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Die neue Welt · 1928-04-04 · Heft 29 (4.4.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 29 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 29 DIE NEUE WELT Seite 3 \btanb Grosse Auswahl in echten Schlongenschutien v. $ 45.- aufw. Färbige f JJ«JJ Modespangenschuhe 1 ll.lo Detailverkauf zu Engros-Preisen AjtL direkt in der Fabrik, VII. Bez., Kaiserstra9se Nr, ■IB Das Fest der Freiheit. —y. Dem jüdischen Stamm, der in dem Rayon Gosen in seinen Schlamm- und Strohhütten lebte, brachten Moses und Ahron das Wort der Freiheit. Sie hatten es schwer. Menschen, die in der Robot versinken, von der Sorge um Weib und Kind, um Brot und Leben zerfressen sind, finden auch das Unerträgliche als selbstverständlich. So lange ihre Erinnerungen zurückreichten, waren sie Leibeigene gewesen, jeder Schmach und Tortur preisgegeben. Es schien Vermessenheit, sich gegen das Geschick aufzulehnen. Sie waren anders als die anderen und so mußte auch ihr Schicksal ein anderes sein. Wenn sie sich auflehnten, so kamen die Pfeilschützen des Pharao. Die Ahnen waren einmal vor Hungersnot und Krieg und Dürre flüchtend im Vertrauen auf die Gastfreundschaft ins Land gekommen und das Gesetz legte sich wie eine Fessel urn sie. Sie waren Fremde und mußten mit ihrer Körperarbeit für das Recht des Aufenthaltes zahlen. In der Härte der Plage schlief auch die Seele ein. Vielleicht ahnten sie, vielleicht sangen die Männer und Frauen noch die Lieder, daß draußen irgendwo im Osten hinter der großen Wüste die verlorene und vergessene Heimat lag; vielleicht gab es auch noch anderwärts, jenseits des Meeres Menschen ihres Stammes und Blutes. Moses und Ahron sagten das auch und sie sagten weiter, daß man durch diese Wüste gehen müsse, um wieder in die Heimat zu kommen und dort nur nach eigenem Gesetz zu leben und für sich selbst Städte und Dörfer zu bauen, Aecker und Weingärten zu bestellen. Die Leute wurden nachdenklich. Freiheit? Was ist das? Ist das nicht zuerst, die Wüste, die zu durchwandern ist, ist das nicht zuerst der Aufseher des Pharao? Und ist nicht dieser Aufseher auch ein Jude, der sich nicht so hart plagen muß? Gewiß ist das Leben schwer, aber ist es nicht besser, den Buben, der noch da draußen herumtollt, so zu erziehen, daß er auch ein Aufseher wird? Er muß sich an die Peitsche gewöhnen, aber vielleicht wird er sie selbst einmal führen. Und wenn er einen Juden schlägt, nun, das ist Gesetz, Vorschrift. Amt. Vielleicht wird er die Liebe einer schlanken Nubierin finden und von ihr aus dem verachteten Stamm her-, ausgeführt ein Speerschütze oder Wagenlenker oder gar Priester werden. Sklaven denken nicht hoch und .Wissen nicht, daß sie Sklaven sind. Das tägliche Brot ist kärglich, aber es ist da. Was soll die Freiheit? Man kann in der Wüste umkommen, man wird Streit untereinander haben, die Juden werden sich nicht vertragen, sie werden neue Feinde finden. Heute wehrt der Pharao Einbrüche von Barbaren ab; in Zukunft müßte man das selbst tun. Ein Staat so jüdisch, wie dieser Staat ägyptisch — wozu? .Wird er sich halten? Aegypten braucht den Weg nach Syrien. Wird es das Jordanland sich in Frieden entwickeln lassen? Immerhin, die jungen Leute horchten hoch auf, twenn Moses und Ahron sprachen. Was diese zwei gereiften und erfahrenen Männer sagten, das riß die Seelen in einen Sturm. Sie wußten nicht, was Freiheit ist, aber man mußte um sie kämpfen und etwas, Hermann Cohen. Zum zehnten Todestag des Philosophen (4. April). Das Gesamtwerk Hermann Cohens erfährt noch immer Bereicherung und Ergänzung durch die sich fortsetzende Herausgaibe seiner in verschiedenen Zeiten und Zeitschriften, einzeln veröffentlichten Abhandlungen und Aufsätze. Das geistige Charakterbild des Philosophen steht freilich in seinen, Grundzügen fest: noch aber fehlt uns. die große, seiner würdige Biographie, die uns in das monumentale System des Denkers -und Kämpfers Cohen zeit- und geistesgeschichtlich einführen sollte. Haben wir aber auch schon die richtige Distanz zu ihm gewonnen? Ein nachdenklich und verweilender Blick auf das Ganze der Philosophie Hermann Cohens und auf die feisenharte Eigenart dieser Kämpfernatur läßt uns in seinem Denken und in seiner Lebenshaltung drei besondere Phasen aufs deutlichste erkennen. Die erste — 'in sie fällt die Jugend Hermann Cohens — ist charakterisiert durch seine, man möchte sagen, stürmische Hingabe an die Philosophie und Lehre Kant s. Diesem philosophischen ,,Sturin und Drang", der von Hermann Cohen erregt, bald auch andere jugendlich Philosophierende mitriß und mitergriff, — ihm zumal entsprang dann jene besondere Richtung, die sich die Erneuerung und Fortsetzung der Kantschen Philosophie zur wichtigsten Aufgabe stellte: die sogenannte „Mar bürg er Schul«", als deren Begründer und Haupt Hermann Cohen allgemein anerkannt wurde, der }»hiizebntefa<i« an der Marbur^er Universität m die um das man kämpft, muß doch etwas Hohes und Besseres sein. Kampf ist unklar und ungewiß. Aber was ist denn gewiß? Doch nur dieses Ziegelbrennen und Garbenbinden für andere, doch nur die Peitsche des Aufsehers. Die Jungen entschieden sich. Sie sagten zu Moses, bereite du alles vor, wir vertrauen dir, wir gehen mit dir. Moses ging zum Pharao. Der hatte eine heitere Stunde, als er die Bitte vernahm, dieses Volk zu entlassen. Dieses Volk von Sklaven? Läßt es sich nicht von uns mißhandeln und tragen nicht viele von ihnen meine Peitsche? Dieses Volk ist faul. Es will nicht arbeiten. Es ist feig und dient nicht in meinem Heer. Es ist aufrührerisch, unruhig, klagt immer gegen den Staat und verlangt immer nur Rechte. Wenn ich so einen Juden prügeln lasse, schreien alle. Meine Priester sagen mir, daß ihr nicht zu Osiris beten wollt und daß ihr überhaupt sonderbare Gebräuche habt. Wenn ihr aber weggehet, wer wird dann meine Pyramiden bauen und die Schöpfräder in Ordnung halten? Dieses freche Sklavenvolk kann keinen Staat gründen, es würde sich sofort mit den Feinden Aegyptens verbinden. Ihr bleibt da! Als Moses herauskam, schmähten ihn die jüdischen Aufseher. „War es nötig, den Pharao in Zorn zu bringen? Ihr habt unseren Ruf stinkend gemacht. Ihr wollt einen Staat gründen? Ihr seid Utopisten! Auf eure Versprechungen hin sollen wir von den Fleischtöpfen Aegyptens scheiden?!" Moses ging nun zur Jugend und sie folgte ihm. Sie schritt aus der Sklaverei in die Beschwernis der Freiheit. * Der schmucklose Bericht der Bibel ist, wie man leicht merkt, auch für unsere Zeit von lebendigstem Inhalt. Das Judentum hatte sich selbst verloren und erst nach fast zwei Jahrtausenden konnte es wieder dazu gelangen, seine Lage zu erkennen und einen er als Nachfolger Albert 'Langes berufen ward — als Lehrer ■wirkte. Der schöpferische Trieb Hermann Cohens genügte sich aber nicht in der Mission — die er übrigens erfüllt hatte —,' Interpret Kants, zu sein. Es beginnt die zweite Phase: die Grundlegung seines eigenen, selbständigen Systems der Philosophie. Der theoretische Teil leitet sich ein als „Logik der reinen Erkenntnis". Im Prinzip auf Kant sich gründend, und wie dieser ganz besonders auf Plato zurückgehend, wandelt Cohen — methodisch wie inhaltlich — seine eigenen Wege — auf denen zu folgen nicht gerade leicht fällt — auch dem um Philosophie sich heiß Bemühenden. Philosophisch veranlagte Jugend sei gewarnt, da| System seiner Philosophie mit seinem ursprünglichen Teil zu beginnen. Auch begegnen uns noch im Herzstück, als welches man seine „Ethik des reinen Willens" mit Fug und Recht bezeichnen kann, formale Schwierigkeiten genug, die sich indes nach und nach geben, sobald man sich nur das Zentralproblem seiner Philosophie und philosophischen Grundauschauung: das Problem der Sittlichkeit, klar gemacht hat. Das Problem der Ethik, in ihrer erkenntnistheoretischen Begründung, und der Nachweis ihrer Bedeutung für alle Philosophie und alles Leben — dies bildet den eigentlichen Ausgangs- und Mittelpunkt seines Systems der Philosophie. Und die Fundamentierung der Idee der Sittlichkeit auf den j ü d i s c h e n P <r o p h e t i smus, in welchem das Prinzip individualer und sozialer Gerechtigkeit zum unbedingten Postulat in aller Menschen- und Völkergemeinschaft erhoben und verkündet waid: sie mächt den Eckstein und Schlußstein der „Ethik des reinen W'ülens", politischen Willen zu bilden. Die Feindschaften von innen wie von außen sind geblieben und der Kampf um die Freiheit des Voikes. um seine Erlösung aus geistiger und seelischer Apathie wird nur von einer Minderheit geführt. Das wäre nichts Erschreckendes. Denn nur Minderheiten tragen die Entwicklung vorwärts, nur in ihnen lebt der Geist des rebellischen Protestes gegen die Verflachung und gegen das Unterduckeii unter das Joch. Aber es bleibt Vorbedingung, daß wenigstens die Minderheit kein Kompromiß macht mit den Fleischtöpfen und den Aufsehern und den Pharaonen. Die Minderheit im Judentum, die das Volk und sein Streben erneuern will, darf nicht abweichen von der Linie., die sie. sich gezogen hat. Für sie muß Bewegung, und Ziel das Eins und Alles" sein. Gibt sie sich auf, verliert sie den Offensivgedanken der Freiheit, dann gibt. sie auch das Volk auf und dann schlagen die Wogen des Roten Meeres über uns allen zusammen. Das ist der Sinn dieses Festes der Freiheit. Chinesen und Juden. Aus Schanghai wird gemeldet: Der Kommissar für auswärtige Angelegenheiten der Regierung Kiangsu, Quo Tai-Chi,'wohnte einer Keren-Hajessod-Konferenz bei und hielt eine Ansprache, in der er ungefähr sagte: Ich hoffe, daß das jüdische nationale Heim in nicht; ferner Zukunft eine feststehende Tatsache sein wird, und ich ■möchte im Hinblick darauf die Versicherung abgeben, daß China bereit sein wird, die Hand für einen chi n eis Ii s ch - j üdi s ch e n Freu n d s ch aif t sr.-b u n d zu reichen. Die chinesische nationale Bewegung erstrebt Unabhängigkeit und Anerkennung für ihre zeitgemäßen nationalen Aspirationen und hat darum ein starkes Empfinden für jedes Freiheitsstreben. Einige führende Mitglieder der chinesischen Nationalregierung befinden sich jetzt auf der Reise nach Palästina, dessen Entwicklung von ihnen mit warmem Interesse verfolgt werden wird. Damit aber trat abermals für Hermann Cohen ein Wendepunkt ein; sichtbar zunächst in der Wirkung, die seine Philosophie auszulösen begann. War es schon für einen Teil zünftiger Philosophen eine sie nicht gerade erfreuende Ueberraschung, daß ihr Kollege von ihrem gemeinsamen Unternehmen der Kant-Interpretierung und über sie hinweg ein 'eigenes System aufzubauen wagte, so ward es ihm, zumal von gegnerischer Seite, erst recht übel vermerkt, daß er in die Begründung der Ethik ein wesentliches Moment aus der Geschichte und dem Geist des Judentums in sein System aufzunehmen und mit ihm zu verflechten den Mut hatte. Das trug ihm denn auch von einem dazumal „führenden" Philosophen das Wort ein: Cohens System? „Mehr Rasse als Philosophie." — ein Wort, das den Zeitgeist bis hinein in die Zeit- und Modephilosophie des beginnenden oder schon üppig wuchernden Antisemitismus symptomatisch kennzeichnet. Von da, man weiß >es, gingen direkte und indirekte Verbindungen in Menge zum Antisemitismus in schon weniger akademischen Formen, Gewaltsame antisemitische Eruptionen nahezu auf der ganzen europäischen Linie, auch in kultureil so hochstehenden Ländern wie Frankreich und Deutschland — dort die Orey-x fus-Arfäre, hier die permanent sich fest- und fortsetzende, wissenschaftlich sich drapierende, gesellschaftlich brutale antisemitische Hetee — und ihr gegenüber die Entstehung und rapide Ausbreitung der nationaleudisehen, der zionistischen Bewegung — erschütterten aufs tiefste Cohens pninjjipieUe Stellung und Einstellung m Judentum, 'Deutschtum, Menschentum. , Damit sefc&t dte dritte, iete+c Phase ein —.. seine iyiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH DIE SCHÖNSTEN P E R O C K E N AUS BESTEH! HAAR ZU BÜRGERLICHEN PREISEN WIEN, I., KÄRNTNERSTRASSE 28 ★ BUDAPEST, V ACZI UTCA 19 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiüiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiigiiiiiiiiin

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