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Die neue Welt · 1928-05-18 · Heft 35 (18.5.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 35 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 35 M Wie Rumänien seine Juden in den Tod spickte. Die Judenabteilungen iiri Weltkrieg. — Ein Prozeß vor dem Kriegsgericht in Czernowite. Von 100 Mann kämen 21 zurück. SOMMERSPROSSEN Gesichtswlmmerln, Pickel, sonngebrannte Haut,, rote Auf dem vorjährigen Berliner Kongreß der Union der Völkerbundligen hat der Bukarester Universitätsrektor den rumänischen Antisemitismus linter anderem damit zu erklären versucht, daß im Weltkrieg die Zahl', der jüdischen Soldaten, die für Rumänien gestörbei? sind, unverhältnisrmäßig gering War. wie es nnt diesem Argument aus dem Massengrab bestellt ist, beweist ein Proh zeß, der dieser Tage vo/ dem uzernowitzer /'*''■' Kriegsgericht stattgefunden hat Angeklagt war der jüdische Kutscher Ävram Lungu aus einem Dorf im Bezirk Dorohoi. Er war von dem Kriegsgericht im Jassy wegen Desertion, angeblich 'begangen im November 1916, zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Uebcr seinen Rekurs verwies der Kassationshof den Prozeß zur nochmaligen Verhandlung vor das Czernowitzer Kriegsgericht. Am 7. Mai fand diese Verhandlung statt. Der Zeuge N. Vasrliu, seinerzeit Konnpa'gniekommandant im 29. Infanterie-Regiment, sagte aus, es sei damals (im November 1916) der Befehl gekommen, alle Juden in einen einzigen Zug zu gruppieren, und ihn unter das Kommando eines strengen Offiziers, eines Mannes mit eiserner Hand, zu stellen. Man habe ihm das Kommando eines solchen Zuges jüdischer Soldaten übergeben wollen. Nachdem er aber festgestellt habe, daß in diesen Zug Leute gesteckt wurden, die niemals militärische Aiusbi'l dn««g genossen hatten und trotzdem an die Front geschickt wurden, habe er es abgelehnt, das Kommando zu behalten, welches dann einem Feldwebel übertragen wurde. Der j ü dis c he Zug habe in den Gelechten bei C a s i n, aber im Verbände der Kotnpaignie gekämpft, die er .befehligte. Seine Gruppe habe die Aufgabe gehabt, in langer Schützenkette, fortwährend schießend, den Rückzug anderer Truppen zu decken. Der Zug der jüdischen Soldaten habe den linken Flügel seiner Gruppe gebildet. Die, Kämpfe seien sehr heftig gewesen. Auf. einer Strecke von einem Kilometer hatten, .die Deutschen sechzehn Maschinen g e'w e h r e ' aufgestellt, und was von rumänischen Soldaten" sich nur rührte, wurde sofort von den Maschinengewehren vernichtet. Die Gruppe -habe sich in. zwei Linien entwickelt. Die erste Linie bildete der Zug der rumänischen Soldaten, die zweite Linie bildete der Zuig der jüdischen Soldaten; Während die rumänischen Soldaten, flach am Boden liegend, sich gegen' das furchtbare Masohinengewehrfeuer der Deutschen, wenn auch sehr schwach, schützen konnten, war es bei den jüdischen Soldaten ganz unmöglich, denn sie erhielten fortwährend Befehl zu schießen, und, um nicht beim flachen Auf-dem-Boden-Liegen ihre rumänischen Kameraden in der -ersten Linie zu treffen, mußten sie sich erheben und schießen. " "" ' '»!; So wurden sie fast vollständig aufgerieben. Er erinnere sich genau, daß der Zug der jüdischen Soldaten, der hundert Mann gezählt habe, nach diesen Kämpfen nur mehr einundzwanzig Mann ' zählte, während der Zug; der in der ersten Linie gelegen sei, von 100 Mann nur sechzig verloren habe. Man habe damals nach den Kämpfen sehr große Verluste gehabt, uiid es seien sehr viele Soldaten vermißt worden, von denen man nicht wußte, ob sie gefallen seien oder nicht. Ob der Angeklagte zum Feinde übergegangen sei, könne er nicht wissen. Der Verteidiger des Angeklagten, Dr. Rodos aus Jassy, erklärte in seinem Plaidoyer, er erinnere sich genau an die Befehle, welche zu jener Zeit bezüglich der Juden erflössen sind. Man hat die Juden in, besonderen Gruppen zusammengeschlossen und sie an die Front geschickt. Diese Anordnungen wurden damit motiviert, daß die Juden Mangel an Mut und Kriegsbegeisterung zeigten. Er wolle darüber nicht diskutieren. Aber es darf niemandem daraus ein Unrecht geschehen, daß er Jude sei. Es sei im Kriege die Praxis geübt worden, wie er. aus eigener Erfahrung wisse, daß man bei Soldaten, die vermißt wurden, die Juden sofort als Deserteure vormerkte und Akten darüber anlegte, während die anderen Soldaten einfach als Vermißte eingetragen wurden. So sei aus den Akten zu ersehen, daß der Angeklagte in der Nacht auf den 15. November 1926 (gefangen genommen wurde. Am 15. November schon habe man ihn als- Deserteur eingetragen. Das Kriegsgericht hat Avram Lungu nach kurzer Beratumg e i ri 's t j ni m i g f r e i g espr-cchen. - ■ . ■'. ■■' "\ Kronprinz Carol über die Pogrome in Siebenbürgen. In einem Interview des Londoner Vertreters .des Budapester „AcfrMJhr-Blattes" mit dem Sekretär des Kronprinzen , C a r o 1, Herrn. Jon e SsC ü, sagte dieser u. ,a.; In das Programm des Exkronprinzen gehört der Schutz der nationalen Minderheiten und die. Sicherung ihrer Gleichberechtigung sowie die Abschaffung der Zensur. Der Exkronprinz beklagte tief das Blutbad von Q r o ß w a rd ,e i n und die z a h I r ei c h e n Judenverfolgungen und macht , für diese die gegenwärtige Regierung verantwortlich. Die Kunst, als Jude zu leben. . Von Heinrich. Yo r k r S t e i n:e r.; Das mit Spannung erwartete Buch, vpri ' •. Heinrich Y o r k-S t e i n e r jD.ie K u n s t. a 1 s Jude zu leben" — Verlag M.'.W. Ka'uf- '■- "■ mantii, Leipzigwird in:' -einigen Tagen - er« ■ scheinen und inden -Buchhandkingett; zu'haben sein. Wir sind sc|tou/(het»Mn-der-L'ag€/..unsereji -/ ' Lesern aus de.m'iManuslcript des. Autors; eine Einleitung: zü'b'ibten,' die das Prbgrämiri des umfangreichen Werkes enthält. In 20 Kapiteln werden alle Differenzen, die in Mirc.r Gesamtheit die Judenifrage ergeben, besprochen ' und historisch : sowie soziologisch erläutert. Wir . nennen aus den 20 Kapiteln folgende: H at J esu s gele bt? War er ein Jud«? - P aai Lus..—- V om T a 1 m u d. — U e b e r d i e U« t e r s c h i e d c zwischen J u d c n tu'm u/n d C'h r J sten- ■.. t u in. — Vo n d e r j ü;d iscIi e nRassc und Nation. — Vo n d e r. j üd i sehen Ku 1tu r. — Mi iid e rli e i t. — Stelliingdex Juden zu Katholiken und P r o t estaute n. — Sind d i e J u d c n c i ri H a iid e 1 s v o I k? — J üd i s ch c P o 11.t ike.r. ~ Antisemitismus. — Z i o n i s m'u s, — - , . Jüdischer Mut. — Im -Schlußkapitel : -. < : . „Unser Weg" wird versucht, in Konsequenz des Gesagten einen Pfad durch die Wirrnis unseres Daseins ^abzustecken. Das Buch istdas erste seiner 'Art. Vermag das Wort Brücken zu bauen, den Abgrund zu erfüllen, der Christen vom Juden trennt, die Blutströme aufzutrocknen, die seit jenen Zeiten, da der Christen-Erlöser auferstanden ist, den Judenherzen entquellen? Des Christenkindes zartestes Empfinden wird mit Grauen erfüllt vor den Juden der Passionsgeschichte, von denen erzählt wird, wie sie an seinem Heiligsten frevelten. Diese Legende vergiftet sein Unterbewußtsein,, das gegen Juden aufreizt, wo immer sie ihirri nahe kommen. - Und doch, das Wort mußte gesagt werden — ein Wort, das neue Wege aufzeigen soll. Höher als das Wort gilt die Tat: es muß durch die Arbeit des täglichen Lebens, unseres, der Juden Leben eine' Aenderung versucht werden. . * Wir wollen nicht an einem Sonderleid hoffnungslos dahinsiechen, wir sind eine Frucht am Baume der Menschheit, ihren Gesetzen Untertan, allen Menschlichkeiten verhaftet,-wie Jede Minderheit der Mehrheit. Und daraus wollen wir lernen, vor allem,: daß Minderheit verpflichtet. ' Wer, dem Gesetze der eigenen Persönlichkeit nachlebend, der Mehrheit stolz widersteht, der muß gegen ihren Druck gewappnet sein und die Wunden seiner Seele voll Würde der heilenden Sonne erit« hüllen. Wem das welterfflllte Verstehen den Stachel der Derritttigimig entgiftet, kennt keine Fache,. weist den Haß weit ab. Wer Liebe ersehnt, soll Liepe ausstreuen, von tausend Körnern mag eines Wurzel fassen. Menschen, mit denen man leben muß, sollen in ihrem innersten Wesen, ihrem, Wollen und Müssen etimoU wßpfatk Creme (matt lür Tag), „DlMu«Clt-onen-SaueMtöff-Creme (fett, für Nacht) und macht die sprödeste oder rattheste Hanf _ «atntwelchy blendend weiß u. rein. Jede Tube 81—(beide Tuben S 3?5), In jeder Drogerie, Parfü > erle usw. oder direkt „l)IM"-Laboratorlam, Wien, U. Obere Donaustraße 17. — Zahlreiche Anerkennungen. Wir sind eine geringe Minderheit und doch der Mehrheit Schrecken, und doch: sie kennt uns noch weit weniger, als wir ihre Psyche erfassen und verstehen. Wasi ist es, das der bewußten Christen Seele erfüllt? Ist ihre Lehre sittlicher, ihre Weltanschau- •und wertvoller als die unsere? Hier muß die Kenntnis jüdischer Lehre und jüdischer Geschichte einsetzen, eine Kenntnis, die den Christen mit wenigen Ausnahmen fehlt, nur wenigen Juden bekannt ist, wie auch uns die Grundlage des Christentums zumeist fremd bleibt, was auch von der Mehrzahl der Christen gilt. Mein Buch soll kein Kompendium bieten, besonders die ersten Kapitel, die von der Bibel berichten, wollen nur zum Urteil über die Unterschiede zwischen Neuem und Altem Testament vorbereiten. Wer mehr wissen' will, nütze die Werke der angegebenen Autoren. Die Judenfrage ist eine Frage der Minderheit. Dieses Buch soll die Minderheit anleiten, sich selbst und die Gesetze des Mehrheitsdruckes gechichtlich und soziologisch ■m verstehen; die Mehrheit m belehren, ilbersteiigt menschliches Vermögen. Die Geschichte des jüdischen Exils ist mit Blut geschrieben, aber wir müssen wissen, daß anderen Minderheiten zu allen Zeiten Aenliches geschehen ist. Unsere Vorfahren' sind aus ihrem Lande hinausgefegt worden, wie zu jener Zeit andere Völker auch. Man warf sie wilden Tieren in den Rachen, gemeinschaftlich mit anderen Kriegsgefangenen. Sie brannten im Mittelalter lebendigen Leibes auf dem Scheiterhaufen gleich anderen Ketzern und mit ihnen starben hundertmal 1000 Ghristentfrauen, die von gelehrten Priestern ins tödliche Dunkel des Hexenglaubens gestoßen wurden. Papst Innozenz III., der den Juden den gelben Fleck anheftete, um ihnen den Lebensodem zu vergiften, er hat zur Währung der Glaubenseinheit die mildfrommen Albigenser ausgerottet, weil ihre Lehre Sehnsucht nachdetm schlichten Urchristentum verbreitete. Die gesegneten Lande des südlichen Frankreich, die holden Regionen der . ligurischen Küste verfielen der Zerstörung und es wird uns überlieferf, dafl.c20.000 die^ei-.vunglückliphen Sektierer an-*inerai Taige-.liingerichtet wurden. A4s PhHipp der Schöne, König von Frankreich, seine leeren Kammern mit dem Golde der Tempelritter füllen wollte, die im Orienthandel Reichtümer erworben hatten, ließ er den Großmeister Reinhard von Molassy samt einigen anderen frommen Ordensrittern zu Paris am Marterpfahl den Ketzertod sterben. So dunkel loderten zu jener Zeit die Flammen der Gerechtigkeit, so beschaffen waren die Ideale jener Epoche, der: Zeit der furchtbaren Judenmorde. Die ukrainischen Horden, die sich in unserem Jahrzehnt am Judenblut berauschten, finden ihr grauenhaftes ^Gegenstück an den türkischen Armeniermorden. , Zur Zeit; da man in Deutschland jüdische Politiker mordete, starben auch christliche Staatsmänner den Tod aus dem Hinterhalt.' Und die antisemitische Vergiftung weiter Volkskreise Deutschlands wird aufgewogen durch den Haß seiner Feinde^ der zurzeit die Oberfläche meidet, aber als Geringschätzung weiterlebt. . .;-. ■ Nur in einem <i;st unser Schicksal einzig geartet. Kein Volk, seiner Scholle durch fast zwei Jahrtausende entrissen, In alle Welt zerstreut, vermochte zu bestehen, keines auf solcher Höhe zu bleiben., Aber die Bedeutung unserer Lehre, die eine Welt erfüllt, sie darf uns nicht genug sein. Der Erfolg einzelner, die wissenschaftliche oder künstlerische Bedeutung der wenigen darf nicht zur Ueberhebung fuhren. Wir dürfen. uns: mit den Erfolgen der ander#n nicht genug sein lassen. Jeder einzelne muß den Kampf mit sich selbst, aufnehmen und so die Bekämpfung von Vorurteil und Lieblosigkeit einleiten. Der Jude kämpft durch seine bloße Existenz für eine höhere Sittlichkeit in der Weltordnung, die das Bestehen und Gedeihen der Minderheit sicherstellen sollte. Denn aller Fortschritt erwächst aus Minderheiten, und wo die-se sich nicht entwickeln können, verkümmern Menschheit und Menschlichkeit. Der Jude führt den Kampf zwischen Idee und materiellen Interessen schon durch die bloße Zugehörigkeit zum Judentum, die ihn auf seinem Lebensweg behindert. Schon dieser Kampf gegen sichtbare und unsichtbare - Hindernisse verlangt ideale Lebensanschaüung, weil man für die überkommene Art Ehren, Ansehen und Annehmlichkeiten opfert. Wer als Jude lebt und sich dessen voll bewußt ist, dem mögen Leid und Verfolgung Kraft und Weisheit verleihen. Vielleicht, daß mejn B"uch aus Unbewußten Wollende, aus Wollenden Wissende gestalten helfen und -so den Weg ebnen wird m höberej Sittlichkeit,

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