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Die neue Welt · 1928-08-03 · Heft 46 (3.8.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 46 (3.8.1928)
Date
1928-08-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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1 Bei den Judenkatoliken in Spanien. D«8 Juden viertel in Palma de Majorca. Auf einer Reise durch das Inncrc Spaniens hatte «der jüdische Schriftsteller Alexander R a v i t s c h eine Begegnung mit einem Ueberrcst jüdischer Familien ,dic, zur Zeit der Inquisition gewaltsam getauft, seither im katholischen Spanien wohnen. Ravitsch erzählte über diese interessante •Berührung folgendes: Im Herzen Spaniens liegt Palma de Majorea. Ich hörte von vielen Spaniern, daß dort eine ansehnliche Gruppe von „Juden" wohne, die sich mit Goldschmiedearbeiten beschäftigen. Mich 'interessierte das sehr. Ich wollt« ergründen, weshalb man diese Leute immer noch Juden nennt, da sie ja doch seit sechs Jahrhunderten K athollken sind, und beschloß daher, diese Juden« katllioliken aufzusuchen. Das war keine leichte Sache, loh kannte nicht die Namen den Gassen. .Dagegen wußte ich, daß es dortk einen wirklichen Juden gibt. Aber ich fand Rat. Wußte ich doch, daß diese Juden Goldschmiede seien und ifragte nach der Gegend, wo die Goldarbeiter wohnen. Auf diese einfache Frage erwartete ich eine einfache Antwort. Da tem die erste Ueber raschung. „En barlo judio," (im jüdischen Viertel) war die Antwort. Ich war geradezu starr. Es war Abend. Ich ging ins Hotel. Die ganze Nacht dachte ich über die Antwort des Spanler« nach. Sonderbare Worte!„En toario Judio." Was ■hatte das zu bedeuten? Wo befand ich mich? Bedeutet nicht foario judio das alte jüdisch-spanische Ghetto? Frühmorgens bestieg ich ein Auto: „En bario judio!" An einem kleinen Marktplatz macht der Chauffeur halt. Rings um den Platz einige, kleine Gäßchen, echte Ghettogäßchen. Plötzlich fällt mir ein Schild in die Augen, das die Aufschrift trägt: „G oid s c h mi ed e w e r k s t ä t t c Jaime Jessus Talisman." Was, ist das, mein Gott, für sonderbarer Name! Jahne bedeutet Ohajim. Jessus bedeutet Jesus. Und Talisman . . .? Ich zweifeite nicht mehr daran, daß dieser Name ein echt jüdischer sei. Entweder hatte ich es einfach »mit einem Täufling zu tun, oder seine Urura'hnen gehörten zu jenen Juden, die von der Inquisition, gewaltsam getauft worden waren. Uni mein Ziel rascher zu erreichen, beschloß ich einzutreten, wn Aug in Aug mit dem Senior des Hauses Jaime Jessus TiaMsman »u sprechen. Im Laden traf ich ein 20jähriges Mädchen. Haar, Gesicht, Augen, Nase so echt jüdisch,, daß nur die Haube auf dem Kopfe fehlte, um die Impression von der Frau eines Rabbi zu vollenden. „-Kann ich Don Jaime sprechen?", fragte ich, ihren Vater nach spanischer Sitte mit. dem Vornamen nennend. Da erschien auch schön Don Jaime» ein Mann mit ernstem Gesicht, in dem seelische Erschütterungen ihre Spuren hinterlassen hatten. „Mein Herr," sagte ich, nach gegenseitiger Begrüßung, . „ich komme in iganz privater Sache . zu Ihnen. Wenn Sie jetzt beschäftigt sind, werde ich ,>zii gelegenerer Stunde kommen." „Ich habe zwiair wenig Zeit," war Jaimes Antwort, „jedenfalls aber bin neugierig zu erfahren, in "welcher privaten Sache Sie -mit mir s>prechen wollen," . „Sie werden wohl erlauben, Senrior, daß ich einige vielleicht kühne Worte ausspreche. Für euch Spanier ist es keine große Ehre, sich als Jude vorzustellen. Ich aber tu' es. Ich habe schon von vielen Spaniern gehört, daß bei eudh.in der Stadt Juden wohnen, die Goldschmiede sind. Dia doh mit diesen Juden sprechon will und sie nicht finden Jcann, ibabe ich mich an Sie gewendet. Sie (gehören ja dem Go1d'Sctaiedegewe*be an, so daß Sic mir bes-timmt werden eine Adresse geben ikönnen. Ich werde Ihnen dafür setor dankbar «ein." Don Jaime ward plötzlich 'verlegen. Er sah mich erstaunt, wie einen Wundermensohen, an. Einige Augenblicke Schweigen. Plötzlich traf mich Jaimes heftiger Ausruf: „Hefl -Adoneijl" Er faßte in Ekstase meine Hand. JDoa Jaime! Woher haben Sie den Ausdruck? Sind Säe ein J-ude?^ , »Ja . f. nean . .. ja," stanunetoe Jaikne, wätforehd 'kalter Schweiß von seiner Stttrie tröff, und führte mich in den Salon seiner Wohnung. ^Sie haben es gut," sprach. er zw mir, ^denn Sie sind ©Hl wahrer Jude. Aber ich — er wies auf ein langes Kraus an der Wand, „ich bin ein Katholik und auch das nicht voiW und «aruz." Tränen stürzten a«ns Jaimes Augen. Wieder folgten einige schwere, druckend« Augenblicke des Schweigens. Was.ich.erlebte, wird mir für immer im Gedächtnis bJe&eai, ..Erzählen Sie mir doch, wer ihre Familie ist," iwiterbraöh ich das Schweigen. „Ich weide Ihnen kurz von der Vergangenheit meiner Familie, erzählen," begann Jewine. „loh muß beikennen, daß - jch jene heroischen Juden schätze und verehre, die wäihrend der Inquisition so stark waren, dem Tode, ins Auge zu blicken, um nicht Ihr Volk zu verraten. Ich gehöre flicht zu jenen edlen Helden. Das schmerzt mich tief, Meinen Urahnen fehlte der Stolz des Juden. Sie wollten sich nicht opfern, Sie nahmen den katholischen Glauben an, um iam Leben zu bleiben. Darum Haß ich sie, die Verräter, Wären sie gefallen, wie täusendc andere ihrer Brüder, dann wäre ich nicht geboren und hätte keinen seelischen Schmerz zw erdulden." Jahne fuhr schwer aufseufzend fort; „Des verstorbenen Vaters ziemt es sich, in Ehrfurcht zji gedenken. Aber das Verbrechen, das er au mir begangen, kann ich ihm nicht verzeihen, Er wollte aus mir einen waschechten Katholiken machen. So gab er mir den Namen Jessus.' Das konnte ich nicht ertragen und fügte den Namen des Vaters hinzu, der Chajim (Jaime) hieß. Man verheiratete mich mit einer Frau aus streng katholischer Familie. .Alle meine Schwäger und Vettern sind hohe Kleriker. Und ich muß in dieser Atmosphäre leben . . ." Dann fährt er fort:, „Meine Tochter will ich zu meinem Bruder nach New York schicken. Vielleicht hat sie das Glück, dort einen jüdischen Mann zu finden. Das wäre der einzige Trost meines Lebens . . . Wollen Sic ähnlichen unglücklichen Seelen begegnen, dann kommen Sie am Abend um 9 Uhr ins Cafe Royal." Zur verabredeten Stunde kam ich in das Kaffeehaus der „.unglücklichen Seelen", Don Jaime machte mich mit seinen Leidensgenossen bekannt. Diese sahen mich wie einen Menschen aus einer anderen Welt an. Mit einigen von ihnen ließ ich mich in intime Gesipriiche ein. Man anvertraute mir Familiengeheimnissc, als wäre ich einer von den Ihrigen. Ganz eigenartig ist das Leben dieser Judenkatholiken in Palma de Majorca. Sic wohnen zusammen, helfen einander, heiraten untereinander. Erst kürzlich fand die Hochzeit zweier junger Leute statt, deren Eltern von „jüdischem Stamm" sind. Ich sprach mit dem Vater der Braut, der mir mit.Freuden erzählte, daß Gott ihm die Gnade eines „jüdischen" Eidams geschenkt habe. Am eigenartigsten und für uns am merkwürdigsten sind die Namen, die man in Spanien antrifft, so. beispielsweise der Name Esther, den viele echte spanische Mädchen tragen. Als ich eine christlich-spanische Mutter fragte, weshalb sie -ihrer Tochter den Namen Esther gegeben habe, bekam ich die schöne Antwort: „Esther ist ein historischer Name. Er stammt von einem Volke, das von Gott auscrwäblt ist. Esther war eine tapfere Frau. Ich wünschte, meine Tochter würde ihr ähnlich werden." Wenn wir durch das heutige Spanien wandern und eine Mutter hören, die ihr Kind ruft: „Esther, Esther ... Esther ...!" müssen wir nicht glauben, daß wir es mit einem jüdischen Mädchen zu tun haben? So dachte auch ich die erste Zeit, da ich nach Spanien gekommen war. Mehr , als sechs Jahrhundertc sind vergangen, daß Juden in einem Winkel Spaniens zurückgeblieben sind und sich unter dem Zwang grausamer Verfolgungen mit fremdem Blut vermischt haben. Dennoch spürte ich in ihnen den Puls , der alten jüdischen Rasse rund nahm von ihnen den heißen Wunsch mit, in der Ferne ihrer zu gedenken. Spanien — ein sonderbares Land für uns Juden. Die 14 jüdischem Einwohner der 700jährigen Stadt Xanthen. In der Stadt Xanthen leben heute noir mehr 14 jüdische Personen. Männer, Frauen, Greise und Kinder. 'Am 29. Juli hat diese Stadt ihr 700jähriges Jubiläum als1 Stadt gefeiert und die 14 jüdischen Seelen sind die Ueberreste einer einst wohl nicht sehr großen, wohl aber blühenr den Judengemeinde. Der Zerfall der Gemeinde nahm wohl seinen Anfang mit der vor 40 Jahren bereits eingetretenen Abwanderung der jüdischen Landbevölkerung in die Städte und Großstädte. D|ie Judengemeinde von Xanthen hatte jedoch vor 36 Jahren noch einen ganz besonderen schweren Schlag erlitten, der einen Teil der dortigen Juden zur Flucht' zwang und auch die Juden der ganzen Welt in Erregung1. iiiiiiilll|IIJ|lllllli|liiilllli>iiiiiiimiiiiiiiiiiii!illi|illill|iiir KRUPNIK, das ModezeDHöra für den verwöhnten üesttiiaatt bringt lür die kommende Saigon Modelle ins Poris u. eigene Schaffunsen wie Mäntel, Kostüme, Complets, Nachmittags- und Gesellschaftstoiletten Schöne Unle, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse! mm jouos kkupi MIIP V». Kaisers!!»« 115 MM W TO WBWMBWWIIIIllllillllilMII IM IWliFlIll HIHIHI»! Wir Ii O e n nirgends Filialen! Anerkannt größtes u. führendes Spezialhaus Österreichs versetzte und eine Zeit lang die gesamte öffentliche Meinung der Welt In Atem hielt. Es war der berüchtigte „Knaben m o r d" von Xanthen, den Judenfeinde zur Dichtung eines Ritualmordmärchens mit allen seinen Leiden und Qualen und grauenhaften Begleitumständen mißbrauchten. Es war ein Seitenstück zum Tisza Eszlarer Prozeß und ähnlichen Ausbrüchen abgrundtiefen Judenhasses. Seit jener Zeit haben sich Juden in Xanthen nicht mehr wohl und sicher gefühlt. In der 700jährigen Oeschichte dieser Stadt bildet diese traurige Episode kein Ruhmesblatt. Die Oeschichtc des jüdischen Martyriums hat auch Xanthen ein schwarzumnindertes Blatt gewidmet. Die Bedeutung der Juden für New York. In der letzten Monatssitzung der New Yorker Handels- und Industrie kamtner hieR der Sachverständige für Boden- und Grundbesitzfragen im Staate New York Josef D a y einen Vortrag über die verschiedenen Entwicklungsperioden, welche die Stadt New York in den letzten 25 Jahren durchgemacht hat. Er kam hiebei in einem in großen Zügen gehaltenen Rückblitk auf die Entwicklungsgeschichte von New York im allgemeinen zu sprechen und zog die folgenden Schlüsse: Sieben verschiedene Perioden können genau umschrieben werden. Die erste Phase beginnt mit der Ankunft der Holländer, Sie verdrängten allmählich die Indianer und die Stadt dehnte sich bis zum Platz aus, an dem sich heute die Wallstreet befindet. Nach den Holländern kamen die Angel-Sachsen, die Engländer, und die Stadt, wuchs, bis sie sich an die heutige Chamberstreet erstreckt hatte. Infolge der Einwanderung der Deutschen und Angehörigen anderer Völker, die hierauf erfolgte, breitete sich die Stadt bis zur heutigen 42. Straße aus. Die rascheste und wirkungsvollste Entwicklung jedoch hat die Stadt New York in den letzten. 25 Jahren durchgemacht, in welchem die große jüdische I m m i g r a t i o n s w e l l,e hauptsächlich aus Rußland und den anderen osteuropäischen Staaten ein neues arbeitskräftiges und arbeitshungriges Bevölkerungselement ins Land und vor allem nach New York gebracht hat. Daß die Entwicklung der Stadt in de« letzten 25 Jahren sich in größerem Maßstab vollzog als* in den vorangegangenen 100 Jahren zusammengenommen, muß nach gründlicher fachmännischr Untersuchung aller Komponenten in allererster Reihe als die Folge der jüdischen Einwanderung angesehen werden. Ueber vier Millionen Juden, in den Vereinigten Staaten. Bei der vom Handelsdepartement der Vereinigten Staaten im Jahre 1926 durchgeführten Volkszählung wurde auch das religiöse Beikenutnls':'berücksichtigt. -Bei dieser Zählung wurde festgestellt, daß in den Vereinzelt' Staaten 4,078.357 Juden leben, die sich auf 2948 Kongregationen verteilen. Der Wert der Synagogengebäude samt ihrer Einrichtung wird mit 100,890.669 Dollar beziffert, 553 Kongregationen iinterhalten Sab'bat-Schiulen^ die von 69.439 Schülern frequentiert werden;' 631 Kongregationen unterhalten jüdische Wochentiagsschulen mit, einer Gesamtschülerzahl von 70.429. Die Schatzkammer jüdischer Altertümer in Friedberg. In der hessischen Stadt Friedberg, unweit von Frankfurt am Main, gibt es eine Anzahl jüdischer Altertümer, die zum Teil noch fast unversehrt vorhanden sind. Das ehemalige Ghetto, ein regelrecht abgeschlossenes Judenviertel, ist zum größten Teile erhalten. Das rituelle Bad, das vor 80 Jahren noch im Gebrauche gestanden hat, wurde festgestelltermäßen im Jahre 1260 von dem Architekten der Friedberger Stadtkirche erbaut. Dieses Bad ist ohne Zweifel e>n architektonisches Unikum. Es ist aus einem einzigen Fels block gehauen und weist eine Tiefe von 24 Metern auf. Die 70 Stufen, die zum Grundwasser hinabführen, sind zu beiden Seiten von Säulen und Nieten mit kunstvollen reingotischen, Verzierungen umgeben. Nicht minder interessant ist die Friedberger Synagoge mit ihrer Inneneinrichtung, die. wertvolle Aufschlüsse über die Kunst zur Zeit der Entstehung der Synagoge liefert. Ein. Kunstwerk besonderer Art ist die mit Schnitzereien reich verzierte Bund,eslade, sowie die Thorarolle, die laut einer Ueberljeferung «in Alter von 900 Jahren haben soll und -auch heute noch zur Vorlesung am Sabbat und Festtagen benutzt wird. # \ ' Nikolaus II. und die Pogrome, Der französische Publizist Ernest Jud'« 4 verölten*- licht im >,L'Oeuvre", einen Aufsatz über die Persönlichkeit des letzten russischen Zaren und zitiert eine Anzahl Briefe von Nikolaus II. an seine Mutter. In «4nean dieser Brietfe, der nach den revolutionären Wirren 1905. -geschrieben ist, heißt es. „Ich glaube nicht,.daß altes, was Jetzt m Rußland vorgeht, vom russischen Volke herrührt. D*c Arbeiterstreiks werden von den poMsohen und jüdisclhen Ingenieuren entfacht. Die Welt 'beschuldigt uns, daß wir Pogrome machen; Ich 'glaube aber, daß die Pogrome e4a-e natürliche Erscheinung sind, die Ju4ett wollen über. Rußland und den raissiscib^i» Zar herrschen. Wir verteidigen uns. Per Imetwtöx** ster Treipcrw kämpft gut, er verrichtet ein „heili'«*«* W e' r k". Der Minister W111 e aber birMt uro d*e ßmast der Feinde Rwßdand/s der Juden."

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