Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 42 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 DIE NEUE WELT Nr. 42! Römisches Bad | II., Kleine Stadtgutgasse 9 | (nächst dem Prateistern) | Erstklassige Heissluft-, Dampf- und | | Wannenbäder für Herren und Damen I | Täglich außer Montag geöffnet I ( j| Bürgerlich« Preis«: §!il!illllllllll!l!!!l!ll!ll!!!HW Fahrkarte IL Klasse nach Gaya. Eine Anokdotc, nacherzählt von Posi. Ich will die Geschichte so erzählen,, wie sie sich ab gespielt .hat, wenn auch niemand etwaige Ucberireibungen oder Retuschen mir nachweisen könnte. Sic ist das Ein fachstc von der Welt. Gerade als Emil Siebenschein, der reiche Siebenschein aus Gaya, am Schalter des Nordbahnhofes das Billett 11 Klasse nach Gaya, seiner Heimatsadt, in seine Börse schob und im Begriff war, den Schalter zu verlassen, hörte er hinter sich eine Stimme, die .gleichfalls eine Fahrkarte IT. Klasse nach Gaya verlangte. Die Stimme gehörte einem Menschen, der hochgewachsen war, einen eleganten Pelz, HaJbzyJinder, zarte goldgefaßte Brille trug und eine umfangreiche, aus schönem Leder gebaute Aktentasche unter dem Arm. Kurzum, sie gehörte einem distinguierten Herrn. Eine Fahrkarte IL Klasse nach Gaya, lächerlich! Siebenscheim besah sich den Herrn im Stadtpclz, seinen Reisegefährten, der eben abgefertigt worden war und den Perron auf und ab „lustwandelte". „Also naoh Gaya," sagte SiebenscJiein zu sich, „Stadtipdiz, Trauerflor um den Balb'zylindcr! Vielleicht zu JelMneik, mm alten Chef Jellinek. JeMneks Bruder ist doch gestorben vor 14 Tagen, Sonntag war das Begräbnis . . . unmöglich ... übrigens ein Skandal, der Kranz, den die Fischers geschickt haben. Wenn man bedenkt, daß Jellinek nebbich 38 Jahre von ihm das koschere Fleisch genommen hat ... sie können sich schämen. Hat übrigens sein Leiben lang nichts Gutes auf der Welt gehabt. Erst ist sein Vater gestorben, war er 19 Jahre alt. Das Geschäft übernommen, wer mir Böses gönnt. Nun und dann der Schwiegervater? Er:soH mir verzeihen, ein mießer Baldower! Hat man schon gehört, verlangt die Mitgift zurück, möchte man meinen, weil der Schwiegersohn. Jellinek — na, lassen wir das' lieber — man weiß ja, wie die Sache ausgefallen ist'. . •. eine unangenehme Geschichte . . . Was trefc ist, ist ti&ie, sali man nicht anrühren. Nicht 'anrühren, hat schon immer der Kantor Margolius gesagt . . . und recht hat er gehabt. Schad' um ihn. Die Frau hätt'-cr nicht sollen heiraten. So ein Wahnsinn . . . vom Mehlhändler Glaser eine Töchter! Den ganzen Tag Klavier stielen,' Romane lesen, aufgewachsen bei grünen Jalousien. Nicht nähen, nicht stopfen, nicht kochen, nicht ßacken, nichts wissen von der Wirtschaft . . . weiß nicht einmal, wie man eine Gans stapft. 'Dabei so eine tüchtige Frau gewesen die Mutter. Na und die zweite Tochter, die Berta! Soll die sich vielleicht verloben . . . gar der Herr mit dem Stadtpclz und dem steifen Hut! Er schaut'mir ganz intelligent aus. Gott soll ihn nicht so hart strafen. Meschuigge wenn er war', hereinheiraten in die Glaserische Familie Was betrifft die Existenz, hätt' er ausgesorgt. Ein gutgehendes Geschäft, sie liefern sogar Ware auf Brünn, ein paar .Türkehlbse sollen da sein, die noch nicht gezogen sind, auf der Zäloznä ' wird er auch Geld halben, hört man, * eigentlich l?eine schlechte Partie für den Wiener Kandidaten. Gott, was ich für einen Unsinn red' . . . Die ist doch schon yerlabt, mit dem. Wein-Same-k aus Brünn. Wenn er nicht mßokititt w;esen ,dcr: Krankheit von der Berta. Oder hat man den-Mann; vielleicht aus Wien'berufen, etwas einen Internisten, einen Spezialisten? Viel wird er nicht ausrichten können. Der Krebs soll erblich .sein in der Familie. Kein Wainder. Wie die Leut' ihr Leben lang gegessen haben; Nichts als Gansleber omd Fladen, von einer Hochzeit ztjr anderen, die vier Söhne vom alten Chef Jellinek, jeder mit seiner Bar Mizwah, was sich da getan hat und jedewei! die Beschau, was man da zusammengegessen hat. Wirklich -kein Wunder. Uebrigens — es muß nicht grad ein Krebs" sein. ' Und wenn schon, halben sie doch den Schwager in Prag, der dort an der Klinik ist, eine erstklassige Kapazität, der sich leisten kann, zu kommen mit einem Flugzeug bei dem Einkommen. Mir gesagt. Ich weiß nicht — wie einer so herauskommt aus der Gemeinde, wird was aus ihm. Zuerst der junge Czuczka, der eine große'Rolle spielt an der Produktenbörse . . . Kaum daß er;grüßr, wenn er auf Besuch kommt. Dann von Liegestuhl Hängematte S £'50 S B""50 © 3 aufw. C<9«n« Brceu0«mg! aufw« Nur bol HßH Futterweif IL, Glockengasse 0 Telephon R-46*8»83 «# Bei Berufung auf das Inserat 8% Rabatt Der Einband des von HcrzI dem Sultan Abdul Hamid ge widmeten Exemplars der „Philosophischen ScMtetr\ Aus dem Nachlaß des vor zwei Jähen verstorbenen Dr. W c 11 i s c h. der Großmutter das angeheiratete Enkelkind, direkt eine Größe in Wien, wer das geglaubt hätte. Von Morte Platschek will ich gar nicht reden, der größte Mazzesfabrikant von Gaya bis Göding, kaum daß er dankt, wenn man ihn grüßt. Na, und die Mädeln, eine Kleinigkeit! Eine eine größere . . . wie soll ich sagen . . . wie die andere! Kurze Röcke, kurze Haare und wie sie mit den jungen Leuten umgehen! Wir hätten uns das erlauben sollen, was sich da getan hätte. Modern! Heutizutage, wenn ein Mädel Narreschkeiten macht, ist das modern. Laßt sie sich den Hof machen bis herauf, ist das modern. Laßt sie sich's nehmen, ist das modern. Heute Radio, morgen A'ero, übermorgen Jazz . . . aber ich versteh' nicht, was der Herr aus Wien bei uns in Gaya eigentlich sucht. Ein Ausflügler! Und gar im Winter! Meschugge? Meschugge! Aber so verrückt ist er mir nicht. Oder soll er vielleicht —? Das war' eine Idee. Die Rabtbinerin hat doch entbunden, möglich, daß man von der Klinik einen Professor, der immer die Erzherzoginnen behandelt hat . . . Ich weiß nicht, was ich manchmal liab'. Lauter Unsinn. Die Sude von der Rabbinerin muß doch heute sein, wenn man genau die Tage nachrechnet bis heute und abgesehen davon — ausgerechnet aus Wien wird man sich rufer zur Beschneidung. Ueibrigens kennt man sich nicht aus im Rabbiner. Bald ist er orthodox;< bald wieder nicht. Einmail ist er cm Zionist, der will nach Palästina, ein anderes Mal sagt er, Europa ist uns schuldig unsere Religion. Bei seinem Vater hat man gewußt, woran man ist. Beim Begräbnis haben sie sich gerauft, jeder hat wollen der erste sein... Was ich sagen will — wie wär's, wenn der Wiener Herr Jahrzeit hätt' und käme die Grälber besuchen. Wenn er was darauf hält. Kann man wissen? Vom jungen Platschek erzählt man sich, daß er .nicht einmal mehr Kaddisch sagt, seitdem er von Gaya weg ist. Ein Wainder! Die jungen Leute mit ihrem Fußball . . . sollen sie an den Tempel denken. Er sieht mir nicht danach aus mit der Aktentasche. Daß ich kein Gedächtnis haib'. Man vergißt die Leute. Fällt mir grad Pollak ein, der einen Bruder hat in Amerika. Der tüchtigste Mensch von der ganzen Welt. Ein anderer an seiner Steile wär' heut* ein ausgesprochener Milliardär.' Wie heißt Milliardär? Nicht auszudenken. Wenn ich mich recht erinnere, ist doch der eine Pollak nach Wien gegangen; gleich nach .dem Urnsturz mit seinem Geschäft und sein Bruder, unser Gayenser Pollak hat das Hobgeschäft übernommeji, vom Onkel, der mit dem Kropf, er hättip sich mit Buxibaum zusammen operieren lassen sollen. Richtig, ein ausgesprochener Narr wie alle Pollaks. Geht hin und läßt sich in, Geschäfte ein mit dem Schwager vom Wein-S'amek und was geschieht? Er verliert sein Geld dabei. Später soll er sich erholt halben, heißt es. Nu, der Pollak hat doch in Wien einen' Gliedkusin . . . wenn ich mich nicht tausche, den Advokaten, den Doktor Sami Pollak, der sich hat taufen lassen/ und Karriere gemacht hat, alle Aristokraten lassen bei ilim arbeiten ... Dr. Sami Pollak! Hat sich'natürlich den Nafnen ändern lassen. Pollak kann er doch " nicht hejßeiul .das kann ihm doch nicht passen . . . wird er heißen . . , wie wird er beißen? Pollak . . . Pohlner . . . Pohlmann , Pohl. . . Pollak? Wiie kann er schon heißen, damit man ihn nicht verwechselt? Pollak . . . Pohiner heißt der.in Bratislava . . . Pohl heißt der in Brünn . . . Pollak! Paalerf . . .Paalen!!! Wie kann der Meschumed heißen? Nicht anders wie Paalen, klingt ja ausgezeichnet: Dr. Sigbert Paalen! Unlängst zu Weihnachten Regierongsrait geworden, Euer Wohlgeboren Herrn Regierungsrat Dr. Sigbert Paalen.. Und damit ich ganz sicher geh', vorige Wqche hat doch der Junge Jellinek erzählt, daß es bei Pollak wackelt, mit den Zahlungen soll da etwas nicht in Ordnung sein, kurzum Pollak steht vor d«r Pleite.. Und der Wiener Advokat, der Verbindungen hat, soll die Sache für die Wiener Gläubiger ordnen. Ich will nicht Siebenschein heißen, wenn das nicht stimmt. Kein anderer wie der Regierun&^rat Pr. Sigbert Paalen, so wahr ich leb' . . " Sjpbenschein sieht den Wiener Herrn im $tadtpelz und Haibzyjinder in einem Kabinett mit Flügeltüren verschwinden. Dort fängt er ihn aib. ,vJeh bin Siebenschein aus Gaya . . . gestatten Sie, sind Sie nicht der Herr Regierungsrat Dr. Sigbert Ftealen aus WJeji?" „Ja, das bim ich. Aber wie kommen Sie darairf?** fragt überrascht der fremde Herr mit der Fahrkarte Ii. Klasse nach Gaya. „Ich hab' mir's ausgerechnet", stößt SielbenscheSn hervor. Er ist erschöpft und wascht sich den Schweiß voo der Stirn'. Die Bergjuden von Daghestan« Der bekannte Sowjetfiihrcr und Publizist Michael La riii veröffentlieht -in der „Prawda" einen längeren Aufsatz, welcher der wahrhaft traurigen Lage, der sogenanntea Bergjtiden der. Republik D a g Ii e s t a n gewidmet ist. Die Bergjudcn, schreibt Larin, waren seinerzeit das Opfer der Pogrome der Armee des Generals Dcnekin. Ihr Landbesitz wurde ihnen genommen und sie in die Städte vertrieben, wo sie keinerlei wirtschaftliche Grundlage haben. Die vor einigen Jahren gefaßten Beschlüsse, sie auif dem Lande wieder anzusiedeln, sind nicht verwirklicht worden. Diese Juden sind faktisch rechtlos und haben unter dem Antisemitismus, der in Daghestan herrscht, sehr zu leiden. Diese . antisemitische Stimmung äußerte sich in Pogrom-Ausschreitungen, die in der Hauptstadt von Daghestan, Machatsch-Kala und in einigen anderen Städten stattgefunden haben., Die von der Regierung ent« sandte Untersuchungskommission hat eine große Reihe himmelschreiender Tatsachen von Rechtlosigkeit und Unterdrückung der Bergjuden seitens der Behörden zu Protokoll gebracht. Larin fordert die Zentralregierung zu radikalen Maßnahmen Im Interesse der Bergjuden von Daghestan auf. Das Wappen der Chasaren. Die jüdische Gemeinde von Varpa- 1 o t a feiert in diesem Jahr das Jubiläum ihres zweihundertjährigen Bestandes. Der Rabbiner dieser Gemeinde, Leo Singer, veröffentlicht aus diesem Anlaß eine kurze Geschichte der Gemeinde, der wir die folgenden interessanten Daten entnehmen: Bekanntlich kann die Ueberreichung eines Scheide-1 briefes nach alter Tradition und talmudischer Vorschrift! nur in einer Ortschaft erfolgen, in welcher «ja fließendes) Wasser, ein Fluß oder Strom durch die üemeinde zieht. Varpalota hat zwei kleine Bäche, die aber im Sommer1 auszutrocknen pflegen und keinen eigenen Namen haben. Dieser Umstand veranlaßte den Ortsrabbiner Wolf Chajes, der im Jahre 1809 als hervorragender Schüler defc unter dem Namen „Chatham Sofer" nach Ralota, wie Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Raummangels halber müssen die Fortsetzungen der Romane „Menachera Mendel" und »Die Mutter* entfalen, was wir zu entschuldigen bitten. Verband radikaler Zionisten 1 M ' Mittwoch, den 11. Juli 1928 um halt) 9 Uhr S 35 abends findet im Klublokale Cafe Atlashof, Wien, I., S jü Aspernplatz, eine sa 1 öffentliche | | Versammlung*« | | Das Jüdische Leben" in Deutscnland f SS Referent: s| 1 Redakteur Moses Weidmann — Berlin | '3 Freie Aussprache! =s