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Die neue Welt · 1928-04-04 · Heft 29 (4.4.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 29 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 29 DIE NEUE WELT Seite 7 sind oft nicht so viel wert, als das Urteil zufriedener Gäste. Ein zufriedener Gast ist die beste Empfehlung! Hermann Plaschkes 70 Jahre alt. Einer der ersten und besten Kämpfer für die jüdische Sache in Wäen, Herr Hermann Plaschkes, feierte dieser Tage seinen 70. Geburtstag. Lange vor Herzte Auftreten war Plaschkes in der jüdischen Politik im nationalen Sinn tätig. Im Jahre 1893 gründete er gemeinsam mit Dr. Hermann Kadisch eine jüdische Gruppe innerhalb der von Kronawetter geführten demokratischen Partei, der später Luzian Brunner beitrat. Im Jahre 1897 gründete er gemeinsam mit Vertretern der jüdischnationalen Verbindungen K a d i m a h und U n i t a s (Dr. N. B ii r n b a u m, Richard Rappaport, Dr. Jakob Ko hu u. a.) und Doktor Kadisch, Dr. Paul W e i s e n g r ü n und Dr. Karl Lifcis den Jüdischen Volksverein in Wien. Die zwischen der Zionistischen Organisation, welche anfangs der nationalen Landespolitik gleichgültig gegenüberstand, und dem Volksverein bestehenden Differenzen wurden unter Mitwirkung H e r z 1 s bereinigt, die Zionistische Organisation nahm die nationale Politik in ihr Programm auf, und von da ab kämpfte Hermann Plaschkes in den Reihen der Zionismen. Er war der erste j üdischn ationale Kandidat für den Gemeinderat. Seit 1908 ist er Mitglied der Kultusbezirkskommission im 2. Bezirk. Von 1919 bis 1927 wirkte er als zionistischer Bezirksrat. In seiner Berufsgruppc wirkte er vorbildlich und ist seit 190S Vorsteher der bis. dahin christlichsozial geführten Genossenschaft der Pferdehändler, seit 1915 Mitglied der staatlichen Steuerkommission. Hermann Plaschkes ist noch heute immer am Platze, wenn es gilt, für die nationale Sache zu arbeiten wnd zu kämpfen und ist in dieser Arbeit rührig und jung. Französische und östliche Juden in der Provence. Auf Anregung der jüdischen Gemeinde in Avignon fand dieser Tage eine Zusammenkunft der Gemeindemitglieder mit den im Gebiet der Vaueluse (Provence) landwirtschaftlich tätigen C h a 1 «zim statt, um eine engere Zusammengehörigkeit zu schaffen. Ansprachen hielten Rabbiner Scialtiel, der von der 'brüderlichen Verbundenheit -und der tiefen Sympathie für die Arbeit sprach, und der Präsident der Gemeinde, Advokat R. Valabregne, der erklärte, daß der Adel der Gesinnung und die Zukunftshoffnungen der sich für die Arbeit in Palästina ausbildenden jungen Menschen bei den Juden Avignons ein tiefes Echo finden, die glücklich wären, ihre Solidarität mit den polnischen Brüdern bezeugen zu können und alles tun würden, sie ihre Isolierung vergessen zu machen. Professor Max Zondek. Am 30. März feierte der Berliner Chirurg und Urologe Prof. Max Zondek, der älteste der fünf in Berlin lebenden jüdischen Medizin-Professoren Zondek, seinen 60. Geburtstag. Er ist ebenso wie seine drei Neffen, die alle ■der Berliner medizinischen FaKtoltät atigehören, in Wronke geboren. Er hat zu fast allen Gebieten der Chirurgie Beiträge geliefert. Sein Buch „Die chirurgische Erkrankung der Niere und des Harnleiters" hat große Anerkennung und weite Verbreitung gefunden. Zondek hat zunächst mit dem Physiologen R. du Bois-Reymond über Amputationen gearbeitet und dann in einer Reihe feiner Experimente gezeigt, wie sich das innere Gefüge des Knochens vom Beginn der Bruehheilung bis zu deren Vollendung gesetzmäßig gestaltet. In Verbindung hiermit stand auch seine Beschäftigung mit Unfallheilkunde. -r: RESTAURANT M. OPERER WIEN, 11., TABORSTRASSE 12 (Hotel Stephanie) empfiehlt für die Feiertage seine PALÄSTINA-WEINE: Originalfüllung $ 4,50 per tMasche PESSACH-MENU: Suppe, Braten, Beilage, Mehl- »Paisfl S 2.50 Speisen am Kost, La Oralar. Tägl. irische Pfefferkarpfen Gumpel Kurzmanns Sedemacht. Von Jakob Krausz. Gumpel Kurzmaun war der typische Grobheitsprotz der Judengasse. Im allgemeinen friedfertiger Natur, lehnte er sich doch gegen jede Autorität in der jüdischen Gemeinde auf. Sein Wahlspruch lautete: „Was ich nicht verstehe, anerkenne ich nicht." Er pflegte auch dieses Prinzip mit Tatsachen aus seinem Leben zu erläutern. „Ich war schon als Kind so. Mein Vater, Friede sei mit ihm, wollte mit ailler Gewalt, daß auch ich wie er Ochsenhändler werde, ich hatte aber weder Verständnis noch Sympathie für dias Hornvieh und sagte daher ruhig meinem Vater: „Du hast es ja leicht gehabt, du warst erst Ochsentreiber und bist dann Ochsenhäudlcr geworden. Aber 'ich soll gleich Ochsenhändler werden?" Und ich ging eines Tages meinem Vater durch, verdang mich au einen Pferdehändler als Pferdehalter und hatte es nicht zu bereuen. Heute bin ich Gumpel Kurzmann, der bekannteste Pferdehändler in der ganzen Slowakei." Dieser durch Generationen geübte Umgang mit Tieren machte die Familie Kurzmann zu überzeugten Verächtern der Menschen >u.nd ihrer sogenannten Kultur. Im Verkehr mit den Aemtern, in denen nur Christen schalteten, dia konnte. Kurzmann mit seiner Menschenverachtung nicht zur Geltung kommen. Anders war es jedoch in der eigenen Gemeinschaft in der Kehillah, in der Juden die Herrschaft führten und Gesetze schufen, welche die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft voneinander schieden, anstatt sie zu Vereinen. Da wiar Gumpel Kurzmann in seinem Element, da konnte er mit Hilfe seiner Lebensphilosophie den Kampf führen gegen alle in der Gemeinde, die da glaubten, daß Thona und Wissenschaft den Wert des Menschen über den Unwissenden stellen. Gumpel entzog sich übrigens nie der üblichen Pflichten der Gemeinde gegenüber. Er zahlte seine Steuern, schickte den „Heiligen Geräten" der Synagoge, als da sind Rabbiner, Kantor, Schächter und Schammes, die seit Jahrhunderten eingeführten Spenden zu den in Betracht kommenden Feiertagen, so auch zu Pessach den Beitrag zu den vorschriftsmäßigen vier Bechern Weines, die am Feste der Freiheit auf das Wohl der Freiheit gelleert werden wollen. Gerade hierin zeigte sich Gumpel stets sehr generös, freilich nicht aus Liebe und Achtung für diese Kategorie der Glaubensgenossen, als vielmehr der abgrundtiefen Mißachtung für die Gelehrten, die für ihn, für sein Geld beten, singen, fromm sein und Thora lernen müssen. Müssen, nicht wollen; denn Gumpel ikonnte sich kein lebendes Geschöpf mit gesundem Verstand denken,' das sich mit sogenannter jüdischer Wissenschaft abgibt, wenn es nicht hiezu durch irgend einen-seelischen oder körperlichen Defekt gezwungen ist. Gumpel ging in seiner Ablehnung aller Ehrenzeichen für geistige Vorzüge so weit, daß er im Gegensatze zu anderen Ignoranten der Judcngassc etwaige Versuche von kriecherischen Strebern, ihn mit „Reib Gumpel" zu ködern, mit irgend einer saftigen Grobheit zurückwies. Er empfand es als eine verletzende Einschränkung seiner Autorität' als Pferdehändler, wenn man ihn mit dem Prädikat „Reb", das so viel wie Rabbi bedeutet, schmücken wollte. Sagte einer von ihm, daß Gumpel als Pferdehändler hundert Zigeuner übertreffe und daß ihm kein Roßtäuscher gewachsen sei, so erfüllte ihn das mit Stolz und unbändiger Freude. Nannte ihn aber jemand Reb Gumpel, dann erfaßte ihn tolle Wut; denn yor seinen Augen erschienen der kleine dürre Rabbi seiner Gemeinde, der bleiche Bachur der Jeschiwah, der Gelehrte, Schächter und Vorbeter mit seineu acht hungrigen Kindern und dem rothaarigen Weib und alle jene bleichen oder, wie er zu sagen pflegte, mit Luft angepumpten dämpfigen Gestalten der Gemeinde, die alle an ihrem „Reb" nagen und verhungern. Diese Motive leiteten ihn auch bei der Ausübung der Gepflogenheit, au den zwei Sederabenden fromme, seiner Meinung nach gelehrte Juden an seineu Tisch zu laden. Er wollte an diesen Festabenden drei erwachsene Juden zu Tische halben, damit, wie er es von anderen hörte, das Tischgebet zu Dritt, „Mesuman", verrichtet werde. Er BLABMSCHEiNS WD T£RIVO Unerreicht in Qualität und Preis! Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden | des Herrn Oberrabbiners S. F ü r s t! Darf In keinem jüdischen Haushall fehlen I ncö 5v Ueberau erhältlich! j KARL BLAIMSCHE1N8 vereinigte Maigarine- und Butter- | tabifkcn, Wien,' XIV.. Diefenbachgasse 59 ii iiiiiiiiiiHiiimiiiiHiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH» II _ OTTO KÄSEREI! verzichtete auf alle Vorrechte des Mausherrn; er ließ die zwei Gäste hinsichtlich des Rituales der Sedcrorduuiu>- nach Belieben schalten, nur bedang er sich aus. daß sie sich nichts schenken dürfen, daß sie den Seder und die sonstigen Gebete mit dem üblichen fröhlichen Saug absolvieren, daß sie auch geistreiche Thorawortc vortragen und ihm auch eine Disputation, einen Pilpul vorführen, scharf fanatisch, leidenschaftlich, feurig, wie sie es im Bcth-Hamidrasch so oft zu tun pflegten. Gumpel Kurzmann war kinderlos. Seine Frau, die nach zehnjähriger Ehe in die Wochen kam, starb, bevor sie das Kind zur Welt bringen konnte. Seitdem führte ihm eine alte Schwester die Wirtschaft. Sie galt als berühmte Köchin, ein Umstand, der .ausschlaggebend war, als Gumpel sich entschloß, ihr die Führung seines Hauses anzuvertrauen. An jenem Scderabeud, von welchem hier die Rede ist, trug Gumpel seiner Schwester auf, ihn vor den Gästen mit ihren gastronomischen Darbietungen nicht zu blamieren. Und in der Tat, Sari entledigte-sich dieses Auftrages mit einer unerreichten Virtuosität. Was die Phantasie einer ehrgeizigen jüdischen Köchin für den Festtag zu ersinnen vermag, kam an jenem Abend auf den Scdcrtisch. Als Gumpel .am Abend in der Synagoge war und auff dem Heimweg seine zwei Sedergäste mitnahm, musterte er sie wie Pferde. Wenn sie sprachen, sah er ihnen auf die Zähne. Er war mit seiner Wahl offenbar sehr zufrieden, es waren zwei junge Menschen mit kunstvoll geringelten, .aber kurzen Peijes, mit bleichen Gesichtern, aus deren tiefliegenden schwarzen Augen ein Feuer sprühte, dessen Ursprung Gumpel dem feurigen Fanatismus zuschrieb, während es in Wa'hrheit vom Hunger 'herrührte und von dem seligen Vorgefühl der ihrer im Hause Gumpels zu erwartenden Genüsse. Die beiden. Gäste Gumpels gehörten zu den ausgelassensten Bachurim der Jeschiwah der kleinen Stadt. Nicht etwa daß sie sich gegen Ordnung. und Sitte oder gar gegen die jüdischen Gesetze versündigt 'hätten. Als echte Bohemcs lernten sie hungernd und hungerten lernend, fasteten aus Frömmigkeit und Not öfter, als es Vorschrift ist, aber trotz alledem ertrugen sie ihr Schicksal mit einet Heiterkeit und einem fröhlichen Gemüt, die sie über alle Schwernisse des Lebens hinwegtrugen. Der offizielle Teil des Seders verlief ganz kommentmäßig. Gumpel saß gespreizt und angelehnt wie ein echter König oder zumindest wie ein Fürst der Pferdehändler; die beiden Bachuirim mit ihren schönen, jungen Stimmen überboten einander in dem Vortrag der Festmelodien, aßen und tranken, all die . Herrlichkeiten an Speise und Wein, die ihnen Sari vorgesetzt hatte, mit dem dankbaren Verständnis des hungrigen Feinschmeckers. Gumpel tat in allern mit, feuerte seine. Gäste an, und als nach dem Tischgebet der gemütliche Teil des Seders der Hagadah an die Reihe kam, da waren alle schon so feuchtfidel, daß Gumpel nunmehr den Wunsch aussprach, daß doch seine beiden jungen Gelehrten ihm einiges aus ihrem geistigen Vorrat gewissermaßen zur Revanche zum Besten geben mögen. Es wurde wieder „Lechajlm" getrunken, und die beiden Bachurim begannen das geistige Turnier mit einem köstlichen Ulk, der dem Kenner eine herzerquickende Freude hätte bereiten müssen. Erst ruhig und gelassen trug der eine eine These über das Pessachfest vor, wobei er nicht existierende Bibelvcrsc und angebliche Midraschstellen zitierte, die aus dem Hausherrn unverständlichen hebräischen Floskeln bestanden* wie zum Beispiel, daß Gumpel Glück gehabt habe, nicht zur Zeit des Auszuges der Juden aus Aegypten gelebt zu haben, denn als Ignorant wäre er doch sicher kein Jude gewesen und eher schon seinem natürlichen Hang zufolge ein Pferd, von dem ja das Lied am Roten Meere mit Genugtuung verzeichne, daß Roß und Reiter in das Meer sanken. Nun setzte der andere mit seiner Opposition ein. Gleichfalls mit erfundenen hebräischen Zitaten führte er den Nachweis, daß Gumpel auch in Aegypten nicht im Meere untergegangen wäre, da er schon instinktiv das Wasser verabscheue und noch kein Weintrinker im Wasser ertrunken sei. Gumpel und seine Schwester waren nun stolz und freudig erregt, die beiden Jungen gerieten immer heftiger aneinander, sie schrien, gestikulierten, erstickten nur mühsam das Lachen, Gumpel feuerte sie aber immer mehr an, trank ihnen zu, sie kamen nach, und es dauerte nicht mehr lange, so torkelte Gumpel an das andere Tischende, wo seine Gäste saßen, erhob den Becher des Propheten Elijahu und hielt' den beiden Pilpulanten eine ergötzliche Strafpredigt über die Schwächen der Menschen und darüber, um wie vieles höher das Tier und besonders das Roß über dem Menschen stehe. Weinselig umarmten sich Gumpel und die Bachurim, die ihrem Herrn und Gastgeber noch ein letztes „Leclnjirn" zulallten und ihn feierlichst zum Rabbi und Nassi vom BBBBBBBBeBBBBBBBHBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBB ■ ta sbucherstubb m* mm* m II.TABORaTRASSE20a, TELEP~HOnIJ-1 ~5ITm ■........................ ■ B ............. ■ ■ MODERNE LITERATUR ✓ WISSENSCHAFT J ■ JUGENÜSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA « a ■ BBBBBBBMBBBBBBBBBHBBBBfilBBBBBBOMBBBBBMB

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