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Die neue Welt · 1928-07-06 · Heft 42 (6.7.1928) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 42 (6.7.1928)
Date
1928-07-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr." 42 Maske als Antlitz: Oberst Ritter von Eis, der viel angestaunte pensionierte Offizier, als Jude geadelt, bei Höf hochgeschätzt, eine Sänle des Nationalf ondsauf bau es. Er war es, der mich bei geöffneter Tür Herzl meldete, ..Ein Student!" Ich wußte nicht wie, and schon stand ich vor Herzl, betrachtete nervös-verlegen den Schreibtisch und die Winde, indes er, Theodor Herzl, das Manuskript über flog. .Jüdische Kunst!" Er blickte midi ernst an. Las. Las weiter. „Es ist gut Wir müssen auch solche Fragen be bandeln." Er reichte mir die Hand und Ich ging. Der Artikel erschien in der „Welt". Theodor Herzl Heß mir doppeltes Honorar anweisen. Es war Niel Geld. So viel, daß wir Junge Studenten unsere Schulden bei Gabor Steinschneider, dem Besitzer des „Cafe zur Börse" in der WippHngerstraß-e, mift einem Schlag bezahlen konnten. Das Herzl-Porträt. Herzis äußere Erscheinung, das durchgeistigte Antlitz insbesondere, faszinierte mich immer von neuem. Einst fragte ich ahn schüchtern, ob ich ihn porträtieren dürfe, eine einlache, rasche Zeichnung. Er sagte „ja". Ich fuhr in seine Cottage-Wohnung. Nato» eine Unmenge Zeichenpapier, Stifte in Pastell, Kreide. Kohle, Skizzenbuch und Radiergummi mit. Theodor Herzl stand am Fenster, in einer Haltung ähnlich der an der Brücke in Basel, ich saß hart neben ihm auf einem niedrigen Sessel, so daß te\ wenn ich die Linien seines Kopfes wiedergeben wollte, jeweils aufblicken maßte. Einigemal trafen mich die dunklen, dunkel umränderten Augen, aus dem fahlen Bronzegesicht. Im schwarzblauen Bart bemerkte ich einige graue Fäden. Ich arbeitete drauf los. Mir schwebte der Gedanke vor, die Dämonie dieses einzigartigen Kopfes wiederzugeben und zugleich das im Augenblick Aktuelle bis zur physiologisch einwandfreien Porträtähnliohkeit, indes ich fühlte, daß hier die Natur aus innerer Notwendigkeit zum zweitenmal einen Auserwählten geschaffen hatte. Dazu kamen Impressionen von König David und Salomo und von einem mystischen Assyrenkönig. Die Jugend hat solche Phantastereien. ♦ Und während ich. zeichnete, ward der Kopf immer größer auf dem Papier, die Zeichnung wuchs über die Ränder. Ich mußte ein anderes Blatt nehmen, nochmals beginnen und . nochmals wuchs die Zeichnung. Das Auge ward immer größer, so daß wieder die Stirn erhöht werden mußte, damit die Proportion gewahrt bleibe, bis ich endlich, mein Unvermögen einsehend, mit einem „Es geht nicht, es geht heute nicht" Schluß machte. Ich konnte den Zauber des Herzl-ftopfes nicht fixieren. Aus meinen Studien ward später jene in Schwarz- Weiß gehaltene Profilzeichnung, die als Propagandalcarte in vielen tausend Exemplaren verbreitet wurde. Das letzte Manuskript Von wem der Gedanke ausging, eine zionistische Studentenzeitschrift herauszugeben, ist mir nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls machten wir, eine Gruppe zionistischer Hochschüler, Ernst mit dem Plan. An'fang 1904 waren wir endlich so weit: Ideen, Aufsätze, Enthusiasmus und kein Geld war vorhanden. Und es ging. Die Bergmannsche Druckerei „Industrie" in der Alserstraße, unweit unseres Mittagstisches Finger, hatte den Druck übernommen, ein kleines Redaktions- und Administrationskomitee ward in Funktion gesetzt und — als erster Akkord und mächtigster Impuls — mit der Aufgabe betraut, von Theodor Herzl einen Beitrag für die entscheidende erste Nummer zu erbitten. Theodor Herzl schrieb uns, ich glauhe Ende Mai 1904, ein paar Zeilen, die an das Temperament der Jugend appellierten und mit der Fanfare schlössen: „Denn ihr seid unsere Hoffnung." Wir nannten unsere Zeitschrift „Unsere Hoffnung." Dieser Appell an die jungen Studenten war Herzis f letzte schriftstellerische Arbeit, Dann reiste er nach EdJach, starb. In wessen Händen sich dies letzte Manuskript befindet, ist mir unbekannt. Betrachtung. Ein Viertel'jahrhundert ungefähr nach Theodor Herzis Tode hat sich die Einstellung und geistige Haltung zu seiner Schöpfung in der jüdischen Welt verschoben. Das Problem von Ost- und Westjudentum hat an Prägnanz verloren, in dem Sinne als die Assimilation (bei aller Würdigung der Reife des nationaljüdischen Gedankens im allgemeinen) der Juden aneinander Fortschritte gemacht hat. Ostjüdisches zeigt beispielsweise seine Tendenzen in England und in Amerika, wo heute die „administrativen" Impulse zum Diktat werden wollen. *Än Mitteleuropa denkt niemand; an Wien; an jene Stätte, die der Nährboden tür alle späteren Keime gewesen" ist. An die Mutter hat man scheinbar vergessen. Das darf man heute ohne jede Sentimentalität sagen.' iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiuiiiiiiiiiiiiii KARTON NAG EN FABRIK QELBANO & (9, WIEN, IX. QRUNDUTR. 3 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit A ALLEN ARTEN KARTONS IU111II1IIIIIU1IIII1IIIIIIII1IIIIIIII11UIIIIUIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIV ttl I!fl i Theodor Herzis Mutter. :• iVon H. York-Stedner. Der nachstehende Artikel ist im Jahre 1911! » nach dem Tode der Mutter Herzis in der Ber- •j' . liner „Jüdischen Rundschau" .veröffentlicht worden. D. Red. Die Mutter Theodor Herzis ist arm gestorben; nicht etwa, daß es ihr an den gewohnten äußeren Lebensbedingungen gefehlt hätte, der übliche bürgerliche Komfort war ihr geblieben, sie starb viel ärmer, als die ärmlich Lebenden, sie litt in ihren letzten Lebensjahren Mangel an Liebe. Die Ueberlebenden der Familie hatten ihr alles gegeben, was sie an Liebe besaßen — aber es war wenig, was dieser Fürstin der Mutterliebe geblieben war. 'Denn fürstlich war der Reichtum an Liebe dieser Frau zugemessen gewesen, die einen Theodor Herzl geboren und erzogen hatte. Und das nicht etwa, weil es Theodor Herzl war, sondern weil er seine Mutter von jeher schwärmerisch geliebt hatte, weil er sie noch mehr glaubte lieben zu müssen, als ihr eine blühende, geistig hochstehende, in körperlicher Schönheit leuch^ Herzis Mutter. tende Tochter im 18. Lebensjahre jäh entrissen wurde und weil er seine Mutter mit Liebesbezeigungen überschüttete, sie in Liebe und Zärtlichkeit einhüllte, als der Vater gestorben war und die Einsamkeit drohte, das ihm so teuere Leben in ihre Schatten zu bannen. Die Liebe dieses Sohnes zu seiner Mutter muß geschrieben werden, so sehr wir Juden an Kindesliebe gewöhnt sind. Vom Todestage seines Vaters angefangen, teilte Theodor Herzl sein Leben in zwiefache Hausväterschaft. Nach erledigter Vormittagsarbeit ging er zur Mutter, nahm mit ihr ein einfaches Essen, worauf er in die Redaktion der Neuen Freien Presse fuhr. Und es war gut, daß die Pflicht ihn rief, denn sonst wäre er nicht leicht losgekommen. Begleitete ihn die Mutter in das Vorzimmer, blieb er dort 'in langem, zärtlichem Abschiede, führte sie ihn endlich zur Treppe, dann wendete er sich immer wieder zurück, um der alten Frau Hebe Worte oder doch innig© Blicke zu widmen. Wie oft rief sie ihm nach: „Gib acht, mein' Kind, du fällst noch einmal die Stiege hinunter!" Er liebkoste die Mutter mit den Blicken, solange sie ihm sichtbar blieb. Herzl, der die Sentimentalität nicht liebte, obwohl er von diesem Gefühle doch bis in die letzte Nervenverzweigung erfüllt war, suchte seine Liebe zur Mutter zu erklären. „Wissen Sie, warum ich meine Mutter so sehr liebe?" fragte er mich einmal. „Mein Vater hatte bekanntlich sein ganzes Vermögen verloren, er mußte ein zweites erwerben, und dabei hat meine Mutter so viel geleistet, sie war meinem Vater eine solch wackere Gefährtin, daß ich das nie vergessen kann." Die Tatsache ist nicht abzustreiten, aber sie sollte nur dazu' dienen, rationell zu erklären, was ihm in kritischen Augenblicken vielleicht übertrieben erschienen war. Frau Jeanette hatte mir oft genug gesagt, wenn des Sohnes Liebkosungen kein End© nehmen wollten: Mein Sohn verwöhnt mich; es ist zu viel, was er mit mir treibt." Dabei leuchteten ihre ausdrucksvollen Augen in hellem Stolze. Und es war zu viel gewesen. Das sah man am Tage, da die Mutter Theodor Herzis klagend am Sarge dieses ejnzig- , artigen Sohnes stand, mit dem sie ihr letztes Kind begrub. Dieser stolzen, schönen Matrone hatte eiti grausames Schicksal das Rückgrat gebrochen. Herzl* Frau war Gott gnädiger gewesen als der Mutter; vor schwächerer Konstitution, ging ihr Wille, zu sterben, rasch in Erfüllung. Die Mutter lebte lange Jahre als Almosenempfängeriii weiter; sie nahm den Bettel- Pfennig der Liebe von uns, den alten Freunden Herzis, demütig und dankbar entgegen, sie, die einst von einem Theodor Herzl bis an die Grenze der Uebertreibung verhätschelt worden war. Und wenn ich mich auch vor jeder Reise wie ein treuer Verwandter verabschiedete und ihr die Hände so zärtlich küßte, wie ich es von ihrem Sohne gesehen hatte — und wenn ich ihr auch von jeder merkwürdigen Stelle Bilderkarten sandte, für die sie beim Kommen gerührt dankte, und wenn auch unsere Familien viel mit ihr lebten, was konnten wir Fremden ihr geben —? Wie wenig war das und wie demütig dankte sie. Sie konnte nur mit Worten danken, aber manches dieser Worte wiegt schwer und verdient weitergegeben zu werden. Denn beim Anschauen dieser gebrochenen Frauengestalt, die wir alle stolz aufrecht und dem Auge angenehm gekannt hatten, stand von selbst die Frage auf: „Ist es recht, sich zum Schaden der Familie einer großen Allgemeinheit zu opfern?" Die Mutter Theodor Herzis — darüber besteht kein Zweifel — beantwortete diese Frage mit einem kurzen, scharfen „Nein". Ihr Sohn hatte sich dem Judentum ergeben, sie verfolgte seine Tätigkeit mit sorgendem Stolze, sie genoß mit ihm auf einem Zionistenkongreß die Freuden des gefeierten Volksführers — aber sie sah mit banger Ahnung die Falten, die sich in seine Stifne gruben, sie horchte besorgt dem unruhigen Pochen seines ungestümen Herzens, das an der Judenkrankheit siech wurde und sie batoft und dringend, daß er, ihr Kind, ihr Einziges, sich der Allgemeinheit ein wenig entziehe und mehr der eigenen Familie lebe. Jede Reise — und Herzl war viel unterwegs — für den Zionismus galt ihr als Unrecht an der Familiei an der Mutter, und kein Erfolg bei Staatsmännern oder Herrschern — und deren gab es genug — schien ihr eine ausreichende Entschädigung für die entgangenen Zärtlichkeiten. ■Aber so sehr dieser Sohn seine Mutter liebte, sie hatte keinen Einfluß auf sein Wollen, wo es das jüdische Volk betraf, wie denn niemand ihn beirren konnte. Es war ein eisernes Müssen in diesem sonst weichherzigen Manne, ihn jagte ein fast triebhaftes Wollen — vorwärts — abwärts —- dem Grabe zu. Aber keine Glorie, keine Volkstrauer, kein noch so treues Gedenken der Freunde und der Massen konnten die Mutter darüber trösten, daß der Sohn frühzeitig ins Grab gesunken war. Wenn wir dann Reisen unternahmen, sagte sie still verwundert: „Sie fahren von Ihrer Familie weg?" Und ein bitteres Lächeln umgab stets ihren schmerzhaft verzogenen Mund. Kam man zurück, dann fragte sie wie zufällig: „Nun, hat sich Ihre Familie gefreut?" Und dann konnte es geschehen, daß sie, die karg war in Zärtlichkeiten, wie die meisten Menschen, die von ihrer Umgebung verwöhnt "werden, streichelnd die Hand nahm und bat: „Nicht wahr, jetzt bleiben Sie lange hier." Nein, sie sah es nicht gerne, daß man sich der Allgemeinheit widmete und glaubte stets, unsere Familien schützen zu müssen. Wenn gar Zwietracht erstand, wie sie in allen politischen Parteien zu Hause ist, bei den Juden doppelt giftig, weil sie mit innerer Respektlosigkeit gegen die Volksgenossen gepaart ist, dann sagte sie mit leiser Ironie: „Und deshalb hat mein Sohn sterben müssen?" ^^llllllllItllllllllllillllltllllllllllllllllllllllllltflllllBiailtllllSftlllltlllltlillllllilllUlllllllllllj^. für die ehrw. Herren 1 Rabbiner und Kantoren § und Chorsänger j in den mannigfaltigsten Formen erhalten 5 Sie fertig und nadi Maß In bester Qualität zu den billigsten Preisen! | in der altbekannten § Uniformierungsu. 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