Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 40 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4vi DIE NEUE WELT Seite? Der Ueberfall auf Dr. Plaschkes. Verurteilung eines sozialdemokratischen monarchistischen Hakenkreuzlers. Am 3. Mai d. J. nach Beendigung der Hauptverhandlung im Prozeß des früheren Ministers und Gesandten Grafen Ottokar C z e r n i n gegen den verantwortlichen Redakteur unserer Zeitung wurde der Verteidiger des angeklagten Redakteurs, Rechtsanwalt Dr. Leopold Plaschkes, im Gerichtsgebäude von einem großen starken Mann überfallen und durch einen Faustschlag verletzt. Dieser unerhörte Vorfall hatte am Dienstag vor dem Strafbezirksgericht I sein Nachspiel, weil der Attentäter, der arbeitslose Partieführer Johann Kahn, wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung und Ehrenbeleidigung angeklagt war und seinerseits auch den Dr. Plaschkes geklagt hatte, der ihn einen gedungenen, bezahlten Kerl genannt hatte. Als Vertreter des Dr. Plaschkes intervenierte Dr. W a 1 d m a n n, als Verteidiger des Klägers und Beschuldigten Kahn Dr. Hans Gürtler. Bei der Hauptverhandlung benahm sich Kahn sehr demütig, bettelte um Verzeihung, entschuldigte sein Vorgehen mit patriotischer Aufregung und konnte nur nicht erklären, woher seine Aufregung ■ kam, da er doch während des Plaidoyers, ohne dessen Inhalt zu kennen, auf der Straße Herrn Dr. Plaschkes zwei Stunden lang aufgelauert hatte. Er wies schon bei der Polizei eine Legitimation als Mitglied des Verbandes monarchistischer Unteroffiziere ypr und Dienstag überraschte er außerdem durch die Vorlage einer Mitgliedskarte der sozialdemokratischen Organisation für die Jahre 1924 bis 1928 (Mitgliedsbeiträge voll bezahlt). Auf die Bemerkung des Dr. Plaschkes, daß sich ein so feiner Herr eben auf zwei Seiten versichert, wußte Dr. Gürtler nichts anderes zu sagen, als: „Auch Sozialdemokraten können altösterreic Iii sehe Patrioten sein!" Nach der Vernehmung einiger Zeugen, einem ausgzeichneten Plaidoyer Dr. Israel Waldmanns und einem Schlußwort Dr. Plaschkes verkündete der Richter das Urteil: Der Angeklagte Kahn wird wegen Ehrenbeleidigung und vorsätzlicher leichter Körperverletzung zu einem Monat Arrest, bedingt mit dreijähriger Bewährungsfrist, verurteilt, Dr. Plaschkes wird von der wider ihn erhobenen Anklage wegen des Ausdruckes „gedungener bezahlter Kerl" freigesprochen. Prager Brief. Von unserem Prager B. [.-Mitarbeite». Prag, Mitte Juni: Die unklare innerpolitische Situation, bedingt hauptsächlich durch die langwierige Krankheit des Premiers! Svehla und das damit im engsten Zusammenhang stehende fortgesetzte Provisorium, bringt es mit sich, daß die einzelnen Parteien, früher als es sonst üblich zu sein pflegt, das Terrain für den Wahlkampf ins Parlament vorbereiten. Man begnügt sich aber offenbar durchaus nicht mit einer bloßen Sondierung der allgemeinen Konstellation, sondern zieht schon jetzt konkrete Verhandlungen vor. Die j ü d i> sehe Wählerschaft, die in früheren Jahren regelmäßig erst unmittelbar vor dem eigentlichen Kampf in das Getriebe der Stimmenwerbung hineingezogen wurde, ist ein wenig überrascht, daß man ihr bereits in diesem' Resiauraiions - Schiff gegenüber Rotenturmstrasse, Zugang MarlenbrOcke Ab8UhrGRIMZIMG AM SCHIFF. Oute Küche Massige Preise :: Bier vom Fass :: Eigenbauweine MMBBBaaCMBHOWWMIMMIBftWMWBCBaMBMMMWWBBBBMiMBHBlM vorbereitenden Stadium so große Beachtung widmet. Kar* pathoruBland, der in jeder Hinsicht östlichste Zipfel der Republik ist zum Angelpunkt politischer Machinationen geworden, zum Bezirk, in dem Argrarier und Sozia h demok raten ein Duell um hohen Einsatz durchfechten- Der Einsatz sind — die jüdischen Stimmen, und Empörung wäre wohl sehr unangebracht darüber, daß man hunderttausend Menschen einfach verschachern, zum willenlosen Objekt eines politischen Kuhhandels machen will. Denn darf man sich auch heute noch irgendwie aufregen, wenn Juden nicht um ihre Einstellung, um ihre Forderungen gefragt werden, sondern wenn man sich1 eiiifa'J1 vorstellt, man könne diese Juden durch ein Linsengericht! zum Parieren bringen? Die Ereignisse bei den früheren Parlamentswahlen Waren so überzeugend, daß keine der Stimmen suchenden Gruppen ernstlich vermeinen kann, es bei der jüdischen Masse der Ostslowakei und Karpathorußlands mit politisch aufgeklärten und politisch erzogenen Menschen zu tun zu haben. Die Finanzierung der zahlmäßig so schwachen Trennungsorthodoxie hatte doch genügt, hunderttausend Juden ihres verbrieften Rechtes zu berauben und, wenn nun diese unsauberen „Transaktionen" in den diversen Prozessen, die Dr. Margulies gegen Hirschler, Weber und Konsorten führte, aufgedeckt worden waren, so muß sich die Geld'- geberin, die agrarische Partei, eben nur um andere Mittel umsehen. Es zeigt sich, daß zwischen diesen Mitteln Weues Nach Dr. med. Johannes Dingfelder Von zehn Menschen leiden heute sicherlich fünf an Fußschmerzen. Es stellen sich eine ganze Reihe von Beschwerden ein, die, falsch gedeutet, allen Heilbestnebungen widerstehen. Und doch wäre bei richtiger Beachtung der ersten Anzeichen das Ucbel schon vom Anfang an zu bekämpfen. Als neueste Errungenschaft für diese Abhilfe dient.die vielfach erprobte Schuheinlage „Pneumette" die in überraschend kurzer Zeit alle Senkungsbeschwerden, insbesondere das peinliche Brennen auf der Sohle, die Schmerzen in Knöchel, Ferse umd; Fußgewölbe, ja sogar die oft eintretenden Verdickunigen in der Wade, wie die gelegentlich eintretende vermehrte Schweißbildtrng zum Verschwinden bringt. Für die warmen Tage ist der gum-, milose, formgehende iKrampfaderstrumipf, Marke Hygiea" die Qualität verbürgt, empfehlenswert, klia er völlig luftdurchlässig, unsichtbar und waschbar ist. Von der Firma Camino Baroer, Wien, I., Telnfaltsrr. nur Nr, 3 erhält jeder die „Pneuineite"-Elnlage, mit sechs Monate Garantie, um sich selbst von der bewährten Güte des Heilmittels zu überzeugen. allein graduelle, keinesfalls aber essentielle Unterschiede bestehen: i Man versucht in die jüdischnationale Partei selbst einzudringen! Wie die „Lidove* Noviny", das Blatt des ehemaligen österreichischen Abgeordneten Stransky, und das sozialdemokratische „Pravo Lidu"' berichten, vermochten die Agrarier ihren Einfluß dahin durchzusetzen, daß bei den Wahlen in das karpathoriussü'« vielfarbig, modern bedruckt, jetzt bereits trotz größter Auswahl zu unerreicht billigen Räumungspreisen bei VI>> Unke wienzeiie 4o (im Hofe) Los Hijos. Novellettc aus dem Leben der balkanischen Spaniolen. Von M. J. Cohen (Sofia). In der kleinen weltverlorenen Balkanstadt N. mit den vielen nach türkischer Art gebauten, meist morschen Häuschen, gab es nichts Bemerkenswertes; vielleicht die „modernen" Betonbauten, die den niedrigen Türkensiedlungen im Weg standen oder die kahlen Gebirgszüge ringsum und die Gebirgswässer, die zur Donau stürzten. Und doch lernte ich dort einige seltene jüdische Gestalten kennen und eine vergangene traurige Geschichte, die ich weitererzählen will. In früherer Zeit, da das Land den Türken gehörte, lebten in der Gemeinde N. zahlreiche jüdische Familien, weit bekannt, angeschen und begütert. Als jedoch durch den Bau einer wichtigen Bahnlinie das Städtchen vom Verkehr ausgeschaltet wurde, verlor es allmählich an Handel und an Leben. Die Möglichkeiten des Erwerbes verringerten sich, die Geschäfte gingen zurück und die Mehrzahl der seit Jahrhunderten dort ansässigen Juden mußte wegziehen, um irgendwo anders Brot und Dach zu suchen. Von etwa dreißig Familien ist ein Rest zurückgeblieben, der noch so etwas wie eine kleine jüdische Gemeinde bildet. Es gibt da eine ärmliche Betstube, wo am Sabbat knapp zehn Menschen zum Gottesdienst sich finden, einen Vorbeter, von dem die Juden ihr Geflügel schachten und ihre Knaben das hebräische Alphabet lernen lassen. Es geht ihnen schlecht. Alle würden sie auswandern, am liebsten nach Erez Israel, aber das kostet Geld und die Menschen sind bettelarm. In diesem Städtchen lernte ich zwei Brüder kennen, die auf den nicht gerade spaniolisch klingenden Namen Schulmann hören, aber weder deutsch noch jiddisch sprechen. Sie müssen wohl als echte Sp-aniolen gelten. Beide stehen im vorgerückten Alter, kräftige, breitknochige Gestalten, Spengler von Beruf, in Lebensführung, Kleidung, Gehaben durch nichts von den andern Spaniolea des Orts unterschieden. Baruch und Schalomo Schulmann heißen die Helden der traurigen Geschichte, * Als In den Achtzlgerjahren die Pogrome in Südrußland die ganze Welt entsetzten und tausende Juden wie 'au*g$$cfyeuchte ^mSM.QhwMme nach allen Rflchtiwgen auseinanderstoben, kam es wiederhalt vor, daß einzelne dieser Unglücklichen über Varna oder Burgas nach Bulgarien flüchteten. Von hier begann für sie ein neues Martyrium, ein trauriges Wandern von Ort zu Ort, wo Juden wohnten, arm und hungrig und der Sprache des Landes unkundig. Die jüdischen Gemeinden nahmen sich zwar der Unglücklichen an, indem sie für sie sammelten und Unterkünfte besorgten. Aber viel konnte nicht geleistet werden; denn die einheimischen Juden waren meistens selber arm, rückständig, unwissend und schlecht organisiert. Die ersten Pogromflüchtlingie wurden in N. gastfreundlich aufgenommen, . in Privathäusern untergebracht, mit Geld, Kleidung und Wäsche versahen. Als aber in rascher Folge immer mehr kranke, verwahrloste, armselige Juden ankamen, erlahmten Gastfreundschaft und 0,pferfreude. Man begann, den durch Not und Leid verwilderten russischen Gästen auszuweichen, vermied es, sie ins Haus zu nehmen, versuchte sich ihrer zu entledigen. Schließlich brachte man sie im alten Beth Hamidrasch unter, um sie von hier mit einem Ochsengespann bis zur nächsten Etappe auf dem Weg nach einem Donauhafen abzuschieben. Ein Laib Hausbrot, ein Stück Schafkäse, einen Krug Wasser gab man ihnen als Wegzehrung mit. In einer frostigen' Winternacht, da im Städtchen Mensch und Tier in tiefstem Schlaf lagen, schleppte sich ein mit zwei Büffeiochsen bespannter Wagen über das holperige Pflaster nach dem jüdischen Stadtviertel. Vor dem Häuschen des Tempeldieners Nathan hielt der Wagen und der türkische Fuhrmann schlug mit seinem Stiefel wuchtig gegen das morsche Haustor. Erst nach geraumer Zeit erhielt er Antwort. DasSchloß ward aufgesperrt: ein Bursch von etwa fünfzehn Jahren, einen übergroßen Schafpelz angetan, mit einer Laterne und einem dicken Schlüssel in der Hand, erschien. Er sprach ein paar türkische Worte mit dem vor" Kälte ziternden, fluc'henden Fuhrknecht. Dann setzte das Büffelgcspanu sich in Bewegung und fuhr nach dem etwa zweihundert Schritte entfernten Beth Hamidrasch, Aus dem halbkreisförmig überdachten Wagen kroch eine In. Fetzen gehüllte junge Frau, einen wimmernden Säugling an der Brust; ein zweites, In Lumpen gewickeltes, Kind, das vor Kälte still vor sich hinweinte, hob sie aus dem Wagen. Der Fuhrknecht warf ein Bündel Kleider, einen Krug und eine alte, zerknüllte Pappschachtel vom Wageninnern auf die Straße und fuhr, rasch davon. Dann stand auch schon der fünfzehnjährige Junge da, öffnete wortlos das Tor des Beth Hamidrasch und schob die Frau mit ihren Kindern in den finsteren, kalten Raum. Dann entnahm er seiner Laterne den Stumpf einer Kerze und klebte ihn auf eine Hölzbank. Und schon wollte er, mit seiner Arbeit fertig, sich davonmachen, als das Weib ihn am Arm festhielt und in einer fremden, seinem Ohr rauhklingenden Sprache zu ihm redete. DeT verschlafene Junge verstand kein Wort. Das vor Kälte starre Weib war scheinbar entsetzt über den dumpfen und kahlen Raum, wo kein Feuer brannte, kein Bett, kein Lager, keine Decke vorhanden war, nichts als einige Holzbänke längs der vor Frost knisternden Mauer«. Durch die zerbrochenen Glasfenster pustete trockener, ikristailfrischer Wind in den Beth Hamidrasch hinein. Nun schrie das Weib mit einer' Stimme, die fürchterlich widerhallte, die freie Hand bewegte sie verzweifelt hin und her, die Kinder weinten still, der Kerzenstumpf flackerte im eisigkalten Windzug, dem Verlöschen nahe. Dem Burschen kam die Szene unheimlich vor. Er riß sich von der Frau los und mit einem Sprung war er drüben. Dort sperrte er die Tür zu, zog den Schlüssel ab und eilte nach Hause zurück, unter die warme Decke. Einige Stunden später, gegen drei Uhr früh', wai der alte Tempeldiener Nathan wie gewöhnlich erwacht. Er kleidete sich an, ergriff einen mit Holzkohle gefüllten Lehmtop'f, steckte den Schlüssel zu sich und ging hinüber zum Beth Hamidrasch, um Feuer zu machen. Bald werden die frommen Juden, die Frühaufsteher kommen, um den Mokka zu trinken, den niemand so köstlich zu brauen verstand wie der alte Nathan, und Papyrossi zu rauchen und halbversch'lafen ein paar Psalmen herunterzuleiern oder Hymnen zu summen dem Allmächtigen, der sein Volk liebt, wenn es auf ihn vertraut, und es vor Unbill schützt. Diese Morgenandacht nennt man Tikun Chazoth. Sie wird in vielen spaniolischen Gemeinden heute noch gewissenhaft abgehalten und viel eifriger besucht als das vorgeschriebene Frühmorgengebet. Ob aus Gewohnheit, des Kaffeetrinkens und Rauchens wegen oder aus frommer Freude am Gebet, das läßt sich nicht entscheiden. Im Beth Hamidrasch, während das Kohlenfeuer im Lehmtopf sich regte, hörte der alte Nathan das Gewimmer eines kleinen Kindes. Er wußte nicht was in der Nacht