Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 36 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ffr. 38 DIE NEUE WELT Seite 3 LISSIAN Großer Pfingstverkauf! Große Auswahl In echten Schlangenschuhen v. S 45.— aufw. Färbige Modetpangenschuhe von S 17.30 aufw. Detailverkauf zu Engros-Preisen Afi direkt in der Fabrik, VII. Bez., Kaiserstrasse Nr. Der wandernde Jude. Von Israel Schur, Helsingfors. Niemandem würde es einfallen, einen Vergleich zwischen der englischen Kultur und der, wollen wir zum Beispiel sagen, russischen zu machen. Der Unterschied zwischen diesen' beiden Kulturen ist viel größer als die Entfernung .zwischen London und Petersburg. Noch weniger würde man auf den Gedanken kommen, einen Vergleich zwischen der Baliour-Deklaration und einem der bekannten zaristischen Manifeste oder noch mehr bekannten bolschewikischen Dekrete zu machen Niemand wird wohl daran zweifeln, daß die Balfour-Deklaration ein vollwertiges Dokument ist, das die englische Regierung zum Aufbau des jüdischen Nationalheims in Ercz Israel verpflichtet. Wenn wir das Auftreten und die Handlungsweise der Mandatarmacht in Erez Israel genau verfolgen, so werden wir wohl Erscheinungen und Ereignisse finden, die mit unseren gewöhnlichen Begriffen von einer .jüdischen Heimstätte nicht ganz genau übereinstimmen; das sind aber Sachen, die. in die höchsten Regionen der allerhöchsten Politik gehören, von der wir gewöhnliche Sterbliche uns keinen rechten Begriff , bilden können. Unter allen diesen» für uns unbegreiflichen Erscheinungen gibt es aber doch eine, die uns ganz gegen unseren eigenen guten. Willen zu einem Vergleich zwischen dem englischen 2. November 1917 und dem zaristisch-russischen 17. Oktober 1905 zwingt. Das ist nämlich der Fall S c h w a r z b a r t. Während des Krieges hat dieser ruhige Mann, der mit der Weltpolitiik nichts zu tun hatte oder auch haben wollte, sich in die Reihen der französischen Armee gestellt und hat tapfer sowohl für die französische wie auch englische Sache gekämpft; und dieser frühere russische Jude soll sich so ausgezeichnet haben, daß er sogar französischer 0 f f i z-i e r und Bürger wurde. Er war wohl nicht ein jüdischer Kriegskämpfer im Sinne eines Trump'eldor und dachte auch nicht daran, ein jüdischer Nationalheld zu werden; er war dann damit zufrieden gewesen, für die gute Sache der Alliierten sein Leiben aufs Spiel zu setzen. Er ist aber doch Jude geblieben und hat sich nicht von der Assimilation hinreißen lassen. Schwarzbart hat nie daran gedacht, jemals auch ein Wischer.* Held, zu werden ganz unerwartet aber für sich selbst, für seine Freunde Und Bekannten ist er doch das geworden, .was er am wenigsten zu werden glaubte — ein jüdischer Nationalhckl. Eines shcönen Tages, wie man gewöhnlich sagt, kam Schwarzbart auf den fatalen Gedanken, sich ein Recht anzueignen, das vom idealen Europa als verwerflich, vom wirkffchen Europa aber als vollgültig angesehen wird: das Recht der Blutrache. Er dachte dabei ungefähr \yc folgt: „Die allerhöchsten Kulturvölker Europas haben mir aber doch vor ungefähr 14 Jahren das volle Recht gegeben, an einem Massenmord an den teutonischen „Barbaren" mitzuwirken. Dieses Recht wurde dann nicht nur öffentlich sanktioniert, sondern auch mit Ehrenzeichen; belohnt. Warum soll ich nicht dasselbe Recht gegen einen Mann ausüben, der dort in meinem alten Heimatland, der Ukraine, Tausende und alber Tausende meiner Schwestern und Brüder geschändet, geraubt und gemordet hat? P e 11 j u r a war ja ebensowohl ein weißer Barbar, der seine Zuflucht in der Hauptstadt der gegen die Barbarei kämpfenden Franzosen gefunden hat; warum soll das von ihm vergossene Blut nicht gerächt werden? Wenn die Franzosen selbst es nicht tun können oder wollen, warum soll ich es nicht tun?" So hat Schwarzbart gedacht und danach auch gehandelt in Ueibereinstimmung mit den Begriffen des allcr- •modemsten Kultureuropa. Er hat sich aber geirrt; er hat ganz und gar vergessen, daß eine derartige Mordtat nur sanktioniert wird, wenn sie en masse geschieht, nach allen Vorschriften der modernen Kriegskunst ausgeübt wird und Millionen von Menschen aus der Welt schafft. Schwarzbart wurde verhaftet und unter ein regelrechtes Gerichtsverfahren gestellt. Er wurde wohl freigesprochen, fühlte aber, daß der europäische Boden nunmehr unter seinen Füßen brannte, daß er weg muß! Und da kam ihm die englische Deklaration vom 2. November 1927 in den Sinn, die verkündet hat, daß Erez Israel nunmehr eine wirkliche Heimstätte wenden soll für einen jeden Juden, und dies um so eher für einen jüdischen Nationalhelden. Schwarzbart hat zusammen mit anderen Soldaten an der Seite der Engländer gekämpft, und er wußte, daß die Engländer ihre Nationalhelden lieben und schätzen, und sein Beschluß war fertig: er packte seine Tasche und fuhr — direkt nach Erez Israel, der Heimstätte der englischen' Deklaration, welche Heimstätte auf ihren neuen Nationalhelden wartete. Wie groß aber war seine Enttäuschung, als ihm diese Heimstätte ihre Tore und Türen gerade vor der Nase schloß und ihn nicht aufnehmen wollte! Selbstverständlich waren es nicht die Juden Erez Israels, die ihn ablehnten. Im Gegenteil — sie haben ihn mit Liebe uud. Ungeduld erwartet. Nein, es waren nicht die Juden Erez Israels, sondern die e ri g lisch« Mandatarregierung, die dem jüdischen Helden den Zutritt zur jüdischen Heimatstätte verweigerte. Warum denn? Die englischen Beamten in Erez Israel behaupten, Scliwarzbart hätte an die im Visumfrage'bogen gestellte Frage vergessen, wie viel Geld er mit sich habe, um in Erez Israel leben zu können. Ist das wirklich der einzige Grund? Und übrigens, was hat denn ein Nationalheld mit derartigen Kleinigkeiten zu tun, wo sein Volk für ihn zu sorgen hat? Soweit mir aus der Geschichte Erez Israels bekannt ist, pflegen die Engländer nie nach den Geldmitteln ihrer Helden zu fragen, sondern nur nach ihren Taten. Muß man denn auch bei jüdischen Helden nur an das Geld denken? Genügt es nicht, daß das jüdische-Volk für jeden Millimeter seiner Deklarationsheimatstätte mit klingenden Pfunden und Schillingen zahlen muß? Wie dem auch immer sein mag, nach Erez Israel kam Schwarzbart nicht, und da er nicht nach Europa zurückfahren konnte, weil er doch kein Geld hatte (gemäß unserer Auffassung), so begab er sich vorläufig nach dem benachbarten S y r i e n. Syrien ist f r a n z ö s i s c h c s M a n d a 11 a u d, und Schwarzbart ist ein französischer Bürger, der für Frankreich gekämpft hat. Der einfache menschliche Verstand spricht dafür, daß ein derartiger Mann das volle Recht hätte, in Syrien zu verweilen. Aber auch 'hier hat sich Schwarzbart geirrt. Als rein französischer Held wäre wohl Schwarzbart auch für Syrien gut gewesen, aber als jüdischer Held taugt er auch dort nicht mehr. Warum denn? Ja, das weiß niemand. Die Franzosen behaupten, sie hätten unter den Syriern kein Aufsehen erregen wollen. Sonderbar! Was h a b e n di e S y r i e r m i t d e m P c 11 >) u r a zu tun? V^n Syrien nach der Ukraine ist es viel weiter als von Parts nach Kiew! Wie dem auch immer sein .mag, nach Syrien konnte Schwarzbart ebensowenig kommen wie nach Erez Israel. Die Franzosen aber sind höfliche Leute, und sie richteten au die ägyptische Regierung die höflichste Anfrage, ob sie vielleicht geneigt wäre, den Schwarzbart vorläufig zu beherbergen. Aber die ägyptische Regierung soll sofort 'geantwortet haben: Nein! Warum? Ja, das weiß niemand. Vielleicht halben sich die Aegypter gerade im selben Augenblick daran erinnert, daß ihnen vor ungefähr 3500 Jahren ein jüdischer Nationalheld etwa 600.000 jüdische Fronarlbeiter unter der Nase weggenommen und sie, d. h. die Aegypter, so weit ibrachte, daß sie diesen befreiten Fronarbeitern dabei noch haben bezahlen müssen für etwa 200 Jahre unfreiwilliger Arbeit. Oder vielleicht haben die dunkelfarbigen Aegypter mit ihrem afrikanischen Instinkt gefunden, daß Schwarabart viel mehr Anspruch auf die Gastfreundschaft der Engländer und Franzosen hat, als auf die der Aegypter. Wie dem auch immer sein mag — der wandernde jüdische Held hat weder nach Erez Israel noch nach Syrien oder nach Aegypten kommen können. Wo er sich gegenwärtig befindet', kann ich, der hier oben im kalten Norden wohnt, wohl nicht wissen. Wahrscheinlich ist der wandernde jüdische Held -zwischen den drei Ländern, wo sich die alte Geschichte seines ebenso wandernden Volkes oft-, mals so glänzend 'bewährt hat, und er hofft wohl dabei, daß sein Volk einen etwas schärferen Protest gegen die in den englischen Fragenformularen abgedruckten,Fragen erheben werde; oder vielleicht hofft er, daß der englische 2L Noj vember 1917 nicht allmählich in den russischen 17. Oktober j 1905 ausartet und daß Erez Israel doch eine wirkliche nationale Heimstätte des jüdischen Volkes werde? Wollen auch wir hoffen! Anfrage über Schalom Schwarzbart im britischen $ Parlament. Der Arbeiter-Deputierte und frühere Minister Colone! Wedgwood brachte im Unterhaus eine schriftliche Anfrage an den Kolonienminister ein, warum Schalom Schwarzbart das Einreisevisum für Palästina verweigert worden ist. In der mündlichen Begründung seiner Anfrage beschwerte sich Wedgwood darüber, daß in dem Wortlaut eine den Sinn entstellende Aenderung vorgenommen worden ist. Er habe Schwarzbart als den „Töteir Petljuras" bezeichnet, worin kein moralisches Vorurteil liegt. Diese Bezeichnung wurde aber in einer Weise abgeändert, daß auf eine moralische Verurteilung der Handlung Schwarzbarts geschlossen werffw»m>wa^KwwguwaK^^ ori<*. engl. $errat» mit) $>ameu* ftoffe f>ert)orragenb guter £lna« H täten, |egt infolge Borges fdjuttetter Nation utio kleiner föegien äufcerft preiswert bei »neo vi., State SBietiseile 40 (im§ofe) Die Selfestmordepidemie. Von Jakob Krausz. Die Selbsfcmordepidemie, von der gegenwärtig die ganze Menschheit erfaßt ist, ist sicherlich keine spezifische Erscheinung eines bestimmten Vol'ksstammes oder Konfession. Dennoch aber fällt diese allgemeine •krankhafte Sucht bei keinem Volke so sehr auf und tritt mit solch katastrophaler Wucht in die Erscheinung wie bei den Juden. Eine Statistik der Selbstmorde an den Auswanderungsländern der Juden Rußland, Polen, Rumänien, Ungarn und auch Oesterreich aus dem letzten Jahre beweist mit erschreckender Deutlichkeit, wie tief krank und seelisch unterwühlt die jüdische Volksgemeinschaft auf diesem Kontinent ist. Es-vergeht kein Tag, ohne daß die 'jüdischen Blätter von Warschau eine täglich steigende Zahl von Selbstmorden unter den Juden registrieren würden. In R um äni eh im Rcgat sowohl, wie auch in den neurumänischen Gebieten sind jüdische Selbstmörder eine fast tägliche Erscheinung. Erschreckend groß ist auch die Zahl der jüdischen Selbstmörder in Ungar n, wo das Vernichtungswerik dieseT Volksepidemie so weit gediehen ist,, daß die Regierung zu Maßnahmen greift, die selbst in Ungarn nur durch die Panikstimmung erklärt werdien ikann. Sieht man sich die Liste der jüdischen Selbstmörder genauer an, so findet man, daß fast keine Gesefllschafts- «chichte unseres Volkes völlig unberührt geblieben ist Der einer alten wohlbekannten jüdischen Bargerfamilie entstammende Sprößling figuriert in der Liste ebenso, wie das aus Spekulationswalken an die Tiefe gestürzte 'Kind unserer Zeit, nicht zu reden von den vielen jüdischen Arbeitslosen •beiderlei Geschlechts, die vor der unüberwindlichen Not die Flucht in das Nichts ergreifen. In Ungarn hat es in dien letzten zwei Monaten besonders krasse Fälle jüdischer Selbstmörder gegeben. Nicht wehiger als drei angesehene Juden, die in ihren Städten das höchste jüdische Ehrenamt eines Präsidenten 4er Kultusgemeinde inne hatten, und auch sonst jüdische und allgemeine Ehrenämter bekleideten, haben, als ob das Gesetz der Serie gewaltet hätte, hintereinander ihrem scheinbar glanzvollen Leben durch Selbstmord ein jähes Ende bereitet. Diese Erscheinung im Leben der europäischen Juden sollte die Aufmerksamkeit der Lenker der öffentlichen jüdischen Angelegenheiten in den größeren jüdischen Zentren in viel höherem Maße auf sich leriken als es bisher geschieht. Die Ursachen der Selbstmordepidemie im allgemeinen sind wirtschaftlicher Natur; sie ist eine Folge des mörderischen Krieges, der den Menschen, die ihn überlebten, nicht nur die wirtschaftliche Existenz ins Schwanken bringt, sondern auch ihr seelisches Leben in einem permanenten Beben erhält. Gilt das für die Allgemeinheit, so trifft das 'bei dem jüdischen Volk, soweit es in Europa den Wohnsitz, hat, in vervielfachtem Maße zu. Die Juden von Ost- und Südeuropa wurden schon mit dem ersten feindlichen Kanonenschuß, der gegen ihre gallzisohen, russischen, ostungarisahen und rumänischen Siedelungen abgefeuert wurde, in alle Windrichtungen zerschossen. Physisch, materiell entwurzelt, seelisch von einer Angst in die andere getrieben, wurden sie von einer Existenzmöglich'keit in die .andere förmlich mit Militär- oder Polizeigewehrkolben gestoßen. Kaum hat der Jude mit der letzten Anspannung seiner im Laufe der Jahrhunderte alten Verfolgungen schon, ach, so abgenützten Nerven, auf irgend einem wirtschaftlichen Gebiet von neuem Wurzel zu fassen gesucht, oder wie es oft der Fall war, wirtschaftliche Pionierarbeit in dem Zufluchtsort geleistet, wurde sein Versuch, sich durch Arbeit fortzubringen, mit einem unerhörten Raffinement der Behörden geradezu illegalisiert; er entweder zu einem Menschen, der die Gesetze mißachtet, oder zu einem solchen, der das Leben mißachtet, gemacht. Da begann bereits in dieser jüdischen Masse der Kranikheitskeim einer Selbstmordepidemie zu wirken. Diese gewaltsame behördliche Illegalisierung des jüdischen Lebens tobt sich auch heute da und dort in mörderischer Weise, aus. Zehn Jahre nach dem Krieg gibt es noch immer Hun-, derttausende von vertriebenen Juden und ganze jüdische, Familien, die eigentlich nirgends zu Hause sind und nicht einmal ihre nächsten Verwandten erreichen können, die irgendwo ein neues Heim gefunden haben. Noch immer gibt es Tausende von Juden und jüdischen Familien, die in dem Land und in der Stadt, wo sie vor Jahrzehnten geboren, gearbeitet, am Fortschritt mitgewirkt, Kinder großgezogen oder im Krieg verloren haben,,. plötzlich als Fremde und in ihrer alten liebgewonnenen, ehrlichen Existenz für ihr ganzes Leben lapg illegalisier* wurden. I« diesen Kreisen blöht der SelbstmordbazÄts, Hunderte jüdische Mädchen und Frauen, Tödrter an-, gesehener jüdischer BüTgerfamiHeti, die zu Hause — auch das ist eine jüdische Krankheit ein allzusehr, verwöhntes,