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Die neue Welt · 1928-06-08 · Heft 38 (8.6.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 38 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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der gute PWB ■ <Jr *A Rindsuppen V Würfel Nr. 38 DIE NEUE WELT Zionistische Arbeit in den Kurorten. Von Dr. Walter Kofmer, Karlsbad. Es ist eine eigene Sache um das zionistische Gemeinschaftsgefühl. Von vorneherein wäre anzunehmen, daß Menschen, die gemeinsam einer großen Idee anhängen, die wissen, daß Menschen gleicher Anschauung* gleicher Interessen überall existieren, das Bedürfnis hätten, einander kennen zu lernen. Aber dieses Bedürfnis existiert nur bei sehr wenigen Zionisten. Der Sommer ist ein Prüfstein dafür und wir in den Kurorten sind es, die mit schmerzlichem Bedauern von Jahr zu Jahr neu konstatieren müssen, daß die Gelegenheiten nicht benützt werden, die geboten werden, um Zionisten aus aller Herren Länder einander näherzubringen. Die Ortsgruppen in den Weltbädern Karlsbad und Marienbad veranstalten allwöchentlich Zusammenkünfte, bei denen Vorträge, Diskussionsmöglichkeiten, Preßreferate geboten werden, bei denen sich Zionisten aus der ganzen Welt treffen können, wenn sie nur wollten. Aber nur wenige machen davon Gebrauch und diese wenigen sind gerade die, denen ein ZZionistenurlaub wohl zu gönnen wäre. Und doch ist es sicher, daß nichts stärkender, festigender wirkt, als das Gefühl, überall Freunde, überall Mitkämpfer zu finden. Wie gut wäre es für so viele unserer „Zionisten", einen oder den anderen, übrigens kurgemäß bald schließenden, anregenden Abend in zionistischer Gesellschaft zu verbringen. In Karlsbad werden auch dieses Jahr wieder jeden Donnerstag um 8 Uhr abends im Hotel „Glattauer" Zusammenkünfte abgehalten. Eine Reihe bedeutender Zionisten aus Palästina werden dieses Jahr hier weilen und vieles berichten können. Jeder Abend wird eingeleitet mit einem Referat über die letzten Ereignisse im Zionismus" Aehnlich ist es in M a r i e n b a d, wo im letzten Jahre' 10.000 Juden aus Berlin weilten, wo aber kaum eine zionistische Zusammenkunft zustande kam. Darum bitten wir alle Zionisten, die in der nun einsetzenden Saison einen Kurort aufsuchen wollen, daran zu denken, daß es überall Gelegenheit gibt, eine Gesellschaft zu finden, in der sie mit offenen Armen aufgenommen werden. Die Ortsgruppen werden dafür sorgen, daß die Suchenden finden werden, was sie wünschen. Die tote Saison im Zionismus, der Sommer, kann zu einer neuen Kraftquelle werden, wenn alle Ortsgruppen ihro Mitglieder auffordern, sich in den Kurorten den anderen dort weilenden Zionisten zu zeigen. Mitteilungen des Verbandes radikaler Zionisten. Gemäß den Beschlüssen des Verbandes sind die Mitglieder verhalten, ihre Verpflichtungen gegenüber dem Palästina-Aufbaufonds (Keren H a j e s s o d) und dem Nationalfonds (Keren K a j e tn e t h) restlos zu erfüllen. Der Vcrba-nd hat zum Zwecke der Arbeit für die Fonds eigene Referate geschaffen und die Mitglieder werden ersucht, sich in allen Angclegeniheiten, welche K. H. und J. N. F. betreffen, an die Referenten des Verbandes zu wenden. Keren Hajessod. Referent: Frau Dr. Perle Wec.hs- 1 e r. Sprechstunden jeden Mittwoch ab halb 9 Uhr abends im kiublokal Cafe Atlashof, I., Aspernplatz. Die Mitglieder, welche ihre Zeichnungen noch nicht geleistet haben, werden ersucht, dies unverzüglich zu besorgen. Keren Kajeraeth. Referent: Herr S t e i n .k 1 e i n. Sprechstunden jeden Mittwoch ab ihalb 9 Uhr abends im Kiublokal Cafe Atlasliof, I., Aspernplabz. Ausfolgung und Ablieferung der „Juni"-Täsohchen. Schekel. Referent: Herr P. Wühl. Die .radikalen Zionisten werden daran erinnert, daß sie sich ausschließlich der vom Verbände ausgegebenen Schekelölook-s bedienen sohlen. Ausfolgung und Auslieferung der Schckelblocks jeden Mittwoch ab halb 9 Uhr abends .im Klublokal (wie oben). Die Mitglieder werden ersucht, unverzüglich Blocks zu beheben und mit der Arbeit zu beginnen. Die Lemberger jüdischen Studenten beim Kultusminister. .Der polnische Kultusminister Dobrutzki weilte dieser Tage in Lemberg, wo er unter anderem auch dem Präsidenten der Lemberger Kultusgemeinde Professor Allerhand einen Besuch abstattete. Da Professor Allerhand nicht zu Hause war, gab der Kultusminister seinej Karte ab. Am Tage darauf empfing der Minister eine Delegation der jüdischen studierenden Jugend unter Führung des Professors Allerhand, bei welchem Anlaß verschiedene, die jüdische Studentenschaft und das jüdische Schulwesen im allgemeinen berührende Angelegenheiten besprochen wurden. Der Minister nahm die Beschwerden und Anregungen zur Kenntnis und versprach die ihm vorgetragenen Wünsche nach Tunlichkeit zu berücksichtigen. Schilling 750.000.- können Sie ev. mit einem einzigen Los gewinnen! Günstigste Lotterie der Welt! 100.000 Loge — 50.000 Gewinne! Ziehung (I. Klasse) am 14. und 15. Juni 1928 Lospreise per Klasse: _7r V, Palästinareise. S 8.- S 16.- $ 32.- Beslellen Sie s e ff o r 11 Prhali der Bestellung gehen die Originallose mit amtlichem Spielplan an Sie ab. Zahlung nach Empfang der Lose. Bestellungen adressieren Sie an: FRIEDMANN Wien, l.i Salzgries 12/z Dr. Salomon Funk gestorben. Das Programm der vom Verbände radikaler Zionisten und der Vereinigung demokratischer Zionistlnnen veranstalteten Palästinareise im Frühjahr 1929 ist nunmehr definitiv festgelegt. Abfahrt von Wien am 13. März 1929. — Gesamtdauer der Reise 29 Tage. — Aufenthalt In Palästina 1-1 Tage. — Purim (26. III. 1929) in Tel-Awiw. — Seereise mit dem Luxusdampfer „Ausonia" von Genua nach Alexandrien und retour. Den Prospekt, welcher die Preise und alle Details enthält, erhalten die bereits angemeldeten Interessenten in dien nächsten Tagen zugeschickt. Da die Teilnehmerza'hi eine beschränkte ist und die Reine der Vormerkungen strikte eingehalten werden wird, mögen sich neue Interessenten unverzüglich nur an Frau Paula Stricker, Wien, IL, Holiandstraße 10, Telephon R-45-6-89 und an Frau Berta Taubes, Wien, HL, Böoklinstraße 92, Telephon R-43-9-19, schriftlich oder telephonisoh um Auskunft wenden. Reiseteilnehmer aus dem Auslände sind sehr willkommen. Ausländische jüdische Kaufleute* Gewerbetreibende und Industrielle! .. Der Verband jüdischer, Kaufleu.te und Gewerbetreibender in Wien gibt allen jüdischen Fachgenossen aus dem Ausland, welche sich in Wien aufhalten, Gelegenheit, gesellschaftlichen und fachlichen Anschluß zu finden. Regelmäßige Zusammenkünfte jeden Montag um 8 Uhr abends im K 1 ubhe i m (Cafe- Restaurant Excelslor, I., Rotenturmstraße 24). Fremde Gäste herzlich willkommen. Auskünfte und Ratschläge jeder Art werden von fachlicher Seite erteilt. Iii Wien ist am 31. Mai der Rabbiner des Pazmanitentempels, Dr. Salomon Funk, im 63. Lebensjahre" gestorben. Er war früher Rabbiner in Boskowitz und war zugleich Landesrabbinerstellvertreter für Mähren. Vor dreizehn Jahren hat ihn die Wiener Kultusgemeinde nach Wien berufen. Dr. Funk, der sich als Zionist der Misrachh Organisation angeschlossen hat, ist auch schriftstellerisch! hervorgetreten. Größere Beachtung haben seine Arbeiten über die Hygiene des Talmuds und über das biblische Straf recht gefunden. Das Leichenbegängnis fand unter außerordentlich starker Teilnahme am 1. Juni statt. Im Traucrhause sprachen Professor Dr. S. Kraus im Namen der Theologischen Lehranstalt. Der Sarg wurde sodann von den Vorstehern des Pazmanitentempels in das Gotteshaus getragen, wo Rabbiner Dr. Grünwald, der Obmann Herr Oskar Schrämek und für die Mitglieder Herr Samson Leenmann sprachen. Dann wurde der Sarg auf den Zentralfriedhof überführt, wo er in einem vom Vorstand der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab bestattet wurde* Hier sprachen Rabbiner Dr. Feuchtwang,' der Präsi" dent der Kultusgemeinde Professor Dr. Pick und Doktor S. R a p p a p o r t in Vertretimg der Misrachi-Zentrale. Die kantoralen Funktionen versah Herr Oberkantor J. L. Müller, unterstützt vom ersten Kantor Herrn A. Stift und den. Chören aus dem Stadt- und dem Pazmaniteitfempel,. Adolf Fraenkel Professor in Kiel. Der außerordentliche Professor der Universität Mark bürg, Dr. Adolf Fraenkel, ist zum ordentlichen Professor der Mathematik an die Universität Kiel berufen worden^ Sein Hauptarbeitsfeld sind die Grenzgebiete zwi* sehen Philosophie und Mathematik. Sein Hauptwerk ist ein Buch der Mengenlehre, das jetzt in dritter Auflage erscheint. Auf einer Palästinareise hielt Fraenkel eine Gastvorlesung an der Universität Jerusalem in hebräischer Sprache. Er ist Zionist. Prof. Fraenkel wurde 1892 in München geboren. Die Nachbarin Ides. Uus dem Zyklus „Heitere Pogrome".) Von N. Brlnd. „Kennt ihr die ukrainische Nacht?" (Gogol.) Dem Abend zuvorkommend, der sich in den unheimlichen Ecken niederläßt, würgen wir an Bissen, die nicht hhmnterkrieclien wollen. Vater und Bruder nehmen jeder einen dicken Stock zur Hand und entschwinden im Dunkel, ohne „Gute Nacht", deren wir so sehr bedurften. Wozu die Stöcke? Warum wird der Absohiedsgruß verschwiegen, der vielleicht für ewig gM? Die Mutter hauehyn schmachtendem Flüsterton Hcihvünsche, blickt Wind den Entschwindenden nach. Tränentau in den aufgewirbelten Augen, räumt sie leise wie ein flügelloser Vogel den Tisch ab. Ich verhänge die Fenster, schließe die Läden dicht zu, verstopfe alle Löcher und Spalten, zünde das kleine blackende Lämpchen an und setze mich zum ungeheizten Ofen. Die Uhr kündet heiser sechs. Bis zum Morgen sind dreizehn Stunden. Um sieben früh ist es ja beinahe ganz hell. Im Zimmert .lauert zähe, hoffnungslose Stille. Wenn die Mutter spricht, lispelt sie, als raschelte es im Abfalllaub eines herbstlichen Friedhofes. Wie jeden Abend raunt Mutters Geflüster, nachdem Vater und Bruder fort sind, stundenlang beängstigend, immer das gleiche: „Warum habe ich sie fortgelassen? Warum habe ich sie fortgelassen? Darf jetzt einer an das bißchen Ware denken, die Bude hüten? Zwei Menschen einsam dort, zwei Menschen einsam hier . . ." Zwei — einsam? Wie verlangte mich selbst nach einem freundlichen Lächeln, aber Mutter winkt mit den- Händen und mit dem von Stricknadeln durchspießten Strumpf ab: Ps-ps-pst . . . Die Stille im Zimmer wird noch stickiger. Von der Straße her kommt Pferdegetrappel, das versoffene Lied eitles Bauers, der nichts und niemand fürchtet, das Lachen einer Magd, Rauschen, Laufen, Schreien. Wir schleichen uns geräuschlos auf den Zehenspitzen zum Fenster. Grünblaß halten wir die Stöße, erschreckten Atmens zurück. Was hören wir? Was wollen t*ir hören? „Wer Ist in der Stadt?" ... Das nicht zu Ende gefragte: „Ukrainer? Petijura- Leute?" verrammelt mit stechendem, klebrigem Aufschluchzen die Kehle. Ich möchte mit einem Lächeln die zerstückelte Seele meiner- Mutter »streicheln. „Weiß schon, wer morgens, wer nachmittags die Stadt besetzt hielt, aber bei uns, du weißt ja, wie schnell die Nacht wechselt." . . . Wir sitzen beim kalten Ofen, springen jede Minute auf, horchend, die Augen übergroß und schwarz im Schatten der vorgeneigten Köpfe, auf die bestialische Nacht, wickeln von einem schweren, zähen Knäuel Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde a'b. Nicht mehr das Flüstern, der zage Blick der Mutter fleht: „Vielleicht gelingt es, ein wenig einzuschlafen, kurze Zeit zu schlummern! . . ." Wir legen uns, wie wir sind, in den Kleidern, auf die .unnützen,, sinnlosen Betten im kleinen Schlafkämmerchen. ... Ich müßte wohl, während ich es Mutter vortäuschte, wirklich eingeschlafen sein. Ich weiß nicht, wie und wann es begann. Als ich aus dem Schlaf ins Wachen hinüberzuokte, hörte ich bereits die Schreie beim Nachbar, sehe bereits Mutter, die ihre Hand auf ihr schwaches, zu Tode zermartertes Herz drückt. Grausenerfüllte Schreie durchbohren die Wand. Eine Minute, dann noch eine Minute und wieder noch eine lange Minute. Und dann , . , wird alles und plötzlich beim Nachbar stumm. loh und Mutter sitzen einander gegenüber, blicken aneinander vorbei. Umsonst. Ich weiß, was die Mutter fühlt und deakt. Die Mutter weiß, daßich es weiß. Abscheulich, unbarmherzig, unabweisbar aufdringlich ist dieses Bewußtsein: Wohin werden „sie" sich wenden . . „ vom Nachbar? . . . Rechts oder . . . zu uns . . . links? ... Im Zimmer ist Stille. Draußen ist Stille. Meine Stirn ist ganz feucht, und das Herz ... Das Herz klimmt langsam an einer hohen Stelle hinauf und stürzt i'Mi und polternd hinab . . . poch . . , poch . . . poch . . * Nicht meine Schläfen waren es, die pochten. De* aufbebende Körper meiner Mutter bestätigte: es pochte an unserer Türe. Klar. So einfach und klar. Mit den Nachbarn sind sie fertig, sie kommen zu uns. Oeffnen? , , . Oh, Herz, Herz . . . Vampirgierig saugt sich etwas in das Henzensinnerste, saugt alles Leben aus und schleudert dann das unnötig Gewordene weit, weit von sich; das Herz flieg! wirbelnd. An die Türe wird gepocht. Die hölzernen Füße spüren den Boden nicht. Au. dem Weg zur Tür werfe Ich einen Stuhl um, aber er fällt ganz geräuschlos. Habe ich nicht Watte in den Ohren? . . . Ich weiß nicht. Ich weiß nichts. Ich weiß nur, daß die Füße mit jedem Schritt ermatten. Ich weiß, daß

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