Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 45 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711660--0601-2713755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 45 unsereiner zu einem guten Anzug, zu einem Paar anständiger Schuhe, zu erlern ganzen Mantel » . . und die Frau steigt einem in den Magen, macht Spektakel, fängt alleweil Streit an und die Kinder flennen, weil die Mutter herumschreit und mir Schimpfworte an den Kopf wirft. Dann schrei' ich wieder die Kinder an, weil sie flennen. Und damit sie still werden, prügle ich sie. Ich prügle sie, damit sie zu weinen aufhören. Da kommen die Nachbarn und schlagen Lärm, weil ich die Kinder schlag'. Sag' ich zu den Nachbarn, sie haben sich nicht in meine Privatbeschäftigung einzumengen, sagen die Nachbarn, Kinder prügeln sei, keine Privatbeschäftigung, Kinder — sagen sie — darf man nicht schlagen. Das tun nur Wilde, Raubtiere, Indianer, Narren. Da gerat' ich in Wut, weil sie mich beschimpfen, schimpfe zurück, sage noch einmal, daß ich ja keine fremden Kinder prügle, sondern meine eigenen. Seine eigenen kann man sogar erschlagen, wenn ich nur nicht ihre Kinder prüg/e. Diesen Einwand lassen sie aber nicht gelten. Ein Wort her, ein Wort 'hin, eine Beleidigung her, eine Beleidigung hin, eine Spucke her, eine Spucke hin, bis es — na — zu einem regelrechten Geraufe kommt. Da ich eine Frau zur Hand hab' und meine Nachbarn ihre Frauen zur Hand, rauft meine Frau mit ihren Frauen. Und da meine Kinder seh'n,' wie man ihren Vater schlägt, geh'n sie auf jene Kinder los. Und jene Kinder schlagen wieder meine Kinder. So geht das gute Verhältnis zu den Nachbarn flöten. Kurz, was ich Ihnen beweisen will, ist, daß die Armut unrentabel ist. Es lohnt sich einfach nicht, arm zu sein. Sind Sie arm, 'haben Sie keinen Kredit. Jedes Stückchen Ware, das Sic kaufen, müssen Sie bar auf den Tisch bezahlen. Können Sie das nicht, dann strecken Sic die Beine aus, machen Sie die Augen zu und lassen Sic sich begraben. Aber wer tut das? Hat das einen Sinn? So hab' ich mich geplagt und fortgewurstelt jahrelang, man kann sagen, an die zehn Jahre. Wie ich gesehen habe, es ist nicht gut, die ewige Plagerei bringt einen nicht vorwärts, ist mir ein wunderbarer Gedanke gekommen. Der Gedanke war, die Welt darf nicht wissen, daß ich ein armer Teufel bin: Sie muß glauben, daß ich reich bin, daß ich eine Menge Geld, einen Haufen Schmuck habe. Dann wird sie keine Angst haben und mir borgen. Was hab' ich getan? Ich bin aus der Wohnung ausgezogen und hab' verbreiten lassen, daß man bei mir Sachen für 150.000 Dollar gestohlen hat, Geld, Schmuck, Pelze... Das hat mir die größten Reporter ins Haus gebracht. Man hat über mich und meine Frau ganze Seiten geschrieben. Dann sind Photographien von uns gekommen, wie wir gehn, wie wir sitzen, wie wir-essen, wie wir den Mund aufmachen... Eine Zeitung 'hat ein Bild gebracht, wie ich meine Frau küsse, sie tröste, ihr die Tränen aus den Augen wische. Eine andere Zeitung hat geschrieben, daß die Diamanten,.die man mir gestohlen hat, vom türkischen Sultan stammen. Eine dritte Zeitung hat gesagt, wenn man einem Menschen auf einmal im Handumdrehen 150.000 Dollar stehlen kann und der Bestohlene sich so brav und wie ein Held benimmt, so beweist das, daß der Mann eine Million Dollar wert ist. Auf diese Weise habe ich mir einen Namen gemächt. Alle meine Nachbarn in der Gegend haben es bald herausgefunden, wer ich bin, mit wem sie es zu tun haben. loh bin eine Marke geworden. Die Reklame hat mich mit einem Schlag von allen Sorgen befreit. Heute, wenn ich 5000 Dollar ausleihen will, krieg ich sie sofort. Ich haib' einen glänzenden Kredit. Der Fleischhacker gibt auf Rechnung bis 200 Dollar, ebenso geht's beim Gemischtwarenhändler. Kurz, die Mondscheibe holt man mir auf Pump herunter. Jetzt erst sehe ich, was Reklame in Amerika bedeutet. Die ist mehr wert als Geld.. In Amerika gibt es Schauspieler, die drei- bis viertausend Dollar Gage bekommen, nicht weil sie große Künstler sind, sondern weil die Reklame aus ihnen große Leute gemacht hat. Ebenso ist's mit den Politikern. Manche von ihnen sind ganz gewöhnliche, unwissende Gesellen, Nullen. Aber sie bekleiden hohe Aemt'er, weil sie es » verstanden haben, sich zu annoncieren. Kurz, man darf hier bei uns in Amerika kein grüner Junge sein. Man muß Reklame für sich machen. Wie gesagt, Reklame ist mehr wert als Geld. Sie ist ein Kapital, das sich bis auf die Kindeskinder vererben läßt. Glauben Sie es mir..." Plötzlich besinnt er sich, reicht mir die Hand und verschwindet im Gewimmel des East- Broadway. Professor M. Balaban — Dozent für jüdische Geschichte und Literatur an der Warschauer Universität, Das polnische Unterrichtsministerium hat sich entschlossen, an der humanistischen Fakultät der Warschauer Universität einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Literatur zu schaffen. Zum Dozenten wurde Professor Meir B alab a n ernannt. Jüdische Darlehenskassen in Polen. Etwa 120 Kleinstädte in Polen mit überwiegender jüdischer Bevölkerung, die aus eigenen, Mitteln Notdairlchenskasscn (Gemilaß-chessed-Kassen) errichtet haben, wandten sich an das Joint Distribution Commlttee mit der Bitte, ihnen dazu zu verhelfen, diese Weinen, finanziell noch nicht genügend fundierten Institute in w ir k 1 i c h e K r ed <i t g e n o ssen schatten mm\ wandeln. Rabbi Poliatschek gestorben. Aus New Y o rik wird uns berichtet: Rabbi Saloimon Poliatschek, der aus Meitshet stammende, als „Hhii" verehrte, hervorragende Gelehrte, der seit vielen Jahren als Dekan des talmudischen Departements der Ralbbi- Jizchak-tEichanan-Jeschiwa gewirkt hat, ist 'im Alter von 51 Jahren an den Folgen einer Riefe roperatiot* gestorben. { Jüdische Kapitalinvestierungen in Palästina. Uebcr die Kapitalinvestierungen in Palästina veröffentlicht der „Haaretz" auf Grund der verschiedenen vorliegenden Arbeiten folgende Aufstellung: Jüdische Investierungen in der Landwirtschaft: Wert des jüdischen landwirtschaftl. Bodens Pfd. 7,000.000 Pflanzungen: Orangen (20.000 Dunam) „ 1,700.000 Wein stocke (12.000 „ ) , „ 100.000 Mandeln (20.000 „ ) . „ 120.000 Verschiedene Obstbäume (20.000 Dunam) « „ 200.000 Waldbäume (20.000 „ ) , „ 400.000 Bauten irr den landwirtschaftl. Siedlungen „ 1,000.000 Wert des lebenden Inventars < . , t , „ 300.000 Maschinen und Geräte s „ 100.000 Wert der Jahresernte: Falcha (350.000 Dunam) t , e s „ 350.000 Orangen . * * * „ 150.000 Trauben , < * < „ 7O.000 Mandeln ¥ . , t „ 60.000 Gemüse . , $ 4 , „ 150.000 Verschiedenes , » t „ 50.000 Insgesamt . Pfd. 11,750.000 Die Investierungen in Industrie, Handel und Transport: Wert der industriellen Anlagen . , s . , Pfd. 2,300.000 Wert der Handwerksbetriebe , » < t t „ 500.000 Transportmittel »......„ « „ 160.000 Waren in den Magazinen (50 Prozent von auswärts beliehen) , , . „ „ * . „ 1,250.000 Insgesamt ....,.,..< . Pfd. 4,210.000 Wenn wir den Wert des in jüdischen Händen befindlichen städtischen Bodens und der Bauten in Höhe von Pfd. 8,000.000 dazurechnen, so ergibt sich, daß die jüdischen Investierungen in Palästina gegen 24 Millionen Pfund betragen'. Das entspricht gegen Pfd. 160 per Kopf der jüdischen Bevölkerung. Demgegenüber beträgt diese Zahl in Deutschland (1924) Pfd. 187, in Frankreich Pfd. 350, in England Pfd. 444 und in den Vereinigten Staaten (1926) Pfd. 626. Wie wir also sehen, beträgt die landwirtschaftliche Jahresproduktion Pfd. 830.000. Die industrielle Produktion der jüdischen Betriebe stellt sich wie folgt: Zementfabrik Nescher Pfd. 180.000 Schemen „ 100.000 Electric Company * •„ , „ 50.000 Grands Moulins de Palestine . . s * , s t „ 40.000 Zündholzfabrik „Nur" . . < t M , s 8 „ 30.000 Salz Company in Athlith 15.000 Lodzia ,....<*» s ,s H f K * „ 30.000 Friedmann & Edelstein . * f. „ ¥ ■ s s s „ 26.000 Lieber und Noamfabrik . * « * » 33.Q00 Eisenindustrie in Jaffa (Wagner) 4 . * „ „ 10.000 Carasso & Rothlevy s „ „ a , „. * a t , „ 15.000 Lewkowifcz ..».«.«'•♦. s s * « * a *.. » 11.000 Pachter & Hoffmann . s s « t ä -t t * « * 8.000 Gebr. Benzinberg * * *' » „ 8.000 Ailkoholsyndikat *, * . ■ „ e . * . s t, » „ 40.000 Wein- und Likörproduktion . , > * * . . „ 75.000 Insgesamt ,,«.*....'.,#*<; k . PW. 670.000 Die Produktion der 370 mittleren und kleinen industriellen Betriebe ist im Durchschnitt auf Pfd. 1500 zu schätzen, beträgt also insgesamt Pfd. 555.000, so daß der Wert der gesamten jüdischen industriellen Produktion mit Pfd. 1,225.000 im Jahre angenommen werden kann. Die Produktion der etwa 3000 jüdischen Handwerker kann im Durchschnitt mit Pfd. 300.000 im Jahr angenommen werden, während die Bruttoeinkünfte des Transportgewerbes mit Pfd. 80.000 einzustellen sind. Somit betragen die Einnahmen des jüdischen Jischuw in allen seinen Wirtschaftszweigen im Jahre 1927 insgesamt Pfd. 2,435.000 oder etwas über Pfd. 16 per Kopf gegenüber Pfd. 64 in England. Aus der Aufstellung ist weiter ersichtlich, daß, während je 1000 in der Industrie investierte Pfund im Jahre eine Produktion von Pfd. 721 aufweisen, in der Landwirtschaft auf je Pfd. 1000 nur Pfd. 70 entfallen. Die Zahlungsbilanz der jüdischen Wirtschaft in Palästina für das Jahr 1927 stellt sich wie folgt: Einnahmen: Landwirtschaft, Industrie, Handwerk, Transport 4 * « , <. * « s » n » > Pitt. 2,435.000 iiiiiiif iiniiiiiiiJiiii niifiiiiiiiiinniiiiiiii Iii if iiiiifiiiiiiiiiiiiiiif JiiifiiiiFiifiiiiiiiiiiiifiiiiu UND VEREINIGTE VERSICHERUNGS¬ AKTIENGESELLSCHAFT IN WIEN Feuer-, Einbruch-, Transportversicherungen aller Art, Hagel- und Tierversicherung, Kautions-VeruntreuungsVersicherung, Maschinenbruchversicherung, Unfall- und Haftpflichtversicherung zu vorteilhaftesten Bedingungen Direktion: WIEN, IX. KOLINGASSE NUMMER 6 Generalrepräsentanz: WIEN, I. DOMINIKANERBASTEI?4 m Ausgaben der Zionistischen Organisation t „ 750.000 Ausgaben der PI CA . . , , , t t a „ „ 150.000 Philanthropische Institutionen . « s „, 4 „ 400.000 Eingänge aus dem Ausland an Privatleute t „ 100.000 Einnahmen der Hotels von Touristen und von Nichtjuden...... . . „ „ „ 50.000 Einnahmen von Handelsgeschäften mit Arabern...........„ , H 150.000 Mieteinnahmen jüdischer Hausbesitzer , . „ 700.000 Insgesamt , » t t 4 , , v , t 8 t B Pfd. 4,735.000 Ausgaben: Jährliche Ausgaben (Pfd. 36 per Kopf) « , , Pfd. 5,400.000 Reisen ins Ausland, Ueberweisungen an Studierende im Ausland, Zinsen für ausländisches Kapital usw. * „ t t t t * >» 150.000 Insgesamt * .. * * g « * x < * * ■ Pfd. 5,550.000 Das jährliche Defizit des Jischuw beträgt somit Pfd. 815.000. In Wirklichkeit ist jedoch diese Zahl noch viel höher, da die Geldüberweisungen der Zionistischen Organisation, der RICA usw. nicht als Einnahmen des Jischuw anzusehen sind, sondern als Beiträge der Welt-: judenheit. Auf das Defizit und diese Spenden der Weltrv judenheit entfallen 40 Prozent der gesamten Ausgaben des Jischuw. (©fco.). Theater und Kunst. Vom neuen hebräischen Nationaltheater in Palästina. (Brie! aus Jerusalem.) T h e a t r o n Tu m i, das neue Nationaltheater, hat seine Tätigkeit mit einem großen Erfolg, mit der Aufführung von Hebbels biblischer Tragödie „Judith" begonnen. Das völlig unhebräische Stück wurde von Jaakob Horowitz derart für das hebräische Theater bearbeitet, daß es in allen Details des Satzbaues und des Geistes der inneren Struktur des neuen, jüdischen Palästina entsprach. Damit hing auch die teilweise Umgestaltung der Handlung, das Hervorheben und Zurückstellen gewisse; Elemente zusammen. Besonders wichtig war die Komposition der Massenszenen, die bei Hebbel bekanntlich1 einen auf der Linie des deutschen historischen Theaterstils liegenden Charakter haben. Sie mußten „palästinensiert" werden. Sprachlich wurde durch gewisse Einschiebungen aus der apokryphen „Judith" und durch Verwenden der Volkssprache bei weitgehendster Angleichung aneinander die unerhörteste Wirkung erzielt. Dem Sprachschöpfer und Bearbeiter Horowitz stand als Regisseur der Architekt Leopold Krakauer, den man kurz Elka nennt, zur Seite. Er hatte die Aufgabe, das orientalische Milieu, dem die Sprache und die Handlung, diente, auch in der Gestaltung der Bauten zum Klingehi zu bringen, daher griff "er zti einer rein architektonischen Konstruktion und blieb de m Konventionell - Dekorativen, ebenso fern wie der darstellerische Teil. So ward durch das bewußte Betonen des Semitisch-Orientalischen in Sprache, Kostüm, Bewegung und Szene (mit Verwendung alter asiatischer Chöre) ein einheitliches Werk geschaffen, das den Beginn einer neuen palästinensisch-hebräischen Bühnenkunst ankündigt. Film-Musik. Darius M i 1 h a u d, der berühmte jüdi sehe Komponist, hat eine Ufa-Wochenschau musikalisch untermalt. „Pressa-Ausstellung", „Boxkampf", „Wasserkraftbenützung" und „Derby" werden durch entsprechende Themen charakterisiert. „Vom jüdischen Sein und Werden." Unter diesem Titel erscheint aus dem Nachlaß des frühverstorbenen, Prager Gelehrten, Professor Dr. Isidor P o 11 a k, eine Sammlung von Essays, die sich auf jüdische Geschichte und Philosophie beziehen. Als Herausgeber zeichnet Friedrich Thieberger, Verlag Dr. Josef Flesch, Prag. Jidisches Theater in Südamerika. In der kommenden Saison wird außer den bereits bestehenden zwei jiddischen Bühnen noch ein drittes jiddisches Theater eröffnet werden. Das Ensemble setzt sich aus Mitgliedern der nordamerikanischen jüdischen Schauspieler-Union zusammen. Das Reinhardt-Theater in New York. Der Architekt Josef Urban hat soeben seine Pläne für das New Yorkerj Reirhaidt-Theater, welches angrenzend an den großen Kincpalas* „Capitol", an der 50. Straße errichtet werden soll, fertiggestellt. Das Innere zeigt eine flache Bühne und den größten Proszeniumbogen der Welt, ferner eine Vorbühne, deren kreisförmige Fortsetzung sich an den Wänden des 1700 Plätze enthaltenden Zuschauerraumes hinzieht. An Stelle der Ränge sind Logen. Die Schauspieler, können von verschiedenen Stellen aus die Bühne betreten. Reinhardt soll amerikanische Dramen im Broadway-Stil inszenieren, nachdem er zuerst das Publikum mit seinem literarischen Programm gefangen hat. Im Laufe des heurigen Wintersi wird das Theater eröffnet. Jean Richard Bloch in Genf. „Kurdische Nacht", seinen Roman aus dem Orient, hat J. R. Bloch dramatisiert und in Genf zur Uraufführung gebracht. Nach den Zeitungberichten hat dieses Bühnenstück* im Gegensatz .rum Roman, der von der Glut der arabischen Wüste durchströmt ist, nicht den Atem des Dramatikers. Der Abend bediutete keinen Erfolg für den jüdischen Dichter. Ein jüdisches Drama bei Reinhardt. Arnold Zweig, der bekannte Dichter und Zionist, hat das historische Drama „Die Umkehr" vollendet, das am Theater in der Josefstadt zZur Aufführung gelangen wird. Oberkantor Slrota im polnischen Radio, Wie uns aus Warschau berichtet wird, sang kürzlich der bekannte