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Die neue Welt · 1928-07-20 · Heft 44 (20.7.1928) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 44 (20.7.1928)
Date
1928-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite DIE NEUE WELT Nr. 44 MI.MARXERG ASSE'30-32 T e l e p n o rt : 9 0-5-6 7.. U r\ et 95-9-38 VI. M A VtF E R S f Ri 9 ' V;; l,£ p K o'n.'r. V.1 \-; v e'r-l a n q e H; S i e p r b s p e' k ,t e! Der englische Dreyfus-Fall. Der Revisionsprozeß Oskar Slaters. — Neunzehn Jahre unschuldig im Zuchthaus. Aus London wird uns geschrieben: Vor dem Appellartionsgericht in Ed in'bürg' begann am 9. Juli das Wiederaufnahmeverfahren in dem Prozesse Oskar Slaters. Die „Neue Welt" hat im Herbst des Vorjahres ausführich über diese Affäre berichtet, die man den englischen FaH Dreyfus genannt hat. Oskar S l a t e r, ein jüdischer Kaufmann, war vor 19 Jahren auf einen Indizienbeweis hin wegen Raubmordes an dem 82jährigen Marion GH ehr ist zum Tode verurteilt und einen Tag vor der festgesetzten Hinrichtung zu einer Zuchthausstrafe begnadigt, worden. Die dem Verfahren zugrunde liegende, vor 19 Jahren begangene Mordtat wird vielleicht nie. vollständig aufgeklärt werden. Hausleute hatten kurz nach der Tat im Dunkel der Treppe nur flüchtig einen Mann gesehen, der ruhig aus der Wohnung kam und dann eiligst die Treppe hinabstürzte. Am 24..Dezember 1908 wurde die Polizei davon verständigt, daß ein Mann namens Oskar versucht hatte, einen Pfandleihschein auf eine Diamahtbroschc zu verkaufen. Bei Nachforschungen wurde entdeckt, daß Slater mit einer Frau nach Amerika . abgereist war. Bei seiner Ankunft in New York wurde er verhaftet. Bereits während des Auslieferungsverfahrens ergaben sich Unstimmigkeiten 'bei der Identifizierung Slaters scitens^der Zeugen, die nach Amerika gebracht worden waren. Slater, der seine Un s c h ul d .beteuerte, erklärte sich freiwillig 'bereit, der Polizei nach Schottland zu folgen, um sich gegen die Anklage des Mordes zu verteidigen. Bei dem Gerichtsverfahren in Edinburg stellte sich heraus, daß die von Slater verpfändete Diamäntfbrosche s e i n Eigentum war und sich niemals im Besitz des Ermordeten beifand. Ferner wurde erwiesen, daß seine Abreise nach Amerika ohne jede Geheimnistuerei, und lange vorbereitet erfolgt war. Die Zeugenaussagen schwankten, wurden bestätigt und wieder widerrufen.; Sechzig Zeugen wurden vernommen, doch Slaters Schuld wurde niemals richtig bewiesen. Der'Richter Lord Guthrie führte für Slater als belastend an, daß sein Leumund durchaus nicht gut sei und daß er.ein mysteriöser Fremder sein, der bereits einmal den Namen gewechselt habe. Die Geschworenen erkannten Slater mit einer Mehrheit von 9 zu 6 schuldig. Er wurde z u m T o d e verurteilt. Auf eine von 20.000 Personen unterschriebene Petition hin wurde Slater begnadigt und zu Zuchthaus verurteilt., Im Jahre 1914 machte der Detektiv Fre-nch, der die Nachforschungen im Falle Slater geleitet hätte, Enthüllungen, die den Schluß zuließen, daß zumindest ernste Zweifel an seiner Täterschaft bestanden. Eine offiziell, aber geheim geführte Untersuchung wurde aufgenommen, die Jedoch das gefällte Urteil des Edinburger Gerichtes bestätigte. Der Detektiv F r e n c h wurde des Dienstes enthoben und Slater, der fortgesetzt seine Unschuld beteuerte, brachte weitere vierzehn Jahre im Zuchthaus zu. Da nunmehr in Schottland ein Appellationsgerichtshof eingesetzt wurde, konnte Slater mit Zustimmung des Parlamentes in einem neuen Verfahren seine Ehre rechtfertigen. Slater wurde in Freiheitgesetzt. Conan Doyle, der sich in der englischen Oeffentlichkelt stets'für Slater eingesetzt hat, hat die Rechtsanwälte, die Slater vor seiner Auslieferung in Amerika vertraten, veranlaßt, nach England zu kommen und für ihn auszusagen. Nach zweitägiger Verhandlung, der Slater beiwohnte, ohne vernommen zu werden, faßte der Staatsanwalt das Ergebnis zusammen. Er hält die Indizien nicht für ausreichend, eine Verurteilung Slaters zu rechtfertigen. Wann das. Gericht sein Urteil bekanntgeben wird, steht noch nicht fest. Mitteilungen Slaters. Beim Verlassen des Geriohtssaales erklärte Oskar Slater Vertretern der Presse, daß nur das Bewußtsein seiner Unschuld und der Glaube an den Durchbruch der Wahrheit es Ihm ermöglicht hatten, die 19 Haftiahre gut zu überstehen. Als ihm die Richter seinerzeit die Mit-. teHuug machten, daß das gegen ihn ausgesprochene Todesurteil nicht vollzogen werde und eizu lebenslänglichem Kerker begnadet sei, erwiderte er den Richtern: Das habt Ihr getan, um Euer eigenes Gewissen zu entlasten; Ihr habt damit aber nur den Rahm aus dem Gefäß Eurer Schuld abgeschöpft. Slater erzählte noch, daß er in den langen Gefätigutejahren sich viel w45senscba*t*fcher Lektüre «©widmet und vor den MHbäit. lingen 26 Vorträge über verschiedene Themen der Physik, Psychologie usw. gehalten hah Er schloß: loh bin nun von meinem anfänglichen Begehren nach Wiedervergeltung geheilt; ich will nicht mehr Rache, sondern d i e Reinwaschung meines Namen s. Zola an Dreyfus. Ein unbekannnter Brief. Die Berliner „Nene Rundschau (S. Fischer Verlag) bringt unveröffentlichte Briefe Emile Z o I a s. Wir reproduzieren die Zuschrift an Alfred Dreyfus. Paris, 6. Juli 1899. Herr Hauptmann, wenn ich Ihnen nicht als einer der Ersten sofort nach ihrer Rückkehr nach Frankreich geschrieben habe, um Ihnen meine Teilnahme und meine Bewunderung auszusprechen, geschah es in der Befürchtung, meine. Worte würden Ihnen unverständlich bleiben. Ich wollte abwarten, bis Sie Ihren Bruder gesehen und von ihm über unsere langwierigen Kämpfe gehört haben. Nun benachrichtigte er mich eben, daß Sic sich wohl befinden, daß Sie voll Mut. und voll Zuversicht sind. Ich kann also aus tiefstem Herzen zu Ihnen sprechen und darf sicher sein, daß Sie mich verstehen. Ihr tapferer Bruder war die ganze Zeit über Hingabe, Mut und Klugheit in eigener Person. Ihm allein ist es zu danken, wenn wir seit achtzehn Monaten den Kampf für Ihre Unschuld führen durften. Welche Freude war es für mich, zu hören, daß Sie ungebrochen jenem Grabe entstiegen sind, daß jenes entsetzliche Martyrium Sie nur geläutert hat und größer werden ließ! Noch ist freilich das Werk nicht zu Ende; Ihre Unschuld muß rückhaltlos anerkannt werden, damit Frankreich aus dem moralischen Zusammenbruch gerettet werden kann, in dem es beinahe versunken wäre. Solange ein Unschuldiger i in Kerker schmachtet, haben wir kein Anrecht, unter den Völkern mitzuzählen. Durch Sie erwarten wir den Sieg der Gerechtigkeit und damit den inneren Frieden; Sie sollen unserem großen, aber unglücklichen Volke endlich die ersehnte Ruhe bringen! An Ihnen liegt es, unser Werk zu vollenden, an ihnen, als dem Mann, für den wir gekämpft haben, an Ihnen, der uns zum Sinnbild menschlicher Schicksalsgemeinschaft wurde. Erst wenn dem Unschuldigen sein Recht geschehen ist, wird Frankreich wieder das Land der Rechtlichkeit und des menschlichen Empfindens sein! Für Sie geht es auch um die Ehre der Armee, die Sie so*, sehr geliebt haben, in der Sie die Verwirklichung Ihrer Ideale gesucht haben. Hören Sie nicht .auf jene, die die Armee verunehren, indem sie ihre Größe auf Lüge und Unrecht aufbauen wollen! Wir allein kämpfen für die Armee! Wir werden ihr voll Freude zujubeln an jenem Tage, an dem Ihre Kameraden durch Ihren Freispruch den höchsten Beweis reinen und lauteren Willens gegeben haben: das Ei n b c k e n n t n i s eines Irrtums. Dann wird die Armee nicht allein der Inbegriff der Macht, dann wird sie auch der Inbegriff des Rechtes sein! Mein Herz strömt über; ich kann Sie des tiefsten Mitempfindens versichern für alles, was Sie gelitten, für alles, was Ihre tapfere Frau gelitten. Meine Frau ist eins mit mir in dem Verlangen, in diesem Brief das Beste und Stärkste an Gefühlen hineinzulegen, damit Sie empfinden, wie sehr alle Rechtwollenden mit Ihnen sind!... Die erste Palästinareise des Verbandes radikaler Zionisten wird mit der „Ausonia", dem neuen Luxusdampfer der „Sitmar", unternommen. Es muß hervorgehoben werden, daß auf komfortable Unterbringung in den billigeren Schiffskategorien Bedacht genommen wurde und daß in der III. Klasse einfach und speziell eine große Anzahl Kabinen ä 4 Betten zur Verfügung stehen. Ein gemeinsames Spazierdeck für unsere Reisegesellschaft ist ein weiterer großer Vorteil, der den Aufenthalt auf diesem prächtig ausgestatteten Schiffe besonders angenehm macht. Wir empfehlen allen, welche die Reise mitmachen wollen, den dem Prospekte beigeschlossenen Anmeldeschein umgehend an die Adresse: Frau Berta Taubes, Wien, M., Btfcklinstraße 92 (Tel; R-43-9-19), abzusenden Prospekte werden über Verlangen gratis zugesendet. mi »SITMAR ({ Socletä Itallana dl Servlil Marlttiml i: uwnmmvm..g>gtf^mtfHtfjwjiwH.igwvwnv»w wöchentlich mit den Luxusdampfern M und f»« R«S«<mt!Qlg« llllinlan nach PalHstlna^rlachonland, Konstantlnop«! Rundfahrten Im Mittalmeer Billige Sommerfahrten Auskünfte: .SItmw", I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwai zenbergplatz) Telephon 55009 IS =n m « \W u-Mv Aü-ii' 42i&ä|*/m/'1S^ ^uMxhii^^ü^ Der Fall Frieders. Der Landtag von Thüringen beschloß, das Gnadengesuch für den ehemaligen Oberstaatsanwalt Dr. F r i eders der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Der Antrag auf Einstellaimg des Disziplinarverfahrens wurde abgelehnt. Als im Februar des Jahres 1924 in Thüringen die Hakenkreuzler ans Ruder kamen, begannen sie eine rücksichtslose Kampagne gegen die markantesten Persönlichkeiten des zurückgedrängten Linksregimes, ganz besonders aber gegen den jüdischen Staatsbankpräsidenten L o c b. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um ihn ins Verderben zu ziehen, Und es geTang schließlich, ihn im einen Betrugsprozeß zu verwickeln. Da stellte sieh diesen Vernichtungsbestrebungen ein unerwartetes Hindernis entgegen: der Oberstaatsanwalt Dr. Frieders. Während des Weltkrieges war er Hauptmann und mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse ausgezeichnet worden. Dennoch sahen ihn die rechtsradikalen Politiker scheel an, weil sie entdeckt hatten, daß er Jude sei. Als Dr. Frieders nun die Ueberzeugung laut werden ließ, daß man Loeb ein Unrecht zufügen wolle, und als er dem Staatsanwalt Floel die Weisung gab, einen Antrag auf Einstellung der Verfolgung des Bankpräsidenten auszuarbeiten, wandte sich der ganze Zorn der Rechtsradikalen gegen Dr. Frieders. Dagegen war Staatsanwalt Floel, ein nationalsozialistischer Parteigänger, bei ihnen lieb Kind und er verdiente diese Bevorzugung. Floel verstand sich dazu., das bereits den Akten angeschlossene E i n s t e 11 u n g 3begehren zu vernichten und ein Schriftstück herzustellen, das diesem Dokument täuschend ähnlich sah und dessen Inhalt darauf hinauslief, die Erhebung der Anklage gegen Loeb als unabweislich erscheinen zu lassen. In der Gerichtsverhandlung gegen den ehemaligen Staatsbankpräsidenten legte Frieders indes, um die drohende Verurteilung Loebs abzuwenden, im entscheidenden Augenblick sein Amt nieder, ohne Rücksicht auf das eigene Schicksal, nur geleitet von dem Wunsch, dem Gesetz und der Wahrheit zu dienen. So entging Loeb zwar der Hetze der Rechtsradikalen, aber sie entschädigten sich dafür, indem sie jetzt Frieders verfolten. Ein Meineidsprozeß wurde am Ende gegen ihn anhängig gemacht, und zwar deshalb, weil er bei einem Verfahren wegen Beleidigung als Zeuge das Verhalten des Staatsanwaltes Floel so dargestellt hatte, wie es seiner Erinnerung entsprach. Eine Untersuchung der Deutschen Liga für Menschenrechte stellte später fest, daß Friedens angefochtene Aussage, Floel habe ihm den eigenmächtig geänderten Antrag nicht mehr vorgelegt, in keiner. Weise ein Meineid war. Das Schwurgericht in Weimar jedoch verurteilte den Unschuldigen wegen fahrlässigen- Falscheides zufönf Monaten Gefängnis, Und dieses zweifellos unter dem Eindruck der maßlosen nationalistischen Stimmenmache, der Einflüsterungen von der Gasse aus gefällte Urteil wurde von den höheren Instanzen bestätigt. In Versammlungen und in der Presse wurde unablässig die Reision des Urteils oder die Begnadigung Frieders verlangt. Es war alles vergebens. Erst jetzt eröffnen sich durch den Beschluß des thüringischen Landtages Aussichten darauf, daß Oberstaatsanwalt Dr. Frieders von der Verbüßung der Strafe, die ihn nach der allgemeinen Ueberzeugung zu Unrecht traf, doch verschont bleiben wird. Der „Einfluß der Juden auf die deutsche Republik". Freispruch wegen „Judenrepublik". Vor der Strafkammer in Bremen, unter dem Vorsite des Landgerichtsdirektors Marks hatte sich der Nationalsozialist Theodor Gude wegen Vergehens gegen § 8, Abs. 1 des Gesetzes zum Schutze der Republik zu verantworten, weil er als Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ein Flugblatt mit den Leitsättzen: „Volk in Not, Jude nimmt's Brot, „Marxisten", wenn ihr nicht feige seid, kommt und.' beweist, daß euch die Judenrepubllk Arbeit und Brot gegeben hat", im Wahlkatnpf hatte verteilen lassen. In erster Instanz war .F r e isip r e c hang erfolgt. Gegen dieses Urteil hatte der Staatsanwalt Berufung eingelegt. Die Strafkammer kam nun ebenfalls zu einer Freisprechung des Angeklagten, weil in dem Flugblatt 1 ed ig lieh die antisemitische Gesinnung zum Ausdruck käme. Man habe sich lediglich als nationaler Arbeiter mit den internationalen Arbeitern darüber aussprechen wollen, ob die Republik, in welcher die Juden nach Ansicht des Angeklagten und seiner Gesinnungsgenossen einen großen Einfluß hätten, Arbeit und Brot geschaffen habe. In diesem Zusammenhange sei das Wort keine Beschimpfung, man habe nur den vethältnismäßig großen Einfluß der Juden auf die heutige Republik kennzeichnen wollen, «ine Beschimpfung der Republik sei nicht beabsichtigt gewesen. Dies die «Urteilsbegründung laut Bericht der völkischen Blätter, die noch hinzufügen, daß der Verteidiger sich auf die bekannte Entscheidung des Reichsgerichtes im jähre 1927 berufen konnte, wonach der Ausdruck „Judenrepublik" nicht durchaus eine Beschimpfung der Republik sei muß.

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