Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 39 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE NEÜE WELT Seite S und der amerikanische Generalkonsul Interesse zeigte, die Täter binnen 24 Stunden gefaßt und binnen weiterer 24 Stunden mit Zuchthaus zwischen 10 and 15 Jahren bestraft worden sind. Derartige schnelle und strenge Justiz sollte nur öfter geübt werden, damit Jerusalem wieder zu jenem Zustand der Sicherheit zurückkehrt, der in den ersten Jahren nach dem Kriege hier herrschte. Wir haben ein paar Erscheinungen, die in den letzten Wochen im Mittelpunkt des Interesses standen, hier unter dem Gesichtspunkt zusammengefaßt, daß in all diesen Fällen das Verhalten der Regierung nicht so war, wie man es von einer modernen und aufgeklärten Regierung verlangen kann und wie es dem Geiste des Mandates und der Balfour-Erklärung entspricht. Es ist Sache unserer politischen Leitung, diese Vorgänge mit allem Nachdruck zu behandeln. Leo Motzkin in Lettland und Estland. Dr. Leo Motzkin, Präsident des Zionistischen Aktionskomitees und Leiter des Komitees zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten, weilte in den letzten Tagen in Lettland und in Estland und war in diesen beiden Ländern Gegenstand ehrender Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Bevölkerung und der nationalen Minderheiten. Dr. Motzkin wurde vom estnischen Staatspräsidenten Tennisohn in längerer Audienz empfangen. Der Staatspräsident gab seiner starken Sympathie für die Idee der Schaffung einesl jüdischen Nationalheims in Palästina Ausdruck und erklärte sich mit Freuden bereit, sich an der SSchaffung eines Pro-Palästina-Komitees in Estland zu beteiligen. Motzkin traf auch mit dem Aussenminister Rebane zu-ammen. Ein jüdischer Bauerntag. Aus Czernowitz wird uns geschrieben: Herr Agronom Feigin, der im Auftrage der Gesellschaft „Ort" 25 Punkte der nördlichen Bukowina besucht hat, um! eine Expertise über die Lage der jüdischen Kleinlandwirte durchzuführen, hat nunmehr in einer Sitzung der landwirtschaftlichen Kommission der Gesellschaft „Ort" Bericht erstattet. Aus dem Berichte ist zu ersehen, daß sich 6 0 01 bis 700 jüdische Familien in der Bukowina mit der Landwirtschaft beschäftigen- Die Wirtschaft befindet sich fast durchwegs in fortgeschrittenem Zustand. Das Vorhandensein des nötigen toten und lebenden Inventars, die rationelle Bearbeitung des Bodens,1 die Verwendung von Stall- und Kunstdünger, die gute Ernährung der Milchkühe geben ein klares Bijd des Fortschrittes und der Intensität der jüdischen Kleinwirtschaften. Um aber seine während des Krieges fast ruinierte Wirtschaft wieder aufzubauen und weiterführen zu können, wie er es noch vor dem Kriege gewohnt war> mußte der jüdische Kleinlandwirt sehr teuere Kredite aufnehmen und seine Wirtschaft stark belasten. Die immer wachsenden Schulden zwingen den Kleinlandwirt, immer wieder Teile seines Bodens zu verkaufen. Es droht die Gefahr, daß hunderte jüdische Familien ihre landwirtschaftliche Beschäftigung aufgeben und so die Schar der jüdischen „Luftmenschen" ver-* größern. Die Kommission, unter Vorsitz des Obmannes Dr. Max Diamant, hat beschlossen, die jüdische Oeff entlichkeit auf die Lage der jüdischen Kleinlandwirte aufmerksam zu machen, einen Fonds zu schaffen, der die Versorgung von jüdischen Kleinlandwirten mit billigen Krediten, ländwirtschaftlichen Maschinen und Geräten ermöglichen soll, sowie einen 'Verband der jüdischen Kleinlandwirte in der Bukowina zu gründen. Als Dolus SItorgett, @<tm$tag 9*tefenübmäfd)tttt8ett, S3aHet6»@enfa<iottctt *c. erster Schritt zur Durchführung dieser Aufgabe soll am 1. und 2. Juli d. J. in Czernowitz eine Konferenz jüdischer Bauern der Bukowina einberufen werden. _ Weise und gerechte Richter. Die rumänischen Juden leben in einem Kulturstaate und sind einer Rechtsprechung unterworfen, die an Weisheit und Objektivität nichts zu wünschen übrig läßt. Wer daran zweifelt, möge die folgenden erbaulichen Geschichtchen lesen und seine Zweifel werden schwinden. Vor einigen Monaten gab sich die edle, akademische Jugend Rumäniens einem harmlosen Vergnügen hin. Sie überfiel fahrende Eisenbahnzüge, durchsuchte dieselben nach Juden, und wenn sie Exemplare dieser verfluchten Menschengattung fand, schlug sie tüchtig drein und warf dann die blutenden Juden auf den Fahrdamm. Um diese Zeit fuhr der Soldat Itzig Med er von Jassy nach Roman. Studenten drangen ein und begannen den Meier und einige jüdische Mitreisende blutig zu mißhandeln. Um sich und seine Genossen zu retten, zog Meier die Notbremse. Sofort schritt die rumänische Justiz ein und dieser Tage fand die Verhandlung statt — gegen Itzig Meier. Er mamammmmmmmMmmmmmmmmmmmmmammamga. Restaurations - Schiff gegenüber Rotenturmstraase, Zugang MarlenbrUcke AbäUhrGRIN2IMG AM SCHIFF. Gute Küche Massige Preise :: Bier, vom Fass :: Eigenbauweine mmmmmBmmmmKBmmmmmmaKmammmmmaaam wurde wegen Mißbrauch es der Notbremse zu 5000 Lei Geldstrafe und 2000 Lei Schadenersatz verurteilt. Ein weiser Richter, ein gerechter Richter.; * In der. Ortschaft Killa, verübten .:, einige 'jüdische Kaufleute ein fürchterliches Verbrechen, das den großrumänischen Staat in, seinen Grundfesten, erschütterte, Sie sperrten näralic.h am Samstag ihre Geschäfte zu und gingen in das Be th aus. ■ Rumäniens nimmermüde Justiz hat aber, .;die.; Störer, der staatlichen Sicherheit'1lja*d &ejta|ft,'kie wurden jors Bezirksgericht in Kilia gebracht und dort zu schweren Geldstrafen unter Androhung der' G^^l^i^^\mis''SGmrte&L- Die Frevler waren noch so. frech, gegen das Urteil beim Tribunal in Is-ma-ifl Berufung, einzulegen. . Aber in, Rumänien 'bleibt Recht immer Recht, ob in Kilia oder Ismail.. Das Tribunal hat das. eTstrichte-rliche Urteil bestätigt. ' ■ '; * ' '••! ' Die CzernowitzeT „Ostjüdische Zeitung" meldet: „Das Kriegsgericht in CI u j .verhandelte vor einigen Tagen über die Berufung von fünf Studenden und Studentinnen, die wegen Teilnahme ab ' den D e v a s t i e r u?n* gen in Oradea Mar« von der ersten Instanz in; Abwesenheit verurteilt, worden waren. Der «königUohe'Kommissär;— also die- Staatsanwaltschaft und nieu t etwa die V e r t e i d ig'ung — führte aus, d>aß diese Studenten nur deswegen verurteilt wurden, weil sie sich in ihrer Abwesenheit nicht verteidigen konnten, während . die anderen befreit wurden; weil sie., sich verteidigen konnten. Darum verlange er Freispruch. Nach einer kurzen Beratung fällte der Gerichtshof — wie nicht anders zu erwarten war — tatsächlich einen Freisprach." Somit sind alle Pogromstudenten freigesprochen. Gilbt es in Rumänien Gerechtigkeit oder gibt es keine? Siebzigstes Lehrsemester des Rektors Schwarz. Rektor Schwarz, der am 15. Juli das 82. Lebensjahr erreicht, beschließt gleichzeitig sein 70. Semester an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. Seine Lehrtätigkeit begann mit der Eröffnung dieser Anstalt, als Schwarz von seinem Rabbinerposten in Karlsruhe nach Wien berufen wurde, um das Rekto-. rat zu übernehmen. Aus jener Zeit datiert auch sein erster Ansatz zu einer berühmten „Wfissenischaftlich-hermeneutischen Forschung", welche er dann im Verlaufe von 25 Jahren in lauf Büchern verarbeitete; damit hat Hofrat Schwarz das Talmudstudiuni in neue Bahnen geleitet. Nach völkerpsychologischer Methode ist es ihm gelungen, die logischen Denkgesetze des Talmud, die Midoth, von allen Schlacken zu befreien und den Nachweis zu erbringen, daß das talmudische Denksystem sich der allgemeinen philosophischen Logik anschließt, so daß beispielsweise der syllogistische Schluß hunderte Jahre vor Aristoteles im Talmud als erstes Denkgesete (iKal W'chomer) unter den Midoth vorangestellt war. Ebenso ist der Induktions- und Analogieschluß in den Midoth zu finden. Ein zweites Riesenwerk von Schwarz ist die „Tosifta", die er im Jahre 1879 begonnen und bis heute noch nicht abgeschlossen hat Die französische Liga für Menschenrechte gegen den. Antisemitismus in Rumänien. Die französische Liga für Menschenrechte hat nach Prüfung des ihr vom Rat zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheit unterbreiteten Mate-» rials über die antiijüdischen Exzesse in Rumänien und Siebenbürgen den Beschluß gefaßt, ein Protestschredben an den rumänischen Ministerpräsidenten Vrntula B r a t ii anu zu richten und gleichzeitig dieses Schreiben 4 er Oeffentlichkeit zu übergeben. In dem Schreiben weist die Liga auf die Unzulänglicihkeit und Wirkungslosigkeit der von der rumänischen Regierung gegen das Ueberhandnehmen des Antisemitismus in Rumänien ergriffenen Maßnahmen hin und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung zu den schnellsten und schärfsten Maßnahmen greifen wird, um die Schuldigen an den bisherigen Exzessen zu bestrafen und eine Wiederholung der Exzesse in Zukunft zu vermeiden. Der Antisemitismus in der algerischen Armee. - „L'Ouvre" teilt mit: Kein Israelit wird als Offizier oder Soldat in gewisse Truppenteile Algeriens aufgenommen. Es wird behauptet, die muselmanischen Militärs unterhalten sich nicht gerne mit Juden; das ist aber nicht richtig, im gesellschaftlichen Leben kommen Juden unJ Muselmanen sehr gut miteinander aus. Auch die Soldaten hegen keiinerlei Antisemitismus, wohl aber ihre f r a n z ö-. sisehen Führer. gen. Auf seine Frage teilte man'ihm mit,-daß in diesem Hause eine Frau liege, die eine schwere Entbindung habe. Da erinnerte sich Aladin seiner Mutter, verlor alle Lust, zu jener schönen Frau zu gehen, eilte nach Hause und bat seine Mutter um Verzeihung, daß er ihr bei seiner Geburt soviel Schmerzen verursacht habe. Die Mutter aber sagte zu Aladin: „Mein Kind, du hast Iceinen Grund, mich um Verzeihung zu bitten. „'Du hast mir keine Uebelkeiten verursacht, als ich dich trug, als ich dich gebar, hatte ich keine Schmerzen, als ich dich aufzog, weintest du nicht und des nachts ließest du mich ruhig schlafen. Du hast für nichts um Verzeihung zu bitten und du kannst sicher sein, der Allgtitige wird dir wegen alles dessen ein großes Glück bescheren." „Und das war die Lampe!4* sagte hierauf iB-Tenwkhi. „Aber was für eine gute Mutter muß das auch gewesen sein? Vielleicht hat Allah auch ihr zuliebe den Sohn so sehr bedacht." Darauf antwortete El-Unszari: „Wenn es wegen der Mutter wäre, bekäme vielleicht jeder Sonn die Lampe." Aber Aladins Mutter war die Krone aller Mütter, denn ihr« Liebe überwand sogar den Tod. Und nun erzählt El-Unszari, wie die Mutter sterbenskrank wurde, während Aladin sich auf einer Reise befand. Mau schickte ihm einen ßoten nach und Aladin ritt Tag und Nacht der Heimat zu. Aber als er vor seinem Hause ankam, merkte er an der großen Menge mit traurigen Mienen, daß seine Mutter schon gestorben sein müsse, und er begann zu weinen wie'ein Kind, Dann stürzte er in das Gemach und sah seine Mutter auf dem Bette liegen. Die Mutter aber, wiewohl bereits tot, war noch so voll von Liebe zu ihrem Rinde, daß sie beschloß, ihm vorzutäuschen, sie sei noch am Leben. Sie zog daher, als sie das Schluchzen Aladins hörte, die Brokatdecke, mit der man die Leiche zugedeckt 'hatte, von ihrem Kopfe, wandte ihr Gesicht nach der Tür. und zwang «ich mit einer Anstrengung, die kein Mensch und kein Engel jemals erreicht hat, freundlich,zu lächein, so als ob sie sich über die Ankunft Aladjjns freuen würde. Die Täuschung hatte nur einen Augenblick gedauert, denn lange hielt es die Gute nicht aus, den;Todesengel zu überwinden. Das schwer erzwungene Lächeln ließ nach, die Züge wurden starr und Atadin §an seine Mutter tot vor sich." v Als Bl-Unszari geendet, schwiegen die Dichter u^nd" allen flössen die Tränen über das Gesicht. Dann sa/ite Abul-Faradsch: „Alle Güte Gottes gelangt durch 'die- Mütter in die Welt."? Mit diesem herrlichen Wort hat ' Josef Popper' die Frauen beschenkt und ich meine, keines Poeten schwärmende Ekstase ist tiefer eingedrungen in das Mysterium der Mütterlichkeit, die das Zarteste ist und doch auch Wieder so unvergleichlich an Kraft, wenn es gilt, Wunder /der Liebe zu vollbringen. Diese Phantasie von Aladins Mutter ist nicht nur die schönste, sie ist bei allem Ernst auch, die freudigste, die Josef Popper geschrieben, diejenige, ^4ie ihn am ineisten beglückte, weil er darin von menschlicher Güte erzählen konnte. Denn ist Lynkeus auch der M|nn, unbeirrt und ohne den Blick zu wenden alle Kreise >der Hölle zu durchschreiten, wenn es die Wahrheit eilt tynd höchstes Erkennen, so muß doch hervorgehoben werden, wie sehr er bei allem Furchtbaren, das er geschaut, a^ich geMtten hat. In seiner Selbstbiographie linden wir darQber eine bemerkenswerte Steile, an der es wirklich heißt; „Tragische Ereignisse, die durch die Charaktere 'der Menschen herbeigeführt werden, drücken mich so nieder, daß ich z. B. einem Trauerspiet nicht beiwohnen kann, oder, wenn ich es tue — es mit größter BeMemmung anhöre; lesen kann ich es eher, aber auch in der Lektüre ist mir der tragische Konflikt peinlich und schmerzlich.'*. Ich bin am Ende meiner Ausführungen und erbitte mir nur noch für wen/ige Augenblicke Ihre Geduld, damit pietätvolles Erinnern im Sinne Josef Poppers teilbtabe an dieser Stunde. Es äst mir Bedürfnis — und wieder wird mich Ihr mütterliches Empfinden verstehen — der Frau zu gedenken, die diesen großen Sohn geboren bat. In einer (Mappe, die kostbare Erinnerungen umschließt, bewahre ich ein vergilbtes Blatt, das mir Josef Popper vor vielen Jahren geschenkt hat. Dieses Blatt enthält in seinen .Waren und energischen Schriftzügen Aufzeichnungen von seiner Mutter, die Zeugnis geben von der seltenen Art dieser Frau, die voll Zartfoart, Liebe und tiefer Empfindung gewesen sein muß. An die Mutter Josef Poppers zu denken, gibt eine Beglückung eigener Art; wir wissen, er waT ein treuer, liebevoller Sohn, aber — wie es im Aladin heißt — „was für eine gute Mutter muß das auch gewesen sein!** Wir kennen die Gesetze nicht, die menschliche Größe bewirken, und unserem Wissen noch verschlossen ist das Walten der Kräfte, die teilhaben an der Hervorhringung des Genies. Gebietend Stent Josef Poppers gewaltige Erscheinung vor uns; ein Geist, so stark, daß er d»as Alte niederwarf, um der Zukunft neue, goldene Tore zu bauen, und ein Herz, so rem und glühend, daß es die Schranken niederbrannte, die Menschen vom Menschen getrennt, säe ajle unifassend mit der Kraft seiner Liebe, das große Genie der Humanität. Wer kann sie ermessen, die Schönheit und die Vollendung der Gaben, mit der die Natur diesen wunderbaren Mann gesegnet 'hat? Ehrfürchtig und ergriffen neigt sich unser Herz dem Geheimnis des Werdens, die Mutter steht neben dem großen Sahn und aus dem Märchenland ertpnt die Stimme des Dichters: „Vielleicht hat Allan auch dieser MwtteT zflU«b« den Sohn so sehr bedacht!"