angehörtet» oder den Kindern seiner Generation, die an die der Väter gemahnt«. Und der Tote selbst!. Würde er ihn erkennen? Was würde er darum geben, wenn er nur einen Blick auf ihn werfen könnte, einen einzigen Blick, wenn auch mur aus Neugier, ob er ihn erkennen, würde. Aber weicht sonderbare Frage! Der steht ihm vor Augen mit dem großen, schwarzen Bart, vielleicht daß er vor der Zeit grau geworden ist ... Das tut nichts zur Sache. Er würde ihn sicher erkennen. Vielleicht, wer weiß, hat er sich den Bart abnehmen lassen, es kommt darauf an, wie lange der Tote hier im Lande ist. Wenn erst seit! kurzem, in den letzten Jahren, seit dem Weltkrieg, dann mag er wphl noch bei seinem Bart geblieben sein, wenn aber nicht —! Lejbke Mamser würde gern noch vieles erfahren, er fürchtete aber, jemand anzuhalten oder zu fragen; leicht könnte er dabei erkannt werden. Das schuf ihm ein seltenes Gefühl der Einsamkeit: im Kreise von bekannten und befreundeten Menschen zu stehen und niemand bejm Namen aufrufen dürfen aus bestimmten Gründen. "Als er längere Zeit in der Enge gestanden war, löste er sich los und stellte sich abseits, als würde er nicht zur Trauergesellschaft gehören, sondern ein Fremder, ein Neugieriger sein. Und doch spürte er, daß en eigentlich die Hauptperson in dieser Szene sein müßte,, wichtiger als alle die anderen, die hier zusammengekommen waren. Er mußte menschlich dem Toten nahe seih, ganz nahe bei ihm stehen und ihn um Verzeihung bitften. Er konnte es aber beim besten Willen nicht tun und wartete mit gepreßter Ungeduld, daß das Begräbnis endlich zu Ende gehe, da er zu~sich selbst wenig Vertrauen hatte. Er fürchtete, daß er von Minute zu Minute die Beherrschung über sich verlieren und sich mitten in die Menge hiueirireißen könnte, dort hin in den schwarzen Raum, wo der Tote war und die Lebenden ringsum, niederfallen und bekennen, daß er jener ist, der damals ... In dichter Schwärze zeigte sich endlich der Sarg. Bangen und tief stille Ehrfurcht vor dem Tod und vor dem Toten ergrjff die Versammelten. Eine Frau und eine zweite wischte still und in Ergriffenheit ihre Tränen, ajs wollte die und jene beweisen, wie seht sie den Toten achten* da sie, die Fremden, Tränen vergießen können. Die Nr. 47 Paul Stein Regine Stein geb. Landau- Verntfthlte Wien, im August 1928. XVII., RoscnsteingasSe 86. vor sich gehenden Duell zwischen Dr. Weizmann und der Organisation war zum ersten Male diesmal die Organisation der stärkere Faktor, und was die Opposition immer vorausgesagt hatte, daß es nur eines starken Willens der Organisation und ihrer repräsentativen Körperschaften bedarf, um sich durchzusetzen und Dr. Weidmann dazu zu nötigen, falfls ihm an der Führung der Organisation gelegen ist, »ich diesem Willen zu unterwerfen, dies wurde hier vollauf bestätigt. Auch der Verllauf dieses «weiten Teiles der Sitzung bestätigt -den Eindruck1, den der erste der Agency-Frage gewidmete Teil airf jedem Teilnehmer und Beurteiler hinterlassen hat: die entscheidenden Fragen sind vertagt worden, und die Situation bleibt ungeklärt. Sowohl in der Agency-Frage wie in dem Fragenkomplex der Gesamtrichtung unserer Potfiiilk besteht heute eine Divergenz zwischen einer Majorität der Bewegung und dem Kreis, der sie heute noch führt, In beiden Fragenkomplexen Jst die Entscheidung in. dieser A. C-Sitzung nicht gefallen und konnte sie nicht fallen. Ein derartiger Prozeß innerhalb, der Organisation, vorzieht sich nicht mit einem Male. Die A. C.-Siteung war nur dJe erste Etappe in diesem Prozeß, ünd m diesem Sinne war sie der Ausdruck eines erstarkten politischen und organisatorischen Willens der Bewegung. . «v, u Brief aus Polen» Von unserem Warschauer N. R.-Berichterstatter. Die Kultusgemeindewahlen, In Galizien und in de» Randgebieten werden seit Wochen die Wahlen in die jüdischen Gemeinden auf Grund des von der Regierung Pilsudski erlassenen demokratischen Wahlrechtes (allgemein, gleich, geheim, direkt und Proportionen) durchgeführt. Charakteristisch für die. Waltlvorgätige sind insbesondere zwei Umstände: Die große Zahl der in jedem Orte eingereichten Listen. Es gibt fast keinen Ort von Bedeutung, in dem nicht zumindest zehn Wahlvorschläge festzustellen. wären. Nebst, den politischen Gruppierungen, Zionisten, verschiedenen Fraktionen der Zionisten, nationale Juden, Aguda, Assimilanten, die unter verScBe3eheri Nämen''auftreten1 niid zumeist :die bisherige Kultusge'meinde-Cliq.ue darstellen, -parteilose Juden, 'sind sogenannte wir tvcha f 11J c h e Listen wahrnehmbar, so z. B. der Kaufleute, der Kleinhändler, der Handwerker, mänchmal der Schneider, der Schuster. Es drängt sich die Frage auf, ob denn wirklich in der jüdischen Gemeinde die Austragung von 'wirtschaftlichen Interessen vor sich gehen soll. Wenn es nicht schmerzlich wäre, müßte man lachen, unter welchem Titel Personen einzelner Berufe bemüht sind, einen Sitz in: der Verwaltung der jüdischen Gemeinden m erlangen, Oft werden ein und dieselben schwarze Versammlung rührte sich von der Stelle und blieb wieder steheni. Sie rührte sich, um den schwarzlein Sarg vorbeiziehen zu . lassen, der wie aus sich selbst höher über Schultern und Köpfe glitt, als glitte er aus! einer Welt in die andere. Er, der verborgen war und verborgen bleiben wollte, konnte sich der Tränen nicht erwehren. Kaum war der Sarg sichtbar geworden, als ein kalter Schauer ihn durchrieselte. Weinen, schüttelte seinem Körper. Er war im Augenblick, den niemand bemerkte, gerade als er schon bemerkt werden wollte, von dem Wunsch beseelt, von irgend einem . der Landsleute erkannt zu werden, damit dieser einen Fremden weinen selieund zu Hause, sich daran erinnernd, zuguterletzt den Einfall bekäme:- Das war ja Lejbke, dersejbe Lejbke, der damals vor 29 Jahrein unseren. Aaron David mit seinem ganzen Haus umkommen lassen wollte. Das schwärze Auto pfiff und rührte sich von der Stelle und nach diesem Auto kamen noch viele andere Autos, viele Köpfe und Gesichter davontragend, und es war, als hätte die Trauer und der Tod des' ehrsamen Aaron David sich in unzählige Köpfe und Gesichter aufgelöst, die rings um den Sarg und aus den dahinf ritzenden Autos hinaus, ihr , Unwesen : treiben. Nach einem Stück Weges blieb der Leichenzug bei der Schul, die der Verstorense zu euchen gepflegt hatte, stehen. Auf der Treppe zeigte sich ein junger Vorbeter mit zugeschnittenem Bart, der also Bart und keinen Bart besaß, ging hinauf auf seinen erhöhten Stand, sein „El mole" zu absolvieren und allsogleich vernahm man stilles, unterdrücktes Jammern und als er zur Stelle kam: „Beawuth schenatwo denawa beat hazikrat nischmato", wuchs neben ihm das uhjüdische Gesicht des Juden auf und sogleich, wie es sich beim Vorbeter gezeigt hatte, raunte es ihm etwas ins Öhr. Der Vorbeter wendete sich erstaunt, blickte verwunderten Auges den Menschen an und da er sein Gebet nicht unterbrechen durfte, nahm er es wieder auf, rief dann mit Jäuter Stimme „Chamischa alafim beat hazikrat nischmatah" und kaum hatte er ausgesprochen, als der Spender verschwand. Der stieg in ein Auto und raste davon. (Nach dem Jiddische«.)