Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 38 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ir~ Seile 4 DIE NEUE WELT o I., Bellarlasiraße 12. Tel. 36-3-39 VM$ch3nbrunnerstr.56. Telephon 95-55 SPRECHAPPARATE wie ßramola, Columbia, Ultraphone UNSER SPEZIAL- KOFFER -APPARAT „MINERVA".........8 „!HAJESTROLA" I......S iaO'— „MAtlESTROLA", Lnxua . . . S 195*— ¥ Ateh auf Teilzahlung 1 ¥ Neueste SchlagerplAllen In größter Auswahl Brief aus Palästina. In der Zone der neuen Zivilisation. Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Während der große Emekkauf im Jahre 1921 und die Besiedlung der neu gekauften Böden um Nuris/ Nahalal und Afule von der gesamten zionistischen Welt mit leidenschaftlichem Interesse verfolgt wurden und man mit Recht empfand} daß dort in den Malariasümpfen dest Emek das jüdische Palästina gebaut werde, ist der große Schritt, der im vorigen Jahre geschehen ist und der die. Besiedlung der Kischon ebene bedeutet, fast unbemerkt vorübergegangen. Die unglückselige Entwicklung der letzten Jahre, der zunehmende Zerfall der zionistischen Bewegung, die wirtschaftliche Krise in- Palästina hatten die seltsame Wirkung, daß diese sogenannte neue Kolonisation' fast tinter dem Ausschluß der OeFtentlichkeit vor sieht ging. Das Aktionskomitee hatte nur nach langen Bedenken den Beginn der neuen Siedlungsarbeit beschlossen, und auch nach diesem Beschluß wurde noch häufig in der Presse die Frage diskutiert, ob es richtig sei, in einer solchen Lage in Palästina neue Siedlungen zu schaffen. Aber es dürfte mit diesen Bedenken nicht viel anders sein* als «wir. jenen Bedenken, die seinerzeit gegen den Kauf der Emekböden geäußert wurden. Was wären wir heute in Palästina* wenn wir nicht das Emek hätten, diese einzige Leistung zionistischer Kolonisationsarbeit, diesen stärksten Beweis für die neue Epoche jüdischer Aufbauarbeit, die nach dem Kriege einsetzte. Heute empfindet jeder, daß diese erste Emekkolonisation zu dieser Zeit und in dieser Form notwendig war, auch wenn \M<r alle verstehen, daß aus den damals gemachten Fehlern gelernt werden muß und gelernt werden kann. Die sogenannte neue Kolonisation ist keineswegs das bloße Ergebnis einer Forderung der Arbeiterschaft. Der Beschluß des Aktionskomitees kam zustande, weil damals auch in weiten Kreisen des allgemeinen Zionismus gefühlt wurde, daß mit den Mitteln des Keren Hajessod aufbauende Arbeit geleistet werden müsse, wenn anders man auch in Zukunft Geld vom jüdischen' Volk für Palästina verlangen wollte. Dann freilich kamen die Bedenklichkeiten, und als die damalige Exekutive den. Beschluß auszuführen begann, war sie heftigen Angriffen ausgesetzt. Gewiß, wiederum war man nicht imstande, getreu denjenigen Prinzipien zu kolonisieren, von deren theoretischer Richtigkeit man überzeugt war. Gewiß war das Geld nicht vorhanden, um den Neuansiedlern füll equipment (volle Ausrüstung) zu geben. Aber die Arbeiter verlangten das nicht, sie glaubten überdies, daß man viel billiger kolonisieren könne und müsse. Jedenfalls begann man mit der Kolonisation und die zionistische Oeffentlichkeit vergaß — man ist versucht zu sagen: erfreulicherweise — die ganze Angelegenheit. Man hatte ja in der Tat auch wichtigere Sorgen, z. B. die Konsolidierung. Bevor diese neue Siedlungstätigkeit einsetzte, gab est im westlichen Teil des Emek, das heißt westlich den Siedlungsgruppe zwischeh Afule und Nazareth, nur zwei wirklich ausgebaute Siedlungen: Nahalal und Nagini« gad, dazu einige begonnene Sicdlungspunkte, wie die jugoslawische Siedlung in Djedda, die chassidischen Sied|- lungsptinkte und die Kwuzah Achwah in Jadjur. Heute», hingegen bietet das westliche Emek den uns aus dem» Nuriskomplex vertrauten Anblick zahlreicher jüdischer Siedlungen. Biegt man bei der transsylvanischen Siedlung1 Kfar Gideon ab, fährt man dann an Z r i f i n undl N a g i n g a d vorüber, so bietet sich dem, der die Land,^ schaft von früher her kennt, ein völlig neuer Anblick. Man war gewohnt, die charakteristische Kreisform Nahalals als einzige jüdische Siedlung zu sehen. Jetzt sehen wir eine Fülle neuer Siedhingspunkte: Um Nahalal herum die drei Kwuzoth Pinsk, Sarona und Hascharon, die große neue' Siedlung Kfar Baruch, die aus einer rumänischen, einei? sefardischen und einer mittelständischen Gruppe besteht,. Kfar Jehoschuah, Mischmar Hämek (den Siedtungspunkt des Haschomer Hazair) und in der Mitte aller dieser Sied-, hingen Djebata, die Versuchsstation für das Emek. Wer sich unserer Siedlungen im Anfangsstadium erinnerty wird finden, daß diese mit unzureichenden Mitteln bt|- gonnenen neuen Siedlungen sich relativ weit entwickelt haben, vor allem, weil man schon jetzt überall feste Gebäude aufführt und den primitiven und unhygienischen Zujstand des jahrelangen Wohnens in Baracken nicht erst sich verwurzeln läßt. Natürlich müssen diese neuen Sied^ lungen möglichst schnell die zentrale (Rolle in unserem! landwirtschaftlichen Budget einnehmen, die ihnen zukommt. Aber auch heute soll nicht unterschätzt werden,; was diese Siedlungen schon jetzt bedeuten. Die Terrains! des Keren Kajemeth im westlichem Emek liegen nicht mehr öde und sind zumilndestens okkupiert. Die Zei% wird hoffentlich nicht mehr fern sein, wo diese Tat* sache ausreichen wird, um die ganze Zionistische Organi[j sation die Verpflichtung empfinden zu lassen, die sie gegenüber diesen Siedlungen hat. Wir zweifeln nicht daran4i daß, Wie heute die Kritik an den ersten Emekkäufen verstummt ist, so auch dereinst der Geschichtschreiber in der meuen Kolonisation im westlichen Emek den Beginn den Ueberwindung der schweren Krise der Jahre 1926/28 erblicken wird. Die neue Siedlungszone gewinnt an Bedeutung wesentlich durch die Tatsache, daß endlich die 1 a n d\- wirtschafjtl.iche Versuchsstation der Zionistischen Organisation ihre Filiale im Emek dort eröffnet hat Künftig wird die Versuchsstation ihre Zentrale in Rechoboth und ihre Emekf iliale in Djebata bejwCfäSStM. Angesicht gesehen, in dieses schönste Menschenantlitz geblickt, das voll Hoheit und Würde war, voll Weisheit und Güte, wer kann sagen, was daraus geworden wäre, ob das Chaos, in dem alle Menschlichkeit zu versinken droht, nicht von diesem Genie der Humanität hätte gemeistert werden können. Josef Popper war wie kein anderer berufen, den Menschen Führer und Lehrer zu sein, er hatte das große Wissen und die noch größere Liebe, die unbeirrt das Mittel sucht und das Mittel findet, um einen Teil wenigstens der tausendfachen Leiden des Lebens zu mildern, wenn nicht ganz zu verbannen. Er hat das Höchste gelehrt, was Menschen zu wissen frommt: die Hochachtung vor menschlichen Existenzen. — „Ein Individuum ist ein Etwas, das nie h taufhören will z u sein, und auch nach seiner Art zu sein." Von dieser Erkenntnis in den Tiefen seines Herzens ergriffen, fand Josef Popper sein Grundprinzip einer gesitteten Gesellschaftsordnung, Worte, die in flammenden Lettern überall leuchten sollten, wo über Menschenschicksal und Menschenlos beraten und entschieden wird. Diese Worte, die auch als Motto des Buches „Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen" ge* setzt sind, lauten: „Wenn irgend ein, selbst noch so unbedeutendes Individuum, das keines andern Leben mit Absicht gefährdet, ohne oder gar wider seinen Willen aus der Welt verschwindet, so ist das ein ungleich wich* tigeres Ereignis als alle politischen, religiösen oder pafoaatea Ereignisse md ials sämtliche Wissenschaft- 1 Hohen, künstlerischen und..technischen -Fortschritte aller Jahrhunderte und . aller Völker zusammenge-. jioimen." Kein Individuum darf w i d e r seinen Willen geopfert werden und es gibt kein einziges Ideal, keine Idee und kein Ziel, keinerlei Bestrebungen des öffentlichen oder praktischen Lebens, die daran das geringste ändern dürften. „D a s i s t d i e M a x i m e", 'sagt Popper, „auf der wir unsere „private wie auch unsere politische.Ethik basieren m ü s s e n." In dem Buche „Das Individuum" hat uns Josef Popper „das große Einmaleins in dem Kalkül mit menschlichen Existenzen" gegeben und damit besitzen wir auch den wahren Schlüssel zu allen Reformen sozialpolitischer Natur, die* in den spätem Werken zu eingehender Darstellung gelangen. Es soll hier ein Wort Coudenho've-Kalergis, den ich auch im weitern Verlauf noch öfter zitieren werde, eingeschaltet sein, der in bezug auf Poppers Ethik folgendes sagt: „Der Ethiker ist vom Politiker Popper-Lynkeus nicht zu trennen. Auch seine Ethik wurzelt im Individualismus und .gipfelt im S o z i a 1 i s m u s. Sie gründet sich auf der Heiligkeit fremden Lebens, auf der Achtung vor fremder Individualität, auf weitherziger Toleranz und Hilfsbereitschaft, auf schlichter Güte, Seine Ethik ist die Ethik eines Freigeistes im besten Sinne des Wortes, ohne jeden religiösen oder metaphysischen Hintergrund: die Ethik Voltaires. Ihre suggestive: Kraft bezieht sie nicht aus Mystik oder. Theologie, sondern lediglich aus der starken Menschlichkeit und reMoüeü. Weisheit stas .Verkünden" 1 _ Englische und französische Waschseide letzter Ausmusterung, in bester Qualität, erhalten Sie sehr preiswert nur im Spezialhaus Iftas ii IrataJ.laMtMft sitzen. Die Arbeit der Versuchsstation soll hier nicht im einzelnen dargestellt werden. Ihre Bedeutung für unser Kolonisationswerk ist heute allgemein anerkannt und wird gerade Von so scharfen Kritilkern wie Priof. Oppenheiffler nachdrücklichst betont. Erst jetzt, wo die Versuchsstation in der Zone arbeiten kann, in der bisher unsere hauptsächlichste Kolonisationsarbeit geleistet worden. ist,, wird sie ihre Hauptbedeutung entfalten können. Es gibt kaum Probleme der Landwirtschaft im Emek, die heute bereits als gelöst angesehen werden können. Das gilt ebenso für den' Getreidebau, wie für die Pflanzungen, wie für die anderen Zweige der Landwirtschaft. Und hier wird die großzügige systematische Arbeit der Versuchsstation die wissenschaftliche Grundlegung schaffen. i Ein Gang durch die Versuchsstation gab ein imponierendes Bild von der dort geleisteten Arbeit. Man sieht in Palästina gewisse Resultate, man sieht etwa, daß di» m'it modernen Methoden getreidebautreibenden Deutschen gute Erfolge haben, während der Getreidebau in den jüdischen Siedlungen, der nicht weniger modern beitrieben wird wie bei den Deutschen, sehr unziire^ chende Ergebnisse erzielt, im Grund unzureichenr* der als die primitive Fellachenwirtschaft. Wie Wilkansky der Direktor der Versuchsstation, es ausdrückt: Unsere Landwirtschaft ist modern in ihren Ausgaben und primitiv in ihren Einnahmen. Was kann die Versuchsstation zur Klärung dieses wichtigen Phänomens tun? Auf einer großen Reihe von Versuchsfeldern wird jeder Faktor, der für die Ernteergebnisse wichtig sein kann» gesondert untersucht. Auf dem einen Felde wird untersucht, ob das bei den Deutschen üblifche Tiefpflügen von dent ersten Regen das Geheimnis ihres Erfolges ist; auf] dem anderen werden sämtliche Möglichkeiten der Düngung erprobt: ungedüngt, mit natürlichem Dünger, mit künstjlichem. Die Methoden des. dry-farming, die es er-, möglichen, Wasser im Boden zu bewahren,, wenden ausprobiert. Ebenso werden sämtliche Obstsorten, die unbewässert gedeihen können, untersucht. Interessant ist, daß tman einem Araber ein Stück Land im Rahmen der, Versuchsstation zur Verfügung gestellt hat, damit er dort nach den üblichen Methoden des Fellachen arbeitet: eine bequeme Möglichkeit, die a r a b i s c h e . Arbeitsmethode aus nächster Näher zu studieren. : - : .; j. i- L!>;; Man verläßt das Emek mit dem Gefühl, daß man, an 'der Front der zionistischen Arbeit gewesen ist und daß es am dieser Front besser steht, als es das Hflnterlamd wahrhaben will. Daran ändern auch Heuschrecken: und Dürre nichts. Wie es scheint, ist der Heufs c h r e c k e n e i n f a 11 in diesem Jahre ohne große Schär den an uns vorübergegangen. Anders freilich ist es mit dem Ausbleib en des Spätregens, was umso verhängnisvoller war, als überhaupt die Regenmenge zu kÜein war und im. übrigen April und Mai eine Ungewohnt lieh große Zahl glutheißer Ostwinde hatten,, wo im Emek Schattentemperaturen von 60.Grad Celsius vorkamen. Schwer getroffen sind die Siedlungen im östlichen Emek, wie En: Charod, Tel Joseph und Beth Alpha sowie die Gruppe!. DaganiafKinereth. Hoffentlich werden Regierung und Zionistische Organisation schnellstens dafür sorgen, daß der Schaden in erträglichen Grenzen bleibt. Die Landwirtschaft ist in Palästina vorläufig, solange wir die künstliche Be» Wässerung nicht durchgeführt haben, weit stärker vom Von den Werken sozialpolitischer Reformen ist nun an erster Stelle „Die Allgemeine Nährpflicht" zu nennen, die I. Auflage, erschienen 1912, ein Buch, von dem Wilhelm O s t w a 1 d sagte, es sei ein „Fundamentalwer k der Weltliteratur, auf das man noch in Jahrhunderten werde zurückkommen müssen." In der „Allgemeinen Nährpflicht" wird das Programm zur Lösung der sozialen Frage, und zwar speziell als Magenfrage, welches in großen Zügen schon in dem viel früher erschienenen Buche: „Das Recht zu 1 e b e n und d äe Pflicht zu sterben" auf gestellt wurde, ausführlich entwickelt, begründet und statistisch durchgerechnet. Ich will hier wieder Coudenhove-Kalergi zitieren, und zwar deshalb gerade ihn, weil er in ganz einzigartiger und unvergleichlicher Weise den großen Menschen und das große Werk erfaßt und begriffen hat. Von der Zukunft der Nährpflicht sagt er: „di e w i r t s c haf i sp oI i t i s c h e n G e d a n k e n Poppers werden in irgendeiner Form verwirklicht werd e n". „Unsere Generation erlebt den Zusammenbruch des reinen Marxismus als Wirtschaftssystem, während der Sozialismus als religiöse Idee täglich an Werbekraft gewinnt. Dieses Dilemma wird den modernen Menschen zwingen, nach neuen Formen sozialistischer Lebensgestaltung zu suchen und sich auch mit dem N ä h r p f i c h t - P r o g r a m m aaise*nandertzwsetzen."' tPw&m immjSMt^ammi tatet <ta!