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Die neue Welt · 1928-07-27 · Heft 45 (27.7.1928) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 45 (27.7.1928)
Date
1928-07-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seife 4 DIE NEÜE WELT Nr. 45. gegenüber. Vieles haben sie bereits jetzt in London auf der Sitzung gelernt, und noch viel mehr werden sie in Palästina lernen. Die positiven und negativen Momente der Bildung der Agency müssen nochmals abgewogen werden. Diese luden sind uns noch fremd, aber es ist nicht .ihre Absicht, ans fremd zu bleiben. Bei allen schweren Bedenken, die er iahe, würde er sich nur schwer zu einer Ablehnung entschließen. Wir müssen also <*eu Bericht rektifizieren. Jene laben die nationalen Gesichtspunkte den wirtschaftlichen subordiniert, wir müssen das Umgek-ehrtc fordern oder zumindest eine Koordination. Lichtheim erklärt, keine Hoffnung auf die Möglichkeit einer Verständigung seiner Gruppe und der Executive zu haben. Die Agency-Fragc ist nur eine Teilfrage. Der Bericht sollte uns einen Aufbauplan für zehn Jahre reben, hat uns aber keinen gegeben. Wie stellt sich eigentich die Exekutive das Weitere vor? Ben Gurion Ist froh, daß jetzt endlich volle (larheit herrscht. Bs gibt darauf nur eine Antwort, sin Nein ohne jede Ein schränk u n g. Wir können inserc Ideologie nicht aufgeben. Wir wollen Genossen für mscre zionistische Arbeit, und was zionistische Vrbeit ist, b es t'i mincn wir selbst. Mossinsohn erklärt, daß durch die mehrjährige ^gcncy-Politfck die Organisation lin eine solche Lage gekommen ist, daß jetzt die Ablehnung viel schwerer ist, als f r üb c r. Unsere Bewegung sorgt etzt nur für den Augenblick. W.ir müssen neue Gegenvorschläge auszuarbeiten, aber ein Eintrittstür offenhalten und vährenddessen unsere Organisation stärken. Bei Einhaltung ler Richtlinien des Kongresses önnen wir auch jetzt zu sin er Erweiterung bereit sein. Die vierte Sitzung. Am Sonntag vormittags— in der vierten Sitzung — sprach Herr Goldbloom, der. meinte, daß weitere /crhandlungen möglich sind, denn sonst hätte Lord Welchett (Mond) nicht die Präsidentschaft der engischen zionistischen Organisation nicht übernommen. Rabbi Weier Berlin erklärte, daß man vor einem geistigen Uganda stehe. Die zionistische Exekutive glaubt an unsere Kraft licht mehr als die Agency. Die, die Agency ablehnen,;rklären nicht, was ihrer Meinung nach mit ihrem absoluten >fcin rnorgen^ sein wird. Entweder können wir uns selbst md unsere Führer zu einem absoluten Glauben an unsere tfgenen Kräfte aufraffen, oder wir müssen auf alles einschen. M. Großmann erklärt sieji als-Revisionist gegen -die Erweiterung der Agency. Es sprachen sodann die Herren Naiditsch, Jakob rischmann, Kaplan, Brodetzky und Bhimenfeld. Fünfte Sitzung. . Sonntag nachmittags . wurde die Generaldebatte fortgesetzt. Die Redezeit wurde auf zehn Minuten beschränkt. Dr. S o 1 o w e i t s c h i k (radikal) fragt, ob Dr. Weizmann dem Bericht der Kommission zugestimmt hat und ob das vorgeschlagene provisorische Komitee Jen Kern der künftigen Agency bilden soll. Er will auch wissen, was mit dem Mandat geschehen wird. Es sprechen noch Dr. Hindes, Dr. Federbusch, Dr. Halpern, Lewite, Rubaschow, Dr. Thon und Rabelski, worauf die Debatte geschlossen wird. GELB AN O & C9, WIEN, IX. GRUNDLSTR. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ♦! Der jüdische Klub in der ersten Session des polnischen Parlaments. Von unserem Warschauer N.-R.-Korrcspondentcn. Die Session des ncugewiihlten polnischen Parlamentes wurde sofort nach Erledigung des Budgets von der Regierung geschlossen. Das Verhältnis dieses Parlamentes zur Regierung ist nach wie vor ungeklärt. Eine jeweilige Mchrhcitsbildung war nur dadurch möglich, wenn gewisse Gruppierungen aus ihrer Oppositionscinstellung nicht die letzten Konsequenzen gezogen haben und bei wichtigen Abstimmungen entweder sich der Stimme enthielten oder dem Sitzungssaal fernblieben. Der Sejm-Marschall Daszynski gab sich die größte Mühe, um durch Einflußnahme auf die Kommissionen einem endgültigen Bruch des Marschalls P i 1 s u d s k i mit dem Sejm' vorzubeugen. Das Interview des Herrn Polens, des Marschalls Pilsudski, deutet jedoch ■ darauf hin, daß dieser die Uebcrraschung bei der Konstituierung, in der sein Manu, Prof. B a r t e I, nicht zum Sejm-Marschall gewählt wurde, nicht überwunden hat und daß die Acndcrung der Verfassung und die innerhalb dieser neuen Verfassung dem Parlament zuzuweisenden Befugnisse zu den von Pilsudski gewünschten Zielen führen werden. Angesichts einer solchen Lage ist die Verantwortlichkeit der parlamentarischen Vertretung der Judenheit Polens um so größer, die Findung der richtigen Linie um so schwieriger. Es ist daher unendlich zu bedauern, daß dieser Moment leider die jüdische parlamentarische Vertretung nicht auf der Höhe findet, die den Juden Polens in ihrem eigenen Interesse und mit Rücksicht auf die weitere Entwicklung einer selbständigen jüdischen Politik in der Diaspora auch für alle nationalen Juden der Welt und die nationalen Minderheitsbestrebungen zu wünschen wäre. In dieser ersten Session schneidet der jüdische Parlamentsklub nicht besonders günstig ab. Seine ganze Zeit war den' Vorverhandlungen, Verhandlungen, Besprechungen und Bemühungen um eine einvernehmliche Konstituierung und die Bildung einer nach außenhin geschlossenen und solidarischen Körperschaft gewidmet. Nach wie vor konnten jedoch die Gegensätze nicht überbrückt werden, sie scheinen eher vertieft. * Der jüdische parlamentarische Klub bestellt aus zwei Gruppen. Die Mehrheit, die; Abgeordneten und Senatoren aus Kongreßpolen und den Randgebieten unter der Führung des Abgeordneten Gr ü trb aum, ist für die weitere Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen auf der Grundlage einer Auseinandersetzung von Volk zu Volk. Sie legt kein besonderes Gewicht auf Besprechungen und Konferenzen in ministeriellen Vorzimmern und Kabinetten. % Ueber die tägliche Not der , einzelnen hinaus und. die dadurch bedingten. Interventionen, denen die Mitglieder dieser Gruppe gewiß nicht aus dem Wege gehen, aus denen sie jedoch. kein Prinzipmachen, scheint es ihnen angezeigt, die Interessen einzelner Wirtschaftsgruppen, jedoch auch nur dies im Ra,hmen der Bedürfnisse des Volksganzen wahrzunehmen. So sehr sie, insbesondere Abgeordneter Grünbaum, der den. Maiiimsturz- Pilsudskis begrüßt 'hat, in, der gemeinsamen russischen Vergangenheit so manches mit diesem ehemaligen Revolutionär, und nicht zuletzt gemeinsame Sentiments des Unterdrücktseins und der Konspiration verbinden, hatten sie immer den Mut, auch einer Regierung Pilsudski ihre Versäumnisse' Gänzlicher Saison-! Kd«BiHMRBBAM»RfA«i«fllltf V Wegen bevorstehender Uebersiedlung verkaufe um Jeden Preis alle Arten Re^sekoHer* neu patentierte Auto« und €oupö«S«hrankkoffer Reiserequisiten u. Lederwaren neuester Modelle Lm stoi Erfinder und Erzeuger der patentiert. Luftschiff-, Touristen-, Auto- und Coupd-Schrankkofler gegenüber den Juden und den anderen nationalen Minderheiten vor Augen zu halten, ■hatten sie die Entschlossenheit und die Kraft, sich auch Verfolgungen, .insbesondere während der letzten Wahlen auszusetzen und entgegenzustellen. Hinter ihnen stöht auch die im letzten Wahlkampfe, erprobte und gestallte jüdische Volksmasse. Die Min deir-in ed t des jüdischen ParlamentMuibs bilden die vier Abgeordneten und der eine Senator ams Ostgalizien unter der Leitung Reichs. Sie möchten, tsnd das war ihre Wahlplattform, die jüdische Partei PHsudslds sein. Sie glauben, daß es nötig ist, mit dieser Regiertmg •und mit jeder, die Pilsudskis Autorität haben wird, sich m verhalten. Neibst dem Prinzip einer jüdischen Politik, das sie mi Kandidatenreden und bei sonstigen feierlichen Anlässen hervorheben, scheinen sie jedoch die Notwendigkeit des Alltags in den ununterbrochenen Interventioneai z>u sehen. Es beirrt sie nicht, wenn der parlamentarische Klt*b der Regierung auch Juden in seiner Mitte ihat. Es stört sie nicht, wenn auch sie bei den Wahlen hie und da nicht so behandelt wurden, wie es Rcgierungsjuden gehofft hätten. Sie intervenieren unverdrossen, wenn zionistische Präsidenten von Kultusgemeinden durch v o n d e r R egi erung e r n a n n t c, . ih r genehmere nicht zionistische Regicrungsikommissär« ers etat werden, wenn sie sich bei Kultuswahlen in einzelnen Orten den Mißbrauchen der alten Kahals-Cliquen nicht gewachsen zeigen. In der Theorie sind sie für ein« einheitliche Organisation der Zionisten Polens, in der Praxis bauen sie in Ostgalizien die Separierung itumet mehr ans. In. der Theorie sind sie für eine einheitliche, solidarische jüdische parlamentarische Vertretung, in der Praxis haben sie bis heute die Existenz einer solchen in der letzten Session nicht bejaht. Monate- und wochenlang verzögerten sie die Konstituierung, des jüdischen Parlanientskluibs. jSie legten sich den Grundsatz zurecht, daß bei einem solchen und'ähnlichen' Anlassen nicht die Majorität, sbindern der zu erlangende einheitliche Meinungsausdruck aller zw entscheiden hat. Und als sie endlich vor Sessionsschiuß die Wahl des Abgeordneten Grünbaum zum Präsidenten des ParlanientsMiibs vorschlugen, taten sie es in der Hoffnung", daß Grünbaum selbst eine Wahl nioht annehmen und daß •er zufolge Abwesenheit der meisten der hinter ihm stehenden Senatoren auch'keine Mehrheit finden wird.'Als aber Grünbaum gewählt wurde, da war bereits eine Deklaration der Reichsleute fertig. Es begannen Artikel, Interviews,; die dahin gingen, daß die Exekutive der Ostgalizischen Zionisten zu entscheiden haben wird, ob unter Führung Grünbaums und des von ihm repräsentierten Systems ■■DranaHHBBBBBaHnaBHiams^^ weiß-Verbindung, Mädchen und Knaben gesondert, und alle in ihren hübschen Wanderkleidern. Alte Juden, mit weißen Bärten und zerzausten Schläfenlocken, und Uni" versitätshörer, Burschenschafter mit ihren Couleurs: blaue Samtkappen, rote Seidenkappen, die Ivria, die Herlia, die Kadimah, die Bethulia, und Frauen und Mädchen, und alle in schöner Ruhe und alle voll feierlicher Erwartung. Und der Regen ging nieder und wenn wir aus der Vogelperspektive dieses Bild hätten sehen können, so wäre es uns erschienen, wie eine riesige, aus Menschenmassen gebildete Windrose, in deren Mitte gerade vor der Hochschule für Bodenkultur in strammer Unbeweglichkeit die „Makkabi"-Truppe steht, rings um sie Judenmädchen, die wortlos blau-weiße Kokarden verteilen. Abu Azra kam nicht zur Ruhe. Er hängte sich in meinem Arm ein und vorerst nur im Schritt, später aber5 in immer rascherem, ungeduldigerem Tempo riß er mich mit, von Gruppe zu Gruppe. Seine dunklen Augen streiften mit unermüdlicher Unruhe von Gesicht zu Gesicht, er suchte etwas, vielleicht wußte er selbst nicht was. Schließlich blieb er erschlafft, in sich zusammengefallen, stehen. „Ich glaube, auch hier ist es nicht" — sagte er mit einer wunderbar tiefen Baßstimme — und das war das erste Wort, das ich an diesem Tage aus seinem Munde hörte, seit er mich aus dem Morgenschlaf geweckt hatte. Aber was das sein konnte, was er auch hier nicht fand, das ließ er mich nicht wissen. Seine Lippen preßten sich' fest aufeinander, seine Augen leuchteten nicht mehr, mit samtener Kälte beobachtete er, was rings um ihn vorging. * Wir standen vor der Gruppe der Chaluzim. Von einer nahen Turmuhr schlug die zehnte Stunde und die Chaluzim ordneten, sich leise und rasch zum Zuge. Ein scharfes Kotntnandowort erschallte, ein hebräisches Kommando. Eine Minute — und fünfhundert Chaluzim, den Rucksack auf den Schultern, in militärischen Viererreihen« warten unbeweglich auf den Befehl. Noch ein Kommando und die Chaluz-Gruppe marschiert. Wir hatten keine Zeit mehr, uns irgendeiner bürgerlichen Gruppe anzuschließen. So schlugen wir uns zu den Chaluzim. Nach dem dritten Schritte hüben die Chaluzim einen Marsch an, der uns alle aufriß wie leichter elektrischer Schlag. Ein hebräischer Marsch, hart und zuversichtlich, nicht an Gräbern klagend, sondern das Leben rufend und immer wieder und immer wieder der Refrain: „Chaluzim, Chaluzim." Abu Azra schritt mit stummem, gleichgültigem Gesichte neben mir einher. Ich wußte, daß ihm etwas wehe tat und ich liebte diesen eigenartigen orientalischen Menschen — ich wollte ihn zwingen, zu sprechen. „Abu Azra" — sagte ich ■— „was für merkwürdigen Marsch singen diese Chaluzim und wie sonderbar, daß sie singend zum Herzi-Grabe gehen." „Warum sonderbar?" — gab Abu Azra zurück. „Glaubst du denn, du Ungar, daß diese da einen Tote* besuchen?" So oft Abu Azra etwas an mir oder in mir nicht gefiel, gebrauchte er die Anrede: „Du Ungar." „Abu Azra" — fing ich wieder an — „ungewöhnlich ist dieser Marsch und sehr ungewöhnlich seine Melodie. Den Text verstehe ich nicht gut, weil sie hebräisch singen. Willst du ihn mir nicht übersetzen, damit ich ihn besser erfasse?" . Abu Azra war ein Meister der Improvisation. Einige Augenblicke lang schaute er wortlos vor sich hin, dann antwortete er: „Warum nicht?" Und der Rhythmus des hebräischen Gesanges verband sich mit Abu Azras schöner Orgelstimme: Unterm Tritt ihrer Füße blitzen und trümmern ächzend Wegsteine — so gehen sie vorwärts Chaluzim, Chaluzim! Straff spannen sich Brüste, es glühet ihr Atem, feurige Garben schlagen aus ihnen: Chaluzim, Chaluzim! Und auf ihren Schultern schlägt heiligen Rhythmus Harke und Spaten Schaufel und Stichel Chaluzim, Chaluzim! Und Harke und Schaufel Und Stichel und Spaten Felsen bezwingend Heimat erobernd Chaluzim, Chaluzim! In noch nie geschautes, In heiliges Traumland ziehen sie siegfroh — sie gehen erobern: Chaluzim, Chaluzim! Land ihrem Volke dem traurigen, schönen, dem Volk ohne Boden, dem Volk ohne Heimat: Chaluzim, Chaluzim! _£■&. :iy-TVfj-'*'-*n**hi.: ,»w.-- "•^jaaiMutBfa,'»!

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