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Die neue Welt · 1928-06-08 · Heft 38 (8.6.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 38 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 38 DIE NEUE WELT Leider wird diese Seite des Zionismus zu'wenig be tont, ja sie wird geflissentlich zurückgedrängt und dadurch verkümmert nicht mir das eigene politische Leben im Judentum zugunsten einer Allerweltskompromißpo'lrtik, 'sondern dadurch entsteht auch die politische Flucht aus dem Judentum bis zur häßlichsten Form, bis zum jüdischen J u d enhaß. Seite 3 Oft täuscht Dich glatter Worte Schein: Oft täuscht Dich Freundschaft, Liebe, Glück. Doch willst Du Ranz zufrieden sein, Schenk* Hubers Herma einen Blick. „Herma" ist» Saft von HERba MAtc, alkoholfreies Erfrischungsgetränk. Beim Kaufmann erhältlich. Der Ruf nach Kontrolle, Der Umstand, daß in der Zionistischen Organisation die Beamtenarbeit ständig an Umfang zunimmt und die freiwillige, ehrenamtliche Arbeit immer weniger merkbar wird, hat eine Reaktion hervorgerufen, welche sich in mannigfacher Art kundgibt. Da und dort erschallt der Ruf nach Einschränkung beziehungsweise richtiger Proportionierung und Kontrolle der Beamtenarbeit und Wiederbelebung der freiwilligen Mitarbeit. Das Reden über den jetzigen Zustand will kein Ende nehmen und nervöses; Mißtrauen greift Platz. Wie weit die Sache in dieser Richtung gediehen ist, beweist der Charakter des schweren,, die Organisation erschütternden Kampfes in Amerika. Dort ist die Frage der Beamtenarbeit einer der entscheidenden Streitpunkte geworden. Die Hauptforderung der Opposition wurde dahin formuliert, daß in der künftigen Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas kein bezahltes Mitglied sitzen dürfe. Begleitet wird diese Forderung von Klagen über unkontrollierte Wirtschaft und systematische Zurücksetzung der freiwilligen Mitarbeiter. Selbst Deutschland, wo doch die zionistische Beamtenarbeit und ihre Träger in gebührende« Weise geachtet werden, machen sich Regungen gegen das Ueberhandnehmen der Bürokratisierung geltend. In der Diskussion zum Parteitage wurde auch dort die Forderung nach Wiedereinsetzung der ehrenamtlichen Arbeit in ihr Recht laut. Die Situation hat sich so gestaltet, daß eine: zionistische Zentralstelle, die Leitung des Keren Haje s s o d, es für notwendig hält, einen beträchtlichen Teil ihres Tätigkeitsberichtes der Behandlung dieser Frage zu widmen. Sie führt Beschwerde darüber, daß die Debatte über die Zahl der Beamten, ihre Entlohnung und ihre zweckmäßige Verwendung immer weiter um sich greift und zu Schlüssen führt, welche das Vertrauen in die' Verwaltung der Fonds und anderer zionistischer Institutionen erschüttern und die Arbeit für diese zionistischen Einrichtungen immer schwer machen. , Ob mit Recht, ob mit Unrecht, das Mißtrauen ist nun einmal da, und jeder, dem das Gedeihen der nationalen jüdischen Arbeit Herzenswunsch ist, empfindet, daß die rascheste Beseitigung dieses Mißtrau.- e n s eine unaufschiebbare Aufgabe von höchster Bedeutung ist. Wie verhält sich die zionistische Leitung zu dieser Aufgabe? Negativ. Nichts läßt darauf schließen, daß ihr die Schaffung einer Kontrolle und irgend eine Aenderung, des bisherigen, so stark angezweifelten Systems wünschenswert erscheint. In einer Eröffnungsrede am letzten Zionistenkongreß hat Präsident Weizmann, vorgreifend und mit wuchtigen Sätzen, jeden Angriff auf das Beamten:- system als niedrige Verleumdung gebrandmarkt. Er hat nicht, wie es Recht und Pflicht des Parteichefs ist, die Parteibeamten gegen ungerechtfertigte Angriffe und heimtückische üble Nachrede in Schutz genommen. Er hat förmlich jeder Kritik, jedem Begehren nach Kontrolle die ganze Autorität seiner Person und seines Amtes entgegengestellt. Das ist nicht das geeignete Mittel, um Mißtrauen zu beseitigen, auch nicht geeignet, das Ansehen und den Ruf der Beamtenschaft zu schützen. In Amerika wurde der Ruf der Opposition nach Kontrolle höchst sonderbar beantwortet. Man schlug vor, einem vom Präsidenten Weizmann zu ernennenden, aus Nie h tzi,o nisten bestehenden Komitee die Prüfung der Gebarung der amerikanisch-zionistischen Leitung zu übertragen. Wenn man in Betracht zieht, daß sich Präsident Weizmann während des ganzen Kampfes mit der derzeitigen Leitung m New York solidarisch gezeigt hat, mutet dieser Vorschlag wie ein, Scherz an, allerdings wie ein sehr schlechter. So wird' das Mißtrauen nicht beseitigt, vielleicht vertieft. Auch die Bemühungen der Leitung des Nationallfonds und des K. H., des Palästinai-Aufbaufonds, die schädlich wirkende Diskussion abzuschneiden, erweisen sich als unwirksam, müssen sich als unwirksam erweisen, weil sie von der Stelle ausgehen, welche selbst in die Kontrolle einzu beziehen ist. Die Leitungen des N.-F. und K. H. übersenden von Zeit zu Zeit an verschiedene zionistische Stellen Zusammenstellungen über die Zahl und Verwendung der Beamten und die Spesen der Verwaltung. Ohne die bei Herstellung dieser Tabellen an- , gewandte Gewissenhaftigkeit in Zweifel zu ziehen, kann man tte bei bestem Willen nicht als beweiskräftige Do»- kumente ansehen. Ihre Herkunft raubt ihnen den Wert, denn die Kontrolle kann nicht von den zu kontrollierenden Stellen kommen, die Kontrolle muß über ihnen stehen. Der letzte Zionistenkongreß hat den richtigen Weg gewiesen. Er hat nach gründlicher Debatte beschlossen,! einen unabhängigen Kontrolleur beziehungsweise ein Kontrollamt einzusetzen. Die Leitung wurde beauftragt, die bezüglichen Vorschläge dem Aktionskomitee zu unterbreiten. Seit diesem Beschlüsse sind acht Monate verstrichen, ohne daß von irgend einer Bemühung in dieser Richtung etwas zu merken ist. In sechs Wochen tritt das! Aktionskomitee zusammen. In dieser Sitzung muß derBeschluß zur Ausführunggelangen. Wenn das nicht erfolgt, dann laden die verantwortlichen Personen schwere Schuld auf sich. Nicht nur die Schuld,, einen Kongreßbeschluß sabotiert zu haben, sondern die ungleich schwerere Schuld, die Wirkung des Beschlusses ins Gegenteil verkehrt zu haben, die Schuld, das Mißtrauen bestehen und wachsen zu lassen. Die unabhängige Kontrolle der zionistischen Wirtschaft ist nicht Nur im Interesse der Organisation und des Palästinaj-Aufbaues, sie ist auch im Interesse der zionistischen B eamtenschaft unbedingt erforderlich. Nur sie allein kann durch ausschlaggebende Entscheidungen die Beamten vor ungerechtfertigter Verdächtigung und Verfolgung schützen und eine Atmosphäre schaffen, in welcher die Beamten freudig arbeiten können. Fehlt sie, dann fühlt sich notgedrungen jeder Zionist, jede zionistische Gruppe berechtigt und verpflichtet, Kontrolle auf eigene Faust zu betreiben. Was dabei herauskommt, zeigt der Kampf in Amerika. Eine Flut von gehässigen Anklagen und geV hässigen Gegenäußerungen. Präsident Weizmann hat ganz richtig gesagt: „Palästina muß die Zeche bezahlen!" Sehr richtig. Aber er und die zionistische Presse, welche diesen Satz fettgedruckt in die ganze Welt hinausgetragen hat, haben an etwas Wichtiges vergessen. Sie haben vergessen festzustellen, zu prüfen und zu beweisen, wer die Schuld daran trägt, daß Palästina so schwer und viel zu zahlen und zu büßen hat. Vor; allem diejenigen Stellen, die verpflichtet sind, den wichtigen Kongreßbeschluß auszuführen und ihn bis jetzt weder ausgeführt, noch seine Ausführung vorbereitet haben* _ Robert Stricker. Antisemitische Exzesse in Litauen. Am 28. Mai veranstalteten litauische Studenten in dem 30 Kilometer von Kowno entfernt liegenden Städtchen einen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Mehrere Juden, auch Frauen und Kinder, wurden von den Exzedenten schwer mißhandelt und verletzt. Es herrschte eine ungeheure Panik. Erst sehr spät trat die Polizei in. Aktion, Horthy gegen die jüdische Kaufmannschaft. Aus Budapest wird uns berichtet: In den Kreisen der jüdischen Kaufmannschaft herrscht wegen einer Rede, die der Landesverweser Horthy anläßlich einer Promo.- tion sub auspieiis gubernatoris an der volkswirtschaftlichen Hochschule gehalten hat, allgemeine Konsternation. Man hatte sich in Ungarn bereits in den Gedanken einwiegen lassen, daß die Verhältnisse im Lande sich auch politisch soweit konsolidiert hätten, daß wenigstens der offizielle Antisemitismus der Regierung und der anderen maßgebenden Faktoren nicht mehr öffentlich zum Aus|- druck gelangt werde. Nun erschien in einer Budapester Zeitungskorrespondenz ein Auszug aus dieser Rede Horthys, die iim wesentlichen in die Ermunterung der magyarischen Jugend ausklang, sie müsse alles daransetzen, um in denungarischen Handel, anstatt des bisherigen Geistes, der Ungarn zum Ruin führen müßte, den magyarischen Geist der Ehrlichkeit und Verläßlichkeit zu trägem Dies geschehe in Frankreich, und das müsse auch in Ungarn geschehen, weil mit einem Land, in dessen Handel nicht Ehrlichkeit und Verläßlichkeit herrschen, kein anderes Land in Verkehr treten will. „Deshalb ist es notwendig,"' schloß Horthy seine Rede, „daß wir die Ehr Ii chkeiit unserer Rasse auch in diesen Beschäftigungszweig hineintragen." Es ist bekannt, daß auch heute noch der größte Teil des Handels, soweit er für Ungarn von Wert ist, von Juden geführt wird, und diesem sogenannten jüdischen Handel hatte Ungarn seinen früheren Aufstieg und auch nach dem Zusammenbruch seine Erhaltung zu danken. Russische kommunistische Studenten für Numerus clausus. Die in Charkow erscheinende jüdische kommunistische Tageszeitung >,Der Stern" führt eine Reihe Beispiele an, die beweisen sollen, wie starkider'Antisemitismus1 auch unter der Studentenschaft verbreitet ist. Der kommunistische Studentenverband an dem Charkower Technologischen Institut, der mehr als 400 Mitglieder zählt, ist stark von Antisemitismus verseuch t. Innerhalb dieses Verbandes wird für die Einführung einer Prozentnorm für Juden an den Hochschulen Propaganda gemacht. Das im Sowjetstaat verpönte Wort „Zschid" (herabsetzender Ausdruck für „Jude") wird von diesen kommunistischen Studenten oft gebraucht Das Parteibureau des Institutes, schließt die jüdische Zeitung, unternimmt nichts, um diesen chauvinistischen Stimmungen entgegenzuwirken. gspreisen bedeutet hervorragend gute Herrenu. Damenstoffe, jetzt infolge vorgerückter Saison, ganz aussergewShnlich preiswert zu kaufen nur VI., Linke Wienzeile MWHMBMEBBB Popper-Lynkeus. von Margit 0 r n s t e i n. Neben Herzl, der dem jüdischen Volke den Weg gezeigt, denn es gehen muß und wird, ragte aus dem Judentame die Gestalt des Sozialreformers, Ethikers und Dichters P o p p e r - L y n >k e u s ge wailtig empor. Der Mann, der der Menschheit ihren Weg weist. Als Einführung in die Erkenntnis des Wesens und Wirkens dieses Mannes wird nachstehend ein Vortrag, den seine Schülerin und Freundin im „Klub jüdischer Frauen" gehalten hat, wiedergeben. I. Je länger und je intensiver man sich mit diesem großen und universellen Geiste beschäftigt, desto größer werden die Schwierigkeiten aus dem Riesenkomplex seiner schöpferischen und gestaltenden Arbeit, Teile herauszulösen und die einzelnen Gebiete in Sonderbetrachtung gegeneinander abzugrenzen, da ja ein inniger, organischer Zusammenhang alle Teile zu einem großen Ganzen verfeindet. Als wunderbare Einheit umschließt das gewaltige Format von Popper-Lynkeus die Fülle und Vielheit seiner geistigen Leistungen, und die Grundtendenzen wie auch die Grundimpulse seines Schaffens sind immer die gleichen, ob er nun als Sozialreformer das „R e c h t z u 1 e b e nM proklamiert und gegen die „Pflicht zu sterben" Protest erhebt, ob er als Ethiker die Grundmaxime einer gesitteten Gesellschaftsordnung festlegt, als Philosoph im Strafrecht die Begriffe von Schuld und Sühne umzuwerten sucht, oder ob er uns als Dichter der „Phantasien" eines der wunderbarsten Bücher schenkt, durch das er, in Uebereinstimmung mit der wissenschaftlich-fundierten Seelenkunde bewiesen hat, daß ein reiner, mutiger und wahrhaftiger Mensch im Träumen wie im Wachen der gleiche ist. Diese letzte Bemerkung bezieht sich darauf, daß, wie Popper in seiner Selbstbiographie mitteilt, der größte Teil der Erzählungen der „Phantasien" einfach die Wiedergabe von Träumen ist, die Popper während einer Zeit hatte, da er Geschäftsreisen unternehmen mußte, tagsüber ajso nicht die Sammlung fand, sich mit den Problemen, die ihm am Herzen lagen, zu 'befassen. Was er so bei Tage unterdrücken mußte, stieg in der Ruhe der Nacht als lebhaftes Traumbild an die Oberfläche des Bewußtseins. « So möchte ich denn zunächst versuchen, in einer knappen Skizze die Persönlichkeit darzustellen, durch Aufzählung der Hauptwerke einen Ueberblick über das Gesamtschaffen zu geben, um dann, soweit es die Zeit gestattet, bei einzelnen Punkten länger zu verweilen und auch gelegentlich das Urteil berufener und prominenter Persönlichkeiten einfließen zu lassen. Wir haben Popper^Lynkeus im Vorjahre, an einem der schönsten Plätze Wiens, im Herzen der Stadt sozusagen, ein Denkmal errichtet; Kinder spielen unter den weit schattenden Bäumen des i Parks, in frühen Morgenstunden sucht die studierende Jugend dort Sammlung für ihr ernstes Tageswerk, aber auch jene kommen hin, die ihre Arbeit bereits getan haben und nur mehr Ruhe und ein paar warme Sonnenstrahlen suchen. Dort also, wo der Menschen viele zusammenkommen, alle Berufs- und Altersstufen einander begegnen, dort ragt in schimmerndem Marmor die Büste von Popper-Lynkeus, und die sie ihm errichtet, sie wollten nicht allein des geliebten Meisters Andenken ehren, sie waren auch von dem Wunsche beseelt, in den tausend Vorübergehenden die Frage anzuregen: Werwar dieser Mann, was hat er für die Menschheit geleistet? Denn es leben Viele unter uns, die nichts von ihm wissen. Ich meine nicht jene, die seinen Namen noch nicht gehört haben, die seine Werke nicht kennen, denen der Reichtum seines Schaffens verschlossen blieb. Wie groß ihre Menge auch heute noch sei, immer ist doch die Hoffnung vorhanden, daß sich einer nach dem andern aus ihr lösen werde, getroffen von dem Strahl der Erkenntnis, daß Josef Popper eine der größten Erscheinungen aller Zeiten gewesen ist. Merkwürdig bleibt es nur, daß viele, die ihn zu kennen glaubten, hervorragende Zeitgenossen und Männer mit gut klingenden Namen, im Grunde ahnungslos blieben und fremd seiner wahren Wesenheit gegenüber, sie erkannten die Größe des Mannes nicht un;d vermieden es, zu ihm zu »kommen, vielleicht aais Furcht, in ihrer Ruhe, i!hre*n Glauben an falsche Ideale erschtitterl zu werden. Hätten sie es dennoch gewagt! Sie alle, die sich Führer nannten in den Tagen des Sturmes und der Bedrängnis, hätten sie ihn nur von

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