Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 47 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' Nr. 47 DI1E NEUE WELT Seite 3 sagen hatten diejenigen Gruppen im Zionismus, die ohne innere Ueberzeugung oder gar Begeisterung die Agency politik mitmachten, weil sich Dr. Weizmann mit ihr so sehr identifiziert hatte, nie recht ernst genommen, insbesondere nicht die linken Parteien. Nun, da dic'se Prognosen sich in so vollem Maße bewahrheiteten, erkannten diese Gruppen plötzlich, wohin der Weg der Erweiterung führt, und es entstand jene Entrüstung über den Bericht der Kommission, die nur verständlich ist, wenn man die tiefere innere Enttäuschung^ die sich in ihr kundgab, in Betracht zog. Die gesamte Linke, der Misrachi und auch manche Teile der sogenannten allgemeinen Zionisten kamen zur Aktionskomiteesitzung mit einem Gefühl innerer Enttäu schung und dem festen Willen, keinesfalls den Bericht der Agencykommission zu akzeptieren, sondern ihm die zionistischen Forderungen und Gesichtspunkte entgegenzusetzen. Diese Gruppen sind noch nicht so weit und können es nicht sein, zusammen mit der Opposition die gesamte Erweiterungspolitik nunmehr abzulehnen. Sie sind, insbesondere die Hitach,duth, seit Jahren die Exponenten dieser Politik, und wer die Psychologie politischer Gruppen und Parteien kennt, der mußte sich von vornherein darüber klar sein, daß nicht zu erwarten war, daß diese Gruppen über Nacht ihre eigene jahrelange Politik desavouieren würden. Und so war ihre Haltung auf der Aktior.skomiteesitzung von vornherein gegeben: zwar Fortsetzung der Agencypolitik, aber nur unter ganz klaren und rigorosen Bedingungen, in denen die zionistischen Gesichtspunkte des Aufbaues, sowohl die nationalen wie die sozialen, restlos gewahrt würden. Der Standpunkt dieser Gruppen hat auf dem Aktionskomitee einen entscheidenden Sieg errungen. Die Opposition in ihrer prinzipiellen Ablehnung der Agencypolitik blieb — wie zu erwarten war — nach wie vor isoliert. Aber nicht minder isoliert blieb der. Standpunkt der unbedingten Anhänger der Agencypolitik, der Standpunkt vor allem Dr. Weizmanns und der Exekutive, die bereit waren, den Kommissionsbericht im wesentlichen zu akzeptieren und sich mit allen Mitteln dagegen sträubten, durch rigorose und scharf formulierte Bedingungen etwa die Partner von dem Eintritt in die Agency abzuschrecken. Man begreift den Sinn und die Tragweite der angenommenen Resolution nur, wenn man die ursprüngliche Resolution damit vergleicht, die die Exekutive beantragt hatte, und die in einer sehr vagen Form zwar hinsieht* lieh des jüdischen Nationalfonds und der Sicherung der jüdischen Arbeit Verbesserungen am Bericht der Kommission vorschlug, im wesentlichen aber ihn akzeptierte und sogar ausdrücklich erklärte, daß er „als Grundlage sowohl der Arbeit der Zionistischen Organisation wie der erweiterten Agency dienen könne". Hätten die Exekutive und ihre 'Anhänger auf dieser :Resolution bestanden,' so wären sie in einer hoffnungslosen Minorität geblieben. Dr. Weizmann versuchte seine Resolution mit den üblichen Mitteln durchzusetzen, indem er zweimal mit seiner Demission drohte. Beide Male blieb die Drohung völlig unwirksam. Sowohl die gesamte Linke wie der Misrachi wie die opponierenden Aktionskomiteemitglieder der Allgemeinen Zionisten blieben fest und erklärten, immer wieder, daß für sie die Erweiterungspolitik nur einen Sinn hätte unter den. bestimmten, von ihnen geforderten Bedingungen, und daß sie ohne diese Bedingungen die Politik ablehnen müßten. Und so blieb Dr. Weizmann und HEIMBAD Das tägliche Bad fflr dls Famllf« I Für Jedermann erschwinglich f Preis s20>— Vollkommener Büdezlmmerersatz JOSEF TftlNKL Wien, VI., MarlahltfentraBe Nr. 35, f. Stock. Telephon B-27-6-29 seinen Anhängern nichts übrig, wollten sie nicht in dieser Aktionskomiteesitzung bereits vor der gesamten Welt den Bankrott ihrer- Politik kundtun, als in allen Punkten, nachzugeben und die fünf Bedingungen, die im wesentlichen bereits in: den Wiener Kongreßbeschlüssen festgelegt, hier aber noch schärfer und deutlicher formuliert waren, zu akzeptieren. Und so ergab sich diese Resolution;, die zwar nunmehr mit der großen Majorität von 41 Stimmen angenommen wurde, die aber in Wirklichkeit die restlose Annahme der von der Linken und vom Misrachi gestellten Bedingungen seitens der Exekutive und ihrer engeren Gefolgschaft darstellt. Ueberblickt man die durch diese Resolution nunmehr geschaffene Situation in der Agencyfrage, so ist es für jeden klar, daß sie k e i n er 1 e i * e n dgü 1 ti ge Klärung darstellt, sondern in : Wirklichkeit die * Entscheidung über die Erweiterungspolitik bis zum nächsten Kongreß vertagt. Der Schwerpunkt der Situation ist nunmehr Sireng ntw Geflügelhandlung unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates „Adas Israel* zu Jeder Tageszeit frisch gebratene Gansl Ungarisches Mastgeflügel von bester Qualität! Emanuel Schlesinger Toi. R-40-5-90 Wien, II., Grofta Schiffgasse 5 Tel. R-40-5-90 hinübergerückt zu der nich {zionistischen - Maris'ha I Ig ruppe. Von ihr hängt es ab, ob sie bereit ist, die in der Resolution mit aller Eindeutigkeit gestellten Bedingungen für ihren Eintritt zu akzeptieren oder durch ihre Ablehnung die gesamte Erweiterungspolitik zum Scheitern zu bringen. Dabei ist nicht zu vergessen, daß außer den ausdrücklich genannten fünf Bedingungen, die sich auf den Charakter und die Richtlinien des Palästinaaufbaues beziehen, auch organisatorisch wieder einmal die Bedingungen, die der Wiener und der Basler Kongreß festgelegt hatten, noch einmal mit aller Schärfe bekräftigt worden sind. Unter diesen Bedingungen ist vor allem eine, die von wesentlicher Bedeutung ist: die Frage des dreijährigen Provisoriums der erweiterten Agency. Bekanntlich haben die Beschlösse der beiden letzten Kongresse festgelegt, daß die/Erweiterung der Agency p r ovisorisch zunächst' nur auf' d r e i Jähre erfolgt. Diese Klausel insbesondere ist für'die Nichtzionisten naturgemäß nicht ohne weiteres akzeptabel, und es ist allgemein bekannt, daß insbesondere Marshäll diesen provisorischen Charakter der erweiterten Agency nicht zu akzeptieren bereit ist. Dr. Weizmann hat mit aller Deutlichkeit erklärt, daß er es für sehr zweifelhaft hält, ob diese Klausel von den anderen angenommen werden wird und behielt sich vor, im Falle der Ablehnung dieser Klausel durch die Marshall-Gruppe an den kommenden Kongreß wegen ihrer Annullierung zu appellieren. Alle Versuche, diese Klausel bereits in dieser Aktionskomiteesitzung abzuschwächen oder gar aufzuheben, blieben wirkungslos, und es ist nicht anzunehmen, daß der kommende Kongreß bereit sein wird, auf sie zu verzichten; jetzt, da weite Teile der Organisation die Gefährlichkeit der Agencypolitik viel stärker erkannt haben als früher, weniger denn je. Das Resultat von alledem ist zunächst eine außerordentliche Stärkung des sozialen Gehaltes des Zionismus. Es hat sich die in einem gewissen Sinne absurde Situation ergeben, daß die Anhänger der polnischen Eth- Liwnoth-Gruppe und andere rechtsbürgerliche Gruppen ge: nötigt waren, für das Prinzip der Selbstarbeit •für das Recht der Siedler zur Bildung von Kwuzoth und ähnliche soziale Forderungen zu stimmen, die sie innerhalb des Zionismus selbst bisher immer abgelehnt haben, und dies alles nur, um überhaupt noch eine Majorität für die Fortsetzung der Erweiterungspolitik zu finden. Wer wie die Opposition davon überzeugt ist, daß dife nichtzionistischen Gruppen gar nicht in der Lage sind, die wesentlichen nationalen und sozialen Zielsetzungen unseres Aufbauwerkes zu akxettieren und deswegen •— von allem anderen abgesehen — stets von dem Scheitern der Agencypolitik überzeugt waren, der wird in der Resolution des Aktionskomitees die erste Etappe der Liquidation dieser Politik sehen müssen. Die Befürchtungen und die Bedenken, die in weitem Kreisen der Organisation bisher versteckt und unbewußt dieser Politik gegenüber bestanden haben, sind auf dieser Aktionskomiteesitzung zu offenem Ausdruck und in der Resolution zu klarer Formulierung gelangt. Es werden nunmehr die Verhandlungen mit der Marshall-Gruppe bezüglich dieser Resolution sowie der sonstigen Beschlüsse der beiden letzten; Kongresse beginnen, und es ist als sicher vorauszusetzen!, daß die Exekutive genötigt sein wird, zum nächsten Kongreß mit der Forderung nach der Abänderung dieses oder jenes Beschlusses zu kommen, und dann wird der Kongreß vor der klaren Entscheidung stehen, ob er bereit ist, die Agencypolitik bedingungslos fortzusetzen oder entschlossen ist, sie zu liquidieren und durch eine realere und vernünftigere Form der Kooperation mit Nichtziionisten zu ersetzen. Es ist nicht anzunehmen, daß bis zum Kongreß die Bedenken gegen diese Politik, die heute in einer Majorität der Organisation über* mächtig sind, sich vermindern werden, und die Schwierigkeiten, die Dr. Weizmann schon auf dieser Aktionskomiteesitzung hatte, um überhaupt noch eine Majorität für die Politik zu finden, werden auf dem Kongreß vermutlich noch sehr viel größer sein. Hinzu kommt noch ein anderes: Ebenso wie jetzt nachl der Veröffentlichung des Berichtes der Agencykommission die Befürchtungen nationaler und sozialer Natur, die Die Geburt einer Tochter RUTH SÜLAMITH zeigen an SAM und ANITTA COHEN Wien, Samstag, 18. Aw 5688 Unter Landsleuten. Erzählung von Jona Rosenfeld, New York. Zur Stunde, wie die Zeitungen sie angekündigt hatten, begannen Freunde, Verwandte, und Landsleute sich beim Verstorbenen zu versammeln. Unter den Landsleutem trafen einander auch solche, die sich schon seit Jahrzehnten nicht gesehen hatten und derart darüber erfreut waren, daß man ganz vergaß, zu welchem Zweck man gekommen war. Und in der Tat war ein großer Teil der Landsleute nicht um des Toten willen gekommen. Wirklich haben es sich, viele von ihnen zurechtgelegt, daß der Tote, der einst daheim eine große Rolle gespielt hatte, voraussichtlich ein schönes Begräbnis bekommen werde, da werde man also vielen Landsleuten begegnen. Es drehten sich dort Leutchen herum, mit wulstigen Nacken und Bäuchen und dicke Zigarren in den Mündern;« sie drehten sich herum, sich dessen bewußt, ihre Würde (die Würde des Amerikaners) könne nicht von der Tatsache, daß sie hieher gekommen seien, herabgemindert werden. Das letzte Geleite einem Verstorbenen zu geben, hat nichts mit Vornehmheit zu tun. Der Tod selbst gibt Vornehmheit. Und wiewohl „er" hier schon ein Gefallener war, gefallen darin schon, daß er nach Amerika gegangen war, hatte dennoch jeder von ihnen, der von einst den Toten kannte, tiefe Ehrfurcht von dem ehrsamen, wohlhabenden Mitbürgen. Es war zu merken, daß diese und ähnliche Gedanken jedem Einzelnen der Versammelten durch den Kopf gingen, da einer den anderen da und dort mit derlei Fragen anstreifte. „Sie erinnern sich an ihn wahrscheinlich!" „Und ob —! Selbstredend!" Und ein anderer: „Schöne Frage! Natürlich!" Und zwischen solcher Frage und solcher Antwort, hin und her, im Nu war das. Gespräch über den Toten in Fluß geraten. „Hätte man ihm zum Beispiel vor 20 Jahren, ja vor 15 Jahren gesagt, er würde nach Amerika verschlagen werden, und müßte von der Gnade der Kinder leben . . . ja, ja, wirklich, sehr brave Kinder, haben ihn mit Ehrfurcht behandelt . . . aber doch, Sie verstehen, es ist nicht das-, was zu Hause . . . alles verändert ... es pibt nicht solche Juden mehr, es wird auch keine solchen mehr geben . . Die Menge wuchs. Es schien, als würde sie aus sich selber wachsen und sich in der Länge und Breite über dasi Trottoir ergießen. Die selben, die gleichen, die einander erblickt und erkannt hatten, beginnen wieder, sich voneinandc loszulösen und in der Atmosphäre der Fremde zu verschwinden. Besonders schwer bedrückt einige das Hupen und Lärmen der Autos, die jene warnen, die vom Trottoir auf die Straße abgedrängt waren. Es schien ihnen, als ob der Motor sich, absichtlich so laut hören ließe, um sie fühlen zu lassen, daß das einstige Heimische zu Ende sei und daß die einstigen Heimischen, die hier stehen, auch nicht mehr jene sind, die sie waren . . . So wurde es ihnen offenbar langweilig, dem einen und dem anderen, ein Gefühl des Unbehagens kam über sie, daß es dort drin so iange dauert. Sie wußten nicht,, wer * auf wen . warte. Wartet der Leichnam auf die Lebenden? —- die Lebenden, sie sind da. Oder warten die Lebenden auf ihn! Jedem von ihnen war es klar, daß def Töte keine Schuld daran trage, wenn man nicht vorwärts kommt und dennoch standen einige über dem Eindruck, daß dieser Jude, weil er einst ein Mann von Ansehen war, sich so aufführe, wie es einem Mann von Ansehen zukommt/ und darum warten läßt ... „Hören Sie, Mister, wird das noch lang dauern?" fragte ein Landsmann den anderen. „Ich weiß nicht mehr als Sie", antwortete dieser sofort und fügte lächelnd hinzu3 „Vielleicht rasieren sie ihn dort" TJieser Gedanke war ihm gekommen ob des schönen Bartes, den der Tote einst hätte. Das schien ihm für den Toten ein abgründtiefer Fall. Und vergnügt sich an dem Gedanken, der ihm eingefallen war, weidend, spann er ihn mit Behagen weiter. „Was glauben Sie, wir sind ja in Amerika. Ist das in Amerika von Kindern nicht zu erwarten? Vielleicht wollen es die Schwiegertöchter und die Töchter, in erster Linie Schwiegertöchter dem Schwiegervater und Vater vergelten, daß er zu seinen Lebzeiten sich den Bart nicht hat ab* nehmen lassen. Dem Gesindel in Amerika ist alles, zuzutrauen." ' ' * In der dichten Enge von Verwandten, Freunden, Landsleuten, Bekannten und Unbekannten, befand sich ein Mann zwischen Fünfzig und Sechzig, mit ausrasierter, Fratze. Sein Gesicht erinnert an jene, die bei flüchtiger Betrachtung unjüdisch aussehen; sieht man aber näher zu, erkennt man es als jüdisch, aber verwischt «wie btfi allen Juden, die ein paar Jahrzehnte von Juden fern nuri unter Nichtjuden leben. Der Mann, der in dieser dichten Enge stand, machte den Eindruck, als wollte er in ihr verschwinden und gerade unter denen, die rings um ihn waren. Und fürwahr, man bemerkte ihn nicht, ebenso wie man viele andere nicht bemerkte, außer, daß der eine oder der andere, dem er Gesicht gegen Gesicht gegenüberstand, bemerkte, daß der Jude wie ein Christ aussah und daß der eine oder der andere ihn nur deswegen für einen Judeii hielt, weil er zu einem jüdischen Begräbnis gekommen war. Aber wie! Vielleicht ist es ein Landsmann! Doch nicht der einzige, es sind doch viele hier zusammengekommein, Dutzende, von denen man nicht wußte, wer sie sind. Also auch dieser war ein Landsmann, aber ein solcher, von dem alle Landsleute, die hier Anwesenden und die anderen, vergessen hatten, daß er jemals gelebt und gewirkt habe. Es war kein anderer als Lejbke^ der Mamser, der vor 29 Jahren jemandem einen roten Hahn aufs Dach gesetzt hat, und sonderbarerweise gerade dem, der jetzt zur letzten Ruhe gebettet wurde. Warum hatte es jener getan? Wegen Verdienst, der Konkurrenz wegen. Er hatte eine Mühle und der Tote hatte eine Mühle. So wollte er den Konkurreihten beseitigen. Er band die Türklinken des Hauses zusammen und legte Feuer:: nicht allein gegen die Mühle richtete sich sein Tun, nein, auch gegen die lebenden Seelen dort drinnen. Nur durch ein Wunder wurden sie gerettet. Ja, wer zu jener Zeit lebte, konnte sich daran erinnern» und das waren alle, die gekommen waren, dem ehrsamen Aaron David das letzte Geleite zu geben. Nicht, daß es: ihnen allen gegenwärtig war, ist es doch schon lange Zeit her. Es ist derselbe Lejbke Mamser, ein Mann mit grauem, kurzgestutztem Haar unter Sechzig, das Gesicht zerfaltet und zerknittert von Fett und von den Jahren, unter den) Augen aufgeblaute Polster, als hätten sich dort alle Sünden; zusammengedrängt, die er. in seinem Leben begangen hatte.