Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 30 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 DIE NEUE WELT Seife 3 Die jüdische Blutschuld. —y. Jedes Osterfest, das die katholische Kirche begeht, ist in einem weiteren Sinne ein Politikuni. Alljährlich erinnert sie ihre Gläubigen an den Tod des Religionsstifters, hält sie sie an. den Haß gegen das Judentum in stets sich erneuernder Frische zu empfinden. In allen katholischen Gotteshäusern wird das Grab Christi geöffnet. Ein mit blutigen Wundmalen bedeckter Körper liegt drin; in mystischem Sahauer knien die Frommen ringsum und hören vom Priester die Geschichte, wie die Juden den Heiland gekreuzigt haben. Die Juden schleppten ihn vor den römischen Statthalter, die Juden schrien nach seinem Tod, die Juden schworen: „Sein Blut komme über wris und unsere Nachkommen!", die Juden warfen Steine nach ihm, die Juden verspotteten ihn und folgten ihm fluchend und scheltend auf dem letzten Wege. Es -ist irrelevant,- ob und wie diese Historie sich zugetragen hat. Das ahnungslose Volk schert sich nicht um geschichtliche Wahrheit und um die Resultate der TJatsachenforschung. Für das Volk ist die Sache wahr und sie wird ihm jedes Jahr mit aller Anschaulichkeit einer bewährten Regie vor Augen geführt. Und mit vollster Absicht wird in Kultus und Ritus gerade das Element der Schuld der Juden herausgearbeitet, wird jeder gläubige Christ dazu gebracht, in dem Schicksal Christi sich selbst zu empfinden und die Geschichte der Juden als fortwirkende, in alle Ewigkeit reichende Strafe zu verstehen. In der katholischen Kirche, die ja katholisch, d. h. allgemein, allumfassend, sein will, ist alles wohlerwogen, und wenn sie alljährlich ihren Anhängern von der Blutschuld der Juden spricht, die sich vor Hunderten Jahren ereignet haben soll, so will sie in ihnen die Feindschaft lebendig erhalten und sie nicht aus dem Gefühl .der Rache entlassen. Der bewußt nuancierte Kontrast zwischen dem Wirken des Heilands und dem Verhalten der Juden, die ihn in ihrer Verworfenheit gegen einen Straßenräuber austauschten und als Verräter den Römern überlieferten, wird immer aufs neue wach und er wirkt um so tiefer, als er sich an das elementarste Rechtlichkeitsempfinden der Masse wendet. Der Mann, der da im Grabv liegt, war ein Freund der Armen, der Mühseligen und Beladenen; von den Juden wurde er gesteinigt und zum Tode verurteilt. „Wer hat ihn getötet?" fragt die Kirche, und millionenfach hallt es' zurück: „Die Juden!" Und dieses Echo ist zugleich Zweck und Wirkung, ist das Politikum, die Feme, der feste Fels in dem Gebäude der katholischen Kirche. Die alttestamentarische f?ache.' die sonst zu den Kriterien jüdischen Wesens gerechnet wird,, ist hier überboten. Ahndung für die Schuld der Väter bis ins dritte und vierte Geschlecht —* heißt es im jüdischen Gebot. Hier wird die Strafe noch über dieses Maß in die weite Zukunft hinein ausgedehnt und das Los der Juden, ohne Heimat, ohne Liebe, stets auf der Flucht und im Fluch, wegmüde über die Erde zu gehen, erscheint dem Volk nicht mehr als politisches Ungemach, sondern als Vollstreckung des Urteils, das die Ahnen einmal selbst über sich verhängt haben. Die. Geschichte der Juden wird dem Mann auf der Straße in einer knappen Formel illUIIIIIIIIIHIIIIIIIIlilllllllllllllllillillllllM STEN AUS BESTEM HAAR ZU BÜRGERLICHEN PREISEN I., KKRNTNERSTRASSE 28 I EST, VACZI UTC A 19 1 Itiilllillllliltlllllllilll^ verständlich gemacht: Sie haben Christum gekreuzigt und sie büßen ihre Schuld. Das sagt die Religion der Liebe in jedem Jahre wieder mit uralten, einfachen, suggestiven Redewendungen, und da diese Religion eine machtpolitische Institution ist, so ergeben sich aus ihrer Haltung politische Tatsachen, die das gesamte Judentum treffen und die sich tief in die Weltgeschichte eingegraben haben. Es ist der konfessionelle Antisemitismus, die Nährmutter des nationalen und wirtschaftlichen Judenhasses. Wenn man die Stellung des Judentums in der Welt, seine Beziehung zu den Völkern und Strömungen prüft, so darf man diese Seite der Frage nicht übersehen. Im Bereiche der Kultur der weißen Menschheit war die katholische Kirche vom Zeitpunkt ihres Sieges über die Antike bis vor kaum 100 Jahren führend und ihre durch den Revolutionshumanismus eingeschränkte Macht beginnt sich heute wieder auszubreiten. Eine ihrer tragenden Säulen ist die Schuld der Juden an dem Tod Christi, die Schuld, für die das jüdische' Volk durch die Zerstreuung über die Erde büßen riniß. Eine Rückkehr der Juden in ihre Heimat widerstreitet dieser Grundanschauung und darum tritt die katholische Kirche der jüdischen Repatriierung entgegen, darum umß es bei der Verfemung' der Juden bleiben. Und darum ist in jedem Jahr,;das^ Grab .Christi offen, darum lernen Millionen ""von .Kindern aller Völker stets aufs neue die Geschichte von der jüdischen Blutschuld. .; ■ |: GELBAND & €9, WIEN, IX. GRUNDLSTR. 5 '] Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit «I Produktive Arbeitslosenfürsorge in Palästina, Einstellung der Unterstützungsgelder. — Ein konstruktives Programm der zionistischen Exekutive. — Nathan Straus und Felix Warburg zeichnen 20.000 Pfund. Aus Jerusalem wird der „Neuen Welt" berichtet: Die zionistische Exekutive hat beschlossen, die Auszahlung von Unterstützungsgeldern an die Arbeitslosen in Palästina ab 23. d. einzustellen und für die Ueberführung der noch vorhandenen 2700 Arbeitslosen zur Arbeit ein konstruktives Programm aufzustellen. Es sollen umfangreiche Straßen- und Neubauten durchgeführt werden, für die außerhalb des regulären Budgets eine Summe von 25.000 Pfund notwendig ist. Zu diesem Erfordernis haben die Herren Nathan Straus und Felix War bürg je 10.000 Pfund beigetragen. Der Rest von 5000 Pfund ist von einem anonym gebliebenen Spender zur Verfügung gestellt worden. Aus dem regulären, vom Kongreß beschlossenen Budget wird, ein Betrag von 15.000 bis 20.000 Pfund entnommen werden jedoch nur unter der Voraussetzung, daß das Budget voll gedeckt werden kann. Die vön der Palästinaregierung erwartete Beihilfe von 15,000 Pfund, die in Gestalt einer Anleihe hätte erfolgen sollen, ist ' bisher nicht erreicht worden. Die zionistische Exekutive glaubt, daß sie auf Grund des neu beschlossenen Planes die v org an ische Absorbierung aller Arbeitslosen in der Wirtschaft wird erreichen können, so daß dann eine neue Phase der jüdischen Einwanderung eingeleitet werden kann. in Herren- und Damenstoffen, schon jfttzt zu Beninn der Saison infolge kleiner Regien sehr preiswert nur bei VI., Unke Wienzelle 40 (im Hoffe) ■■MM——»———" I" .........IM „Die Juden im alten Wien"*). Ein neues Buch über die Wiener Juden des Vormärz. Ganz kurz nach der blutigen und martervollen Verjagung der Wiener Juden aus dem Ghetto im Werd, im Herbst 1673, fand eine denkwürdige „Friedensverhandlung" zu Wischau statt. Ueber Drängen der Hofkammer mühten sich ein hochgeborener und ein bürgerlicher Unterhändler um die Rückkehr der Juden nach Wien. Als einmalige Leistung, als Mautgeld sozusagen, wurde der Bettel von 300.000 Gulden erzielt und im übrigen bedungen, daß nur die Reichen wieder einziehen dürfen. Durch die runde Summe von 10.000 Gulden, welche fortab alljährlich als Judensteuer aufzubringen war, hatte man der unerwünschten Zuwanderung der „Canaille", der Besitzlosen, einen goldenen Riegel vorgeschoben. Diese „Einladung", Geld in den Beutel zu tun und in die Kaiserstadt zurückzukehren, ist der Auftakt des neuen Buches von Ludwig Bato, in welchem einfach und ruhig, aber mit dankenswerter Klarheit und Eindeutigkeit die Geschichte. der Wiener Juden vom .Wischauer Kuhhandel bis zum Sturmjahr 1848 erzählt wird. Ich schreibe „erzählt" und will damit die angenehmste Qualität des Buches kennzeichnen. Es ist ein Lesebuch, kein Geschichtswerk. Ein Mann von Charakter und Temperament informiert, nimmt Stellung, kritisiert. Nichts wird beschönigt. Nicht' die Haltung der wechselnden Regierungen und die der Juden schon gar nicht. Denn der Autor liebt sein Volk und er Jeidet mit, wenn sich die im Vordergrund der Ereignisse; *\ Luawig.Bato: „Die Juden im alten Wien", Phaiddn- Verlag, Wien. stehenden* Männer und Frauen verflossener Geschlechter entwürdigen oder gar Felonie begehen. Und wo er Treuen und Opfermut, hohes Verantwortungsgefühl und Tapferkeit der Seelen melden darf, geschieht es mit innerer Anteilnahme. Noch eines: für das fragwürdige Geschäft der Apologetik ist dieser Sohn der jüdischen Moderne und Schüler Theodor Herzls nicht zu haben. Die gesamte Judenpolitik dieser Periode hat materielle Grundlagen. Das Tolerieren der Juden muß sich) rentieren. Anträge des Magistrats auf neuerliche Juden- Vertreibung werden abgelehnt — weil die Bürgerschaft) den Ersatz des Steuerausfalles nicht garantieren kann. Die Erbauung eines Ghettos, unterbleibt, weil man durch solcho Auslagen die Eingänge' aus dejn Judengeschäft verkürzen würde. Die Untertanen, die stets ein feines Ohr für di« Wünsche und Absichten der Herrscher haben, finden alsbald, wie herrlich die pünktliche Bezahlung der Steuern auf die Moralität der Juden wirkte und sie relationieren nach oben das Allerlöblichste über die tüchtig Zahlü den, hingegen nur Abfälliges über jene Verruchten^ die sich „ohne Be-, Zahlung einiger Gebühr" in Wien aufhalten. Und lange Zeit wird mit dem Zweck tüchtiger Judenschröpfung nach Tunlichkeit ein anderer verbunden: Die Verminderung der Zahl der Wiener Juden, und die Herabsetzung ihres Ansehens. Den Jubel, welchen die Empfänger des Toleranzpatentes Kaiser Josefs II. äußerten, teilt Bato nicht: „Das Toleranzpatent eröffnete keine neue. Epoche in der Geschichte der Judenheit und es liegt auch kein Grund vor,. Kaiser Josef, der den1 Juden völlig verständnislos gegen-« übersteht und sie lediglich alß Nutzdb'jekte ^betrachtete, Weihrauchzu streuen." Er weist nach, wie insbesondere nach dem Tode des Volkskaisers die Maske der. wohl-> wollenden Reform abgestreift und vom Polizeistaate bis zum Jahre 1848 ein Werk der Kulturvergewaltigung verrichtet wurde. Wie sich plötzlich die Sucht der Entfremdung um die Zeit der Erteilung des Toleranzpatents einstellt und dann mit dem sozialen Aufstieg der Wettlauf zum Taufbecken, wird an'der allgemeinen Entwicklung, noch präg« nanter aber an Einzelfällen und durch"Anekdoten gezeigt,, die Bato in seine Historie von den Wiener Juden verwebt» Sie haben einen humorvoll-kräftigen Unterton und würzen» die Lektüre. Es ' ergibt sich zum Exempel die groteske Gegenüberstellung folgender Zeiterscheinungen* Die Hinaufgekommenen wollen von einer jüdischen Schule, deren Vor-, enthalturig ihre sämtlichen Vorfahren für eine Schmach! empfunden haben, plötzlich nichts wissen und verhindern jede Möglichkeit, sie aufzubauen. Die Regierung hinwiederum, die stets am Sprunge war, den Gebrauch des Hebräischen gänzlich zu verbieten, wird sozusagen über Nacht die eifrigste Förderin des hebräischen Schrifttums). Nämlich: Es ergab sich die Gelegenheit, in Wien einen bedeutenden hebräischen Büchermarkt zu etablieren und die Machthaber waren klug genug,- diese große Chance für das heimische Gewerbe zu nützen. Zahlreiche Offizinen erhielten sich vom Druck hebräischer Bücher vortrefflich. Es ist ein interessantes Kapitel jüdischer Kulturgeschichte, das hier Bato entrollt und der Kreis der jüdischen Fachleute, Literaten, Schöngeister, den der bedeutende Wiener hebräische Buchverlag beschäftigt, wird uns in scharf umrissenen Porträts vorgeführt. Die Behandlung der Aufklärurigsbewegung gibt Anlaß zu einer Parallele zwischen dem Berliner und Wiener Judentum jener Epoche, die Schilderung dec jüdische*