Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 45 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 45 DIE NEUE WELT Seite 5 1000 Dollar sind oft nicht so viel wert, als das Urteil zufriedener Gäste. Ein zufriedener Gast ist die beste Empfehlung! OTTO KASERER noch die Möglichkeit eines Verbleibens der ostgallziscben Abgeordneten im jüdischen Klub gegeben ist.;♦ Die Verheerungen, die dieser Zustand anrichtet, sind bereits ziemlich bedeutend. In Ostgalizien erheben in jüdisch-politischen Angelegenheiten nebst den kaufmännischen-, Handwerker- und Kleinhändler-Organisationen, sonstige sogenannte wirtschaftliche Gebilde und sonst bemittelte, ehrgeizige Personen in dem jetzt vor sich gehenden Kultusgemeinde-Wahlkampfe ihr Haupt zum Schaden einer geschlossenen, einheitlichen nationalen Politik. Da die Auseinandersetzungen zwischen Mehrheit und Minderheit im jüdischen Klub vor der breiten Oeffentlichkelt geführt werden, nicht nur in Zeitungsartikeln, in Volksversammlungen, aber auch In Sitzungen des Klubs selbst, ist dieser Zustand niemand, also auch der Regierung kein Geheimnis. Die Lage der Juden in Polen wird immer trauriger. Mit Recht mußte einer der Sprecher des jüdischen Klubs in der Budgetdebatte, der Abgeordnete Hartglas, diesen Zustand wie folgt schildern: In bezug auf die Juden werden bei Aufstellung des Budgets andere Grundsätze in der Einnahme- und andere in der Ausgabenseite angewendet. Ist es um die Ausgaben zü tun, so wird Polen als Agrarstaat behandelt, mit dem Uebergewichte einer ländlichen Bevölkerung, als christlicher Staat. Tritt man jedoch an die Einnahmenseitc des Budgets, so fällt das ganze Gewicht der Erhaltung des Staates auf die Städte, auf den Handel und das Gewerbe, de facto auf die jüdische Bevölkerung. Landwirtschaften bis zu 15 Hektar sind befreit von der Einkommensteuer. In'einem Staate also von 28 Millionen Einwohnern sind 15 Millionen Menschen von der Einkommensteuer befreit. Der Kleinhandel und das Gewerbe sind pauperisiert, das Budget basiert an! einer Exploitferung der städtischen Bevölkerung, deren Mehrheit die Juden bilden. Die ländliche Bevölkerung, die etwa 70 Prozent der .Gesamtbevölkerung Polens ausmacht, wehrt sich erfolgreich gegen die Steuern. Im einstigen Polen wollte der Adel keine Steuern zahlen und er verlangte vom König, daß er das Geld dem Staat zur Verfugung stelle. Jetzt gibt es keinen König. In der Richtung der Beistellung der Gelder haben ihn die Juden zu ersetzen, aber ohne seine Privilegien. Es.ist doch kaum zu überdenken, daß ein 28-MilIionen-Staat auf Kosten der drei Millionen' armer, klein'händleriscihjüdisoher Bevölkerung leben soll. Diese grelle, auf Grund nackter Ziffern erfolgte Beleuchtung der Lage der Juden Polens düTfte doch beweisen, daß der von Grünba'um vorgezeichroete Weg einer Ablehnung des Budgets und einer Stellungnähme gegen eine Regierung, 'die ein solches Budget vorlegt, der einzig richtige äst. Der Verband der englisch-jüdischen Gemeinden. In der letzten Sitzung des Deputiertenrates der b>ritdsehen Juden, die unter dem Vorsitz von O. E. d'A v i g d o r G o 1 d s <m i d stattfand, wurde mitgeteilt, daß mit dem Präsidenten des American Jcwish Committee, Herrn Louis Marshall, während esiner Anwesenheit in London ein Gedankenaustausch über die Frage der Zusammenarbeit des Joint Foreign Committee und des American Jewish Committee auf dem Gebiete des interterritorialen jüdischen Rechts- «nid I n t e r e s s c n s c h u t z e s gepflogen worden war. Man kam überein, sich in Zukunft über alle Fragen, die ein gemeinsames Interesse berühren und gemeinsame oder nebeneinander laufende Aktionen betreffen, sofern es die Umstände als erwünscht erscheinen lassen, vorher zu verständigen. Versprechungen Rumäniens. Der Bericht stellte fest, daß die antijüdisohen Ausschreitungen in Rumänien vollkommen aufgehört haben. Die Regierung zeigt sich entschlossen, ihre Versprechungen zu halten. Die Oppositionspartciicn haben ebenfalls eingesehen, daß sie aus antisemitischer Agitation wenig zu gewinnen haben. Der Anfang Juni unter dem Vorsitz von Guza in Jassy abgehaltene Kongreß der antisemitischen Studentenschaft verlief ohne Ruhestörung. Die Behörden ließen keinerlei Straßemkundgebung zu. Für die Opfer des transsylvanischen Pogroms hat die Regierung 24 Millionen Lei an Entschädigung gezahlt. (Bekanntlich stellte die Konferenz der jüdisch-neologen Gemeinden Traussylvaniens vor einigen Tagen fest, daß noch kein einzig er der geschädigten Juden irgendeinen Schadenersatz erhielt. Anm. der Red.) Herr BolHatten bemerkte zu dem Bericht, daß jhm kürzlich rumänische Juden gesagt haben, die Lage sei zu s c h r e ck lieh, um in Worten wiedergegeben zu werden, der antijüdische Terror bestehe nach wie vor, die Entschädigungsaktion sei ein schmachvoller Humbug, der Numerus clausus sei unleugbare Tatsache. mehr als einem Jahre verstorbenen früheren Ministerpräsidenten und langjährigen Finanzministers Italiens, Professor Luigi Luzzatti. Pontremolis Mutter ist eine Tochter Luzzattis. Luzzatti war sehr stolz auf die großen wissenschaftlichen Leistungen seines Enkels, der schon im Alter von 24 Jahren zum Professor für experimentelle Physik an der Universität Mailand ernannt wurde. Kurz darauf wurde er zum Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften gewählt. Er galt als eine der höchsten Autoritäten auf dem Gebiete der Physik, besonders des Erdmagnetismus und der Metallurgie. Eine grundlegende Arbeit Pontremolis über Erdmagnetismus wird in kurzem in Italien erscheinen. Als Pontremoli auf dem Wege zum Nordpol kurze Zeit in Berlin weilte (bekanntlich machte die „Italia" in Stolp in Pommern Station), besuchte er Professor Albert Einstein, mit den ihn schon seit langem wissenschaftliche Beziehungen verbunden haben. In Deutschland ergänzte Pontremoli auch seine für die Nobilc-Expedition gebauten Instrumente für die erdmagnetischen Messungen. Er begleitete die Nobilc-Expedition auf eine direkte Ein/» ladung der italienischen Regierung hin. Trauer um Professor Aldo In Rom gibt man nun denjenigen Teil der Mannschaft der Nobile-Expedition, der mit dem Rumpf des Luftschiffes „Italia" nach der: Katastrophe auf dem Eise der Arktis abgetrieben worden ist, verloren. Große Trauer herrscht um den hervorragenden jüdischen Gelehrten Professor Aldo Pontremoli aus Mailand, der sich bei dieser Gruppe befand. Pontremoli ist ein Enkel des vor Intl. RH Herzog WIEK b'$?gSZ£S&m*a Telephon 73-4-90 Sprechapparate jeder Art, sowie sämtliche jüdischen und hebräischen Schailpßatten in reichster Auswahl stets auf Lager PROVINZVERSAND! PROVINZVERSAND! 1——oacocoaaeaotfeotw c<aa»—oww»aooc»o»e«oea8ca »oaweog i Bernhard Jahr gestorben. Auch er ist nicht mehr. Wir sahen ihn erst, stramm wie er war, temperamentvoll seine Ansichten über dies und das im Zionismus und Misrachi verteidigen und nun weilt er nicht mehr unter uns. Bernhard Jahr, von berühmten Rabbinern abstammend, war der Typus eines jüdischen Kaufmannes, der leider mehr und mehr verschwindet. Er vereinigte in sich reiches jüdisches mit allgemeinem Wissen und war auch streng religiös. Schon in seiner frühesten Jugend schloß er sieh, obzwar ihm Familienzwist drohte, der Ghowewe Zion-Bewegung an. Als glänzender Redner verfocht er damals in vielen Versammlungen die Idee dieser Bewegung und wurde Mitbegründer des großen Ghowewe Zion-Vereines Tikwat Zion in Lemberg, dessen Präsident er 30 Jahre lang war. Nach Auftreten Herzls gehörte er der ersten zionistischen Garde an. Er wurde auch eines der ersten Mitglieder des Misrachi gleich nach dessen Gründung. Nach Ausbruch des Krieges kam er nach Wien, wo er sich •zionistisch und misrachistisch betätigte undin zahlreichen Versammlungen für unsere großen Ideen eintrat. Er starb Freitag, den 13. d. und wurde am Sonntag unter großer Beteiligung zu Grabe getragen. In der Synagoge in der Hetzgasse hielten Rabbiner Babad aus Kolisch und Rabbiner Horowitz, Wien, warme Nachrufe. Am offenen Grabe hielt im Namen der zionistischen und misrachisitisohen Organisation Herr M. 0. Groß einen tief empfundenen Nachruf. Es sprachen auch die Herren Isaik T u m i m und J. S. R e 11 e r. < .S. F. Rabbiner Arje Leb Braudes gestorben. Nach kurzem Leiden verschied in Lemberg am 16. Juli im Alter von 88 Jahren der hervorragende und in ganz Galizien populäre . Lembierger Gemeinderäbbiner Rabbi Arje Leb Braudes. Seit 21 Jahren bekleidete .• er das Rabbineramt in Lemberg. Zur Zeit der russischen Okkupation hat Rabbi Braudes einen der Judensohaft Lembergs drohenden Pogrom albgewendet. Es war ,am Vorabend des Versöhnunigsfestes, als [verwilderte .russische masmasaBm Gesegnet das Keimen Gesegnet die Sehnsucht' die lodert in Euch Ihr Kämpfer, Ihr Sieger! Chaluzim, Chaluzim! Und kornschwere Aehren Und Oel, Milch und Honig wohin Euer Weg führt wohin Euer Fuß tritt: Chaluzim, Chaluzim! „Der Ves istr einfältig genugK — sagte ich nur, um Abu Azra zu ärgern. »Ja, wenn du ihn nur auf den Lippen suchst" —I erwiderte Abu Azra ruhig. : Um zehn Uhr setzte sich der Zug in Bewegung und es wurde ein Uhr mittags, als unsere Gruppe vor derrt Grabe stand. Vor uns und hinter un die unüberehbare Menge der Grabbesucher in geordneten Viererreihen, einer flüchtigen Schätzung gemäß ewa zwanzigausendtt Menschen« Es war verboten, vor dem Grabe stillezustehen. Und auch so, Jn unermüdlichem Vorbeischreiten, wurde es drei Uhr nachmittags, ehe der ganze Zug am Graba vorbeidefilierte. Am Grabe selbst hielten die Makkabäer Ehrenwacht. Je secli herrliche jüdische Jungemänner in der Mskkabi-Tracht, Unbeweglich, wie marmorne Statuen. Als wir am anderen Ende des Friedhofes angelangt waren, zog mich Abu Azra aus der Reihe. „Nach Hause?" — fragte ich ihn. „Noch nicht" — gab er kurz zurück und blbb am Rande des Weges stehen. Wir warteten, bis die ganze Menschenmasse sich I an uns vorüberwälzte. Um vier Uhr nachmittags war endlich der Friedhof und seine Umgebung menschenleer. „Jetzt kqmm!" — sagte Abu Azra, faßte mich am Arm und überschritt wieder den Eingang zum Friedhof. In seinen Augen flackerte aufs neue der unruhige, suchende Blick und mit hastigen Schritten eilte er zum Grabe. „Und wieder, wieder" — kam es von seinen Lippen und seine Zähne schlugen klappernd aufeinander. Ich konnte nicht erraten/ woran er dachte, aber ich sah, daß seine ganze Gestalt sich zusammenkrampfte. „Abu Azra" — sagte ich und legte meine Hand auf seinen Arm, um ihn zu beruhigen. „Abu Azra, Brüden, jetzt sind yvir allein am Grabe des Propheten. Willst du Kaddisch mit mir sagen?" Er schaute mich verwundert an. „Kaddisch!? Hier? ... So schau doch hin!" Abu Azra zeigte auf das Grab. Aber als er saly daß ich ganz verständnislos vor mich hinstarre, zog er seine Brieftasche und entnahm ihr eine verwelkte Dahlie. „Siehst du?" — fragte Abu Azra. „Ich sehe." „Und diese hier?" — fragte Abu Azra wieder und hob einen frischen Dahlienstrauß vom Grabe. Ich schüttelte den Kopf. „Abu Azra, ich verstehe dich nicht. Ich spreche vom Kaddisch und du hältst mir verdorbene Dahlien vor mine Ag." Aus Abu Azra brach ein Lachen, süß, mit Orgeltönen, so, daß ringsum die stummen Grabsteine sich über diese eigenartige Entweihung wunderten- „Höre, Bruder" — sagte endlich Abu Azra. „Seit drei Wochen forsche ich nach dem Jemand, der täglich einen frischen Dahlienstrauß auf das Grab des Propheten, legt. Unscheinbare, kleine bäuerliche Blumen, aber Blumen. Und den ewigen Duft der Seele hauchen sie aus. Weißt du nicht, Bruder, daß die Seele Duft ausströmt? Manche hat einen feinen Duft, manche wieder riecht widerwärtig. So widerwärtig, daß man es auf Meilenweite verspürt. Riech einmal. Diese Dahlien haben den Duft einer Seele. Armenseelenduft. Loderascheduft. Der Duft einer Seele, die unter einem Aschenhaufen glüht und nicht wagt, aufzuflackern, weil sie sich vor etwas fürchtet. Was fürchtet sie? Und jeden Tag sind diese frischen Blumen hie.- und edr Dut ersterebnder Funken strömt aus ihnen wie ein leiser Psalm ins Unendliche und niemand weiß von ihm, niemand weiß, wer diese Blumen bringt. Ich glaubte, heute endlich diesen Jemand zu treffen unter den vielen, vielen. Es ist m&r nicht gelungen. Aber ich werde nicht ruhen, bis ich ihn finde. Ich mache milch, Bruder, auf einen schönen Forschungsweg, auf eine Entdeckungsreise. Ich muß, ich muß es erfahren, wer diese Dahlien, diese Aschenseelenblümen aufs Grab des Propheten legt. Wenn du willst, komm mit mirö" „Aber der Kaddisch" —- sagte ich und sah erschrocken auf Abu Azra. Ich fürchtete, sein Geist wäre verwirrt. Abu Azra zuckte ungeduldig mit den Schulten. „Und du glaubst noch immer, daß du vor einem Grabhügel stehst und daß ein Toter darunter liegt? Dir ist er noch immer ein Toter, er, zu dem man mit Kampfraärschen kommt und dem jeden Tag lebendige Liebende frische Blumen bringen? Oh, du armer Ungar, sag nicht Kaddisch um Lebende. Eher um dich." Und Abu Azra legte mit liebevollem Lächeln die Dahlien auf das Grab des Propheten und streichelte zärtlich den Grabstein. 3