Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 42 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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■ . Nr. 42 DIE NEUE WELT Seite 5 Caf6« Restaurant Hotel de France Schwemme: Maria Theresienstr. 4 Menüs und Speisen ä la carte MIi98ige Preise! Bestellungen für Hochzeiten, Diners. Saal u. Klubzimmer. Eigene Kellereien u. Konditorei det, hat Mauschel nur elende Angst oder höhnisches Grinsen im Gesicht. In den harten Zeiten richtet sich der Jude auf, Mauschel dagegen verkrümmt sich nur noch schmählicher. Werden die Zeiten besser, so ist es für den Juden eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeine Wohlfahrt,; ' Mauschel aber wird frech und hochmütig. Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur; Mauschel betreibt hinter dem Fortschritt wie hinter der Reaktion nur seine eigenen schmutzigen Geschäfte. Der Jude erträgt die Armut mit Würde und Gottvertrauen, im Reichtum öffnet sich sein Herz weit für die Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Wohlergehen durch große Gaben. Mauschel ist in der Armut ein erbärmlicher Schnorrer, im Reichtum ein noch erbärmlicherer Protz. Der Jude liebt die Kunst und gelehrte Uebungen; diese waren oft und lange sein ganzer Trost in der Abgeschlossenheit, die ihm eine feindselige Gesellschaft aufzwang. Von Mauschel werden selbst Kunst und Wissenschaft um des gemeinen Vorteils willen betrieben. So konnte man in unserem Volke zu allen Zeiten sogar Kaufleute und Handwerker von tiefer, schamhaft verschwiegener Bildung sehen — in solchen Gestalten trat der Jude auf. Einmal hieß er Baruch Spinoza, schliff Brillen und betrachtete die Welt sub specie aeterni. Und so könnte und kann man hinwieder Rabbiner, Schriftsteller, Advokaten, Aerzte sehen, die nur verschmitzte Gewinnsucher sind — in solchen Gestalten tritt Mauschel auf. Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Ueberzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten, oder sich offen als ihr Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht benagt, - oder er flüchtet sich unter Polizeischutz .und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz bange" wird; Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet— und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres .Wesens allezeit geschieden waren, wurden stets miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Mißverständnis? Als wäre in irgendeinem dunklen Augenblick unserer Geschichte eine niedrigere Volksmasse in unsere unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden, so nehmen sich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter unseres Volkscharakters nicht den Juden, sondern Mauschel genommen. Starke Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechtesten. Die Deutschen sind ein Volk von Dichtern und Denkern, weil sie Goethe, Schiller, Kant hervorgebracht haben. Die Franzosen sind die Tapferen und Geistreichen, weil sie Bayard und Duguesclin, Montaigne, Voltaire und Rosseau aufstehen ließen. Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel Mauschel ist der Fluch des Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt, und es mag oft vorgekommen sein, daß gute Juden vom Volk und vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach innen und außen geschwächt. Aber es kam die Zeit, unsere Zeit, wo auch die Flucht aus der Religion den Juden nicht mehr von der Solidarität mit Mauschel» befreien kann. Die Rasse! Als ob Jude und Mauschel von derselben Rasse wären. Der Gegenbeweis war freilich schwer zu erbringen, und vor dem Antisemitismus schienen Jude und Mauschel für immer, unauflöslich, rettungslos verbunden. In solchen Zeiten pflegt wohl mancher Mauschel vom Judentum abzufallen, ein Jude sicher nicht. Da trat der Zionismus auf — Jude und Mauschel mußten zu dieser Frage Stellung nehmen. Und jetzt, jetzt zum ersten Male hat Mauschel dem Juden einen moralischen Dienst von unverhoffter Größe erwiesen. Mauschel sagt sich von der Gemeinschaft los, Mauschel ist Antizionist! Man möge uns nicht mißverstehen. Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie man uns gerne darstellen möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt sehr hohe, sehr respektable Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Person nicht teilnehmen kann oder will; aber darum braucht er sie noch nicht zu verdäch- KINO QB.TaborstraßeS Tel.42-3-41 Wegen des großen Eifolges auff eine weitere Woche prolongiert Das gigantische Fitmwerk (WC) II Letzte Woche! B eginn: Wochentags 7 u. 9Uhr, Sonn-u. Feiertags 5,7 u. 9 Uhr Wege zu | Schönheit vergesst nicht Schokolade sie ist IrrälMM gjMid erfrischend wohlschmeckend tigen und zu bekämpfen. Die Haltung eines Juden, der nicht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt sich eigentlich von selbst: er stellt sich abseits Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimiliert, daß ihn die Geschicke der Juden nichts mehr angehen. Er hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz das äußere Band . nicht zerrissen. Er kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, daß auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judentum schon abgekommen ist, um so achtungsvoller wird er die Regungen dieses ihm fremden Volksbewußtseins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, daß seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluß an ein anderes, dem er sich verwandter fühlt, ohne beschämende Konzession. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antizionist. Er bleibt neutral, kühl, fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er als Fremder die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen und unterstützen, wie es unsere christlichen Freunde tun, die den verschiedensten Völkern angehören. Mauschel hingegen ist Antizionist, und zwar in lärmender, belästigender Weise. Mauschel höhnt, schimpft, verleumdet und denunziert. Dem Mauschel spürt, daß es ihm jetzt endlich an den Kragen geht. Er hat das sofort, noch bevor der Zionismus alle Batterien demaskierte, auf eine beinahe geniale Weise erraten. Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlagwort gegen die Zionisten ausgegeben: sie seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die uns ohne Rücksicht auf unsere erworbene Stellung und unser Vorwärtskommen vor aller Welt als Semiten bekennen, die Pflege unseres alten Volkstums hochhalten, zu unseren armen Brüdern stejien.. Aber er koll" unter Nr. 1559 mitteilt, Theodors Vater Jakob Herzl— jaakoib benschimeon — in, die Chewrah Kadischah, eingetreten. (Der Muttername Ritscha wohl ein Schreibfehler für Riwka.) Die interessanteste Eintragung in diesem Zusammenhang ist wohl die unter Nr. 3149, aus der hervorgeht, daß Theodor Herzl selbst im Februar 1868 der Budapester Chewrah Kadischah als Mitglied beigetreten ist. Klar ist, daß der achtjährige Knabe nur auf Anmeldung seines Vaters Mitglied wurde. Es wurde nicht ausdrücklich bemerkt, daß er als „Melodsche" eintrete, weil die althergebrachte Unterscheidung zwischen Junioren- und den wirklichen Seniorenmitgliedern damals bereits überlebt war, da in der Großstadt an Stelle der direkten Liebestätigkeit Vertretung durch professionelle Funktionäre getreten war. Die Eintragung spricht vom „habachur benjamin seew ben jaakob" und fügt hinzu „weschem imo lana". ' Im Jahre 1904 fand, wie öfters, eine Richtigstellung der Mitgliederlisten statt, bei der, wie gewöhnlich, alle Mitglieder, die mit Mitgliedsbeiträgen im Rückstände waren, die sich mißliebig gemacht hatten, oder von denen man nicht den Aufenthaltsort wußte, ■ gestrichen wurden. Unglaublicherweise geschah dies auch mit Theodor Herzl. Die diesbezügliche Eintragung, schwer zu glauben, aber leicht schwarz auf weiß zu lesen,.lautet: Az 1904 fehruar 26 — elöljarosagi hatazorat szerint a tagok soräbol töröltetett. Man würde wahrscheinlich fehlgehen, wenn man darin eine antizionistische Demonstration oder gar ein.e böswillige Maßregelung des großen Zionistenfühirers erblicken würde. Es war wohl eine aus bureaukratischer Schablone entsprungene kolossale Gedankenlosigkeit. ■' Nun aber, da der Zionismus in Ungarn eine legalisierte Bewegung geworden ist, ist die Zeit gekommen und auch der äußere Anlaß gegeben, daß die Budapester Judenschaft diesen Mißgriff, der viel mehr sie selbst als ihren größten Sohn herabsetzt, wieder gutmache. Es besteht, wie ich glaube, bei den Magyaren der avitische Brauch, falsche, irreführende oder beleidigende Protokollierungen in öffentlichen. Büchern dadurch zu sühnen und aus der Welt zu schaffen, daß man in feierlicher Sitzung die betreffende Seite aus dem Protokoll ausschneidet, ein Brauch, der, wie ich mich zu erinnern glaube, noch zur Zeit der Verfassungskämpfe unter Fejervary und Kristoffy in den Komitatskongregationen geübt wurde. Man ahme also, ohne den, Vorwurf der Assimilation zu befürchten, diesen Brauch nach und denke auch sonst noch in Budapest darüber nach, wie man das. Andenken des größten Juden, den Budapest hervorgebracht hat, in solenner Weise ehren könne. Einige Worte, noch über die weiteren Vorfahren von Wolf Diamant, den, wir früher als Theodor Herzls Urgroßvater kennen gelernt haben. Wir müssen jetzt auf gesicherte Forschungsergebnisse vorderhand verzichten und uns mit Vermutungen und Hypothesen begnügen, die allerdings sich später als wahr und beglaubigt herausstellen können. Aus den Budapester Archivalien also erfahren wir nichts über Wolf Diamants Eltern, Qroßeltern, sonstige Vorfahren, noch auch seinen Herkunftsort. Wir wissen aber, daß Träger des Namens Diamant, die zugleich wie' Wolf Diamant Cohanim waren, im Preßburger Komitat gewohnt haben, und zwar sowohl in der Stadt Preßburg selbst wie auch in den Dörfern Spacza, Korompa, Bogdanocz und Schattmannsdorf (Cseszte), Zu dieser Familie Diamant gehörte auch Philipp (Lippmann) Diamant, einer der ersten Aufklärer in Preßburg, Lehrer an der Primärschule, durch seine Gattin mit dem Wiener Fmanzmann Michael Lasar Biedermann verschwägert und Vater zweier Töchter Henriette und Minna Diamant, die zu den geistvollsten Mädchen in den Judengassen des Vormärz gehörten. M i n <n a D i a m a n t, die 1840 im Alter. von nur 25 Jahren starb, hat mit Freunden , und Verwandten einen regen Briefwechsel geführt, den ich demnächst in Buchform der Oeffentlichkeit vorlegen werde, und von dem man wohl sagne kann, daß er zu den interessantesten 'judischen Dokumenten der Biedermeierzeit gehört und unerwarteten Einblick in die Ausstrahlungen der Haskalah, der Aufklärungsbewegung, nach Mitteleuropa, insbesondere nach Ungarn, aufweist. In dieser Familie hat sich nun die Tradition erhalten, daß sie aus Philippsburg am Rhein stamme. Im Jahre 1800 lebten nun in Spacza und Korompa zwei Brüder Mardechai und Jizchak Diamant, deren •Vater nach der Haskarahtafel zu Spacza Josef hieß. Unsere Vermutung geht nun dahin, daß dieser Josef auch der Vater des Wolf Diamant gewesen sei; dieser hätte, wohl als jüngster Sohn, Korompa verlassen, und sich nach Pesth begeben, um dort sein Glück zu machen. Wie wenig ihm dies, mindestens in materieller Beziehung, gelungen ist, beweist die schlechte finanzielle Lage, in der seine Witwe Charlotte und seine Kinder nach «einem Ableben, zurückgeblieben waren. Im Budapester Landesarchiv erliegt unter de,n Financiaria genannten Urkunden ein mächtiger Foliant, der ein Verzeichnis aller im Jahre 1735 in Ungarn ansäßigen Juden enthält und genau jedes einzelnen Familienstand, Beruf und Herkunftsort angibt. Aus diesem für die Geschichte der ungarländischen Juden so wichtigem Dokumente erfahren wir, daß im Jahre 1735 in der Ortschaft Spacza ein Mann namens Salomon Josef, wohl der Vater des in der Spaozaer Haskarahtafel erwähnten Josef, lebte. Als sein Herkunftsort wird das Dominium des Fürsten von Philippsburg angegeben, was sicherlich beweist, daß Salomon Josef aus der Stadt Philippsburg stammt, da es einen Fürsten von Philippsburg nie gegeben hat und er also seine papierne Existenz nur dem Hörfehler eines Schreibers verdankt. Es liegt also auch ein dokumentarischer Beweis für. die Fa*