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Die neue Welt · 1928-07-27 · Heft 45 (27.7.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 45 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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' Wr. 5*5 DIE NEUE WELT Seite : iiiii<iiMiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiinnnniini Gebildeter i junger Mann! aus besseren! Hause sucht ebensolchen(c) Partner(In) für 3wöchlge Urlaubsreise Ins Salzkammergut und Deutsch- , j land ab 8. August. Eventuell auch andere Relselinie.; Eilanträge unter „Getrennte Rechnung" an die Admini-; 1 stratlon dieses Blattes. Die Schwalben von Lakenbach. Von Otto Abeles. Die Schwalben von Lakenbach — das sind die 'Juden von Lakenfbach, diesem sehr freundlichen Ort des BuTgenlandcs, auf dessen Dächer die steirischen Berge Blicken. „Schwalben" nennt man sie in der Welt der „Schewa Khilles" (der berühmten alten sieben jüdischen Siedlungen), weil sie weithin ausflogen. Aber der Vergleich hinkt. Schwalben kehren ja mit rührender Treue immer wieder in ihr Nest zurück. Die Epigonen der Lakenbacher Schutzjuden lassen diese hervorstechendste Eigenschaft der Schwalbe vermissen. Früher freilich, als sie noch Steuerobjekt und Schützlinge der Grundherrschaft waren, die Laikenbacher, blieb ihre Schwalbenfreiheit örtlich und zeitlich begrenzt. Es stand im Paß vermerkt, wie weit sie ihre Flüge ausdehnen durften und wann sie wieder daheim sein mußten: ,,. . . Von der hochfürstlichen Eßterhazyschen Herrschaft Lakenbach in Nieder- Ungarn reiset Vprzeiger dieses Passes, ein hiesiger Schutzijud, mit Bewilligung hoher Grundherrschaft von untergesetztem Tage anfangend auf ein halbes Jahr in Handelsgeschäften in die Erbländer . . ." Wer nicht termingerecht zurückkam, wurde vogelfrei. Das war für „Schwalben", die ja doch nur Ghettojuden waren, eine lebensgefährliche Freiheit. Später aber, als der verbriefte .Judenschutz der Geschichte angehörte, kehrten sie nicht bloß ihrem Wohnort endgültig den Rücken, was begreiflich ist, sondern nicht selten auch dem Judentum. Nicht ausgeschlossen, daß sich unter den deutschen Sangesbrüdern aus aller Herren Ländern, die sich in Wien; versammelt haben und deren Aufnahme in ihre Sängerrunde nicht von der Prüfung auf „Rassenreinheit" bis ins vierte Geschlecht abhängig gemacht wurde, so mancher Epigone des Laikenbacher Ghettos befindet. In manchem Standquartier der sangesfrohen Gäste,, im amerikanischen, südafrikanischen, bukowinensischen etwa, würde eine hochnotpeinliche Prüfung des Stammbaumes bestimmt «in positives Resultat haben. * Verschrobene Gedankengänge eines Ausflüglers, der sich einen Fcrialtag lang in dem interessanten Marktflecken umgetan hat und hier die Eindrücke bucht, die er in dem sehr still gewordenen, aber in seiner äußeren Erscheinung unverändert gebliebenen, noch immer kräftig profilierten Judenstädtl sammelte. Hier am Platz (sagen wir lieber: Plätzchen) das malerische Haus des Rosch ha Kahal mit dem gedeckten, durch kräftig geführte Mauerbögen verzierten Stiegenaufgang ins Stockwerk ist das Schmuckstück des jüdischen Lakenbach. Es trägt das Kennzeichen behäbigen, geruhsamen Bürgerstolzes. Tatsächlich hat sich die fromme Judengemeinde bis In die Zeit ihrer höchsten Blüte so ziemlich ungestörten Wohlbefindens erfreut, übertraf an Ausdehnung die sechs anderen Schutzjudensiedlungen des Burgenlandes und war stärker bevölkert als selbst das hochberühmte Eisenstadt. Jüdisches Handwerk und Gewerbehat damals, als noch der Märktflecken zu sieben Achteln von Juden — und bloß einem Achtel Nichtjudenbewohnt war (jetzt ist das Verhältnis beinahe umgekehrt) den ganzen weiten Bauernbezirk beliefert. Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden läßt auch freute noch bloß den hakenkreinzlerischen Beamten und den Frontkämpferformationen einiges zu wünschen übrig. Vom .yHaiiiptpJatz" läßt sich der Kern der Lakenbacher Kehtlla überblicken: Links im Winkel das Gedränge uralter, winziger Judenhäusl, gegenüber der Durchblick awf das ansehnlich«, dunkelrot gestrichene Chewrahaus, rechts längs der Gasse einige alte jüdische Bürgerhäuser. Welcher Geist einst diese Ruinen belebte, wird in der Gelehrtenstube des greisen Lakenbacher Rabbiners offenbar. Ragende Regale, mit alten gewichtigen Büchern gefüllt, alles wohlgeordnet und gut gehalten. Inbrünstig und in Weltabgeschiedenheit wird hier die Lehre durchgepflügt wie einst. Der mächtige Tisch, glattgescheuert von den ledernen Einbänden der Folianten, ist auch heute mit aufgeschlagenen vergilbten Talmudwerken bedeckt. Diese Stube und ihr Bewohner, die niederen Fenster und der hohe Geist, der im Dämmer des Raumes waltet, die feine Stirn und die groben Stiefel des Gelehrten — hier hat sich das Lakenbach von einst eingesponnen und will die sterbende Judenstadt überdauern. ...... * Ueberraschend die Innenausstattung der Synagoge. Die Judengemeinde ließ es bei dem sehr ansehnlichen Tempelschmuck: zwei gewaltige Lichtständer, ein hofocgesghmtzter Hängeleuchter von üppigster Entfaltung der Aeste und Zweige sowie bei den sehr wertvollen Mcssingstücken der Weiberschur nicht bewenden. In den Sechzigerjahren berief man einen damals angesehenen Künstler, den Maler Krauß, nach Lakenbach und beauftragte ihn, das Gewölbe und die Wände des Tempels mit Fresken zu schmücken. Die Bedingungen, die Krauß dein Kahal vor Beginn seines Werkes stellte, sind noch heute unvergessen: Eine Batterie von Weinflaschen mußte stets bereitstehen. Ohne tüchtige „Unterlage" sei er nicht schaffensfreudig. Es soll während der künstlerischen Ausgestaltung der Synagoge durch den durstigen Maler in Lakenbach recht fidel zugegangen sein. Er liebte es nicht, während der häufigen Arbeitspausen mit seinem Vorrat an ungarischen Weinen allein zu sein, und die Balbattim fanden sich zum steigenden Verdruß ihrer Gattinnen mit Vergnügen bereit, ihm auszuhelfen. Damals ärgerten sich die Lakctrbachcr Frauen über den trinkfreudigen Maler — Jahrzehnte später die Lakenbachcr Gemeindeväter über die von ihm gewählten Sujets. Was nämlich zur Zeit ihrer Entstehung selbstverständlich war, erschien um die Jahrhundertwende, als HcrzI die Juden verrückt gemacht hatte, von unwillkommenster Tendenz. So weit das Auge des Andächtigen reicht: Zion, Zion und wieder Zion! Am guten Ort sind den kleinen verwitterten Grabsteinen auch schon Nobelgrüfte a la Döblingcr Friedhof benachbart. Sic kommen gegen die Denkmäler der Großen in Israel nicht auf. Hier liegt Rabbi Benjamin Asch, der Sohn des Mahararn Asch, Eisenstadt; geliebt und geehrt wie sein noch' größerer Eisenstädter Vater. Ihm folgte durch drei Rabbinergenerationen die U11 rn a n n sehe Dynastie. Der Stammvater mit dem Beinamen „Charcw" (der Scharfsinnige), dessen hundertster Todestag im Jahre 1926 gefeiert wurde, soll auch körperlich ein Riese gewesen sein und einst einen Bären erwürgt haben. Ich spreche mit seinem Urenkel, während er im Gewölbe die Kundschaft bedient. Ein interessantes Ledergeschäft! Oberhalb der Warenstapel laufen Bücherbretter rings um die Wand. Es sind keine Geschäftsbücher, sondern ererbte Bibliotheksbestände. Das Gespräch mit dem Träger eines großen Namens erweist, daß nicht viele jüdische Kaufleutc der Großstadt über soviel Bildung und geistiges Interesse verfügen, wie dieser Lakenbacher, der jetzt um 20 Groschen Holznägcl zuwiegt und sie in die selbst gedrehte Tüte schüttet. Während des Tütcndrehens weist er auf das Stockwerk oberhalb seines Ladens. Dort wohnte Rüben H i r s c h 1 e r, der im Leben' Franz L i s z t s eine Milcht unbedeutende Rolle spielte/Der alte Hirschlcr war ein kunstliebendcr Mann und ließ seine Töchter bereits das Klavierspielen lernen. Mit . Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter Eßterhazys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem kleinen, Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klavier' und kümmerte sich um seine Ausbildung. So hat ein Lakenbacher Judo die Laufbahn des weltberühmten Tondichters und Pianisten eröffnet. Alle Ausflüge enden im Wirtshaus.. Das geschieht nicht bloß des leiblichen Wohles wegen. In der Gaststube, besonders in der ländlichen, r'undet sich das Ortspanorama zum plastischen Bild. Ich stelle fest, daß im koscheren Gasthaus zu' Lakenbach, die Bauern einkehren. Der Wirt, ein gesetzestreuer Jude und hoher Achtziger, sitzt bei seinen bäuerlichen Gästen, man ist auf du und du und bespricht Familienfragen. Er ist knorrig, der Alte, lind überragt, wepn er, schlürfend schon und niedergebogen' durch die Last der Jahre, zum Schanktisch geht, um zum Rechten zu sehen, alle Leute um eine tüchtige Spanne. Wie es sich für den Sohn einer Khille geziemt, desson Rabbi einst einen Bären erwürgte. das Mo£i9zentrum für den verwöhnten Gese&mack bringt für die kommende Saison Modelle aus Poris u. eigene Schaffungen wie Mäntel, Kostüme, Complets, Nachmittags- und Gesellschaftstoiletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unetreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse! IWiUKRMIK NUR2SLSäl£^Lm Wir ha b.c« nirgends Filialen! Anerkannt größtes «, führendes Spexialhaus Österreichs Die Organisierung der Kultusgemeinden in Bessarabieno Aus Kischenew wird uns geschrieben: Das neue rumänische Kultusgesetz, das, was die Juden betrifft, auf der Kultusgemeinde aufgebaut ist und jedem Juden die Pflicht auferlegt, einer Kultusgemeinde anzugehören, hat ddic Juden von Bessahbien völlig unverbereitet getroffen, da es ja bekanntlich in dem alten Rußland, von welchem Bessarabien losgelöst wurde, keine legal organisierten Kultusgemeinden gegeben hat. Die einzelnen jüdischen Parteien von Bessarabien sind naturgemäß bestrebt, das künftige Organisationsgebilde nach ihren jüdisch-politischen Auffassungen zu beeinflussen. Sämtliche demokratischen jüdischen Schichten von Kischenew, unter ihnen auch die Jüdischnationalen und Zionisten, hatten sich zur Schaffung eines Vorbereitungsbureaus vereinigt und die Aufklärungsarbeit begonnen. Da begann der übliche Kampf der A g Ii d a gegen die erfolgreich arbeitenden Demokraten, der nach Sitte und Art aller dieser Kämpfe mit einer Verbitterung geführt wurde, der selbst die Allgemeine Oeffentlichkeit in unliebsamer Weise beschäftigte. In letzter Zeit nun wurden nicht ohne Aussicht auf Erfolg Versuche zur Schaffung einer gemeinsamen Plattform für die Qrundbestimmungen der zu schaffenden Kultusgemeinde in Kischenew und damit auch der jüdischen Gemeinden von Bessarabien gemacht. Die vereinigten demokratischen Gruppen stellten hiebei die folgenden Grundprinzipien auf: Das Alter der Wähler mit 2t Jahren zu bestimmen, den Frauen sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht zu gewähren, dem Rabbinat die gleiche Stellung wie jeder anderen Sektion der Kultusgemeinde zuzuweisen, und viertens die progressive Kultussteuer einzuführen. Demgegenüber ließen die orthodoxen Organisationen durch Oberrabbiner Zirelsolm erklären, daß für den Fall, als die Forderung nach dem aktiven und passiven Wahlrecht für die Frauen und die Koordinierung des Rabblnates mit den übrigen Sektionen der Kultusgemeinde fallen gelassen würde, eine Zusammenarbeit der orthodoxen mit den demokratischen Gruppen gewährleistet sei. Da die Demokraten den Antrag vorläufig ablehnten, wurde die Entscheidung vertagt. Im allgemeinen herrscht jedoch die Ueberzeugung, daß schon in den nächsten Wochen das zu schaffende Statut der neuen Kultusgemeinde im Kompromißwege Zustandekommen wird. Der jüdische Schneider hat eine Idee. Von B. Kowner (New York). r-». Da hält mich mitten' am hellen Tag ein Jude an. „Ich lasse Sie nicht weitergeh'n," sagt er, „ich weiß ja, wer Sie sind. Sje müssen mich anhören. Ich bin dessen sicher, daß Sie meine Geschichte, so wie sie geht und steht, werden verwerten können. Kennen Sie Menasche, den Zeitungsschreiber? Der hat aus mir vielleicht schon ein Dutzend Geschichten herausgeschlagen . , . Was, Sie haben keine Zeit? Lächerlich! Sterben müssen wir alle, da wird's auf ein bißchen Zeit nicht ankommen. Mag der Mensch noch so tief in Geschäften stecken, mag ein« Minute für ihn Millionen bedeuten, hat er keine Zeit, aber zum Sterben ... hat er Zeit genug. Sie müssen es also nicht so eilig haben. Hören Sic lieber meine Geschichte an. Gehen Sie «ach Hause, schreiben Sie sie nieder, schicken Sie sie an Ihre Zeitung, damit die Menschen was Anständiges zu lesen haben. Was sagen Sie? Ihre Frau wartet auf Sie mit dem Nachtmahl? Aber was! Spaß, was unsere Frauen uns schon für Nachtmähler auftischen! Hören Sic, es gibt keine einzige jüdische Frau, die gut kochen kann. Ich weiß, was ich sage. Ich hab' schon in vielen Häusern gegessen und — wie? Ich soll mich ans Thema halten? — Aber haben Sic doch ein wenig Geduld! Ich hab's nicht gern, wenn man mich antreibt. Dabei kommt nie was Gescheites heraus. Hat da mein Bruder seinen Sohn angetrieben und angetrieben, geht der hin, findet ein Mädchen und heiratet. Der schaut jetzt aber schön aus! Er hat nicht einen Knopf und sie, das junge Weibchen, will essen, wHt eine Wohnung, will Kleider, will sich unterhalten und er krepiert vor Hunger siebenmal am Tag. Beide haben schon das Beißen verlernt. Das hat man davon, wenn man antreibt! Darum sage ich Ihnen ja, treiben Sie mich nicht an! Ich bin schon von selber ein gutes Pferd und weiß, wie mau zu traben hat. Jetzt komm' ich zur Sache. Bevor ich zur Sache komm', muß ich noch eine Kleinigkeit bemerken. Wenn ich Jemandem was erzähle, pfleg' ich Einleitungen, Vorreden, Bemerkungen wegzulassen. Ich hab' das nicht gern. Es ist untaktisch, unklug. Ich geh' immer auf das Wesen der Sache. Jetzt geht's also los. Wie Sie 'mich da seh'n, .bin ich nicht mehr und nicht weniger als ein Schneider. Wenn in. der Union-Shop der Chef nicht herumspringt und herumfuchtelt, wenn der Werkführer kein langweiliger Patron ist, wenn der Schnittzeichner seinen guten Tag hat, geht es mir halb, aber nur halb. Wirklich gut ist es mir noch nie gegangen, wird es mir wohl auch nicht geh'n. Ein ganzes Leben laug arbeit' ich: nie Streik gemacht, nie stop gemacht, zwölf Monate im Jahr geschuftet. Was sag' ich, zwölf! Alles in allem gibt es doch nur im Ja'hr sechs Monate Arbeit, kaum, daß man vom Kohl die Einbrenn verdient. Es kommt vor, daß man in der einen Saison die Einbrenn verdient, in der anderen Saison den Kohl. Bei der Schneiderei ist es nun mal so. Deshalb sag' ich, es geht mir halb und halb. Ich bin nicht gut daran, versteht sich. N>i« kommt

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