Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 37 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711652--0485-2713631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE NEUE WELT Nr* 37 (fett, für Nacht) and maclit dto sprödeste oder raoheste Hanl ~__samiweIoh,.J>Iendend weiß u. rein. Jede Tube S 2.— ^Deiüu luuea S b.7j). „Olirt'-Wmd- und Sonnenschutz-Puder S 1.—, In Jeder Diogerie, Parfümcrii» usw. oder direkt „DIM"-Laboratorium, Wien. II. Olier« Donaustraße 17. — Zahlrelcne Anerkennungen Vom Reg< jen m den Wolkenbruch. Bilder von den weißgardistischen Pogromen. Von Josef Lewit, Königsberg.*) Vom ersten Tag 'seiner Regieriingszeit an war Nikolaus Iii. von geheimnisvollen Wahrsagern, Mönchen und Religionsfanatikern umgeben. Wie von einem unzerreißbaren Netz war der letzte Zar in die Intrigen der Hcrmogen, Illiodor, Theophan -und anderer Wundermönchc verstrickt, die sich tun Rasputin scharten. Alle diese Gesellen und mit ihnen der berüchtigte Ni 1 .u-s, der Autor der' „Zionistischen Protokolle" trieben mit dem willenlosen Nikolaus Ii. ihr heimtückisches Spiel und richteten ihn zugrunde. So wair es bis zum Jahre 1917. Diese religiösen 'Geschäftemacher landen auch nach dem Umsturz in jeder Revolutionsregierung ihre würdigen Nachfolger. Aus der dreihuude.rt!jähr.igen Romanowschen Schatzkammer der Staatsweisheit hatten siie vor allem die Vorliebe für Judenpogrome übernommen. Und sie trieben dies so 'lange, bis sie selbst an den Pogromen .zugrunde gingen. So war es bis zum Sommer 1919. Die „Protokolle der Weisen von Zion", dieses unsinnige, reaktionäre Machwerk, fanden in aber Tausenden von Exemplaren Verbreitung in der weißen Armee. Fast alle intell'igeniten Köpfe dieser weißen Armee, die berufen gewesen wäre, Frieden undl Ordnung herzustellen und dem roten Wahnwitz einen Damm zu setzen, glaubten fest an diese Fälschung. Die klaren Köpfe aber, die auf die grob aufgetragenen Lügen dieses Buches nicht hineinfielen, schwiegen und taten nichts, um die Verblendung ihrer Kameraden zu zerstören ... Die „Protokolle der Weisen von Zion" übertreffen alles, was im antisemitischen Lager bisher erfunden worden war. Sie sind' der schrecklichste Anklageakt gegen das Judentum. Diese „Protokolle" stellen die Juden als von einer Wahnidee besessene Fanatiker dar, die die ganze Welt und sich selbst in Armut und Elend stürzen wollen, um dann einen Herrscher aus dem Stamme David über die ganze Welt zu setzen. Dieser Herrscher würde unumschränkt regieren, werde w<eise, grausam und unfehlbar sein . . . und der Kandidat auf diesen exponierten Posten soll bereits irgendwo in der Nähe Wiens erzogen werden. Schon bei dem Bericht, wie er in den Besitz dieser Prokolle gekommen ist, verstrickte sich Nilus in ganz phantastische Widersprüche. Er teilte mit, daß er die Protokolle aus der Hand des durch seine Brutalität berüchtigten Gutsbesitzers Suc hotin erhalten habe, der sie wieder von einem unbekannten Mann und dieser von einer unbekannten Frau erhielt, die sie sich in Paris, wo die Weisen von Zion sich gerade aufhielten, zu verschaffen wußte. Es dauerte nicht lange, daß dieses Buch als ein plumpes Plagiat entlarvt wurde, aber der giftige Samen hatte bereits seine Wirkung getan. Das einfache Volk und auch das nicht einfache glaubte ja an Hexen und Zauberer, an Teufel mit und ohne Hörner. Und der russische Bauer? Der glaubte doch sogar daran, daß man durch, ein Fernrohr Cholera verbreiten könne ff AIIIIEIICBDAC!6EII>,ml daß die Deutschen auf Flugzeugen in fruchtbare S O M M ERSrR W 0«KN Gouvernements kommen, um Getreide zu stehlen. Wie SSgS^SSiSf^ Ä Aollte man da nicht daran glauben, daß die Juden eine Ä£hÄri^^^^^ Verschwörung planten? Und wenn noch Creme (^a_tMOr Erregung des Krieges, die 'Berauschung an Siegen oder Verzweiflung an Niederlagen dazukam, verwirrte sich alles zu einem einzigen Chaos: die Logik und der gesunde Menschenverstand, Moral und' Gewissen, das Gefühl der Pflicht und der Ehre, das alles ging unter in der Parole: „Erschlaget die Juden, rettet Rußland!" Erstes Bild. Die Wohnung der Familie Smeljansky in der Stadt Tschcrkassy. Ein schön möbliertes Speisezimmer. 17. August 1919. Es ist Tag. Mann (tritt mit strahlendem Gesicht ein): Nun, ich gratuliere. Die weiße Armeie ist eingerückt. Endlich sind wir alle diese roten, grünen und schwarzen Banden losgeworden. Unsere Delegation hat die Siegor bewillkommnet und ihnen eine große Geldspende überreicht. Der Stadtkommandant dankte herzlich und versicherte, daß es keinerlei Exzesse geben werde. Frau: Gebe Gott, daß alles gut abläuft. Aber es gehen beängstigende Gerüchte in der Stadt 'herum. Mann: Daran ist kein wahres Wort. Die weiße Armee wird sich nicht besudeln. Diese Gerüchte sind wahrscheinlich von den Bolschewiken in Umlauf gesetzt. (Eine Gruppe von Kosaken und Offizieren stürzt lärmend herein.) Kosak: Da stecken diese verdammten Bolschewiken. Leben wie die Fürsten, und wir vergießen unser •Blut für sie. Offizier: Sie müssen eine Kontribution von drei Millionen erlegen. Wenn Sie ohne Zögern zahlen, gehen wir gleich wieder, sonst aber . . . Man n i- Wir haben ja eben Ihrer Armee ein Geschenk von ... 1 Offizier (schlägt ihm mit 'der Peitsche über das Gesicht): Maul halten! (Zu den Seinen): Wjr wollen ihm das mal austreiben. (Einige Kosaken reißen den Luster herab, die anderen werfen dem Mann eine Schlinge um den Hals und ziehen ihn an dem iLampenhaken hoch.) Offizier (zur Frau): Sie können wählen: entweder lasse ich ihn hängen und Sie selbst übergebe ich meinen Jungens hier, oder Sie zahlen augenblicklich drei Millionen. Fr au (öffnet zu Tode erschrocken und zitternd den feuersicheren Schrank, nimmt das ganze Geld im Betrage von gegen anderthalb Millionen und Schmuckstücke heraus, reicht sie dem Offizier und wirft, sich vor ihm auf die Knie: „Bitte, lassen Sie ihn.hierabnehmen! Er erstickt. Offizier (gibt den Kosaken einen Wink, die den Mann ans der Schlinge befreien. Er ist öhnrhächtig, wird aber durch Peitschenhiebe wieder zur Besinnung gebracht. Man fordert abermals Geld. Manu und Frau schwören, daß sie nichts mehr besitzen. Oa wird der Mann ein zweitesmal hochgezogen, nach einer Weile herabgenommen, dann ein drittesmal und. so fort . . .) Frau (wirft sich in „Verzweiflung bald dem einen, bald dem anderen Kosaken vor die Füße): Ich schwöre, ich schwöre, daß wir nichts mehr besitzen! Habt Erbarmen mit ihm! (Nach dem siebenten Hochziehen schneiden die Kosaken die Schlinge ab und stürzen lachend hinaus.) Frau (nachdem sie den Mann wieder zum'Bewußtsein gebracht hat): Gott sei Dank ... er lebt ... Zweites Bild. Dasselbe Zimmer. Nach drei Tagen. Die Möbel sind zerbrochen. Auf dem Boden liegen zerrissene Polster und Decken herum. Alles ist weiß von Fiederu. Mann und Frau, die um zehn Jahre gealtert scheinen, gehen nervös im Zimmer auf und ab und horchen immer gespannt hinaus. Ein Klopfen an.der Tür. Sie,zucken zusammen. Drei Juden treten ein. Erster Jude: Gott ©ei Dank, der Pogrom ist eingestellt. Wir haben die Kontribution zusammengescharrt. Frau: Wer bürgt uns d'afür? Zweiter Jude: Hier, der Befehl! Lesen Sie. Mann (liest): „Erlaß des Stadtkommandanten Oberleutnants Golowka". Dritter Jude: Lesen Sie bloß § 4. Das übrige geht uns nichts an. Mann (liest): „§ 4. Ich werde mit Klagen bestürmt, daß die Kosaken angeblich plündern. In Wirklichkeit hat es sich aber herausgestellt, daß die Plünderer unter der Stadtbevölkerung selbst zu suchen sind. Ich -mache darauf aufmerksam, daß jeder auf frischer Tat crta.ppte Plünderer sofort erschossen wird." . Frau: Das ist empörend: „unter der Stadtbevölkerung". Erster Jude : Schreien Sie nicht so. Das wissen wir ja alle. Hauptsache, daß dem Pogrom ein Ende gesetzt ist. Zweiter Jude: Jetzt aber an die Arbelt. Kommen Sie mit Herr Smeljansky. Vergessen Sie nicht: 150 Tote, eine Unzahl von Verwundeten, Obdachlosen . . . Drittes Bild. Pastow, 22. September. Die blühende Stadt mit einer jüdischen Bevölkerungszahl von 10.000 war bisher verschont geblieben. Hier hatten Flüchtlinge aus den Pogromgegenden Zuflucht gefunden . . . Aber da begann auch hier der Tanz . . . Am 23, September gab es in allen jüdischen Wohnungen Durchsuchungen, Plünderungen, Motte «ad }kmemMi&men, , - *) Siehe „Neue Welt" Nr. 31, 32, 33, 35 und 36. Bestellen Sie daher Ihre Klassenlos bei der Geschäftsstelle Franz König «sonn Wien, IX. AlserbachsfraQe 5/Tel. A-17-2-74 750.000 Schilling ev. auf ein Los xu gewinnen I Lospreise: Vt-Los S 32—,»/«S16.-r, Vi S 0.—, Vs S 4 Ziehung der I. Klasse schon am 14. und 19. Juni 1928 Hier ab$chn«id«n und ein*end«n l BESTELLSCHEIN An Franx König & Sohn, Wien, IX. Aiser bachstc 5 Senden Sie mir zur I. Klasse der 19. Lotterie nebst Spielplan und Posterlagschein: .....;.......______ Vi Los zu S 32.^ .................... V« Los zu s 8-— .................... V, Los zu S 16.— .................... V8 Los zu S 4.— Name......____________.............____......._________..........^........................ Adresse Sanatorium ^rv* ■ AB _ G,cßh0b,en,,r' 25 Hlnferbruhi«— ™- Herrlicher Aufenthalt für Ktirbed Urftige und Rekonvalesiente. 24. September. Die Schrecken dauern an. An allen Straßenecken wird geschossen^ Häuser in Brand gesteckt und die Bewohner mit Bajonetten in d!ie Flammen zurückgetrieben. 26. September. Der Pogrom ist beendet. Die Juden zielren <fie Bilanz des „großen Sieges", errungen von der Brigade des Obersten Belogorzew. Ueber 400 Wohn- und Geschäftshäuser wurden bis auf den Grund verbrannt. Ueber hundert Menseben kamen in dien (Flammen um, im ganzen betrug die Zahl der Getöteten an 600. Die Hilfsorganisationen richteten in aller Eile zwei Spitalsbaracken für 500 Personen her, zwei Asyle für Obdachlose, Gratisausspeisungen, wo täglich über 6000 Menschen verköstigt werden usw. Epilog. So 'benahmen sich die „Träger des Rechtes und der Ordnung',', wie sich die Weißgardisten mit Vorliebe nannten. Der Weg der weißen Armee war mit Pogromen markiert: während der siegreichen Offensive Juni—Oktober 1919, «ebenso wie bei der panischen Flucht bis Februar 1920. Der Oberrkommandierende der weißen 'Armee, General De nikin, begriff wohl schließlich , die riesige Gefahr, die in den Pogromen für die weiße Armee selbst enthalten war. In seinem Armeebefehl vom 6. Februar 1920 heißt es: „Noch vor •kurzem standen wir vor Orel (Stadt unweit Moskaus), aber eine .Reihe schwerer Fehler hat uns wieder bis an den Fuß der Kaukasusberge zurückgeworfen. Jetzt — bedürfen wir eines Sieges über uns selbst. Möge keiner von uns vergessen, daß eine der Ursachen unseres Z u s a m m e n b <r u c ih e s die Plünderungen und Gewalttaten hinter der Front waren.'. . . Wenn jetzt die Kommandanten der einzelnen Truppenabteilungeu sich nicht allen Ernstes an die Bekämpfung dieses Uebels machen werden, wird' unsere neue Offensive resultatlos bleiben müssen. Ich fordere die strengsten Maßnahmen gegen alle Plünderer, und Gewalttäter, bis zu der Todesstrafe einschließlich, ohne Rücksicht auf Rang und Stand." Es war schon zu. spät. . , - ... i ., -■ Niemand und nichts hatte, der roten. Sache solchen Vorschub geleistet,' wie die geistigen Führer' der .weißen Armeie mit ihrem blinden Haß gegen die Juden, die. sie -in corpore des Bolschewismus verdächtigten. Die Kraft der Roten bestand eigentlich nur in der Kraftlosigkeit, in der Demoralisation ihrer Gegner. Nur darin liegt der .Grund, daß die Sowjets, sich nun schon über ein Jahrzehnt behaupten. . Als die Bolschewiken den' moralischen Niedergang der Gegner merkten, verlegten sie 'sich, auf List. Wenn sie eine Stadt ieinuabmen, blieb die ersten Tage alles ruhig, es wurden keinerlei Pogrome und Gewalttaten verübt, und erst, wenn der Feind recht w ei t" w e g g e t r leben war, machten.sich die Roten daran, die Bevölkerung z u t e r r o r i s d e r e u. Da begann die Nationalisierung, Sozialdsierung, Konfiszierung und alle möglichen anderen „ieruragen", begann die Proletarisierung der Massen, die Deklassierung der .'.Parasiten",, und als Resultat bildete sich jene Gewaltherrschaft heraus', die, sich auf ihre „Tscheka" stützend, so kunstvoll 150 Millionen Menschen unter ihrem Joch hält. ' - '(Deutsch von Valentin Skidelsky.)" Die ukrainische Regierung will ihre Kontrolle über die Arbeit der ausländischen Organisation verschärfen. Die zentrale Komimdssiion für Angelegenheiten der nationalen Minderheilten beim afllukrainisöhen Zentrail- Exdkutrvkomitee 'hat in librer Hetzten Sitzung eine Resolution gefaßt, die eine verschärfte Kontrolile über diie Arbeit der auf dem Gebiete der ijüdi sehen Landa n s i e dl u n g tätigen ausländischen Organisationen fordert. Erleichterungen für Amerika-Wanderer. Aus New York wird gemeldet: Die von Jenkius eingebrachte Bill betreffend die Erleichterung der Einwanderung für Familienangehörige amerikanischer Einwohner wurde von dem Repräsentantenhaus des Kongresses der Vereinigten Staaten nwt einer großen Mehrheit angenommen. Laut Bestimmungen der Bill dürfen Ehegatten amerikanischer Bürger sowie deren Kinder unter 21 Jahren außer der Quote in das Land kommen. Ehegatten amerikanischer Einwanderer, die Bürgerschaftsanwärter sind, sowie deren Kinder unter 21 Jahren werden bis zu 50 Prozent auf der QuotenMste berücksichtigt, zu den anderen 50 Prozent werden die Eltern amerikanischer Bürger und ausgebildete Landwirte bevorzugt. Insoweit dies.e letzten 50 Prozent nicht erschöpft sind, wird den Frauen und Khtdern fremder Einwanderer der Vorzug auf der 0 u o t e n 1 i s te gegeben. — Die BiH gelangt nwwnehr vor 4sn iäenafc ■..