Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 39 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 39 Max Bellak — 70 Jahre alt. Am 10. Juni Welt der Unterstützungs- und Krankenverein „Menschenliebe" eine Festsitzung ab, die der Ehrung seines Gründers und Präsidenten Max Bellak aus Anlaß seines 70. Geburtstages gewidmet war. Herrn Bellak, welcher auch einige Jahre als zionistischer Bezirksrat im 9. Bezirk verdienstvoll wirkte, wurden viele ehrende Kundgebungen aus allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft zuteil. Todesfall. Am 28. Mai starb hier plötzlich Frau Sarah Lustgarten, die Gattin des Kaufmannes Leon! Lustgarten, im 57. Lebensjahre. Die Verblichene, die älteste Tochter der vor 3 Jahren verstorbenen Philantropin Frau Blume Weber, war anfangs April 1871 in Tarnovv geboren. Sie war eine Urenkelin des Rabbi Jehuda von Biala» welcher ein Alter von ca. 100 Jahren erreichte, und enti stammt dem Hause des Gelehrten Lewusch, dessen Werke in der ganzen Welt noch heute in ritueller Hinsicht vcH bildlich sind. Die Verstorbene war Mutter von zwe^ Söhnen und einer Tochter, welche kurz vor der VerK heiratung steht. _ ) Sommerfrischen, die Juden meiden sollen. Im .nachfolgenden geben wir eine auf Grund von Anzeigen in antisemitischen Blättern angefertigte Zusammenstellung von österreichischen Orten, in denen antiserniitsche Fremdenunterkünfte bestehen. Wir halten es aus Gründen der solidarischen Haftung für angezeigt, daß Juden solche Orte auch nur wegen eines Lokales meiden. Wenn man die Gesellschaft am Geldbeutel trifft, dann gewöhnt sie sich ihre Manieren schon ab. Was Orte anlangt, in denen antisemitische Gemeinderatsbeschlüsse angewendet werden, empfehlen wir, sofort mit der Klage beim Verwaltiingsgerichtshof vorzugehen. Sollte irgend jemand sein Recht nicht finden, dann wäre die Anzeige an den Völkerbund wegen Verletzung der im Friedensvertrag garantierten Rechtsgleichheit zu erstatten. Niederösterreich. Aggsbach-Markt, Wachau. („Nur an Katholiken.") — Emmersdorf a. d. Donau, Wachau. („Nur Arier.") — Mank. (G ein ei mdler a t s b e schl u ß, den („Aufenthalt jüdischer Sommerfrischler nicht zu dulde n.") — Schelblingklrchen a. d. Aspangbahn. —- Schönberg am Kamp. (Im Jahre 1926 an t i s e m i t i s c h e Exzess e.) — Türnitz. — Ybbsitz. ftiiiWiiiii'irnrirrtffiiir^iiT- I Gxpreßverkehr nach ZNordu. Südamerika ig | REPRÄS.: B.„KOLOWRA?RING 4-TEL. 72-3-87 iwWWWWIB^^ Oberösterreich. Aigen im Ennstal. — Altmünster. (Pension Doktor Müller.) — Eferding. (Laut G e m e d n d e r a t s b eschl uß Aufenthaltsdauer für *Nichtarier" auf 24 Stunden beschränkt.) — Frankenmarkt. — Freistadt. — St. Georgen im Attergau. (Gasthof JB a u e r n - L ö c k n e r.) — Goisern. (Hotel Post.) — Guttau bei Kefermarkt. Mühlviertel. — Hansberg, Post St. Johann dm Mühlviertel. — Lambach. Hotel Menschik. — Mattighofen. — Micheldorf. (Pension Hai ndl.) — Neuhaus a. d. Donau. (Gasthof Ernst.) — Neuhofen a. d. Krems. — Obermühl a. d. Donau. — Reichenthat 'Mühlviertel. („Nur Ariier,") — Scharnstein im Almtal. (Pension Herrnstraß.) —1 SchorfIing am Attersee. >— Spital am Pyhrn. (Im Gasthof „Zur Post Eigentümer Grundner, in der Einfahrt Inschrift: „Juden nicht erwünscht"; weiters Villa Schwarzenberg.) — Traunkirchen. (Hotel „Am Stein".) — St.Veit, Mühlviertel. („Nur für Arier.") — Vorderstoder. (Steinerwdrt.) — Wallern bei Schallerbach. (Gasthöfe Eberstall er und Renner.) — Wartberg a. d. Krems. — Weyr a. d. Enns. (iDer V e r s chö n e rtongs verein schreibt, daß „Judlen nicht erwünscht" sielen.) — Weyregg am Attersee. (Lehrerheim: „Nur für Arier.") r— Wolderbad bei Hall. Salzburg. St. Johann im Pongau. (Laut Gemein der atsbe schluß: „Juden nicht erwünscht.") — Mattsee. (Laut G e mein der atsibescliluß „judenrein".) — Neumarkt am Wallersee. — Seehan bei Mattsee. — Seekirchen am Wallersee. — Tamsweg im Lungau. (Laut 'G em e in d <eratsbeschluß „judenrein".) — Wald im Oberpinzgau. — Zell am See. („Villa Olga", „Viäa Schmittentai".) Steiermark. Alt-Aussee. (E d 1 a u e r.) — Murau. ~ Pöllau. („Arische Sommerfrische ersten Ranges.") — Puch. (Zentralverband.) — Pürgg (am Eingang dies steirlschen Salzkammergutes). — Trofaiach. (Die Kurverwaltung annonciert: „Angenehmer Aufenthalt für christliche Familien.") —> Waldbach a. d. Lafnitz, (Pension Langenecke r.) Kärnten. Afritzersee. („Arische Sommerfrische.") — Agathendorf, Post Hirt. — Kötschach im Gailtal. (Stempel: „Nicht-, arier unerwünscht" auf einem Brief eines dortigen Gasthof b es itze rs.) — Krumpendorf am Wörthersee. (Villa Streicher.) — St. Margarethen, Lavanttal. — Maria- Wörth am Wörthersee, (Hotel Post.) — Ober-Villach. (Nicht zu verwechseln mit O b e r - V e 11 a c h bei. Vi!lach.) — Weißensee. Gemäß einem Beschluß der dortigen Fremde nv«erkehrsverbände wünschen die Sommerfrischen, „judenrein" zu sein, Tirol. Fügen. — Hall. (Gasthof „Goldener Engel") Hopfgarten. — Judenstein ob Hall. (Pension Wälsung,) — Mieders, SUibaital. (Das Gasthaus „Alte-Post" ist mit einem Hakenkreuz versehen.) — St, Jakob am PiUersee. („Nur Arier werden angenommen.") OetztaL Dorf Oberlängenfeld im Oetztal. (Oer Gasthof „Zum Hirschen" und dessen Dependence „Antonshaus", Besitzer Geschwister S k r e i n, nehmen jüdische Gäste nicht auf.) — Zillertal. Vorarlberg. Gaschurn bei Montafon. (Hotel „Rößle-Post".) — Schruns. (In den Gasthöfen „Löwe" und „Taube" sind Hakenkreuze angebracht.) Ein arisches Hotel. Man schreibt, uns: „Der Inhaber des Hotels „Neue Post"'in ,Bad Aussee (Steiermark) hat vor einigen Tagen, als ein .Geschäftsreisender für eine jüdische Firma versuchen wollte, ein Geschäft abzuschließen, denselben darauf verwiesen, daß er ein. Hakenkreuz trägt und mit Juden keine Geschäfte macht. Als ihn der Vertreter noch darauf aufmerksam machte, ob er dies auch bei seinen Gästen einhält, hat der Hotelinhaber eine weitere Verhandlung abgelehnt mit dem Bemerken, daß dies den Vertreter nichts angehe. — Es wird angebracht sein, die Leser Ihres Blattes auf die antisemitische Einstellung dieses Hotels aufmerksam zu machen." Was wir hiemit tun. 99 als Jude zu leben, 46 Von Otto Abeles. . An diesem Bande schrieb Heinrich Y o <r k- Steiner sieben Jahre und sie waren ihm wie ein Tag. Er wirbt darin um die jüdische Seele mit ganzer Hingabe und mit großer Liebe.*) Der Autor selbst weiß, daß ef kein wissenschaftliches Buch, keinen Brenge begrenzten Traktat über die Judenfrage geformt hat, sondern ein Mosaik. Die farbigen Steinchen, aus denen sich dieses umfangreiche Wenk zusammensetzt, sind- Tagebuchau'f Zeichnungen, Lebenserfahrungen, Betrachtungen, Ergebnisse,' Lesefirüchte, historische und politische Exkurse, kritische; Auseinandersetzungen, aber aiiles ist mit unmittelbarer Frische vorgebracht und an tauglicher Stelle, in dieses Zweckbuch eingefügt. Er spricht über den BibeJABabelstreit und über den Tod des Oberrabbiners Ghajes, über ' die Entstehungsgeschichte des Talmud und über den. Schwarzbard-Prozeß, über, den Apostel Paulus und über 'Walter Rathenau. Urgeschichte und Gegenwart, Ewigkeitsf'ragen und Tagesprobleme sind in diesen, zwanzig Kapiteln behandelt; die „den Versuch eines Mannes von reifstem Alter enthalten, seinen Freunden und jenen, die es werden wollen, einen Leitfaden zu bieten für den Lebensweg des Juden". Aber wer Distanz gewinnt, und dieses bunte, vielleicht überbunte Mosaik,überblickt, wird sich seiner volkstümlich-didaktischen Kraft und seiner Tapferkeit freuen. ' ■' " * •;■ Sehr tapfer, sehr, dankenswert vor allem ein Grundgedankei den' er als erste Voraussetzung für die „Kunst, als Jude zu leben",. seinen Lesern nicht genug nachdrücklich einprägen kann und an ungezählten historischen Beispielen erweist: Schluß mit dem Gejammer über die beispiellosen, grausamen, unaufhörlichen Verfolgungen des jüdischen Volkes! Es ist durchaus unrichtig, es führt zu falschen Aüffasungen über die allgemeine Geschichts- und Kulturentwickilung, wenn wir Juden uns als das „auserwählte Volk der Leiden" betrachten, wenn auch weiterhin die jüdischen Generationen in dem Gefühl aufwachsen, daß die Juden die Verfolgtesten unter den Verfolgten sind. Andere Minderheiten haben ebenso viel und zeitweise noch mehr gellitten. York-Steiner tritt der bequemen, fatalistischen Ansicht, daß ausgerechnet wir Juden zum Verfolgtsein geboren sind, mit leidenschaftlicher Gründlichkeit entgegen. Recht so. Die fade, oberflächliche Juden! eid-Weis\ in der Literatur und die durch sie genährte „Nebbich- Psychose" hat unsägliches Unheil gestiftet. Den syrischen Christen, den Hugenotten, den Protestanten zur Zeit der Gegenreformation, den Deutschen in Amerika, die vor dem Weltkriege als 'minderwertige, derbe Sauerkrautesser verschimpfiert, während des Krieges als „Hunnen" verfolgt wurden, den Armeniern — um einiges aus York-Steiners sorgfältig' göb}u<ihten' Tatsacherimateriale, herauszuholen — erging und ergeht es nicht besser, als den Juden. Die katholische: .Minderheit in Amerika hatte gleiches Schick-» sail wie die Juden anderswo. Sogar die famose Bflut« beschuldigtinf Wieb ihnen nicht erspart. Aber, daß wir Juden länger •als jede andere Minderheit den Verfolgungen der Mehrheiten Widerstand leisten; daß wir trotz aller physischer und psychischer Hemmungen *) Heinrich York-Steiner: Die Kunst, als Jude m leben (Minderheit verpflichtet), Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig 1928. ' „heute noch genügend stark sind, uns zu bedenken, rückzuschauen und den Weg in die Zukunft selbst zu gestalten" — da's ist unsere entscheidende Qualität. Aus dieser Er-, kenntnis gewinnt der Autor eine bedeutsame Parole, die' er folgendermaßen formuliert: „Der Jude kämpft durch seine bloße Existenz für eine höhere Sittlichkeit in der Weltordnung, die das Bestehen und Gedeihen der Minderheit sicherstellen sollte." Der Jude als der geborene und berufene Vorkämpfer des Minoritä'onrechtes — ein großer edler Gedanke, tatsächlich geeignet, die neue jüdische Generation zu begeistern, tatsächlich jener Befreiungs- und Gerechtigkeitsgedanke, welcher dem Zionismus seine übernationale Bedeutung gibt. * Der 650 Seiten starke Band sucht die jüdischen Zeit-. genossen in dieser Grundauffassung zu befestigen, indem möglichst populär die Bedeutung, die Schönheit und insbesondere die tiefe Ethik des Judentums erläutert — aber auch bewiesen wird, daß es ein Versuch mit untauglichen Mitteln ist, das Judentum ablegen zu wollen, daß der eiserne Muß eine erfolgreiche Flucht aus dem Judentum nicht zuläßt. „Das Bekenntnis zum Judentum ist Wollen und Müssen", sagt York-Steiner gelegentlich und er schriet» das Buch, um den Willen zu stählen, das Müssen zu erleichtern. Nicht zu diesem Zweck allein. Sonst wäre deT Titel nicht richtig gewählt. Der Zionismus ist nur die Vor-i aussetzung für die Lösung der Juden!rage. Wohl ist „Erez Israel" für die in der Verstreuung zurückbleibende große Zahl (die Majorität) der Juden entscheidend — der Weg in die Zukunft führt für alle Juden, wo immer sie siedeln werden, über Palästina — aber das Zusammen-? leben von Juden* und Nichtjuden außerhalb der jüdischen Heimstätte wird nicht durch die Tatsache des errichteten souveränen Gemeinwesens allein bestimmt sein. Es muß auf eine neue gesunde . Basis gestellt werden. Durch Darstellung des Judentums und Christentums aus den Quellen sucht daher York-Steiner so viel zur Klärung beizutragen, als zum gegenseitigen Verständnis nötig ist und arbeitet sich, aus dem Allgemeinen ins Besondere durch bis izu Verhaltungsmaßregeln für das tägliche Leben, > * Selbstverständlich-: Nicht jeder wird jedem Kapitel, jeder Maxime York-Steiners zustimmen können, auch nicht jeder Zionist. So erscheinen mir seine negativen realpolitischen Folgerungen aus dem Minonitätsgedanken, der doch das ganze Werk trägt, nicht schlüssig zu sein; das Kapitel „jüdischer Mut* haftet, glaube ich, zu sehr an der Oberfläche, ist zu sehr propagandistisch auf Nachweis der jüdischen Kriegsdekorationen in überreichem Prozentsatz, mü sehr auf Bewertung jüdischer Muskelkraft, ioh möchte sagen: auf den Bizeps gestellt; und das Schlußkapitel „Unser Weg" entsprach nicht den Erwartungen, die ich nach der Lektüre des Vorhergehenden hegte — aber es ist ja ein werbendes, für die breite Masse der noch völlig apathischen, utigeweckten geschriebenes Buch und was uns überholt dünkt, mag für diese just von aufklärender Bedeutung sein. # Der Verfasser stand t—« davon gibt uns manche lebensvolle Tagebuchstelle des Werkes Bericht — als Mitstreiter Herzls an der Wiege des politischen Zionismus. Später zog er sich von der Betätigung innerhalb der Zionistischen Partei zurück, veranlaßt durch Differenzen in der Auffassung über den Weg izum Ziel, Aber wie beglückend für uns ale, die seit Theodor Herz! in der zionistischen Bewegung stehen, wenn wir an dieser großen, jetzt vorliegenden Arbeit York-Steiners wieder erkennen, welchen gewaltigen Einfluß das zionistische Erlebnis auf jeden einzelnen übt, den es wahrhaftig ergriffen bat. Er stand im Banne des zionistischen Wollens. Es nahm Besitz von seinem Denken und von seinem Verantwortungsgefühl. Er grub den alten Weinberg um und um, studierte unablässig die jüdische Gegenwart und alle Werke, die sich mit ihr beschäftigten und die Wiederauf-, richtung der jüdischen Würde durch Treue, Selbstzucht, Gerichtigkeit den anderen gegenüber ist Ihm höchster Lebenszweck geworden. Es ist kein Zufall, daß das Nachwort (wenn man kleineres mit größerem vergleichen darf) an das Schlußwort von Theodor HerzJ „Judenstaat" anklingt. Es hat das nämliche gebändigte Pathos, es atmet das nämliche heiße Wollen, der Schrift, die für das Volk geschrieben ist, Flügel' zu geben, damit sie auch zu "jedera im Volke gelange. Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, am 9. Siwan, 1 Uhr mittags, nach zweistündigem, schweren Krankenlager unsere innigstgeliebte, treusorgende Gattin, Mutter, Schwester, Schwägerin, Schwiegermutter, Tante und Großtante Frau Sarah Lustgarten geb. Weber - im Alter von 57 Jahren in ©in besseres Jenseits abzurufen. Um stille Teilnahme bitten die tief trauern^ den Hinterbliebenen: Leon Lustgarten und Kinder, Benno Goldberg und Frau Gisela, geb. Weber, Jakob 3* Weber und Frau Rosa, geb. Lerner, Ellas Senlt and Frau Frida, jseb. Weber, Hans Weber und Frau Jet«, geb, Kalter, Heinrieh Weber, Viktor Handgriff. Wien, den 28. Mai 1928.