Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 32 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 DIE NEUE WELT selbe Rotgardist, der den kranken Sohn „kuriert" hat, sein, blutbeflecktes Bajonett und bohrt es tief in die Brust des dritten, ihres letzten Solines... „Di ch aber lassen wir am Leben!" —- wendet er sich dann gönnerhaft zu dem alten Weib. „Du mußt uns morgen ein Mittag essen bereiten. Sieh zu, daß es schmackhaft wird!" Und sie hielten Wort. Einige Tage stellten sie sich regel mäßig bei ihr zum Mittagessen ein und die alte Frau mußte die Mörder ihrer Söhne bewirten. Zweieinhalb Tage war die Stadt in der Gewalt der von Sinnen gekommenen Soldateska und erst rm dritten, Tag erließ der Sowjet einen Aufruf: „Rotgardisten, genug des Blutest" Im Verlauf der nächsten zwei Tage begnügten sich die Rotgardisten mit Plünderungen, an denen auch der Kommissär Pilzenko in höchsteigener Person teilnahm, der Vorsitzende desselben Sowjets,, der in den Telegramm berichten der „Prawda" so rühmlich erwähnt wurde. Nach dem Pogrom wurde der Stadt eine fette Kontribution auferlegt und Pi Izenkqvcrlangte fürsich persön lieh 1 0.0 0 0 Rubel, widrigenfalls er seine Truppen abermals loslassen wollte. Das Geld wurde herbeige sc|iaft f.. und in einigen Tagen veröffentlichte das lokale jüdische BJatt die Namen der hundert hingemetzelten Juden. Auf den Gräbern dreier Rotgardisten aber, die während) des Pogroms den verirrten Kugeln ihrer eigenen Kameraden zum Opfer gefallen waren, wurde ein rotes Banner mit der Aufschrift gehißt: „Es lebe die dritte International?!" (Deutsch vqn Valentin Skidelsky.) Ein Nationalverband der Bukowinaer Juden, Am Sonntag den 15. April fand der von der jüdischen Einheitspartei in Czeruowltz einberufene Juden tag zur Gründung eines jüdischen Natioualvqribandes für diu Bukowinacr Juden statt. DJe Tagung war . von etwa 200 Delegierten aus.aljen Schichten der jüdischen Bevölkerung und insbesondere auch aus den kleineren Städ'ten und aus den Dörfern der Bukowina besticht. Den Vorsitz führte der frühere Deputierte Dr, Maypr Ebner.' Der Judentag protestierte in'einer feierlichen Kund* gebuiig gegen die fortdauernde antisemitische Hetze, gedachte der Opfer von G r o ö w a r d e i n und Klausenburg und der Schändung der jüdischen Heiligtümer. In einer Resolution wird die Ergänzung der in der Kammer eingebrachten Gesetzesnovelle betreffend das Staatsb ij r g e r r e c h t in dem Sinne gefordert, daß das Gesetz über Erwerb und Verlust des Staatsbürgerrechtes m ♦ t d ein:; f r i>c d'e-n s^v e r-t jr ä g c u in;-Uefee-peinst'iimmung gebracht'werde.; Ferner wurden Resolutionen für die Lehründ Lernfreiheit au den Universitäten, für diic Autonomie der jüdischen Gemeinden sowie für die Schaffung eines jüdischen Reiohsverbandes beschlossen. ' Unter stürmischen Ovationen der ganzen Versammlung wurden Dr. Mayer Ebner zum Präsidenten des jüdischen Nationalverbandcs und die Herren Direktor Bernhard Flcriunger,Karl Klüger und Dr, Markus Krämer zu Vizepräsidenten bestellt. Gewählt wurde auch eine 2igliedrige Exekutive und ein aus 150 Personen bestehender jüdischer Volksrat. im L-Spital. Elp© nicht unwesentliche Aufklärung, ^- Oje Rückwirkung des Sever-Erlasses auf das Defizit des Rothschild-Spitals, -r- Di© „uninteressanten" jüdischen Patienten. Geschlagene zwei Stunden habe ioh dem Herrn Direktor und seinem ersten Beamten . genommen. Sie zeigten mir die Anstalt in allen ihren Teilen und erläuterten dann die statistischen Arbeiten der Spitalskanzlei. Eine Kleinigkeit erfuhr ich durch eine Zwischenfrage, welche die Herren in Erstaunen setzte, weil »sie meine Unwissenheit verriet. Nun, ich glaube, daß die Zahl jener, welche ebenso uninformiert sind wie ich, nicht gerin« ist, und ich beeile mich, die mir gegebene dankenswerte Aufklärung weiterzugeben: Diese jüdische Krankenanstalt heißt, nicht etwa deshalb „Rothschild-Spital", weil sie vom Hause Rothschild erhalten oder miterhalteu wird, sondern weil sie von Anselm Freiherrn von Rothschild gegründet und erbaut wurde. Der verantwortliehe Erhalter ist die Wiener jüdische Gemeinde, und da alle Mitglieder der Gemeinde mitverantwortlich' sind und nicht in dem. Wahn befangen. sein dürfen, daß das selbstverständliche Defizit des gemeinnützigen Instituts zur Gänze oder auch nur teilweise von der Familie Rothschild getragen wird, ist die Bezeichnung „Rothschild-Spital", glaube ich, irreführend, denn es ist das „Spital der israelitischen Kultusgemoinde Wien", und es lag bestimmt nicht In den Intentionen des hochherzigen Erbauers, daß dieser Irrtum fortbesteht zum Nachteil der von ihm gegründeten Anstalt, für «jeren Erhaltung die Gemeinschaft zu sorgen hat, ausschließlich, ohne jede nennenswerte Mithilfe. . ..... Nämlich: Vor dem Kriege gab es zahlreiche, große Bettfedern direkt vom Lande. Iialb umsonst ^^s^4-^ ^<j^,^ Wäschehaus FELD 'WÖSK28 M^H>#<Ht-#> Dampfte!nigung in Gogenwatt der Kunde! Stiftungen,' ah denen sich aüiih; wie: hervorgehoben werden muß,1 die Rothschilds bei freudigen Familienanlässan und anderen Gelegenheiten reichlich beteiligten. Infolge der Geldentwertung betragen heute die Zinsen sämtlicher. Vorkriegsstiftungen sage und schreibt 1500 Schilling* Hingegen beläuft sich das Defizit auf mehr als 300.000 Schilling. Mit neuen Stiftungen ist nicht zu rechnen, denn der Spender müßte eine Milliarde widmen, um mit den Zinsen einer solchen „Bcttenstiftung" die Spesen für ein Bett zu decken, , . ■ Eine schwere Last für die Judertgemelnde, der die Anstrittsbewegim« und die Steuerflucht die Einkünfte schmälert und die Interesselosigkeit ihrer Mitglieder das Leben sauer macht. Eine teure Last! Die Leidenden, die ich in den Wartezimmern der Ambulanzen, auf den Gängen, in den Krankensäleu sah, können itur hier ihr Patientendasein führen — nirgends anders. Und es sind nicht nur diejenigen, welche wegen der rituellen Kost oder deshalb, well sie unter Juden sein wollen, auf das Rothschild-Spital angewiesen sind. Wer nicht nach Wien zuständig ist, muß damit rechnen, von den Wiener Gemeiudespitülern und Fondsspitälern ab* gewiesen zu werden. Nun haben der famose Sever-Erlaß und die Heimatsrechtspraxis der Gemeinde Wien dafür gesorr, daß die Zahl der jüdischen „Ausländer" auch nach zehnjähriger Seßhaftigkeit nicht sinkt. Die übrigen Spi* täler haben keine Ursache, mittellose jüdische „Ausländer" aufzunehttieu, zumal sie auf Rcfundierung der Verpflegskosten durch die Heimatgemeinde des Patienten in vielen Fällen nicht rechnen können. So hat sich folgende Praxis herausgebildet: StitdlenobjektCi die sogenannten „interessanten Fälle", nimmt man überall. Die uninteressanten Patienten verweist mau auf das Judcnspltal. Mit ein Grund für die wachsende Bedeutung dieser Wiener jüdischen Krankenanstalt, die ge? schaffen werden. müßte, wenn sjc nicht vorhanden wäre. Mit seinen 234 Betten, Ambulatorien, Operationssälen ist das Rothschild-Spital unter den Wiener Privatspitälern das größte, aber, natürlich als einzige jüdische Krankenanstalt Wiens .viel, zu. klein und reformbedürftig, Infolge der unüberwindlichen materiellen Schwierigkeiten ist an eine Erweiterung uiki Modernisierung (z. B. Beseitigung des veralteten „Korridorsystems") zunächst wohl nicht zu denken. Man hat genug, Sorge um die Erhaltung des Bestehenden. Da der Patient pro Tag 13 Schilling kostet; zahlt die Kultusgemeinde auch bei jenen Pfleglingen, welche volle Gebühren leisten (9 Schilling) noch immer 4 Schilling drauf. Aber diese Spesen würden sich bei größerer Aufnähmsfähigkeit des »SPitals — wie mir von Fachleuten vorgerechnet wurde ~y ganz: erheblich verringern, so daß die Vergrößerung nicht hur eine Wohltnt für die Juden, sondern * auch > eine-Erleichterung für die Finanzgebarurig der Gemeindö" wäre. ' ■ - .* Zweifellos' hat nicht tiur: die" österreichische Judenheit ah dem Gedeihen •und ehesten Wachstum1 dos Roth« schild-Sp'ltals ein Interesse, Die Anstalt ist noch; aus der Vorkriegszeit' weithin berühmt —!eä -sei übrigens nicht vergessen, hier' die gründliche Adaptiert! »ig zu vermerken, die im Jahre 1924, also in harter Zeit, unter gleichzeitiger Erhöhung der Bettenzahl von 170 auf 234 hervorzuheben —• und es kommen nicht nur solche' Leidende von auswärts, die sich hier die beste Wartung und Heilung versprechen, sondern es müssen aus den früher angeführten Gründen judenfeindlicher politischer Maßnahmen viele, allzu' viele kommen, die längst tri Wien wohnen, ■ aber' Ausländer bleiben. Nach den statistischen Tabellen, in die ich Einsicht nahm, ist beinahe die Hälfte der Patienten nicht nach Wien und österreichischen Gemeinden zuständig, darunter natürlich die größte Zahl nach Polen. Und die Anzahl der zugereiste n Pfleglinge, die also ihren Wohnsitz außerhalb Oesterreichs haken, beträgt noch immer 15 bis 16 Prozent, * Kritik an dem Bestehenden? Diesmal erscheint dem Publizisten der Bericht über die Bedeutung des Rothschild- Spitals und über die Verantwortung seiner Erhulteriu, der Kultusgemeinde, als die wichtigere Aufgabe. Und als die wichtigste, die Judonheit an ihre Mitverantwortung zu mahnen. Es ist ihr Spital. Sie hat die Maßnahmen zu billigen, die' mit' aller tunlichen Strenge fcu bewirken trachten, daß kein Patient einen Freiplatz beniitzt, der selbst oder dessen Familie die Gebühren zahlen kann. Sie hat im Auge zu behalten, daß dieses Gemelndosnjtai auch für die jüdischen Acrzte ein Refngium ist. Sie muß ferner an der sehr wichtigen Frage-der Wiedergewinnung eines jüdischen Pflegerlnnenstandes Anteil nehme». Seinerzeit haben sieh die jüdischen Schwestern am Rothschild-Spital ausgezeichnet bewährt, Jetzt gibt es keine, weil die Pflegerlnneuschule, die dem Spital angegliedert war, längst nicht mehr besteht. Mit Hilfe von Gemeindemitteln ist für die Heranbildung jüdischer Pflegeschwostern zu sorgen, die dann vertragsmäßig zumindest eine Zeitlang dem jüdischen Spital zur Verfügung stehen müßten. Und wie zu verhindern ist, daß das schwer kämpfende Institut von Zahlungsfähigen durch Vorenthaltung der Gebühren mißbraucht und geschädigt wird, muß andererseits die Kultus» gemeinde, die sich doch zur Volksgemeinde entwickeln soll, einer immer größeren Zahl von unbemittelten Eedürf- Ilgen kostenlos offenstehen. Vor allem aber: Abbau der beschämenden, jede gesunde Entwicklung hemmenden, den Schlendrian und das Portwursteln legitimierenden, der leider allgemeinen jüdischen Interesselosigkeit an den GemelndeangeJegenhelhn! O. A. Ein Fi!m,t!en jeäsr öesehen haben muß! Dr- und Alleinaufführung für Wien s CENTRÄ1.-KINQ II., Taborstrasse 8 Telephon R42-3-41 Pessaeh in Tel-Awiw/ Aus Jerusalem schreibt man uns: Sämtliche palästinensischen Blätter stellen in ihren Berichten über den; Verlauf des Pessaehfeste9 gegenüber dem Vorjahre eine gehobenere zuversichtlichere Festesstimmung in allen Kreisen fest, Schon in der Woche vor Pessach zeigte sichin der wachsenden Jüdischen Stadt Tel-Awiw reges geschäft* liches Leben mit dem Goldenen Sonntag vor Pessach, Wieder zeigte sich am Vorabend des Pessach eine lebhafte Zuwanderung aus der ganzen Umgebung, den Kolonien, Kwuzoth und Dörfern, nach der großen jüdischen, Stadt, um gemeinsam mit i den Brüdern im Zentrum das Fest der Befreiimg zw begehen. Wohl gab es auch noch* viele, dje nach alter Tradition das Pessfttmjest in der, heiligen Stadt Jerusalem feiern wollten. Die Kauflcute in der Herzlstraße und in den übrigen Hauptstraßen des Handels waren die ganze Zeit voll* auf beschäftigt- und ein Wagen- und Autoverkehr, wie ihn manche Großstadt nicht stärker aufweist, belebte noch mehr die steigende Festesstimmung. Am Vorabende des Pessachfestes, als die Sonne sich zu neigen begann, brach wie auf einen Schlag das gewaltig pulsierende Werktagsleben in der jüdischen Stadt ab. Festlich« gekleidet-, sehritten die Juden aus allen Gesellschafteschichten und jeden Alters In die Synagogen, die alle, besonders die große Synagoge In der Allenbystraße und die* übrigen größeren Bethäuser, überfüllt waren. Auffallend viele fremde Touristen sind diesmal über die Pessachtage in Tel-Awiw geblieben, Umi 8 Uhr abends drangen bereits die Gesänge der Hagadah durch dies Fenster auf die Straße, die um diese Zeit wie ausgestorben, war. Nur auf dem Ausstellungsplatz ging es lebhaft zu. Hier in der großen Ausstellungshalle hielten mehr als 600 jüdische Arbeiter ihren gemeinsamen Seder ab. Und noch einige hunderte konnten infolge der Ueberfüllung nicht mehr in den Saal und schlössen sich anderen gemeine samen Sederveranstaltüngen an. Hier währte der Seder bis lange nach Mitternacht; Und viele, die früher zu Hause fertig geworden waren, zogen auf den Ausstetlungsplatz» um noch Irgend einen Gesang, eine Melodie, eine Rede aus dem Innern zu erhaschen. Der Saal war prunkvoll beleuchtet, die Stimmung war eine sehr gehobene, viele der Feiernden Waren junge Menschen, die ihre eigenen Familien in der Gallith zurückgelassen haben, art diesem Abend wohl auch ihrer gedachten, aber sich In der neuen großen Chaluzfamilie im Lande der Juden wie daheim fühlten. Der Seder der jüdischen Arbeiter wurde nach der alten Tradition'absolviert und wies nur insoferne eine Neuerung auf, als neben der Hagadah der Väter auch gewissermaßen die Hagadah der Jungen gesprochen Wurde. Zwischen den Mahlzelten wurden kurze Reden über * verschiedene aktuelle, palästinensische Probleme und jüdische Probleme im allgemeinen gehalten. Auch die Musik kam zu ihrem Rechte, es wurden alte „Semirothweisen", KARTON NAG E N FAB RIK OIL1ANO ft C9, WI1N, IX. 4RUNDLSTR. 3 Telephon 19.0-09 ♦ beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ♦! LLEN ARTEN KARTON? I AI