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Die neue Welt · 1928-07-27 · Heft 45 (27.7.1928) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 45 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite « DIE NEUE WELT Nr. 45 Soldaten und Huligans sich zu einem Sturm auf die jüdischen Stadtviertel Lembergs anschickten. Rabbi Bratides begab »ich von der Synagoge zum russischen Gouverneur Grafen Bobrinski und setzte es bei diesem durch, daß sofort Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Viertel getroffen worden sind. Der Verstorbene war der Vater des Lodzer Oberraibbincrs, bekannten Zionisten und früheren Senators Dr. M. Brau des. Geboren im November 1840 zu Grcdno, stammte er aus -Jcr uralten Rabbiner-Familie B r a ttd e-^R appa- Port. Bereits in jungen Jahren genoß er den Ruf eines bedeutenden Talmud-Kenners. Seit dem Jahre 1907 — seit dem Tbde des Oberrabbiners Izsak Schmelkes — war er orthodoxer Oberrabbincr Lembergs. Unvergeßlich wird seine Haltung während der Russen-Invasion bleiben. Er lehnte es ab, die Stadt zu verlassen und harrte bei seiner Gemeinde ans. Am Vortage des Jom-Kippur veranstalteten die russischen Soldaten" in den Straßen Lembergs eine regelrechte Schießerei und machten es dadurch den Juden unmöglich, sich in Bethäuser zu begeben. Oberratobincr Braude wurde unter der Androhung von •'Bajonetten genötigt, sich zum Gerteraigouverneur Skallon zu begeben. Hier wurde ihm der Bescheid zuteil» daß die Juden am Jom-Kippur die Bethäuser werden frei aufsuchen können. Er war ein heißer Freund der jüdischen Renaissaneeidee, des Zionismus. Bei 'keiner zionistischen Aktion fehlte seine Unterstützung. Aufrufe für Keren Hajesod und Keren Kajenreth fanden immer seine Unterschrift. Einer seiner Söhne ist der bekannte frühere Führer der galizischen Zionisten, nachher Begründer "des jüdischen Schulwesens in Polen, Senator Dr. Markus Braude. Die Frommen. —y. Die militante Agudah hat für ihren Betätigungsdrang ein neues Feld gefunden. Ansonsten ist sie im jüdischen Leben positiv wenig zu verspüren. Ihre Lebensfunktion ist die aus bitterem Neid entspringende Kritik im Zionismus als Idee und Werk; aufbauend wirkt die Agudah nun einmal nicht und wo sie sich politisch bemerkbar macht, dort steht sie auf der Seite der antijüdischen Elemente. Sie ist keine Organisation, sondern eine Gesellschaft Mißvergnügter, an sich selbst zerfahren und uneins, aber stets auf der Wacht zum Schutze des lieben Gottes und dessen, was sie unter Religion verstehen,- und stets voll heiligen Kampfesmutes gegen das nationale Judentum. Daß das Judentum wieder zu einem politischen Willen gekommen ist, daranist der aktive Klerikalismus wahrlich unschuldig. Er war stets auf stilles, ruhiges, bescheidenes Sichfügen gestellt. Wäre nicht der Zionismus gekommen,,' so bestünde kein Judentum und keine Agudah. Der Zionismus hat die jüdische Frage aus den engen Mauern des Gemeindewesens herausgehoben . und ein jüdisches Einheitsbewußtsein geschaffen. Er ist in Palästina zur Tat geschritten und hat. die trennenden Weltanschauungsdifferenzen dem Bedürfnis des Ganzen; untergeordnet. Er. hat die völkerrechtliche Sanktionierung, der jüdischen politischen. Forderungen . durchgesetzt und wenn er heute in Palästina baut, so geschieht das für das ganze jüdische Volk. Würde die politische Position angetastet oder eingeschränkt, so wäre das ein Schlag für alle, auch für die Agudah; auch ihre Basis hat, so paradox das klingen mag, erst der Zionismus geschaffen. \ " ' Aber, die Agudah, die auf so gar nichts hinweisen kann, was für das neue jüdische Leben von irgend welchem Wert wäre, hat gegen den Zionismus Angriffspunkte in Menge. Vor allem, daß er die Religion aus dem Parteikampf ausgeschaltet wissen will; dann, daß er die hebräische Sprache zur Grundlage des nationalen Seins in Palästina macht. Angeblich widerstreitet das gewissen religiösen Interessen: Das kann niemand verstehen, der gerade zu denken gewöhnt ist. Ein Volk braucht eine Sprache; in ihr denkt es, in ihr singt es und in ihr verbindet es sich mit seiner Geschichte. Das jüdische Volk hat die hebräische' Sprache und es ist entschlossen, ihr die Herrschaft über Tag und Leben zu geben. Die Sprache soll nicht im umfriedeten Raum des Tempels ein abgesperrtes Dasein führen, sondern sie soll in Haus" und Straße und Markt herrschen. Sie soll Besitz des. jüdischen Kindes werden. Das ist natürlich auch ein Politikum. Denn die. gemeinsame Sprache wird das stärkste Band und das stärkste Mittel, nach zwei Jahrtausenden die jüdischen Stämme auf dem Boden des Landes zu einer einzigen Einheit zusammenzuschmieden. Man sollte glauben, daß die religiösen Gruppen dies vor allem begrüßen müßten, so wie sie das im deutschen Volk'getan haben, dessen religiöse Erneuerung von Luther, dem Begründer der deutschen Schriftspräche, ausgegangen ist. Aber im Judentum ist das nicht so. ' Der Zionismus will die hebräische III MARX ERGASSE 30-32 Te 16 p h o n * 90-5-67 *u rtd «>5-9-3Ö VI.MARIAH I UFE R STR. felephortr;,4l21 * ■V e'r l a n q e n S (-e .v,P "r O ' sxp <e'k t e r Sprache, also will die Agudah das nicht. Sie weint um das Schicksal der — deutschen Sprache und sie bleibt nicht beim Weinen. Nein, sie ist eine Partei der Tat und wenn schon nicht der jüdischen, so doch der deutschen Tat. Im Zentralorgan, dem Frankfurter „Israelit", wird auf die deutsche Regierung einzuwirken versucht und nicht ungeschickt der militante Kulturpatniotismus angerufen. Die führenden Zionisten in Palästina sprechen daheim hebräisch; das ist innerjüdisch, wie die Agudah sagt, ein Verbrechen; mit der Mandatsregierung sprechen sie englisch. Ginge es nach der Agudah, so müßten sie mit dieser Stelle deutsch sprechen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn es handelt sich um einen politischen Angriff auf den Zionismus und die Agudah steht' immer prinzipiell auf der Seite der Gegner. Sie geht dabei bis zur Selb'stvergessenlieif. Nehmen wir an, sie hätte Erfolg und das Mandat müßte von England aufgegeben werden. Dann wäre die jüdische Stellung in Palästina und mit ihr auch die Agudah erledigt. Es ist aber doch das eine im Judentum heute erreicht worden, daß sich nämlich die nationale Gemeinschaft in Palästina immer stärker entwickelt und daß die jüdische Geschichte ihren Weg so geht, wie ihn das Baseler Programm bestimmt. Die Heimstätte wird. Ohne die Agudah, die sich in ihrem Separatismus immer mehr vom jüdischen Volksganzen abschnürt. Sie ist jetzt bereits bei,' der deutschen Sprache angekommen und trägt das Hakenkreuz. Das nächste deutsche Sängerbundesfest wird in Frankfurt sein. Wir werden gerne einen Festwagen der Agudah begrüßen. Heil! Die Zeitungen geben ihrer freudigen Genugtuung über Slatcrs Freisprechung Ausdruck und bezeichnen seinen Sieg als den Sieg der öffentlichen Meinung Englands, die unter der Führung Conan Doyles und einer Reihe hervorragender Juristen und anderer führender Persönlichkeiten des offen tld oben Lebens in England im Laufe des letzten Jahrzehnts immer wiedero gegen das Urteil ankämpfte und schließlich das Parlament zur Annahme eines Gesetzes zwang, das die Einsetzung des Appellationsgerichtshofes ermöglichte. Nach Verkündigung des freisprechenden Urteils erklärte der Anwalt Slatcrs, daß auf Grund dieser Entscheidung Slatcr entschädigt werden müsse. Auch der ehemalige Premierminister und Arbeiterführer Rämsay Macdonald hat in einem Interview erklärt, Slater sollte für seine lange Znchtfoauszeit von der Regierung eine Geldentschädi'gun« bekommen. Der englische Dreyfus-Fall. Der Freispruch Oskar Slaters. Der aus Deutschland stammende Jude Oskar S1 ater, der vor bald zwanzig Jahren . unter der Beschuldigung der Ermordung von Miß Gi'l Christ in Edinburgh zum Tode verurteilt und darauf zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurde, ist vom Appellationsgericht Edinburgh frei (gesprochen worden. Mandelstainm und Brodski. Von Professor Mandelstamm in Kiew, der zu den führenden Persönlichkeiten des Zionismus in seinen Anfängen gehörte, wird die folgende hübsche Anekdote erzählt: Mandelstamm setzte seinen ganzen Einfluß daran, die reichen Juden von Kiew für den Zionismus zu gewinnen und sie zu bewegen, daß sie für palästimische Zwecke Geldopfer bringen. Als Mandelstamm vom ersten Zionistenkongreß nach Kiew zurückkehrte, berief er eine sogenannte Notabeinversammlung mit dem berühmten reichen Juden Brodski an der Spitze zusammen. In der Versammlung hielt Mandelstamm das Referat, sprach mit Begeisterung vom Zionismus und der Kolonisation in Palästina und über die Pflicht der vermögenden Schichten im Judentum, an dem Aufbau des Landes werktätig mitzuhelfen. Da unterbrach Brodski den Redner m'i't der scheinbar sarkastischen Frage: „Meinen Sie nun, Herr Professor, daß ich hier alle meine Fabriken und Besitzungen verkaufen und mich in Palästina ansiedeln soll?" „Gott bewahre," antwortete der Professor, „Wegen Sie denn in allen den Spitälern, die Sie mit Ihrem Geldc errichten und erhalten halfen, selbst krank?" Antisemitische Gesinnung eines Lehrers ist keine Privatsache. Aus New York wird uns geschrieben: Die Lehrerin au einer öffentlichen Schule, Mdß Mary Raymond, ist auch Besitzerin eines Hauses, das sie vor kurzem verpachten wollte und zu diesem Behufe in die lokalen Blätter ein Inserat einschalten ließ, laut welchem das Haus weder an Juden noch an Familien mit Kindern vermietet wird. Die lokale Schuibehördc erhob nun" die Forderung, der Lehrerin die Lehr'befähigung zu entziehen, da sie mit diesem Inserat, das nicht als ihre Privatangelegenheit anzusehen sei, den Beweis erbracht habe, daß sie eine. Gefahr für die ihr anvertrauten Kinder und für die demokratischen Grundideen des Amerikanismus bedeute. AUS PALASTINA. Der neue Chefsekretär der Regierung. Der neue Chcfsckrctär der Palästina-Regierung, H. C. Luke, der Lord Pliuner bis zum Eintreffen des neuen Oberkommissärs Sir John Chane eil or vertreten wird, ist am 19. Juli vormittags in Jerusalem eingetroffen und hat sein Amt'bereits angetreten. Er wurde am Bahnhof voii Regierungsbeamten, auswärtigen Konsuln und Führern der religiösen Gemeinschaften begrüßt. Er äußerte seine Freude, wieder in Palästina weilen zu dürfen. Einführung einer Unterrichtssfceuer. Die Palästina-Regierung hat-soeben eine neue Verordnung über den öffentlichen Unterricht herausgegeben; law; welcher jeder Magistrat :und lokale Vervyaltungsrat. in Palästina diec Funktionen der lokalen Schuibehörde;äusn. übt, das Recht auf Einführung; einer öffentlichen Schulsteuer erhält und für die Beistellung von Schulgebäuden, Anstellung von Lehrern usw.. verantwortlich ist. Den lokalen Schulkomitees sollen außer den Mitgliedern der Stadtverwaltung auch Regierungs.beamte angehören. — Als die Verordnung im. Oktober 1927 als Entwurf veröffentlicht worden war, erregte sie bei allen Teilen der Bevölkerung, bei Juden wie Arabern,"Zionisten wie Orthodoxen, scharfen Widerspruch. Alle erhoben die Forderung nach Befriedigung des natürlichen Rechtes der 'Bevölkerung auf die Erziehung der Kinder aus staatlichen Mitteln. , Wahrscheinliches Verbot der Kinderheirat; Wie die J. T. A. erfährt, gedenkt die Regierung im Hinblick auf den Fall eines zwecks Ehe verkauften zehnjährigen Jüdischen Mädchens ein Gesetz einzuführen, das eine Ehe von Mädchen unter 16 Jahren verbieten Söll. Die Handwerkerbank.; Die' ällgeroeiine Geldkrise Am .-letzten Jahre, die so eehr >üe Lage der Handwerker in den Städten Palästimas erschwert hat, hat die Handwenkerbank in Tel-Awiw zu einer Erweiterung ihres Dairlehenßgcschäftes Veranlaßt'. So wurden 1927 an 477 Mitglieder 1074 Darlehen in Höhe von Pf. St. 12.300 erteilt, gegen Pf. St. 9330 im Jahre 1926. Das Grundkapital der Bank wunde von Pf. St. 7200 Ende' 1926 auf Pf. St. 15.000 Ende 1927 erhöht. Die Bank zählt jetzt 1666 Mitglieder (Anteilbesitzer), von denen 640 im Auslände sind. (Die Bank ist eben noch immer gezwungen, einen Teil ihrer Mittel im Auslände, vor allem in Amerika zm suchen.) Ende 1926 betrug die Zahl der Mitglieder nur 1592. Die Baiibewegung in Tel-Awiw. Inn Juni wurden'. in Tiel-Awiw 76 Paulizenzcn für 59 Zimmer und 4 Läden erteilt, in einem Ausmaß von 2937 'Quadratmeter, gegen 2100 im Mai und 1600 im Juni 1927. Kann ein „ausländischer" Rabbiner in Palästina Anstellung finden? Die Frage, ob die jüdischen Gemeinden in Palästina einen Rabbiner aus dem Ausland anstellen dürfen, wurde dieser Tage von der Palästinaregierung aufgerollt. Der Gemeinderabbiner von Petach-T-kwah ist, wie seinerzeit be^ richtet wurde, im vorigen Sommer plötzlich gestorben. Die Kolonie beschloß nach längeren Debatten, den Rabbiner Abramspn aus Sluck in Polen zu bestellen und bestimmte auch gleichzeitig für die Kosten der Uebersiedlung des Rabbiners und seiner Familie den Betrag von 150 Pfund. Dieser Beschluß wurde behufs Bestätigung dem Gouverneur von Jaffa, Major Campbell, vorgelegt. Der Gouverneur verweigerte jedoch die Bestätigung mit der Begründung, daß Palästina, welches nach dem Willen der Juden selbst als „Merkas Ruchani" (geistiges Zentrujra für das gesamte Judentum) gelten soll, keine Rabbiner aus dem Ausland anstellen dürfe. Es könne auch in Palästina selbst ein geeigneter Rabbiner gefunden werden und es sei deshalb schade um diese überflüssige Auslage der Ubersiedlungskosten. d?s Verband«« radikaler zionisten« 13. Män bis 9. April 1929 Prospekte und Auskünfte auf Verlangen gratis b«! Frau BERTA TAUBES» Wien, II., Böckllnstraste 92 Telephon R-43-9-19 Telephon R-43-9-19

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