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Die neue Welt · 1928-04-20 · Heft 31 (20.4.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 31 (20.4.1928)
Date
1928-04-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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V Nr. 31 Dflg NEUE WELT Seite 3 ärger als das Gemetzel, das 1903 der Hetzer K r uschewan in Kischinew angestiftet hatte. Aber wenn nicht der Revolver des Uhrmachers Schaloin Schwarzbart in Paris den Hetman Petljura zur Rechenschaft gezogen hätte, so wäre selbst der blutige Teil, dieser epischen Tragödie im Meer der Vergessenheit verschwunden, wie ja heute das Schicksal der russischen Jt>ien sogar dem Judentum fern und fremd geworden ist. Von Kischinew aus ist der Pogrom nach dem Westen vorgedrungen. Er fand die sittliche und moralische Widerstandskraft erschüttert. Fünf Jahre des Weltkriegmordes hatten die Gesittung vorpöbelt und einen nationalistischen Patriotismus auf den Altar des Vaterlandes gehoben, vor dem Menschenopfer ungezählt fielen. Und auch die jüdische Seele ist zermürbt worden. Was sie an Schrecknissen erfahren hat, nahm sie leichthin, oberflächlich zur Kenntnis. Die politische Konsequenz wurde selbst jetzt nicht mit aller Schärfe gezogen. Der Reflex hätte bei einer gesunden Nation nur der Entschluß sein dürfen, alle Kraft zur Bildung eines jüdischen M a c h t z e n t r u m s aufzuwenden, um eine wirksame Instanz eines aktiven und positiven Schutzes zu schaffen. Die Nichtjuden, die Regierungen der Völkerbundstaaten anerkannten diese Notwendigkeit, indem sie den Juden das Land zusprachen, das so jüdisch werden sollte wie England englisch ist. Aber nur ein sefir, sehr geringer Teil des Judentums hat die ungeheure, in eine weite Zukunft reichende politische Bedeutung dieses Aktes erkannt. Freilich —- und das ist eine sehr starke Hoffnung — beginnt diese jüdische Zelle sich schon zu organisieren. Sie zu stärken und zur vollen Freiheit zu entwickeln, ist die Pflicht der jetzigen jüdischen Generation. In dieser 'Arbeit wird und soll Kischinew ins Traumbild schwinden. Ein jüdisches Wahlkomitee in Lettland verhaftet. In R e s c h i t z a ist das gesamte jüdische Wahlkomitee und ein jüdischer Parteiführer verhaftet worden, weil die jüdische Partei einen Wahlaufruf in jiddischer Sprache affichieren ließ. Die Wahlplakate wurden durch Polizisten entfernt. Die Behörde steht auf dem Standpunkte, daß Wahlaufrufe nur in der Staatssprache (lettisch) erlaubt seien. Die Haidamaken-Pogrome in der Ukraine. Von Lewit, Königsberg. Die Tscheka und ihre Nachfolgerin, die G. P. U., sind die Todesengel unserer Zeit, deren Schrecken 150 Millionen Küssen und insbesondere 3 Millionen russischer Juden zu fühlen bekommen haben. Durch die listige Losung „Nieder mit dem Krieg!" war es den Bolschewiken gelungen, im Oktober 1917 die Macht au sich zu reißen; trotzdem aber wäre ihr Triumph selbst in Zentralrußland doch nur von kurzer Dauer gewesen. Denn weder die erste bolschewikische Regierung Pjatakows in der Ukraine, och die armenischen ■ Rotgardistenabteilungen, die aus Deserteuren von der türkischen Front bestanden, oder die Revolutionskomitees des Don- und Kuban-Gebietes konnten sich auf die Dauer halten; sie alle erlagen dem ersten Ansturm der weißen Armeen. Und trotzdem ist es bereits ein Jahrzehnt, daß sich in Rußland die auf äußersten Despotismus und schrankenlose Polizeiwillkür gestützte Macht der Sowjets scheinbar unerschütterlich befestigt hat. Und das geschah nicht so sehr infolge des Willens der Volksmassen, nicht infolge des logischen Ganges der Ereignisse, nein: zwei schändliche Strömungen In der russischen Revolution haben erst eigentlich die Atmosphäre für den Triumph der Linksradikalen geschaffen: die Pogrome der sogenannten Haidamaiken 1918-19 und der weißen Armeen 1919-20. Weder die „Haidamakcn", die für die Selbständigkeit der Ukraine, noch die Weißgardisten, die für „Recht und Ordnung" zu 'kämpfen vorgaben, entsprachen ihrer historischen Aufgabe. Sic ließen sich zu Rauh, Pogromen, Vergewaltigungen hinreißen. * Genau zehn Jahre sind seit jenem schrecklichen Osterpogrom vergangen, den die „Haidamaiken" in Borodianka (Kiewer Gouvernement) veranstalteten. Traurige Osterfeiertage waren, es auch, die die Juden in Poltawa, Konstantinograd und K r e m e nt s c h u g feierten. Die afn t i s e m i t i s c h e Agitation in der Ukraine setzte beinahe gleich nach der Februarrevolution ein. In einigen Städten wurden bereits im April 1918 'Po'gronwersuche gemacht und die Beziehungen zu der jüdischen Bevölkerung wurden immer feindseliger. Das war die Frucht des Samens, den das Zarcnregime für Anzüge und Überzieher in herrlichen Dess ns. und reichhaltigster Auswahl kaufen Sie am besten im Spezialhaus gamztag, be?t 16* Sunt 1928 Sie moUt MtUtim Ißflomeaftim! 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Die Bannerträger dieser antisemitischen Bewegung waren wiederum die berüchtigten „Schwarten Hundert", die den festen Boden unter den Füßen schwinden fühlten und darum noch schnell an den Juden ihr Mütchen kühlen wollten. * Die Pogrome der Jahre 1918 bis 1920 tragen alle Anzeichen einer national-ukrainischen Bewegung. Der re--' bellische Geist des ukrainischen Bauerntums, das aus freien Kosakenstämmen des 16. bis 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist, die wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit sind die Ursachen dafür. Der durchschnittliche Prozentsatz der Analphabeten in der Ulkraine betrug ja zu Beginn dieses Jahrhunderts 88 bis 93 Prozent. Diese dumpfe Bauernmasse empfand natürlich immer eine dumpfe Feindseligkeit gegenüber dem gebildeteren Judentum. Es bedurfte nur eines ■politischen' Funkens, um das Explosionsmatcrial zum Entflammen zu bringen. ' So war es vor 280 Jahren —1648 —, als die Ukraine einen Teil Polens bildete und unter Führung Bogdan C h m e 1 n i t z k y s ein Kosakenaufstand ausbrach, der das Land in jüdischem Blut ertränkte und den Zerfall Polens einleitete. So war es 120 Jahre später — 1768 — das Blutbad von'Um an, das der endgültigen Teilung Polens vorausging. Und dasselbe wiederholte sich, jetzt, als', die dritte Pogromwelle der Haidamaiken den Zerfall Rußlands einleitete. x\nfangs blieben die Pogrome auf einige Kreise des Kiewer Gouvernements beschränkt, breiteten sich aber dann allmählich über die ganze Ukraine aus und nahmen geradezu epidemischen Charakter an. Alle Schrecken des Mittelalters verblassen vor der dritten Haidamakenbewegung. Drei Millionen Juden g e-. rieten in den Wirbel dieses Revolutionschaos. Hunderttausende von Toten und Krüppeln, Zehntaasende von vergewaltigten Frauen, Hunderte von zerstörten Ortschaften bilden das Resultat dieser letzte« Haidamakenibewegung. Die ersten Pogrome wurden mit der Begründung veranstaltet, daß die Juden die Deutschen ins Land hereingelassen hätten. Als die Haidamaken in. die Ortschaft B o r o d i a n k,y: einzogen, behaupteten sie, daß die Juden 3 Maschinengewehre und 75 Gewehre verborgen hatten, und forderten unter Androhung des Massenmordes deren sofortige Herausgabe. Die Einwohnerschaft entsandte sofort,eine Delegation aus 6 Christen und Der Meschumed aus Prag. Eine Schreckensepisode aus der Wiener Ghetto-Zeit. Jammer über die Wiener Juden, Jammer über die Wiener Christen, unsägliche Qua'len für sich selbst, hat ein Meschumed und Spitzibube nach Wien mitgebracht, als er sich entschloß, den Schauplatz seiner Machenschaften von Prag in die Kaiserstadt zu verlegen. Es ist eine Episode aus der Zeit des zweiten Wiener Ghettos, in ihren Auswirkungen so grauenhaft--wie der Rechnungszettel des Scharfrichters jenes Meschumed, den ich dieser Tage in Schlagers Sammlungen bemerkenswerter Wiener Gerichtsurkunden im Wortlaut wiedergegeben fand. Der Henkersknecht „fakturiert" die dem Delinquenten aus dem Rücken geschnittenen Riemen, das Abhacken des rechten Armes, die Manipulationen mit der giübenden Zange. Alle diese entsetzlichen Prozeduren hatte der Meschumed vor dem Verbrennungstode zu erleiden. Sie erfolgten an verschiedenen Plätzen der Stadt, also in entsprechenden Zeitabständen. ' Es werden auch die Pflasterstreifen in Rechnung gestellt, welche zur Verhinderung „vorzeitiger" Verblutung auf die Wunden des armen Sünders geklebt wurden. Dieser ersten derart „qualifizierten" öffentlichen Hinrichtung in Wien folgte eine Zeit namenloser Schrecken für die ganze Wiener Bevölkerung, bestialischer Verirrungen fanatisierter Finsterlinge. Es büßten alle, was dieser Täufling verursachte und was ihm geschah. Hier ein knapper Bericht über die Ereignisse, welche der „Diätenausweis" des Soharfrichtergesel'len schauderhaft dokumentiert- * Es war ein hartes, bedrängtes Leben, das die Juden im zweiten Wiener Ghetto, im „Juden-Gezürckh, enthalb der Schlagpruckhen in der unteren Wörth gelegen", im 17. Jahrhundert führten. Bei Sonnenaufgang schwärmten sie über die Brücke in die Stadt aus, ihrem Erwerb nach. Frauen, Kinder, Greise und die geliebten, verehrten Mitglieder der Gemeinde, welche sich der Lehreergab/en, blieben dem fragwürdigen Schutz der bezahlten Wache überlassen. Bischof Kolonitz hetzte, Gerüchtemacher stachelten den Judenhaß auf, die Herren Studenten, welche ihre Quartiere in der heutigen Rosenbursenstraße hatten, unternahmen ergiebige „Streifzüge*. Wenn die Ghettojuden vor Sonnenuntergang in ihren „Gezürckh" zurückeilten, mußten sie neuer Hiobsbotschaften gewärtig sein. Man ertrug es. Die Herzen, die in diesen verprügelten Leibern schlugen, waren mit. wunderbarer Kraft begabt. Bis eine neue Plage die Not des Daseins bis zur Unerträglichkeit verschärfte. Kam da ein Ahne des Leib Pfefferkorn nach Wien, ein Prager Jude, gut eingeführt bei der Geistlichkeit, wohlgelitten bei allen, die das fremde Volk verabscheuten, denn er hatte die heilige Taufe genommen und zeigte sich in Demut und in Daukschuld für seine Seelenrettung bereit, die Übeln Schleichwege der Juden, so sie heimlich und erfolgreich zur Vernichtung der Christenheit wandeln, mit Eifer und gegen, Besoldung aufzudecken. Verzweiflung befiel die Häupter der Gemeinde, als der Meschumed in den Ghettogassen auftauchte, sich hohnvoll frech umtat, Beschwichtigungsgelder forderte, die man nicht geben durfte, weil sie ihm zur furchtbaren Waffe gegen die Spender geworden wären und alsbald mit perfiden Angebereien die gesamte Bewohnerschaft des Ghettos in Todesgefahr brachte. Denn er beschränkte sich nicht auf Anzeigen gegen einzelne, konstruierte nicht bloß kleinere Eigentumsdelikte, sondern suchte auch die heimliche Beschneidung christlicher Knaben zu erweisen und praktizierte ,eine Kindesleiche in die Gasse, Nun war aber der Meschumed kein Meister seines Faches, sondern ein stark herangekommenes, durch maßlosen Fuselgenuß zur Durchführung komplizierterer „Unternehmungen" völlig untauglich gewordenes Subjekt. Seine Intrigen waren so plump eingefädelt und wurden von dem verwirrten Alkoholiker so.unsinnig angelegt,.daß sie gottlob ihren Zweck nicht erfüllen konnten. Die Gönner erkannten alsbald seine Unfähigkeit und gaben ihm den Laufpaß. So mußte er sich denn anderen Geschäften zuwenden, verband sich mit zwei Galgenvögeln, verlegte sich auf Kirchenraub, Wirde auf frischer Tat ertappt, zum Tode durch den Strick verurteilt und mit den beiden Diebsgenossen zur Hinrichtung auf den Fleischmarkt geführt. Schon stand er unter dem Richtpflock, schon legte man ihm die Schlinge um den Hals — da wurde die Exekution plötzlich unterbrochen. Der Meschumed hatte das ihm hingehaltene Kruzifix bespuckt und sich mit lauter Stimme zum Judentttme bekannt. Die nächste Folge der unerhörten Beschimpfung des Christentums war ein Pogrom auf die Juden, die sich unter das Publikum gemischt hatten, um Zeugen der Bestrafung des Täuflings und Angebers zu sein. Die weitere aber, daß der Uebeltäter in den Kerker zurückgebracht, der Prozeß gegen ihn erneuert und jene verschärfte öffentliche Hinrichtung ausgeklügelt wurde, deren Grausamkeit aus dem erwähnten „Rechnungsbeleg" des Henkers hervorgeht. Die Chronisten berichten,- wie dem Verurteilten voi Beginn der Exekution zunächst sämtliche ihm bevorstehenden Qualen vor der Volksmenge aufgezählt wurden. Sie chönste und Neue in Herren- und Damenstoffen, schon!bhbhhhm^^ infolge kleiner Regien sehr preiswerf nur be) VI., Linke Wienselle 40 (im Hole)

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