Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-06-08 · Heft 38 (8.6.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 38 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711653--0504-2713651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

r Seife-8 DIE NEUE WELT Nr. 38 PALASTINE TOURING CLUB, WIEN Mittwoch, den 13. Juni, um halb 9 Uhr abends imCAFfi ATLASHOF (Verband radikaler Zionisten) I., Aspernplatz LICHTBILDERVORTRAG RmsEaDURCH Palästina Referent: Dr. VEIDL Der Obmann: Ing. F. ACKERMANN nlcäne Mutter hinter mir geht. Da hat sie mich schon eingeholt. Umschlungen, schweigend, blind schreiten wir, bewegen uns mit klebrigem Schritt zur Tür. Die Hand ist so weich, der Riegel ist so hart . . , * Es ist Mutters Stimme: „Junge, mein lieber Junge . . beruhige dich, komm doch zu dir, mein Kind . . . Das ist Ides . . . Unsere Ides . . , Die Nachbarin Ides . ,, « Mein K;nd . . c Auch meine Augen 'beginnen zu sehen. Wae langsam sie sehen! Da ist Ides. Die Zähne hat sie wahrscheinlich im Glas auf dem Nachttisch vergessen. Und wieder ein Klümpchcn Watte in den Ohren weniger. „Sie waren nicht bei euch? Gott sei gelobt. Gott sei gelobt. Meine Lieben, ich habe doch eigens geklopft . . . Habe Schreie gehört, unterschied nicht recht, <bei euch oder bei dem Schuster Baroch. Wie es still wurde, klopfte ich ... Ich wollte fragen . . . Gott sei . . ." Noch einen einzigen kleinen Kraftaufwand! Ich drehe die Nachbarin Ides um, ich stoße die Türe weit auf, schnell die alte Ides mit ersterbendem Ruck in ihren Buckel hinaus in die (blauende Leere, und dann . . . Dann kriecht mein Körper wiederum in eine tiefe Schlucht, und in meinem Kopf wird's wieder dunkel. Antisemitische Studenten in Rußland. Zwei christliche Studierende des Charkower geodätischen Instituts, Liascbenko und Mikula, wurden wegen Peinigung ihres jüdischen Kollegen Schubin und anderer antisemitischer Exzesse gegen jüdische Studiengenossen aus dem Institut ausgeschlossen; Liaschenko wurde außerdem noch zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Der Prozeß, der drei Tage währte, brachte zutage, daß außer den beiden Angeklagten auch noch andere Zöglinge des genannten Instituts sich zügellose antisemitische Aeußerungen zuschulden kommen ließen und im Dunkeln ihre jüdischen Kollegen überfielen. Fast jeden Abend hörte man in den Wohn- und Schlafräumen des Instituts Rufe,: „Löscht die Lichter aus und schlagt die Juden!" Nach fünftägiger Verhandlung verurteilte das Gericht in S i n o w j e w s k (Jelisawetgrad) den Techniker der Fabrik „Roter Stern" Wladimir Jagode wegen antisemitischer Propaganda und Schikanierung jüdischer Arbeiter zu sechs Jahren Gefängnis. Antisemitische Afiichen im Londoner Hydepark. An zahlreiche Ruhebänke im Londoner Hyde Park wurden in den letzten Tagen bedruckte Zetßel» mit antisemitischem Inhalt geklebt. Ein Zettel enthält die Aufforderung: „Meidet die jüdischen Verkaufsläden!", ein anderer enthält den Text: „Wie viele unserer patriotischen und religiösen Vereine werden von den Juden kontrolliert?" Das Wort Jude is': stets fett gedruckt. Es wurde Jestg.stelli daß gutgekleidete Damen und Herren sich als Zettelankleber betätigten, was auf das Bestehen einer g eheimen antisemitischen Verein ig üngi schließen läßt. Die Presse fordert die Behörden zu. Wachsamkeit und energischem Einschreiten gegen die auch ge?et7lich zu ahndende aniijüdische Boykottpropaganda auf. Evakuierung der jüdischen Flüchtlinge aus Konstantinopel. 45 russisch-jüdische Flüchtlinge aus Konstantin p p e 1 schifften sich an Bord des Dampfers „Lamartine" nach Marseille ein, von wo sie sich nach Uruguay und Brasilien begeben werden. Es ist dies die erste Gruppe der mehr als 700 Köpfe zählenden jüdische^ Flüchtlinge in Konstantinopel, die von der türkischen Regierung ausgewiesen wurden und die nun mit Hilfe des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes in andere Länder gebracht werden. UH VEREINIGTE VERSICHERUNGS¬ AKTIENGESELLSCHAFT IN WIEN Feuer-, Einbruch-, Transportversicherungen aller Art, Hagel-und Tierversicherung, Kautions-Veruntreuungsversicherung, Maschinenbruchversicherung, Unfallifhd Haftpflichtversicherung zu vorteilhaftesten Bedingungen Direktion: WIEN, IX. KOLINGASSE NUMMER 6 Generalrepräsentanz: WIEN, I. DOMINIKANEBBASTEI 21 Der Palästinatraum eines Heimlosen. Aus Szatmar wird uns geschrieben: Israel Mendel, 42 Jahre alt, Rastelbinder, jüdischer Nationalität, geboren in Aranymezö, verheiratet, stand dieser Tage als Opfer des Krieges und in weiterer Folge des Staats>- bürgergesetzes in Rumänien hier vor Gericht. Die Anklage' gegen ihn verdient als Zeitdokument wiedergegeben zu werden. Hiernach hat Israel Mendel am 1. Mai dieses. Jahres, 9 Uhr abends, ein unbeaufsichtigtes Boot gestohlen, auf welchem er über die Grenze nach Ungarin fliehen wollte. Bei der Gemeinde Ovar blieb er auf1, seiner Flucht bei einer Mühle hängen, wurde hier von Gendarmerie aufgegrifen und dem Landesgericht in Szatmar überstellt. Bei der Gerichtsverhandlung erzählte Israel Mendel: „Jawohl, ich habe die Barke gestohlen. Da ich kein Geld hatte, um dieses Land zu verlassen, wo man mir nicht gestatten wollte, mein Brot zu verdienen. Ich wollte nach Palästina ziehen, deshalb habe ich die Barke losgebunden." „Wie wollten Sie nach Palästina gelangen", fragte jetzt der Vorsitzende. „Ueber den ganzen Szamosfluß bis zur Theiß, dann auf der Donau ins Meer." Das Auditorium nahm diese naiven geographischen Erklärungen des Angeklagten mit lauter Heiterkeit auf. Selbst der ernste Gerichtshof lächelte, bloß der Angeklagte standi todtraurig im Mittelpunkte dieser Heiterkeit. „Jawohl, ich wollte dieses unser Land verlassen; da ich' es auf andere Weise nicht konnte, versuchte ich es so. D enn. h ier wurde i c h, o b g 1 e i c h i c h in Rumänien geboren wurde, nicht als Staatsbürger anerkannt. Zweimal wurde ich nach Ungarn abgeschoben, aber auch dort verweigerte man meine Uebernahme. Mein Gesuch um einen Gewerbeschein wurde mit der Begründung, daß ich kein Staatsbürger bin, abschlägig, beschieden. Ich mußte von Dorf zu Dorf wandern, um. mich vor der Zilaher Siguranza (Staatspolizei) zu verbergen, die mich um jeden Preis über, die Grenze schieben wollte." „Warum haben Sie sich nicht zuständig gemacht?':4 fragte der Vorsitzende. „Hoher Gerichtshot!" antwortete der heimlose lsraei Mendel, „hiezu braucht man Geld, und wir hatten zu, Hause nicht einmal zu essen." In der Stickluft des düsteren Verhandlungssaales wi.rkt die alltägliche Tragödie des heimlosen Israel tieferschütternd. Die Heiterkeit schwand. Jeder empfand Mitleid mit dem verfolgten unglücklichen Israel. Selbst der Ankläger und auch der Besitzer der Barke gab gerührten Herzens! die Erklärung ab, daß er die Bestrafung des Angeklagten, nicht wünsche. Das Gericht verurteilte Israel Mendel wegen des Vensuches der verbotenen Grenzüberschreitung zu einer Arreststrafe vion 4 Tagen und einer Geldstrafe von 200 Lei. Nachi Verbüßung seiner Strafe wird Israel Mendel der Sigu:- ranzaausgeliefert, welche über sein weiteres Schicksal zu entscheiden haben wird. Der Frömmliiig kann die hebräische Sprache nicht vertragen. In der Stadt, wo die Cherems blühen, in Mus kacsewo, hat ein Anhänger des bekannten Rabbiners S p i r a, ein gewisser Isidor B 1 e i e r, einen jungen Schüler des hebräischen Gymnasiums an einem Samstagvormittag im Tempel unter wüsten Beschimpfungen geohrfeigt, weil der Student sich im Gespräch mit einem Kollegen der hebräischen Sprache bediente. Bleier nannte ein solches Unterfangen eine Entweihung des Tempels** Da Bleier sich seiner Heldentat noch rühmte, hat ihn der Student gerichtlich belangt. Vor einigen Tagen fand nun in Mukacsewo die Gerichtsverhandlung statt, im Verlaufe welcher der Klagevertreter auseinandersetzte, daß die hebräische Sprache den Juden heilig und unantastbar sei und daß er in der Tat des Bleier eine umso größere und schwerwiegendere Beleidigung seines Klienten und des Judentums erblicken müsse, als Bleier aus Frömmelei sich zu seiner Handlung hinreißen ließ. Schließlich kam der Vergleich zustande. Bleier. gab eine umfangreiche Ehrenerklärung ab, bat den Studenten um Entschuldigung und verpflichtete sich, außer den Gerichts- und Ad1* vokatenspesen sowohl dem hebräischen Gymnasium als auch dem jüdischen Waisenhilfsverein eine größere Spende zuzuführen. _ Eine Ehescheidung mit 77 Jahren ist unsittlich. Es ist uns nicht bekannt, ob über die Sitzungen und Beratungen des Warschauer Rabbinatskollegiums (des Beth Din) Protokolle geführt werden. Es wäre jammer1;. schade, wenn das nicht der Fall wäre, denn vor dem; Warschauer Beth Din spielen sich Tag um Tag Szenen! ab, die in die Geschichte des jüdischen Volkes in den letzten Jahren einen tieferen, -untrüglicheren Einblick gewähren, als das umfangreichste Geschichtswerk es tun könnte. Wir greifen bloß eine solche Szene aus dem letzten Tagen hervor. l i Reb Chajim, ein Greis mit schneeweißem Bart, schlürft an den Tisch heran, um welchen das Beth Döjn Russische Buchhandlung und Bibliothek Jakob Persky, Wien, VII., Methitarisfengasse Nr. 4 / Telephon B-31-8-56 Bücher / Zeitungen / Noten / Ansichtskarten Vergessen Sie nicht die russische Sprache, wenn Sie ihrer kundi-/ sind, erlernen Sie sie. wenn Sie diese nicht beherrschen. Leset Bücher der Leihbibliothek, die mehr als 6000 Bände alter und neuer Literatur zählt. - Monatliches Abonnement 2 Schillin?. Die Bibliotheksbücher können auch in die Provinz durch Kreuzband geschickt werden. sitzt und bereit ist, sein Anliegen anzuhören. Reb Chajim! erklärt mit einer für sein Alter immerhin festen Stimme^ daß er die Bitte vortragen müsse, man möge ihn von, seiner Ehefrau Chawele scheiden. „,Wiie alt seid Ihr?" fragt der Vorsitzende. „,Ich bin 77 Jahre alt", antworte! Reb Chajitai, „und Chawele ist um wenige Jahre jünger." „Wie lange lebt Ihr schon miteinander als Ehegatten?" Der Greis räuspert sich, hustet verlegen und} erwidert, aber schon weniger, fest: „54 Jahre . . , j,,Da fällt Euch jetzt auf einmal die Scheidung ein?, Wenn Ihr miteinander nicht auskommen konntet, warum habt Ihr damn 54 Jahre lang gewartet?" „Ich werde Ihnen ehrlich sagen", klärt Reb Chajümi das Beth Din auf. „Sie hat mir schon gleich vom Anfang, kurz nach der Hochzeit nicht recht gefallen. Aber mit ihren „Diebsäuglein" hat sie mich immer zum Narren gehalten und mich umzustimmen verstanden, bis die 54 Jahre dahingekrochen sind. Aber jetzt", ruft den Alte resolut, „ist die Zeit gekommen, ich muß mich; aufraffen und kann nicht länger warten." \ JHabt Ihr Kinder?" fragt jetzt der Rabbiner. Nun war es Zeit, daß auch Chawele sich zum' Wort 'meldet: „Jawohl", ruft sie, bleich mit runzlichem Gesicht und kleinen noch immer glänzenden Augen, „wir, haben eine heiratsfähige Tochter, die wir eigentlich jetzt verheiraten sollten." Und Chawele wischt sich die Tränen aus den Augen. Und der Rabbi trifft die Entscheidung: „Von einer Ehetrennung kann keine Rede sein. Für einen Juden miß 77 Jahren, mit weißem Bart, ist schon der Gedanke, sich! scheiden lassen zu wollen, unsittlich." Reb Chajim hört diesen Beschluß des Beth Din zerknirscht und enttäuscht an. Chawele nützt die ihr günstige Stimmung sofort geschickt aus und beschwert sich über ihren Mann, daß er sich mit dem Gedanken trage;, die /Wohnung zu verkaufen und das Geld für sich zu behalten. „Ihr dürft die Wohnung nicht verkaufen!" befiehlt der Rabbi jetzt mit Nachdrück. „Geht nach Hause und' trachtet lieber Eure Tochter an einen anständigen Mann zu verheiraten. Ihr könnt gehen!" „Siehst du, habe ich nicht immer dasselbe gesagt, was das Beth Din entschieden hat?" sägte Chawele noch mit unverhohlenem Siegesbewüßtsein. „Und dem Rebbe muß;mam folgen." Und das alte Paar ging versöhnt nach Hause. »WOWMN 00»—9*999 —8809—0——00—00000—WO»«« mit Staatsprüfung und erstklassigen Zeugnissen sucht für die Sommermonate Beschäftigung. Zuschriften unter 2 „Sommer" an die „Neue Welt" goo—ooooo—oooooooo—ooooooeoooooooooaoooooo—o etwa«»«' Unschädliches Entfettungsmittel. Man kaufe sich ii der .nächsten Apotheke 4 Dekagramm Fucabohnen, davon nimmt man zwei Wochen hindurch zweimal tägilioh je eint Bohne nach der Mahlzeit, hernach drei Wochen dreimal täglich je 2 Bohnen nach der Mahlzeit, sodann wiedenire zwei Wochen dreimal täglich eine Bohne nach der Mahlzeit. Der 'Erfolg ist überraschend. E eueste und Schönste Charmante Schöpfungen der Haute couture für den Sommer wie duftige Kleider, herrliche Mäntel, vornehme Toileuen für Kurort, Stiand und Oesellschaft In vorbildlicher Eleganz Jede Dame findet in unseren Salons, was ihrem Qeschmack entspricht und sie vorteilhaft kleidet, in der gewünschten Preislage MIIDVII. Kali erttr. 115 m Wir haben nirgends Filialen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.