Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 42 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr, 42 OTEL CONTINENTAL WIEN, II., PRATERSTRASSE 7 (neben Schwedenbrückei 200 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise hatte blitzschnell heraus, was wir sind. Mauschelfeinde sind wir. Mauschel hatte sich mit dem Antisemitismus schon so gut wie abgefunden. In den Kulturländern geht es ja den Juden nur an die Ehre. Mauschel zuckt die Achseln: was heißt Ehre? Wozu braucht man die Ehre? Wenn die Geschäfte gehen und man gesund . ist, läßt sich das übrige ertragen. Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgendeinem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation unterschlüpfen könnte. Dort angelangt, spielt er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind, wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen. So kommt es, daß wir manchmal von ernsten Freunden unserer Sache die Bemerkung hören müssen: „Die Juden selbst wollen ja vom Zionismus nichts wissen." Die Juden? Nicht doch. Nur Mauschel nicht! Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es. Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei. Das ist eine der ersten, eine der wohltätigen Folgen unserer Bewegung. Wir werden erleichtert aufatmen, wenn wir diese Leute, die wir mit heimlicher Scham als Volksgenossen behandeln mußten, ganz und gar los sind! Sie gehören' nicht zu uns — aber wir auch nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmählich, welch eine gesunde Volksbewegung unser Zionismus ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den schmachvollen Elementen zu säubern? Weg mit der faulen Duldung. Wir brauchen über Mauscheis Streiche nicht mehr zu erröten, wir brauchen sie nicht zu verschweigen, nicht empfindsam zu verteidigen. Ali, wir sind Narren? Nun, so verrückt sind wir nicht, noch länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen. Mehr noch: der Feind soll wie ein Feind behandelt werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die d-u als Protestrabbiner miß, brauchst! Wir wollen erst wieder in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus, Mauschel, aus allen Vertretungen des jüdischen Volkes, das du nicht zu kennen behauptest. Und ist es wahr, daß nur die Gedrückten, nicht die Mächtigen am Zionismus hängen, dann soll die versammelte Kraft der Unglücklichen aufgeboten werden. Wir wollen sehen, wie sich die Dinge gestalten, wenn wir den Boykott auf allen Gebieten gegen' Mauschel ausgeben. Wenn wir alle die förmlich von uns absondern, die sich gegen unsere Volksgenossenschaft verwahren, wird man in diesen Ausgeschiedenen eine seltsam gemischte Gesellschaft zu sehen bekommen. Da ist der Finanzier, der so viel Butter auf dem Kopfe hat, daß er sich vor einem ebenso verdächtigen Mauschel, vor dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die sich an den Grenzen der Paragraphen aufhält. Da ist der rotgeschminkte Politiker, der jetzt den Sozialismus betreibt, ausnutzt und entwertet. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, cjie findigen Ausbeuter... Mauschel, nimm dich in acht! Da ist eine Bewegung, von der selbst de Judenfeinde gestehen, daß sie nicht verächtlich ist. Es soll ein Abfluß unglücklicher, wirtschaftlich und politisch schwer bedrohter Menschen nach einer dauernden Heimstätte, unter rechtlichen Sicherheiten eingeleitet werden. Dagegen sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Perfidien verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vorteil für dich siehst? Was hast denn du jemals für deine „Brüder" getan? Entehrt hast du sie, geschadet hast du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen, fällst du ihnen in den Arm. Mauschel, nimm dich in acht! Der Zionismus könnte es halten, wie Teil in der Sage. Wenn sich Teil anschickt, den Apfel vom Haupte seines Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauscheis Brust bestimmt! Wo Güte sich mit Frische paart Und uns ein Wohlbehagen bringt Von einer sanz besond'ren Art, Man laut das Lob der „Herrtia" singt. „Hcrnia" ist Saft von HERba MAtc, alkoholfreies Erfrischnnjrs- KCträiik. Beim Kaufmann erhältlich. En gros: Carl Haber, Wien, XVi. Ein Brief Jahotiüskys an W 66 Revolution oder Bruch? Sehr geehrter Herr Kollege! Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdige Einladung,' einen Aufsatz für die Herzl-Nummer der „Neuen Welt" zu schreiben. Leider kann ich* es nicht. Der einzige Gedanke, den bei mir jetzt der Herzl-Tag erweckt, ist allen bekannt und so klar, dal es zwecklos wäre, ihn in einem Artikel zu formulieren. Es soll der Gedanke, daß wir vor einer Liquida tion, d e r. Et b s c h a f t Herzls stehen, weil die „Erweiterung" der Jewish Agency — in den von der Exekutive angestrebten Formen — den Untergang); der Zionistischen Organisation bedeutet. Gestatten Sie mir, anstatt nutzlose Amplifikationen dieses einfachen Axioms zur Ergötzung des Publikums anzuhäufen (und das wäre der einzig mögliche Inhalt eines Artikels), an alle oppositionellen Zionisten angesichts dieser Gefahr die Frage zu stellen: Was gedenket Ihr zu tun? Man spreche nur nicht von einem fait aecompli. Die erweiterte Agency existiert noch und wir haben noch genug Zeit, wenn wir handeln wollen. In voller Kenntnis der Sachlage behaupte ich, daß es noch zehn und zwanzig Wege gibt, die „erweiterte" Agency vor ihrer Geburt entweder harmlos zu machen oder zu töten. Das kann aber nicht durch Indolenz- und Klagerufe erreicht werden. Weder kann es erreicht werden, wenn die Opposition den zionistischen Konstitutt o.nalismus so interpretiert, als ob nur die Exekutive das Recht habe, in dieser Sache aktiv zu handeln; oder als ob es nicht verfassungsmäßig wäre, gegen schlechte und schädliche Kongreßbeschlüsse mit allen ehrlichen Mitteln zu kämpfen. Ich halte diese Auffassung für Nonsens. Im Kongreß ehre ich wie jeder andere: er ist unser Parlament. Das ganze politische Leben der zivilisierten Welt besteht darin, (daß man schlechte Gesetze (gleich Kongreßbeschlüsse) zu ändern oder abzuschaffen strebt. Und in unserer Tradition gibt es das Uganda-PräcedenS. Weiter: wenn das „Erweiterungs"unglück wirklich eines bösen Morgens zum fait aecompli werden sollte — was dann? Wird die Opposition „loyal" und „konstitutionell" weiter in der macht- und inhaltslosen Leiche der Zionistischen Organisation bleiben? An Kongressen teilnehmen, die nichts befehlen und nichts verbieten können? Sich um die Wahl von Exekutiven streiten, die nichts ohne Erlaubnis von Außenstehenden anfangen dürfen? Es ist gar nicht verfrüht, diese Fragen zu stellen, gerade darum nicht verfrüht, weil das Unheil noch nicht geschehen ist. Die Folgen einer Katastrophe sollte man berechnen, bevor die Katastrophe einsetzt. Meinen Standpunkt kann ich ganz klar definieren: ein dem Assimilantentum unterworfener Kongreß ist kein Rlafz, füriZipiiisten/ Bei.<Konflikten von. solcher prinzipieller /Schärfe." verstehe ich ' nicht eine '„Opposition", die seelisch yön vornherein bereit ist, sich doch'zu fügen, wenn eine aus' allen , Ghettorichtungen des Zionismus ..zusammengesetzte Majorität unseren Selbstmord dekretiert, aus unserem Parlament eine beratende Körperschaft macht. Bei solchen Kon- Der mit großem Erfolg vorgeführte LIL DAGOVER-F1LM der erscheint ab heute, Freitag, den 6. Juli 0. J., in den WIENER KINOS milientradition der Abkunft von Philippsbiirg vor. Kaum haben wir aber eine sichere Spur gefunden, so kommen neue Zweifel und erst recht tauchen Schwierigkeiten auf. - Wie ist es denn wohl zu erklären, daß ein Mann, wenn auch aus dem unfreiwilligen Wandervolke der Juden, von Philippsburg am Rhein nach dem weltentlegenen slowakischen Dörflern Spacze bei Tyrnau gelangt? Wohl eine schwere Frage! Ein Zufall scheint uns nun auf den richtigen Weg zu führen. Ein Büchlein „Freie" Aeußerungen ...", 1790 von der Stadt Tyrnau herausgegeben, als ein Protest gegen die Toleranzbestrebungen Kaiser Josef II.,, der auch den Bürgern der königlichen Freistadt Tyrnau zumutete, auf ihre alten Privilegien zu verzichten und Juden in ihrer Stadt wohnen ■zu lassen. Die Stadt Tyrnau hatte nämlich seit Kaiser Ferdinand I. — ähnlich wie die Bergstädte Kremnitz und Schemnitz — das Privileg, Juden aus ihren Mauern ausschließen zu dürfen. Der freiere Zug der josefinischen Zeit wollte mit diesem Unrecht aufräumen, doch dagegen protestierten aufs heftigste „Senat und Volk" von Tyrnau und sie ließen die „Freien Aeußerungen..." erschallen. In diesem Büchlein nun ver* öffentlichten die Tyrnauer alle für ihren Standpunkt sprechenden kaiserlichen Dokumente, um den toleranten, reformfreundlichen Kaiser mit den Worten seiner Vorgänger zu widerlegen. Eines dieser Privilegien aber lautet: (Confirimatio antiqui privilegii pro civitate Tyrnavien.si.) Wir Leopold von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches,: zu Germanien und •Hungarn König... Geben hiermit zu vernehmen und "bezeugen jedermänniglieh, denen daran, gelegen, daß unsere getreuen, wohlweisen und'achtbaren Richter und übrigen geschworenen Bürger und Ratsmänner .unserer k ö n i g 1 i c he n F r e y s t ad t; Ty r n au unserer Majestät einen Vortrag gehorsamst und auf •folgende Weise entrichtet haben, was massen vergangener Zeit den llv May »laufenden ,1686ten Jahres ein gewisser Jude namens Salonion, Markentänder bei unserem Ti p p en thalischen Regiment e und Hauptmann Spanners Kompagnie durch unbekannte Ursachen freventlich und verwegen Iiiezu verleitet, wider oben benannten unserer Stadt Tyrnau von Seiner römischen kaiserlichköniglichen Majestät Fürsten und Herrn Ferdinand, den Ersten zu Hungarn und Böheim König, unserem Vorfahren glorwürdigen Angedenkens . . . bewilligten Privilegien, die wir auch zur Zeit unserer glorwürdigen Krönung den königlichen Gesetzen gemäß gnä^ digst bestätiget, in benannte unsere Stadt, heimlich und verborgen eingetreten und sich eingeschlichen und dessentwegen wider alle solche zuwiderhandelnde1 Kraft vorangemerkten Freyheiten mit gesetzmäßiger Schärfe als Verachter und Geringschätzende zum Nachteil unserer Stadt und Verachtung der königlichen Donational-Privilegien sich Anmaßende haben sie bei unserer Majestät nochmals gehorsamst und geziemend angesucher, damit wir benannte ihnengegebene und bewilligte Freyheit, die sie auch durch' Verlauf so vieler Jahre ruhmwürdig — und mit mehreren Beispielen bestätigter samt der Freyheit zu strafen in bestendigen Gebrauche erhalten haben auch noch fernerhin zu verleihen und zu bestätigen geruhen möchten, daher wir ihre Bitte mit königlicher Huld und Gnade gnädig zugelassen und angehöret; ... So erteilen und geben wir die Freyheit, damit solche, Juden ... mit einer all möglichen Strafe beleget und gestrafet werefen sollen. So wir nochmals bestätigen. giitjiei.ßen. und, bekräftigen, .erteilen., und. geben,'kraft unseres geheimen anhangenden 'Siegels, so wir als König von Hungarn im Gebrauch fraben, Kraft und Wahrheit zur Steuer dieses unseres Briefes. . .Gegeben und gefertiget durch die Hand,, unseres lieben getreuen Hofgeheimschreibers undköniglichen Rathes des wohlachtbaren Johann von Mahglany, und zwa-.r \zur Zeit id^r-erledigten Kanzlerstelle, ip unserer Wienerischen Neustadt in Oesterreich den 28.ten. May im Jahre des Herrn 1686, unsere!" Reiche des. Römischen im 28ten, des Hungarischen . und übrigen im 31ten, des böhmischen aber im 30ten. •' Die erste Frage, die sich nun ergibt, ist die, ob dieses Dokument echt sei und nicht wie es manchmal schon vorkam, von den Vorweisern, in diesem Falle also von den Beauftragten der Tyrnauer Bürgerschaft gefälscht worden sei. Diese Sorge aber ist unbegründet, da im Liber Regius Kaiser-König Leopolds das Schreiben vorkommt, also an seiner Echtheit nicht gezweifelt werden'kann. Nachforschungen im Wiener Kriegsarchivergaben, daß das „Tippenthalische Regiment" ein deutsches ^Regiment zif Fuß sei,-das Johann B ä p t I*'S-1; F r e i b e rr von D ie p p e n t h a 1 gebildet und: dem Kaiser zur Verfügung gestellt'habe. 1683 ständen fünf Kompagnien als Besatzungin Leopoldstadt (Lipötvar und Gaigöcz), die! änderen fünf an der Waag,, letztere haben später an5 der Öntsatzschlaeht von' - Wien ''teäfferiömmen.- - Nim "klärt es sich aufs besteraüfwie manvon 'Philippsbiirg -am Rhein-.-nach* 'Tyrnau" kömmt! Ein abenteuerlustiger Junge sieht" und hört die Werbungen für das kaiserliche Heer, hört vom Krieg" und Kriegsgeschrei fern in Ungarn gegen die Türkei, träumt von Freiheit und vom wilden Lagerleben, er schließt sich den Werbern an und bleibt beim Regiment, das er auf allen seinen Kriegszügen begleitet. Pochend auf seine Zugehörigkeit zum siegreichen, kaiserlichen Heere verletzt er die Privilegien der Tyrnauer Bürger und siedelt sich, da. es ihm in;jener Gegend, zu gefallen scheint, in nächster Nähe von Tyrnau, in Spacza an. Jener junge Jude Salomon also war in seiner Art und für seine Zeit ein Vorkämpfer der Emanzipatjön, und es ist, wenn man an ererbte geistige Eigenschaft glaubt, gar, nich^ so. schwer anzunehmen, daß er ein Vorfahre von Theodor Herzl war, der laut die Losung „Hinaus aus dem Ghetto" erschallen ließ. ^rr^;'A*ms^^^ jss/naexiamm-