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Die neue Welt · 1928-06-01 · Heft 37 (1.6.1928) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 37 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Sttte*8 DIE NEUE WELT Nr. 37 MELLINGER 'S WIENER HEILTEEMISCHUN8EN BEI ZUCKERKRANKHEIT, GALLEN-, NIEREN-, BLASENSTEINE und MAGENLEIDEN sind vorzüglich! Pro Paket 8 6.S0 Postversand I Wien, XVII. Bezirk, Lacknergasse Nr. 37/4 Die Juden des fernen Ostens. Ein Vortrag Dr. Alexander Goldsteins in Berlin. Dr. Alexander Gold st ein. der 16 Monate als Delegierter des Palästina-Aufbaufonds in Ostasien, Hinterindien und Australien verbracht hat, ist nach Europa zurückgekehrt. Vor kurzem hielt er in B e r Ii n einen Vortrag über seine Reise. Dr. Goldstein erzählte zuerst von den Bagdad- Juden, die über den ganzen fernen Osten in kleinen Gruppen verstreut leben und die seit der Zerstörung des jüdischen Staates niemals Asien verlassen haben. Diese Bagdad-Juden haben eine ganz andere Mentalität, als die gegenwärtige aschkenasische Mehrheit des jüdischen Volkes. Sie wissen nichts von unseren Sorgen, sie kennen keine Assimilation, sie kennen keine Parteirichtungen — und doch sind sie mit der jüdischen Gesamtheit in der Welt durch zweierlei verbunden: Durch ihre Liebe für Palästina und durch die Pflege der hebräischen Sprache. Die persischen Jude n, darunter persisch-jüdische M a r a n n e n, welche vor einigen Jahrzehnten aus Persien nach Indien kamen, um sich in Indien wieder frei zum Judentum zu bekennen, haben Dr. Goldstein, mit gleicher Herzlichkeit und Liebe empfangen wie die Bagdad- Juden. Diese persisch-jüdischen Marannen haben nur eine Sehnsucht: fhren Familien, die von ihnen nach Palästina vorausgeschickt wurden, und die sie regelmäßig unterstützen, nach Erez-Israel zu folgen. Ein Erlebnis besonderer Art war für Dr. Goldstein die Begegnung mit den B e n e Israel, den Nachkommen einer vor mehr als zweitausend Jahren nach Indien eingewanderten jüdischen Gruppe, der die Makkabäer-Zeit, die zweite Zerstörung des Tempels und die ganze talmudische Periode vollständig unbekannt geblieben sind. Diese Bene Israel, 15.000 an der Zahl, zumeist als Landarbeiter, Fischer und Handwerker in den Dörfern lebend, sind, obzwar sie Sprache und Sitten ihrer Umgebung angenommen haben, und obzwar ihr überliefertes Judentum sich auf die Kenntnis eines einzigen Gebetes, auf die Beobachtung des Sabbat und des Jomkippur sowie auf die Beibehaltung der Schläfenlocken beschränkt, zweitausend Jahre lang unvermischt mit ihrer Umgebung geblieben, und haben sich den Königstraum von der Rückkehr in die uralte Heimatbewahrt. Dr. Goldstein erzählte ferner von jüdischen Gemeinden in der Südsee, die aus zwei bis vier Familien bestehen und kaum eine Berührung mit Juden in anderen Ländern haben. All diese isoliert lebenden Juden drängten sich förmlich dazu, ihren Beitrag für die Wiedererweckung von Land und Sprache zu leisten. Eine Ueberraschung freudiger Art war das Zusammentreffen Goldsteins mit den Juden in N e u - Seeland. Dort gibt es eine blühende zionistische Ortsgruppe, die angestrengt bemüht ist, nach ihren besten Kräften dem Ideal des Wiederaufbaues Palästinas zu dienen. In Niederländisch- Indien leben etwa tausend bis fünfzehnhundert Juden, die Verwaltung jener Gebiete lieh Dr. Goldstein jede erdenkliche Unterstützung zur Abhaltung von Versammlungen, zur Gründung von zionistischen Komitees. Den stärksten Eindruck von nichtjüdischem Interesse an der Sache des Palästina-Werkes empfing Dr. Goldstein in Australien. Auf Einladung eines Bischofs der Presbyterianer-Kirche hielt Dr. Goldstein in der größten Kirche Australiens einen Vortrag über den Palästina-Aufbau und nach diesem Vortrag betete die ganze Gemeinde Psalmen für das Ende der jüdischen Leiden und für das Gelingen des zionistischen Werkes. Die Juden Australiens sind Nachkommen von englischen Juden, die vor drei Generationen eingewandert sind, und haben bisher nur äußerst lose Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft in der Weh: unterhalten und nur spärliche Nachrichten von dem zionistischen Werk erfahren. Aber auch bei diesen Juden war der Appell, sich an dem Palästina-Aufbau/ zu beteiligen, von großem Erfolg begleitet. Dr. Goldstein betonte, daß der Hauptwert dieser zionistisclien Propaganda in den jüdischen Gemeinden der exotischen Länder nicht in der Sammlung von Mitteln für den Palästina-Aufbau liegt, sondern in der lebendigen jüdischen Propaganda, die ein einigendes Band um alle Juden der Welt im Zeichen Palästinas und der hebräischen Sprache schlägt. jüdische Siedlungen in Australien. Die jüdische Einwandererschutzgesellschaft m Melbourne hat einen Appell an die Juden in Australien zur Schaffung eines Fonds von 50.000 Pfund zwecks Gründung einer neuen jüdischen Kolonie in Australien erlassen. Eine jüdische Kolonisationsgesellschaft ist bereits begründet und von der Regierung genehmigt worden. In der zu gründenden Kolonie sollen jüdische Einwandere: als Landwirte seßhaft gemacht werden. Die jüdischen Gemeinden von Neusüdwales und Queensland haben sich bereit erklärt, an der Verwirklichung des Planes mitzu» arbeiten. In Australien existieren bereits einige kleine jüdische landwirtschaftliche und Gartensiedlungen, die sich sehr gut entwickeln, so die Kolonie in S h eppa rton, in Ben;- wick usw. Die australische Regierung fördert alle Siedlungsbestrebungen und stellt sehr gutes Siedlungsland zu besonders günstigen Kauf- und AbZahlungsbedingungen zur * Verfügung. Der blühende Zustand der bisherigen jüdischen Kolonien ermutigt zu neuen Versuchen. Der Wirtschaftsantiseinitismus in Ungarn. Im ungarischen Abgeordnetenhaus führten die jüdischen Deputierten Dr. Paul Sandor und Dr. Bela Fabian Klage gegen die ungarische Regierung, die eine Politik des wirtschaftlichen Antisemitismus befolgt und darauf bedacht ist, die Juden aius ihren wirtschaftlichen Positionen hinauszudrängen. Während jüdische Kaufleute und Industrielle durch Steuerdruck miid andere Schikanen an ihrem Fortkommen behindert werden, erhalten die christlichen Handelsgenossenschaften, die direkt anUjüdische Tendenzen verfolgen, reichliche Staatssubsidicn und genießen vollkommene Steuerfreiheit. Staatliche Kredithilfe steht diesen Genossenschaften jederzeit zur Verfügung, da sie den öffentlichen Wohlfahrtsinstitutionen gleichgestellt worden sind. Das Ergebnis ist, daß hunderte jüdischer Kaufhäuser zum Bankrott oder zur Liquidation getrieben worden sind'. Wiederaufnahmeverfahren in der Sache Oskar Slater. Oskar Slater, der im Jahre 1909 in Glasgow wegen angeblicher Ermordung der 80jährigen Greisin Marion G i 1 c h r i s t zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden war, hat nun, nachdem er vor mehreren Monaten nach verbüßter 20jähriger Haft das Gefängnis verlassen durfte, einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt und diesen Antrag durch ein eingehendes Memoran^ dum begründet, in welchem er nachweist, daß die Polizei und die Gerichtsbehörden seinerzeit seine Verteidigungsmöglichkeit rechtswidrig einschränkten, indem sie glaubten, mit ihm, dem armen Durchwanderer, nicht viel Rücksicht üben zu müssen. Die öffentliche Meinung Englands ist nun von der Unschuld Slaters überzeugt, der nun neue Tatsachen ans Licht brachte und neue Zeugen nam<- haft machte, die für seine Unschuld zeugen wollen. Am 18. Juni wird vor dem Berufungsgericht Edinburgh d e r erste Termin in dem Wiederaufnahmeverfahren gegen Slater stattfinden. (Oskar Slater ist ein deutscher Jude, der 1909 über England nach Amerika auswandern wollte und während seines Aufenthaltes in Glasgow mit dem Raubmord an der Marion Gilchrist in eine tragische Verbindung gebracht worden ist.) Italiens Handelsinteresse an Palästina. Der Triester „Piccolo"dclla Serra" befaßte sich vor kurzem in einem großen Artikel mit der Frage, in welchem Maße die jeweilige Wirtschaftslage in Palästina die Interessen Italiieins zu •beeinflussen, vermöge. Das Blatt kommt zu dem Schluß, daß Italien und ganz besonders die Industrie- und Verkehrsgesellschaften sich der täglich steigenden Wichtigkeit der Entwicklung des neuen, von jüdischer Arbeit und jüdischem Geist beeinflußten Palästina anpassen müssen. So liege es immer mehr und mehr im Interesse der dtaiienischen Schiffahrtgesellschaften, sich in den jährlich wachsenden Zustrom von Touristen in Palästina durch tarifarische und fahrplanpolitische Maßnahmen einzufügen. Die italienische Regierung habe, was den Transitverkehr der palästinensischen Exportwaren betrifft, so in erster Linie der Transitbeförderung von palästinensischen Orangen weitgehende Begünstigungen eingeräumt. Es wird sich bald zeigen, schreibt das genannte Blatt, daß; sich bei gegenseitiger vernünftiger Wirtschaftspolitik bald ein den Interessen beider Länder dienender Export- und Iinportverkehr herausbilden werde. mm LLOYD SAB AU DO GENUA Gxpreßverkehr nach SVorrfu. Südamerika I. M REPRKS.s I., KOLOWRAfRING 4-TEL.72-3.87 mm wm TtffWVT/WpfV' mmmm mm Das Ziel aller Wünsche ist ein Haupttreffer! Friedmanns Glück ist kolossal! Kaufen §ie daher Ihre Klassenlose nur bei L. Friedmann, l.Bez., Salzgries 12-W. Senden Sie sofort Bestellkarte. 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Während seiner Abwesenheit von New York wird der Dozent an der Berliner Hochschule für jüdische Wissenschaft, Professor Dr. Harry Torczyncr, der bekannte Gelehrte, der aas Wien stammt, an dem New Yorker Institut lesen. Religionsprofessor Markus A. Landau gestorben. Am 21. Mai starb in Wien nach längerer Krankheit Herr M. A. L a n d a u, emeritierter Rabbinatsverweser der Gemeinde Wr.-Neustadt. Herr Landau, der einer alten Rabibinerfamilie entstammt, war seit seiner Jugend mit der jüdischen Wissenschaft beschäftigt. 40 Jahre war er .im Dienste des jüdischen Kultus vorbildlich tätig, ein Jahr in Krakau, vier Jahre in Butschowitz (Mähren) und 35 Jahre in Wiener-Neustadt, wo er einen erwachsenen Sohn und vor kurzem die Gattin verlor. Er war ein eifriger Förderer der zionistischen Aufbauarbeit, ebenso wie sein Bruder in Südafrika Prof. Dr. I. L. Landau, Chief Rabbi in Johannesburg. Eine Tochter iist an den Arzt Dr. Oskar Wilder in Wiener-Neustadt verheiratet, ein Sohn, Dr. Heinrich Landau, ist Rechtsanwalt in Wien. Am 22. Mai wurde Herr Landau in Wien unter großer Beteiligung bestattet. Oberkantor FränkeJ sang die Trauer.psalmen, die Rabbiner Dr. J. M. Bach und Heinrich Weiß, Wiener-Neustadt, hielten ehrende Nachrufe. Herr Perlberger nahm in Hebräisch, und Herr, M. D. Groß im Namen des „Misracbi" herzlichen Abschied. Die Brandkatastrophe in Kutais. Wie schon kurz berichtet, ist vor einigen Taigen das jüdische Viertel der Stadt K ai t a i s in Grusinien von ' Feuer zerstört worden. 350 von Juden bewohnte. Häuser brannten ab. Das Feuer griff so rasch um sich, daß sich, die Menschen nur schwer retten konnten; 22 Personen kamen in den Flammen um, 300 Personen erlitten schwere Brandwunden. Die Bevölkerung befindet sich In größter Not, es fehlt an Brot und Obdach. Wie dem Moskauer J. T. A.-Vertreter von dort mitgeteilt wird, ist der Sachschaden ein ungeheurer. Keinemder Geschädigten war es gelungen, etwas von seinem Hab und Gut zu retten. Es bildete sich ein Hilfskomitee, das Aufrufe zu schneller Hilfe erlassen hat. * Eine sonderbare Judendebätte im Staatssenat von Massachusetts. Wie uns aus New York berichtet wird, hält die Bevölkerung des Staates Massachusetts gegenwärtig eine sogenannte Judenfrage in Erregung, die für Femr stehende geradezu komisch wirkt. Im Staate Massachusetts herrscht der sogenannte „Blaue Sonntag", das heißt daß am Sonntag sämtliche Geschäfte einschließlich der Lebensmittelgeschäfte, aber auch alle Theater, Tanz- und Vergnügungslokale geschlossen bleiben müssen. Am Sonntag sinef im Staate Massachusetts nur zwei Dinge gestattet* beten und schlafen. Man darf auch essen, wenn man sich schon am Freitag oder bis Samstag Mittag den Sonntagsvorrat gesichert hat. Diesem strengen Sonntagsgesetz fügen sich sämtliche Bürger des Staates und auch dies Juden hätten nichts dagegen zu sagen, wenn es sich nicht wiederholt ergeben hätte, daß der Vorabend zu einem zweitägigen jüdischen Feiertag, wie zum Beispiel zum Roscfo-Haschanah-Fest auf einen Sonntag fiel. Das bedeutet für sie, daß sie, da sie an den hohen' Feiertagen! nicht einkaufen wollen, vier Tage hindurch keinerlei Speise kaufen können. Das jüdische Mitglied des Landtages von Massachusetts Asidor F u x beantragte nun, daß es gestattet werde, in solchen Fällen den jüdischen Familien an* Sonntag Lebensmittel ins Haus zu liefern. Der Antra« wurde angenommen. Ueberraschung rief es hervor, als bekannt wurde, daß Gouverneur Füller des Staates1 Massachusetts von seinem Vettorecht Gebrauch machte, und das Gesetz mit einer langen Moralpauke an den Senat zurückspritzte. Gouverneur Füller, der wegen seiner HaJr tung im Falle der Italiener Sacco und Vanzetti, deren Hinrichtung er verursachte, noch in unangenehmster Erinnerung! ist, spielte sich in der Begründung seines Vetos auf den Arbeiterfreund heraus, dem es weh täte, wenn auch nur ein Arbeiter einmal im Jahre oder da ja nicht jedes Jahr der Vorabend des Rosch-Haschanah-Festes auf einen Sonntag fällt, einmal in sieben Jahren den Sonntag wegen der Juden nicht werde genießen können. Die Blätter machen sich über Gouverneur Füller lustig und! weisen darauf hin, daß er nichts dagegen habe, wenn an Sonntagen Benzin und Oel für Automobile, Motorschiffe und Luftschiffe verkauft werden, während er sich hier auf einen, einmal in sieben Jahren ergebenden Ausnahmsfan versteife. Aber, so schreibt der „Springfield Republicaji" damals als dieses Gesetz dem Gouverneur Füller zur Erlaubnis des Benzinverkaufes unterbreitet wurde, da hatte er nichts dagegen, weil, nun weil Füller selbst ein* Automagnat ist, der für sich auch am Sonntag keine Geschäftsrune und keine Ruhe des Geschäftsgewinnes b& ansprucht. Vorläufig geht der Kampf mit aller Heftig/« keit weiter; die Majorität des Senats scheint entschlösse*« zu sein, in dieser an sich komischen Staatsaffäre deni Gouverneur nicht nachgeben zu wollen.

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