Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 35 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 DIE NEUE WELT Seite $ Grosse Uswahl in echten Schlangenschuhen VT4S.- aofw. s Färbige Nodespangenschuhe Detailverkauf zu Engros-Preisen ilÄ direkt in der Fabrik. Vll. Bez., Kaiserstrasse Nr. "M# 19.S0 22.50 25.S0 Als die Freiheit in die Ukraine kam. Das jüdische Ministerium. Von Josef L e w i t-iKötilgsberg. Anfangs 1918 wurde in der Ukraine — zum erstenmal in der Geschichte der Diaspora — ein jüdisches Ministerium gebildet. Inmitten der Schrecken des noch nicht beendeten Krieges und der bereits beginnenden Anarchie wurden Juden und Ukrainer mit einem Mal m freien Brüdern. Aller Hader schien vergessen; ails das ukrainische Volk sich für seine Selbständgikeit einzusetzen begann, fand es die weitgehendste Unterstützung der Juden. Etwas Merkwürdiges und Erfreuliches lag in dem, '\yas sich damals ereignete. Zwei Völker, die in der Vergangenheit durch Ströme von Blut getrennt waren, beschlossen, alle Feindschaft zu begrabe« und gemeinsam für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Die ukrainische Rada (das Zentralorgan der Regierung) begrüßte jüdische Politiker als Mitglieder des Kabinetts. Es Wurde ein eigenes „jüdisches Ministerium" gebildet und die nataonalpersonale Au ton*o m i e verkündet. Nicht nur die Juden der Ukraine freuten sich über diese Errungenschaften; überall, wo die Atmosphäre durch den Bolschewismus noch nicht vergiftet war, in den Gebieten des Don, des Kuban und des Kaukasus waren die Juden eifrig daran, Nationalräte zu gründen und auf friedlichem Wege die Erreichung ihrer Autonomie anzustreben. Schon war ein allrussischer Kongreß der jüdischen Nationalräte geplant. Aber alle diese schönen Hoffnungen sollten bald wie Nebel vor dem Morgenwind zerflattern. In der Sitzung der Krementschuger Stadtduma, am 16. April 1918, sagte der Vertreter der jüdischen Gemeinde unter anderem: „Meine erste Pflicht ist es, gegen die Gewalttaten, die an Juden verübt wurden, zu protestieren. Anstatt der versprochenen nationalpersonalen. Autonomie können wir bloß nationalporso nale Gewalita/en feststelle n."' Wie kpnnte dies aber im'Wonnemonat der Freiheit geschehen? Der soziale Brand, der sich Zentralrußlands bemächtigt hatte, suchte sich auch in die Ukraine auszubreiten. Bis zu der Besetzung der Ukraine durch die Deutschen wogte der Kampf zwischen den bolschewistischen und ukrainischen, Truppen hin und her. Bei ihren Niederlagen suchten beide Seiten nach einem Sündenbock. Und wer sollte denn das anders sein, als die Juden?! Dann machte sich in der Ukraine auch bereits ein scharfer Warenhunger fühlbar. Die Bauern wollten nicht begreifen, daß die Händler an der Teuerung keine Schuld trugen, und kühlten ihr Mütchen natürlich wieder an den Juden. Diese beiden Gründe genügten, um die Haidamackenbewegung ins Leben zu rufen, die durch eine lange Reihe von blutigen Pogromen charakterisiert ist. Und ebenso wie im 16. und 17. Jahrhundert unter dem Vorwand des Kampfes gegen die „Ungläubigen" (und als „Ungläubige" galten die Polen ebensowohl als die Türken) die ukrainischen Kosaken wilde Beutezüge unternahmen, traten jetzt in der Ukraine ebensolche KondotMeri der Revolution auf den Plan, die, ebenfalls unter dem Vorwand eines Kampfes gegen die Ungläubigen gegen die Juden der Städte und Dörfer mit Mord und Raub auszogen. * B e r d i t s c h e w. Die jüdische Bevölkerung macht 78 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung aus und ist entsprechend diesem Verhältnis in der Stadtduma vertreten. Als die Bolschewiken sich der Stadt bemächtigt hatten, gelang es den Duma-Abgeordneten, für ihre ukrainischen Kollegen Freiheit und Sicherheit des Lebens zu I.« Führ Ichgasse 3 Würste I., Schottenrinq 14 erwirken. Dann mußten die Bolschewiken die Stadt räumen und die Abgeordneten gingen den herannahenden ukrainischen Truppen mit ukrainischen Bannern entgegen. Doch als Gegembegrüßung pfiffen Kugeln. „Die halbe Stadt werde ich massakrieren lassen!", drohte der ukrainische Ataman der jüdischen Abordnung. „WSe? Waren nicht wir es, die unsere ukrainischen Kollegen vor der Rache der Bolschewiken gerettet haben? Die ganze Bevölkerung sieht voll Sympathie der Wiedergeburt der Ukraine zu. Und die Juden Berditschews sind immer bereit, ihrem Dank ..." „ Ich brauche nicht euren Dank!" unterbricht sie der Ataman. „Und haltet mir keine Reden. Schafft 5 M i Ilibnen Kontribution zur Stelle, .und ich werde dann nicht mdhr an eurer Treue zweifeln!" Und offenbar, um den Juden den Ernst seiner Worte -zu beweisen, lagen noch an demselben Abend 21 Juden hingemetzelt auf dem Straßenpflaster. * Kiew. Die Bolschewiken führen dort ihre erbarmungslosen Experimente durch. Die Bevölkerung der Stadt wird nach allen Regeln der bolschewikischen Kunst terrorisiert und wartet sehnsüchtig auf die Befreiung durch die Ukrainer. Endlich kommt der Tag. Jubelnd eilen die Juden ihren ukrainischen „Befreiern" entgegen. Aber bald erstickt ihr Jubel in Strömen von Blut und lautem Wehklagen. Schon in den ersten drei Tagen wurden 27 Juden öffentlich hingerichtet und 28 verhaftet, die spurlos verschwanden ... K r e m c n t s c h u g. Ein sonniger Apriltag. Der Markt ist eben zu Ende. Zwei Juden packen die unverkauft gebliebenen Stoffe auf den Rücken und machen sich auf den Heimweg. Der „Markt" war gut, aber die Händler freut der Erlös nicht recht, da es immer schwieriger wird, neue Vorräte an Waren aufzutreiben. „Gott sei Dank! Ich habe heute gut verkauft!" sagt der eine. „Gott sei Dank! Ich habe nicht alles verkauft!" sagt der andere. Und sie verstanden einander. Beide dachten daran, was morgen, was in einer Woche sein würde. Die Ukraine ist isoliert, die Fabriken stehen still ... und die Gehirne dieser zwei jüdischen Kleinhändler waren mit der Lösung kardinaler Staatsprobleme beschäftigt. „Nun, irgend etwas muß doch geschehen", sagte der eine, „so kann's ja unmöglich weitergehen." Und es geschah. Aber etwas anderes, als sie gehofft hatten. Von ferne drangen Schüsse an ihr Ohr. Und plötzlich sprangen vier Kosaken aus einer Nebenstraße auf sie zu. „He, ihr Juden! Liefert die Waffen ab!44 „Waffen.?! ..." starrten die beiden schreckensbleich die Kosaken an.r „Eure Waffen sollt ihr abliefern, rote Hundesöhne!" wiederholte der eine Kosak und riß die beiden Juden durch einen kräftigen Peitschenhieb aus der Erstarrung. Da griff der eine Jude in die Tasche und reichte dem Kosaken ein dickes Päckchen Banknoten. „Nehmen Sie das, bitte! Andere Waffen habe ich nicht!" Die Brieftasche des zweiten schien aber die Kosaken nicht zu befriedigen. Sie suchten ihn am ganzen Leib ab, scharrten audh in seinen Westentaschen nach verborgenen „Waffen" und rissen ihm einige Büschel Barthaare aus, wahrscheinlich, um sich zu überzeugen, daß dies keine Patronen waren. „Gott sei Dank! Ich habe heute gut verkauft!4* sagte der erste Jude, als die Kosaken mit ihren beiden Bündeln davonsprengten. „Gott sei Dank! Ich habe nicht das Letzte verkauft!" sagte der zweite, und wieder begriffen die beiden einander ohne weitere Erklärungen. Und am nächsten Tag wurden auf dem jüdischen Friedhof von Krementschug 17 frische Gräber ausgehoben ... Boguslaw. Im April 1919 weichen die Bolschewiken dem Ansturm der Aufständischen, aber nicht eher, als bis sie die jüdische Bevölkerung gehörig geplündert hatten. Kaum hatten die ukrainischen Aufständischen das Städtchen eingenommen, als sie auch schon mit der Ausrottung der „Feinde der Ukraine" begannen. Als diese „Feinde" erwiesen sich aber 70 Juden, die der Wut der Kosaken zum Opfer fielen. Einen Monat lang wurden die Juden pogromiert und die Schrecken > des Die neuesten infolge vorgeschrittener Saison und kleiner Regien jetzt ganz außerordentlich billig bei VI., Linke Wienzeile 40 (im Hoffe) Ein Monument der jüdischen Renaissance. Zum Erscheinen der Encyclopaedia Judalca. Das Erscheinen des ersten Bandes der seit langem angekündigten und von allen jüdisch interessierten Kreisen! mit Spannung erwar'.elen „Encyclopaedia J udaica" darf als ein bedeutsames Ereignis in der Entwicklung der modernen jüdischen Wissenschaft verz .'ic'iiut werden. Seit vielen Jahrzehnten besteht das Bedürfnis nach einer in deutscher Sprache abgefaßten systematischen Darstellung des Judentums in der Form einer Enzyklopädie. Es wäre nur natürlich gewesen, daß gerade das deutschsprachige Judentum, das die moderne Wissenschaft des Judentums geschaffen zu haben, zu seinen größten Verdiensten rechnen darf, auch die erste jüdische Enzyklopädie üebrhaupt zusstandegebracht hätte. Bekanntlich ist dies nicht der Fall gewesen; vielmehr ist vor mehr alsj 25 Jahre in Amerika in englischer Sprache die erste großf jüdische Enzyklopädie erschienen unter dem Titel „J ewish Encyclopaedia". In dem Vierteljahrhundert» das seitdem vergangen ist, ist natürlich die jüdische Wissenschaft über diese englisch-jüdische Enzyklopädie hinweggeschritten, ufid heute ist sie in vielen wesentlichen Punkten; veraltet und überdies völlig unbrauchbar, soweit es sich um die Darstellung des g e g e n w artigen jüdischen Lebens handelt, das durch den Weltkrieg tiefgreifende Umwälzungen erfahren hat. So bedeutet es die Erfüllung einer großen gesamt-jüdischen Aufgabe, wenn jetzt eine neue umfassende Enzyklopädie des Judentums zu erscheinen beginnt, deren erster Band nunmehr vorliegt ' .. Die Vorbereitung der Enzyklopädie hat mehrere ^Jahre in Anspruch genommen; aber schon ein flüchtiger Blick in rfsa c«ten Band zeigt, daß in diesem Falle wirkr lieh alles getan wurde, um ein Standard work zu schaffen. Die Redaktion, an deren Spitze als Chefredakteure die Herren Dr. J. K 1 a t z k i n und Prof. I. E1 b o g e n stehen» liegt in den Händen der bewähr'esten Fachmänner jüdischer Wissenschaft; wir finden unter den Redakteuren Nantes wie: Prof. B r o d y - Prag, Rabbiner Dr. Freimann- Posen, Dr. Nachum Goldmann - Berlin, Rabbiner Dr. Jacob- Dortmund, Dr. M. Soloweitschik- Berlini Dr. Torczyner-Berlin, Dr. Wi s c hn it ze r-Berlin u. a. m.; zu den Mitarbeitern zählen fast sämtliche nanv haften jüdischen Gelehrten und Schriftsteller aller Länder wie auch zahlreiche bedeutende nichtjüdische .Forscher. Das gesamte Werk wird 15 Bände umfassen und etwa 40.000 Artikel enthalten. Der erste, 640 Seiten umfassende Band enthält die knappe Hälfte der Artikel unter A.. Die Beiträge für dieses Werk sind alle von Grund auf neu geschrieben, aber die Lektüre der Artikel beweist», daß, wenn sie auch auf der erschöpfenden Bearbeitunf des gesamten Quellenmaterials beruhen, sie doch in einer solchen gemeinverständlichen Darstellung gehalten sind, daß sie auch jedem interessierten Laien durchaus zugänglich sind. Eine der wesentlichen Eigenschaften dieser Enzyklopädie besteht in den großen systematischen Monographien, in denen versucht wird, die Grunderscl^ nungen der jüdischen Geschichte und Vergangenheit ins erschöpfender Gesamtdarstellung systematisch zu behandeln. Von solchen Monographien, die oft mehrere Bogen umfassen und kleine Werke für sich darstellen, sind in diesem ersten Bande einige bereits enthalten, so dia Artikel „Abgaben und Steuern", eine Gesamtdarstellung des innerjüdischen Steuerwesens aller Zeiten und aller Länder; der Artikel „Ag'ada und agadische Literatur", der Aufsatz „Akademien, talmudische", in dem ein fesselndes Bild von der Organisation und der historischen Entwicklung der großen Pflanzstätten jüdischen Wissens in Babylon und Palästina gegeben wird, in denen der Talmud entstanden ist. Schon diese wenigen Aufsätze machen, diesen Band zu einer unerschöpflichen Fundgrube jüdischer Belehrung für jeden Interessierten, von den Tausender* von Einzelstichworten gar nicht zu sprechen. Die AusK stattung des Werkes entspricht seinem Inhalt. Wohl nie> mals noch hat die jüdische Wissenschaft ein Werk von dieser glanzvollen äußeren Aufmachung hervorgebracht, die schon rein äußerlich die Enzyklopädie zu einem! Monumentalwerk jüdischen Geistes stempelt. Es braucht wohl kaum im einzelnen auf die außeqordentliche/ Bedeutung des Werkes von den verschiedensten Gesich'spunk'en aus hingewiesen zu werden. Je stärker die jüdische Renaissancebewegung wird, je intensiver der Wille zur Rückkehr zum Judentum sich kundgibt, umso stärker wird auch das natürliche Bedürfnis nach einer. Erweiterung des jüdischen Wissens, der Kenntnis und Erkenntnis der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart, Der Mangel an jüdischem Wissen ist eines der Hauptübel der heutigen jüdischen Situation, eine der Ursachen unserer vielfach innerlich schwierigen Lage. Jeder aber, der selbst versucht hat, seine Kenntnis jüdische^ Literatur und Vergangenheit zu erweitern, weiß, welch große Schwierigkeiten der Aneignung jüdischen Wissens! für den Laien im Wege stehen. Die jüdische Literatur ist zerstreut in vielen Ländern und vielen Sprachen. Ihre Grundwerke sind heute häufig kaum noch zu beschaffen und demjenigen, der nicht das Hebräische vollkommen beherrscht, größtenteils gar nicht zugänglich. Aber auch1 die moderne Wissenschaft und Literatur des Judentums, ist in vielen Sprachen geschrieben und für den Laien daher auch nur schwer erreichbar. Hier in dieser Enzyklopädie liegt ein Werk vor, in dem das Wichtigst? und Wesentlichste des Wissens über das /