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Die neue Welt · 1928-05-18 · Heft 35 (18.5.1928) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 35 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Pogroms erhöhte noch das Bombardement der Stadt durch die Bolschewiken. Einige Male ging die Stadt von einer Hand In die andere über, und Bolschewiken und Ukrainer bemühten sich jedesmal gleicherweise, ihre Woü an den ohnmächtigen Juden zu kühlen. Am 12. Mai mußten die Bolschewiken endgültig weichen und die Stadt war wieder einmal in der Gewalt der Haidamacken. Jetzt sollte die jüdische Bevölkerung die Schale des Leides bis zum Grunde leeren. Kein einziges jüdisches Haus blieb von den Plünderern verschont. Die Haidamacken luden die geraubten Sachen auf Fuhren und brachten sie in die Dörfer. Dann, ais sie sahen, daß sie gegen niemand mehr zu kämpfen und niemand mehr zu plündern hatten, verließen sie die Stadt, nachdem sie bloß 50 Häuser, 100 Läden und sieben Synagogen in Brand gesteckt und die Sorge um die neuen Leichen und Verwundeten den in der Stadt zurückbleibenden lebenden Leichnamen gelassen hatten. ' Drei Explosivkörper waren es, die 1918-19 in der Ukraine aneinandergerieten: der ukrainische Separatismus, der Sowjetkommunismus und die Anarchie des Bandentums ... Und mitten darin das Judentum, für das diese gewaltige Explosion zu oinem permanenten Pogrom werden sollte. Und bis die weiße Armee Denikins kam, die das ganze Pogromwesen gleichsam „monopolisierte", wurden 500 jüdische Gemeinden vollständig vernichtet, Zehntausende von Juden hingemetzelt und Abertausende «tt Krüppeln und Bettlern gemacht. Das waren die Resultate der dritten Haidamackenbewegung. Resultate, die einen kläglichen Ausklang zu dem verfrühten Jubel über die Errichtung des ersten jüdischen Ministeriums in der Diaspora bilden sollten. Deutsch von Valentin S k i d e 1 s k y. Ein Jüngling liebt* ein Mädchen, Die hott' einen andern erwählt: Oer schenkte Ihr Essle von Huber, Drum hat sie sich ihm vermählt. Wachsender Antisemitismus im Rheinland. Man schreibt uns aus Wiesbaden: In dem durch die Franzosen besetzten Mainz ist die deutsch-völkische Arbeiterpartei (Hitler-Oesellschaft) von der Besatzungbehörde verboten. Dies hinderte sie abw nicht, dort am 4. Mai eine Versammlung abzuhalten, bei der es zu einer wüsten Schlägerei kam, so daß fünf Personen in das Krankenhaus geschafft werden mußten. Zwei Mainzer Stadtverordnete erhielten Notverbände. Die Stadt Wiesbaden stellte kürzlich diesen Hitlerianern einen städtischen Schulsaal für die Abhaltung ihrer Versammlung zur Verfügung, den sie zur selben Zeit der pazifistischen Organisation „Friede durch Recht" verweigerte. Die Beschwerde gegen den ablehnenden Bescheid blieb wirkungslos. Die Stadt Wiesbaden erhebt den Anspruch, eine Internationale Kur-; und Badestadt zu sein. Sie gaubt wohl, ihren internationalen Ruf durch Antisemitismus fördern zu ■können. Ihre Verantwortung für das Wiederaufleben des Antisemitismus am Rheni muß hiedurch einmal öffentlich festgestellt werden. Die Rehabilitierung des Staatsbank-Präsidenten Walter Loeb. Die thüringischen Zeitungen teilen mit, daß das seit fast vier Jahren gegen den früheren erfolgreichen Präsidenten der Thüringer Staatsbank, Walter Loeb aus Frankfurt a. M„ beim Landgericht Weimar schwebende Strafverfahren wegen angeblioher Untreue nunmehr endgültig c 4 nng e stellt worden ist. Die Einstellung ist von der Weimarer Strafkammer unter dem Vorsitz des Landesgerichtsdirektors Dr. H o t z e I beschlossen worden. Man ist sich auch in leitenden Kreisen längst darüber tolar, daß wmmmmmmmmmmmmmmmmmmmkmmmmmmmmmmmmmmmm alle diese Justizaktionen, die auf Drängen und Drohungen Dr. D i n t e r s und des Thüringer Landbundes im September 1924 erfolgte Beseitigung Loebs aus der Staatsbankleitung nachträglich als gerechtfertigt erscheinen lassen. Mit der Affäre Loeb Ist auch der Fall des seinerzeitigen Oberstaatsanwaltes Frieders verbunden, der ursprünglich mit der Untersuchung gegen Loeto betraut war. Er hatte die Einstellung des Verfahrens beantragt, was den Staatsanwalt Floel, ein Hakenkreuder, veranlaßte, Frieders eine Falle zu stellen, und ihm einen Akt zu unterschieben. Da Frieders unwissentlich seine Unterschrift gegeben hatte, geriet er in ein Melneidsverfahren und wurde zu fünf Jahren Kerkers verurteilt. Die Strafe ist jetzt rechtskräftig geworden. Bestrafter Ritualmordhetzer. Der völkische Agitator Eisner v. Gronow wurde von dem Göttinger Berufungsgericht wegen Beschimpfung der jüdischen ReligionSgemeinschaift zu 300 Mark Geldstrafe an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von drei Wochen verurteilt, weil er in seiner Buchhandlung Bilder mit Texten ausgestellt hatte, die behaupteten, daß von den Juden Ritualmordc begangen würden. Antisemitische Aufrufe in Genf. Am 1. Mai waren m den Straßen von Genf Aufrute gegen die Juden an die Wände und Zäune geklebt. Sie waren auf rotem Papier gedruckt, wandten sich an. die Arbeiter und enthielten schmutzige Beschimpfungen gegen die Juden, von denen es hieß, daß sie die Welt Ben herrschen, die Freimaurerschaft dirigieren, den Ka- Eitalismus und die bolschewistische Revolution geschaffen aben, mit ihrem Gelde die Wahlen zu allen Parlamenten der Welt beeinflussen und auch die Arbeiterbewegung vor ihre egoistischen Interessen spannen wollen. In einem zweiten Aufruf, der aus 50 Fragen bestand, wurden die Juden allerlei Laster bezichtigt. Man nimmt es als sicher an, daß diese schmutzigen Pamphlete von der reaktionären Jugendorganisation „R e s H e 1 v e 11 a", die auch die antisemitischen Skandale an der Genfer Universität arrangiert hat, stammen. Bei Naturalisierung , von Juden in Zürich wird zwischen Westjuden und Ostjuden unterschieden. li\ der letzten Generalversammlung, der Züricher j üd ischen K u itusgem ein de, die am 29. April .stattfand, sprach Nationalrat Dr. Farbstein über die Et> schwerungen, die seitens der Regierung des Kantons Zürich Was machen Sie jeden] Abend? „Ich lasse mich mit Diana-Franzbranntwein massieren I"»Warum gerade mit Diana Franzb r a n ntwein?" — „Weil ich mich überzeugt habe, dass nur Massa'ge>v'mtt mm mit Menthol solche Schmerzen lindert, welche von U e b e r a ri s t r e n g u n g und schwerer Arbelt herrühren.; j Eben darum kaufe ich nur Diana Franzbranntwein und niphts anderes." Nehmen Sl? nur plana! Wertlose hqchahmHngan wef»on 81« auröcK» Überall erhältlich! o I., Bellarlastraße 12. Tel. 36-3-39 V., Sch3nbrunner«tr. 56. Telephon 95-55 SPRECHAPPARATE wie Gramola, Columbia, Ultraphone UNSER SPEZIAL- KOFFER „MINERVA" ....... „MAJESTAOLA" I. . . . „MAJESTROLA", Luxua . ¥ Auch aar Teilzahlung I Neueste Schlogerplaöen In größter Auswahl APPARAT .8 75»- . s iao*~ . S 195der Einbürgerung von Juden entgegengesetzt werden. Er berichtet über einen Fall, wo ein Jude, um seine Naturalisierung durchzusetzen, gezwungen war, seinen Kindern eine protestantische Erziehung zu geben. Die Regierung des Kantons Zürich hat in dem vor einigen Jahren geschaffenen Naturalisationsgesetz spezielle Bestimmungen mit Bezug auf die Naturalisierung von Ostjuden aufgenommen und auf diese Weise zum ersten Male einen gesetzlichen Unterschied zwischen Ost- und Westjuden gemacht. Friedhofsschändung auch in der Slowakei. Aus Neutra wird uns geschrieben: Der traurige Ruhm der deutschen Hakenkreuzler, die nahezu sechzig jüdische Friedhöfe in vandalischer Weise geschändet haben, hat offenbar unsere einheimischen Judenfeinde nicht ruhen lassen, bis sie sich durch eine ähnliche Tat ihrer deutschen Gesinnungsgenossen würdig gezeigt haben. Neutra besitzt dank der Trennungsmanie leider nicht nur zwei jüdische Gemeinden, mit zwei Hauptsynagogen, hier wurde der unheilvolle Bruderkampf bis übers Grab hinaus geführt. Die Neologengememde mußte, nachdem ihre. Mitglieder aus der orthodoxen Gemeinde ausgeschieden waren, auch einen eigenen Friedhof anlegen. Die beiden Friedhöfe liegen wohl hart aneinander, doch sind sie durch eine große Umfriedungsmauer getrennt. Die antisemitischen Rowdies unseres Städtchens kennen diese Unterscheidungsnuancen sicherlich nicht. Sie wissen nur, daß sich an jener Stelle ein alter jüdischer Friedhof befindet, in dem die Juden auch heute noch ihre Toten begraben. Sie kamen in finsterer Nacht unerschrocken, wie es Hakenkreuzler« geziemt, auf den orthodoxen jüdischen Friedhof, rissen dreizehn Grabsteine aus dem Boden, zertrümmerten die Steine und wühlten eine Anzahl Gräber auf. Die Polizei ■führt mit Hilfe der Gendarmerie eine strenge Untersuchung, zur Feststellung der Täter. Hoffentlich gelingt dies auch, denn sonst könnte dies der Anfang einer Serie ähnlicher Verbrechen in der Slowakei werden. Auch in Polen. Wie die „Cholmer Stime" mitteilt, ist der jüdische Friedhof von Cholm von unbekannter Hand zu einem großen Teil verwüstet worden. Etwa 30 Grabsteine Wurden vollkommen» "zertrümmert und die Gräber mit Spa-, ten -zerwühlt. Von den Tätern fehlt jede Spur. Auch der jüdische Friedhof in Chrzanow in der •Nähe von Lemberg ist in der Nacht von Huligans heimgesucht worden, die über 30 Grabsteine zertrümmerten., und auch sonstige Verwüstungen anrichteten. Ein Führer der rumänischen Zionisten gestorben. Mauriciu Singer, ein angesehener Bukarester Arzt, einer der Begründer und Führer der radikal-zionistischen Partei „Renasterea", ist im Alter von 34 Jahren unter .tragischen Umständen verstorben. Bei der Behandlung eines; Scharlachkranken infizierte er sich und erlag nach drei Tagen dieser schweren Krankheit. Dr. Singer, der vor Jahren den akademischen Verband „Hasmonea" begründet hat und dessen erster Präsident gewesen war, gehörte auch der Exekutive' der zionistischen Organisation Rumä-. mens an. Judentum, das lahrzehnte aufgespeichert haben, zusammengetragen und verarbeitet ist, In dem jeder Jude* der über irgend eine Frage jüdischer Vergangenheit und Gegenwart sich informieren will, bequem und von autoritativster Seite erschöpfende Belehrung erhält. Nicht minder bedeutsam ist das Erscheinen dieses Werkes vom Standpunkt der A u f k 1 ä r u n g d e r n i c h tjüdischen Welt über das Judentum. Gerade in diesen Jahren, in denen die Judenfrage so sehr aktuell geworden ist, in denen weite nichtjüdische Kreise ihre Beziehung zum Judentum einer Prüfung unterziehen, ist es eine der wesentlichsten Aufgaben des Judentums, eine wirkliche Darstellung seines Wesens zu geben. Was die jüdische Literatur bis heute bietet, ist zum großen Teil Apologetik, zum anderen Teil unzureichend. Hier in dieser Enzyklopädie wird der Versuch unternommen, fern jeder Absicht und Tendenz, das Judentum in seiner objektiven Erscheinung festzuhalten und darzustellen. Gerade diese Tendenzloslgkeit in der Darstellung des Judentums vom Gesichtspunkt der Beziehung zur nichtjüdischen Welt erhebt diese Enzyklopädie zu einem charakteristischen Ausdruck der jüdischen Renaissancebewegung dieser Tage. Die apologetische Tendenz war ein notwendiges Wesensmerkmal des Assimilationsjudentums; je schwächer es sich fühlte, umso stärker empfand es das Bedürfnis, sich vor sich selbst und den anderen zu verteidigen und zu legitimieren. Die jüdische Renaissancebewegung, die das Selbstbewußtsein des Juden erweckt hat, die für das jüdische Volk das Recht auf freie und menschenwürdige Existenz als ein Naturrecht eines jeden Volkes beansprucht, bedarf nicht mehr die' ser Apologetik und dauernden Verteidigung. Es kann sich objektiv, ja kritisch zu sich beziehen; und insofern die „Encyclopaedia Judaica" von diesem Grundzug in der Dar« Stellung jüdischen Wesens beherrscht wird, zeugt »>e von dem Geist einer neuen jüdischen Generation. Aber auch vom Standpunkt der nichtjüdischen Welt erhöht, sich dadurch die Bedeutung dieser Darstellung des Judentums. Auch die bestgesonnenen Njchtjiiden sind mißtrauisch geir gen die jüdische Literatur, weil sie die apologetische Tendenz verspüren und verstimmt werden. Einer jeder Apolo* getik fernen objektiven Selbstdarstellung des Judentums werden auch Nichtjuden größeres Vertrauen entgegeubrin^ gen, und man darf ohne Uebertreibung sagen, daß für ,ajle Nichtjuden, die an jüdischen Dingen ein wirklich inneres) und ernstes Interesse nehmen, für Wissenschaftler und Literaten, für Politiker und Publizisten hier ein Werk voriliegt, das sie kennen werden müssen, wenn sie. wirklich ernsthaft Stellung nehmen wollen zu den Grundfragen des Judentums in der Welt. Aus allen diesen Gründen, von vielen anderen nicht, zu sprechen, bedeutet das. Erscheinen des ersten, Bandea dieser großen Enzyklopädie einen Gedenktag in der, Geschichte der jüdischen Wissenschaft. Die Tragweite des Unternehmens wird noch dadurch gesteigert, -daß nehen der deutscheu Ausgabe auch eine h e b r ä i s c h e erscheinen wird, deren Herausgabe dem Mangel an einer wirklichen wissenschaftlichen Enzyklopädie in hebräischer Sprache Abhilfe schaffen wird. Der „Ozar Jisroel", der heute a)s hebräische Enzyklopädie gilt, erfüllt, wie jeder Fachmann und Sachkenner weiß, auch nicht die elementarsten An\ sprüche, die man an ein enzyklopädisches Werk stellen darf, und es gehört zu den bedauerlichsten Erscheinungen der modernen hebräischen Literatur, daß gerade sie eine umfassende Enzyklopädie des Judentums noch nicht be- ' sitzt. Die, hebräische Ausgabe der „Encyclopaedia Judaica'', : deren erster Band im Herbst erscheinen wird, wird auch', diese Lücke, endgültig ausfüllen- ... Es ist ein erfreuliches Zeichen für d*ft erwachten' Kulturwillen des heutigen Judentums, daß. ein solch groß, angelegtes wissenschaftlich kulturelles Unternehmen ver-. .wirklicht werden konnte. Vor 50 Jahren wäre an die Herausgabe einer derartigen jüdischen Enzyklopädie nicht zu denken gewesen, und es war nur natürlich, daftV die immer wiederholten Forderungen, die die Wissen-. Schaft des Judentums seit Steinschneider in dieser Hinsicht proklamierte, nicht erfüllt wurden. Es mußte erst eine Generation von Juden heranwachsen mit einem erneuten Willen zum Jiidentum,, mit einem neuen Interesse an allen^ Werten jüdischer Vergangenheit und jüdischen Kulturschaf- fens, damit der Gedanke einer neuen großen jüdischen Enr' zyklopädie realisiert werden konnte. Der Außenstehende1 kann sich schwerlich eine Vorstellung machen von den außerordentlichen Schwierigkeiten finanzieller, Wissenschaft-: licher, organisatorischer, literarischer und redaktioneller Art, die tiberwunden werden müssen, damit ein solches Werk zustandekommt, Nur wenn neben den Herausgebern und Mitarbeitern noch ein großer Kreis von Menschen sich; findet, der mit stärkstem Interesse und innerer Anteil-, nähme sich zu einem solchen Werke bekennt, ist seine Herausgabe möglich. Enzyklopädien sind nie das Werk von einzelnen allein, wie es andere Bücher sind; sie sind immer — und darin liegt ihr. tiefster Charakter als „En* zyklöpädlen'< begründet — Ausdruck des Kulturwillens einer ganzen Generation und Epoche. So aufgefaßt, bedeutet die neue „Encyclopaedia Judaica" mehr als die bedeutsame Leistung einer Anzahl jüdischer Schriftsteller und Gelehrter. Sie ist Symptom und charakteristischer Ausdruck; für das gesamte moderne Judentum, und dies ist gewiß das Bedeutsamste und Erfreulichste, das man zu ihrem Lobe sagen kann. In ihr setzt das Judentum unserer Tage sich selbst ein Monument, das der Mitwelt und der Nacli- [welt Kunde gibt von dem neuen Willen und dem neue» ' Lebensgefühl einer neu erwachten jüdischen Generation«. B, K.-':

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