Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 44 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 DIE NEUE WELT Seite 3 MM» MDSIKHAUSJXCELSIOR" lob. Iiited Herzog WIEN iriSttSSSSBk.. Telephon 73-4-90 Sprechapparate jeder Art, sowie sämtliche Jüdischen und hebräischen Schallplatten in reichster Auswahl stets auf Lager PROVINZVERSAND! PROVINZVERSAND! »eMWK>0IM>MMM8>IIIMl8 Der Standpunkt der Arbeiterschaft in Palästina. Von besonderer Bedeutung sind die Beschlüsse, welche von einer Sonderberatung des Zentralrates der Palästinensischen L a n d e s p a r t e i der Poale Zion „Achduth Haavodah" gefaßt wurden. Es wird erklärt, die meisten Beschlüsse der Kommission seien in absolutem Gegensatz zu den nationalen, gesellschaftlichen und moralischen Grundsätzen des Zionismus. Das bezieht sich 'insbesondere auf den Versuch, das Privateigentum an Boden zur Grundlage der 'Kolonisationspolitik zu machen, ferner in der gesamten Kolonisation das längst bankrottierte Administrationssystem wieder aufleben zu lassen. Die Kommission wolle Tausendc, welche in der Kwuzah ihre Lebensform erblicken, von der Kolonisation überhaupt ausschließen; sie wolle ferner die Moschawim zur Ausbeutung fremder Arbeit zwingen, dagegen habe sie nicht an die Sicherung der jüdischen Arbeit in der Privatwirtschaft gedacht. Sie versuche fenner, den Lebensstandard der Lohnarbeiter herabzudrücken. Die Beschlüsse der Kommission zeigen keim Verständnis für die Notwendigkeiten der Einwanderung und für die unverrückbaren' Grundsätze der Kolonisationsarbeit. Andererseits bringe die Kommission weder einen klaren Arbeitsplan, noch übernehme s i e i r gen dw eiche konkreten Verpflichtungen. „Achduth Haavodah" wird zusammen mit dem gesamten Poale Zion-Verbande gegen die Annahme dieses Berichtes sowie gegen diese Agency mit aller Kraft kämpfen. „Achduth Haavodah" bejahe nach wie vor den Gedanken der Erweiterung der für den Palästina-Aufbau tätigen Kräfte, verlange aber nachdrücklich die Wahrung des Volkscharaktens der Agency und di e demokratische Gr u n d 1 a g e ihrer Zusammensetzung. Die Schuld der zionistischen Arbeiterführer, Wir haben in der letzten Nummer den Artikel eines palästinensischen Arbeiterführers wiedergegeben, in welchem der Entrüstung, über den vom Präsidenten Weizmann mit einigen reichen amerikanischen N i c h t z i o n i s t e n geschlossen Pakt Ausdruck gegeben wird. Mit Recht wird festgestellt, daß dieser Pakt den Zionismus preisgibt und sein Todesurteil bedeutet, und zum Kampfe gegen Weizmann und sein System aufgefordert. Wir bringen nunmehr den Artikel eines anderen Arbeiterführers, welcher mit seinem Genossen abrechnet und feststellt, was wir auch immer betont haben, daß ohne die Zustimmung der palästinensischen Arbeiterschaft Weizmann diesen unseligen Pakt n i e hätte abschließen können. Er wäre nie zustande gekommen, wenn sich nicht die Arbeiterparteien auf dem letzten Zionistenkongreß dazu hergegeben hätten, die Grundsätze der jüdischen Demokratie rücksichtslos beiseite zu schieben um einiger — und nur in der Phantasie existierender — Dollarmillionen willen. Unter dem Titel „N.un habt ihr die Maus!" schreibt der bekannte Arbeiterführer Elieser Joffe in der palästinensischen Arbeiterzeitung „D a w a r" wie folgt: „War es denn überhaupt ein Berg, bevor die Maus zum Vorschein kam? Alle Einsichtigen in unserer Mitte haben es schon seit langem verkündet, daß aus dem ganzen nur eine Maus geboren würde, und wie konntet Ihr so blind sein, dies nicht einzusehen? Und warum klagt Ihr plötzlich und seid entsetzt, als ob der Berg Buch nun verschlingen wollte? Es genügt doch, daß Ihr die Augen öffnet, um zu erkennen, daß kein Berg vor Euch ist, sondern eine Maus; und dann werdet Ihr die Angst verlieren und Ihr . werdet Eurer selbst und Eurer Furcht spotten. Würde denn diese Dummheit, die Ihr Agency nennt, jemals in unseren Horizont getreten sein, wenn auch Ihr es nicht gewünscht hättet, Ihr Arbeiterparteien? (Ich schließe mich diesmal aus, denn von Anfang an bis heute kämpfte ich mit Zorn und Erbitterung gegen dieses Verbrechen.) Und der ganze Verfall und Niedergang des Zionismus in der letzten Zeit, wäre er denn gekommen, wenn, wir nicht, die Arbeiterbewegung, gestrauchelt wären und uns verloren hätten, ohne zu wissen, wann nach rechts zu gehen und wann nach links und wann geradeaus zu schreiten? Wer ist Weizmann, daß wir heute alle Schuld ihm zuschieben, wenn nicht auch Euer Vertreter in allen Verhandlungen mit den Herren der Agency? Worin hat er gesündigt, indem er die Abmachung mit diesen Prahlhänsen und jeder positiven Leistung Unfähigen geschlossen hat? Ihr habt ihn doch zu ihnen geschickt! Aus Eurem Unglauben an die Kraft des Zionismus habt Ihr diese Renaissancebewegung auf die „B ö r s e" herausgetragen, auf den Markt von Vermittlern und Paragraphenfüchsen, und dadurch selbst den Gedanken der Renaissance im Volke ertötet, und daraus eine Handelsware gemacht; und was hätte Euer Vertreter anderes tun können, als diesen Handel abzuschließen und die Ware endlich zu verkaufen? Ware ist oben Ware, man stirbt für die Heiligung Gottes, aber man läßt sich nicht töten für die Heiligung der Ware. Mit Heiligtümern handelt man nicht und im Handel gibt es 'keine Heiligtümer. Und was ist denn die Agency anderes, als ein frevelhafter Handel mit dem Gedanken der Wiederbelebung unseres Volkes in unserem Lande. Verlangt Ihr, daß Mond und Sacher für den Nationalfonds und für die KWuzoth sein sollen? Es genügt Mond, daß er Dünger in die Agency hineinträgt, und es genügt Warburg und Marshall, daß sie sich der Mühe unterzogen halben, nach Paris zu fahren, um dem alten Baron Rothschild Zionsliebe zu predigen. Was wäre sonst von ihnen zu erwarten? Und was nun? Nur keine Angst und kein Schrecken! Wenn wir, die Arbeiterbewegung in Palästina, den richtigen Weg betreten und einig sind, die Gesamtheit der jüdischen Arbeiter in Palästina ohne Parteidifferenzen; und wenn wir vor allem unsere eigenen Taten überprüfen und wir uns nicht schämen, unsere Fehler und Irrtümer einzugestehen, ohne darauf zu achten, was die anderen sagen und wir diesen Fehlern entsagen; und wenn wir danach unsere Haltung für später vorbereiten, die unmittelbar gerichtet sein muß auf den Aufbau unseres Volkes durch unsere eigene Arbeit in Palästina: dann wird es uns gelingen, die Renaissancebewegung von all ihren Verfallserscheinungen zu reinigen; und über die Dummheit des Agency- Gedankens muß man zur Tagesordordnung überzum volkstümlichen Ziojüdische Volk wfird die wahre zu würdigen wissen, die unserer gehen, zurückkehren nismus und das und große Erlösung Bewegung durch ihre Befreiung aus den Fesseln Gegründet 1896 Gummistrümpfe S 12.60 aufw. Fesselformer S 6.SO aufw. Bandagen aller Art Senkfuß-Einlagen, fertig u. nach Gipsaodruck S 2.40 aufw. O- und X«Beine»Kerrektur GUMMILOSe Krampfadernstrumpf, bewährter Sehlankformer, haltbar, waschbar, unsichtbar, per Paar S 33 aufw. Fachkundige Bedienung Bandagei Herren- und i Taborstr. 22 Frauenbedienung dieser Zweideutigkeiten gebracht werden wird, Und es wird all seine Kräfte in den Dienst dieses Zieles stellen. Dieser Weg ist vielleicht lang, aber er ist» der einzige und es gilbt keinen anderen Weg der Erlösung für das Volk. Demgegenüber ist der Weg der Agency sehr kurz; er führt unmittelbar zu dem Untergang des Zionismus und zur Verstopfung aller Quellen der Energien für eine wahrhaft jüdische Arbeit in unserem Lande. Habt ihr dies noch nicht eingesehen? Wehe uns, wenn ihr es noch nicht .getan habt, denn morgen werden die Zeichen sprechen!" Die Konferenz der radikalen Zionisten. Gegen den Bericht der Agency-KommJssion. Von unserem Berliner Korrespondenten. Am 14. und 15. Juli tagte in Berlin das Zentralkomitee der Vereinigung radikaler Zio-1 nisten unter Zuziehung von Vertretern der einzelnen Ländergruppen. Es waren Delegierte aus Deutschland, iKongreßpolen, Galizien Oesterreich, der Tschechoslowakei, Rumänien und Palästina erschienen, u. a. nahmen an der Sitzung teil die Herren: Dr. G öl dun an n-'Berlin, J. G r ü n b a u m - Warschau, Dr. I n s 1 e r - Lemberg, Dr. E. Mar g-uli es- Leitmeritz, Dr. E. Stern -Bukarest, Dr». M. S o 1 o <w e i t s c h i k - Berlin, Dr. Taubes - Wien, Dr, (Wf3- 1 e n s k 1 - Half a. Die Beratungen galten hauptsächlich' der. Stellungnahme zu dein Expertenbericht der Agency- Kommisslon, daneben wurden auch or g ani s a t oi i s che Pr&a&eji bezüglich des Ausbaues der verschiedenen Ländergruppen eingehend erörtert. Die zum Expertenbericht einstimmig angenommene Resolution lautet: » „Das Zentralkomitee der Vereinigung radikaler Zionisten konstatiert: Der Bericht der Joint Palestine Survcy Commission bestätigt in vollstem Umfange die von den Gegnern der gegenwärtig geführten Jieiwish-Agency-Politik seit jeher ausgesprochenen Befürchtungen, daß die Heranziehung nichtzionistischer Kreise in die Agency in der jetzt geplanten Form die nationalpolitischen und' sozialen Grundlagen des zionistischen Aufbauwerkes in Palästina gefährden müsse. Die im Bericht zum Ausdruck gebrachte Abkehr von dem im Nationalfonds verkörperten Prinzip des nationalen Bodenbesitzes, die Negierung des Selbstbestimmoingsrechtes der Siedler bezüglich ihrer Lebensformen sowie des Prinzips der jüdischen Selbstarbeit, der Mangel an Garantien für die Verwirklichung des Grundsatzes der jüdischen Arbeit sowie für die Herrschaft der hebräischen Sprache als der Grundlage der kulturellen Renaissance würden den Zionismus seines sozialen und nationalen Inhaltes berauben, ihm alle zu einer Erneuerung ihrer Lebensformen strebenden Elemente des jüdischen Volkes, ins- 66 59 Eine Sammlung von Dokumenten zur Kulturgeschichte des Eisenstädter Ghettos. — Maßnahmen gegen unsittlichen Lebenswandel. — Die1 Behandlung der Kartenspieler. — Die Krinoline. Wanderungen in die Natur, Schwimmtraining, Gletscherpartie: vortrefflich. Aber auch etwas seelische Ertüchtigung ist geboten. Dem Kampfruf der Judenhasser von der „jüdischen Unsittlichkeit" läßt sich — innerlich — doch nur begegnen, wenn man nicht' bloß die jüdischen. Sittengesetze kennt, sondern immer wieder Einblick in das Leben früherer Geschlechter zu nehmen sucht. Ein Ausflug in die Vergangenheit ist dem jüdischen Zeitgenossen oft noch zuträglicher, als eine Raxpartie. Man gewinnt an Selbstachtung, erschütterte Ehrfurcht wird wieder befestigt, die Zuversicht wächst. So erging es mir wenigstens, als ich neuerdings S. Wolfs „Eisenstädter Forschungen", die Ur Urkunden und Akten zur Geschichte dieser Judengemeinde, las (Band 1> bearbeitet von Wachstein, Verlag Braumüller). Im Ghetto von Eisenstadt wurde tatsächlich ein eng umgrenzter Bezirk jüdischen Lebens, reich in seiner räumlichen Beschränktheit, mit verehrungswürdigem Gefühl für Verantwortung vor Gott und den Nebenmenschen verwaltet, es war mit unglaublich differenzierten, Institutionen/ der Gerechtsame, der Armenfürsorge, der Lehre ausge* stattet, es war ein Gemeinwesen von hoher Sittlichkeit. Dafür einige Stichproben aus diesem 800 Seiten starken Dokumentenwerk, das, wie sich unverzüglich erweisen wird, keine trockene Sammlung von Akten und Erkenntnissen, sondern ein Buch des Lebens ist. * Eine Tochter des Eisenstädter Ghettos führt unsittlichen Lebenswandel. Wer wird bestraft? Nicht das Mädchen, sondern Vater und Mutter, „die davon wußten und es nicht beachteten, so daß die Tochter die Sünde noch* mals begangen hat." Wie wird bestraft? Zwei Monate dürfen die Eltern ihren Sitz in der Synagoge nicht benützen und müssen „ihren Platz bei den Trauernden einnehmen ..." Und dem Vater wird für drei Jahre das aktive und pastsive Wahlrecht entzogen. — Auch in einem anderen Falle, da eine jüdische Tochter „Schändliches in Israel verübt" hat, , hält man sich nicht an die Sünderin. Wohl erwägt das Urteil nach' Aufzählung der Missetaten, daß man ein schweres Gericht gegen das Mädchen halten müßte, welches fortgesetzt „aus dem Zaun des Hauses Israel" trat. Aber aus vielen Gründen entschlossen sich die Richter, denen am 26. Mai 1776 die, Entscheidung vorlag, dem Mädchen Besserungsmöglichkeit zu geben und die Eltern zu strafen. „Es wird angeordnet, bei ihnen geschlachtetes Geflügel, Fett, alles Eßbare in gekochtem oder rohem Zustande vier Wochen hindurch nicht zu kaufen... Dies zur Warnung. Sollte die Familie sich nicht bessern, so müßte mit schwereren Strafen vorgegangen werden." Dieses Zurückgreifen auf die Eltern als die eigentlich Schuldtragenden, diese väter* liehe Förderung der Besserungsmöglichkeit, diese wahrhaft sittliche Hütung der Sittlichkeit ehrt die Eisenstädter- Judenrichter. o* Mit aller Tatkraft wandten sich die Gemeindeväter gegen die Kartenspieler. In einer Verordnung aus dem Jahre 1730 wurde das Kartenspiel mit der Strafe des Bannes verboten, also mit der härtesten. Es heißt, dort: „Bei Wöchnerinnen jedoch dürfen Frauen spielen. Während der Chanukatage ist auch Männern das Spiel erlaubt, keinesfalls aber Männern mit Frauen oder Jünglingen mit Mädchen, auch dann nicht, wenn sie miteinander verwandt sind. Dieses Verbot gilt eine Meile weit im Umkreis unserer Gemeinde." — Einem Urteilsspruch aus dem Jahre 1739, nach dem wiederholt Karr tenspieler fruchtlos bestraft worden waren, entnehmen wir, daß man „den Fall des hinabsinkenden Eimers nicht noch' durch einen Stein zu beschleunigen wünsche" und deshalb einigen beim Kartenspiel Betroffenen „die ilhnen gebührende Strafe mildere: Sie durften „zu keiner heiligen Sache herangezogen" werden, ein Amt — und sei es auch' nur das eines Wahlmannes — durch volle zehn Jahre nicht bekleiden; und mußten alles im Kartenspiel gewonnene Geld an den Spielpartner zurückzahlen. * Böse Sorgen befielen die Eisenstädter Juden, als eine neue verruchte Pariser Mode bis ins Eisenstädter' Ghetto drang, nämlich — die Krinoline: „Mit Hflfe Gottes, da wir gesehen haben, daß sich ein göttfichesi Strafgericht über unsere Gemeinde verbreitet" — heißt es in einem Gemeindeukas vom 17. April 1730 — „haben wir beschlossen, eine Rückschau über unsere öffentlichen, Angelegenheiten zu halten. Zuerst muß die neumodische Kleidung erwähnt werden, wie man da in frecher Gewandung einhergeht, in Reifröcken, einer fremden Tracht, die unsere Eltern und Voreltern nicht gekannt haben. Es! wurde daher von der Gemeindeverwaltung und vom Rab1-