Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 28 (30.3.1928)
- Date
- 1928-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mr. 28 DIE NEUE WELT Seite 3 Erosse Auswahl in echten Schlongenschuhen v. s 45.- aufw. Pirblge f 19.50 Modespangenschuhe ) ".IS Detailverkauf zu Engros-Preisen >InC direkt in der Fabrik, VII. Bez., Kaiserstrasse Nr. ^ffO Aus Amerika« Ankunft Weizmanns. — Kampfansage der Opposition gegen Wetetnann und LIpsky. — Spaltung der zionistischen Organisation? «-< Stephen Wise aus dem Landeskomitee ausgetreten. Der Präsident der zionistischen Weltorganisation Professor Dr. Chaim Weizuiann ist am 22. März in New York eingetroffen. Er wurde beim Verfassen des Schiffes von zahlreichen Abordnungen jüdischer Organisationen begrüßt. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphenaigentur äußerte sich Dr, W»e izmann sehr optimistisch über die Aussichten der Aufbauarbeit in Palästina für die nächste Zukunft. Weizmann erklärte, er werde sich während seiner jetzigen Anwesenheit in den Vereinigten Staaten um eine endgültige Zusammensetzung der erweiterten Jewish Agency bemühen. Dr. Weizmann sprach seine Mißbilligung aus über die von einzelnen Persönlichkeiten an der Tätigkeit der amerikanischen zionistischen Administration geübte scharfe Kritik, die, wie er sagte, den normalen Fortgang der Arbeit, hindert. Der Präsident des Joint Distribution Committee, Herr Felix M. War bürg, besuchte Dr. Weizmann sofort nach seiner Ankunft in New York im Hotel „Commodore" und hielt mit ihm eine längere Beratung ab. Eine neue Sezession in der amerikanischen zionistischen Organisation. Aus New York wind gemeldet: Die bekannten Zionisten Samuel Rosenson und Lawrence Berenson sind aus der zionistischen Organisation und aus dem Komitee für den United Palestine Appeal ausgetreten. In einem an dje Leitung der zionistischen Organisation Amerikas gerichteten Schreiben erklären sie, sie hätten sich zu diesem schwerwiegenden Schritt entschließen müssen, weil sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daß der gegenwärtige Schwächezustand der zionistischen Bewegung in Amerika in der schlechten Leitung seitens der ■ jetzigein zionistischen Führer seine Ursache hat. Die Mitarbeit aus London, 'heißt es in dem Schreiben weiter, bedeutet für uns nicht das Heilmittel; was nottut, ist eine neue Führerschaft. "-" . DasüAdministrativkbmitee der. ameriMniscben ziopK'! stischen Organisation hMt im Beisein Dr. 'W ei zm a n n s 1 eine Sitzung ab, in der auch der Austritt von Rosenson und Berenson erörtert worden ist. Nachdem Dr. Weizmann' sein Expose erstattet hatte, wurde zu dieser Angelegenheit Stellung genommen, wobei in einer Resolution einmütig die Meinung zum Ausdruck gebracht wurde, der Austritt der beiden Herren sei das Signal zu einer Erneuerung des Kampfes der Brandeis--Gru.ppe gegen Louis Lips'ky und Doiktor Weizmann. Dr. Weizmann stellte in der Sitzung fest, die herrschende .Atmosphäre erinnere an die Lage im Jahre 1921, da Brandeis und seine Anhänger die Sezession aus der zionistischen Organisation durchführten. Die Protagonisten vergessen aiber, daß man jetzt schon das Jahr 1928 zählt und daß der europäische Zionismus sich wieder geltend macht.-Die Sezession sei wohl eine Tragödie, aber keine Katastrophe der zionistischen Bewegung. Stephen Wise scheidet aus der Leitung ans. Sein Nachfolger: Julian Mack. Die J. T. A. berichtet aus New York: Nunmehr ist auch Dr. Stephen Wise, der längere Zeit Präsident des United Palestine Appeal gewesen war, aus dem Komitee desselben sowie auch aus dem Landeskomitee der zionistischen Organisation ausgetreten. Eine neue Konzentration der Brand eis- Anhänger ist im Gange. Am 15. April werden, wie die J. T. A. erfährt, die Anhänger des Oberrichters Braudels in Washington eine Beratung abhalten; Mit Kelle und Schwert. Aus den Erinnerungen Wladimir Jabotinskys. In der Wiener Zeitschrift „Menorah" erscheinen seit Beginn dieses Jahres Erinnerungen Jabotinskys, in denen er die Entstehung und das Schicksal der jüdischen Legion in Palästina schildert. Mit liebenswürdiger Genehmigung des Verlages bringen wir im folgenden ein Kapitel zum Vorabdruck, welches ein Gespräch zwischen Jabotinsky und Trumpeldor im Sommer 1916 enthält. Das Gespräch fand in dem Londoner Vorort Chelsea statt Trumpeldor war zu jener Zeit nicht mehr in London. Er hatte lange genug darum gebeten, daß man ihn als Offizier in dasselbe Bataillon aufnehme, in dem ich und seine früheren Leute aus Gallipoli dienten. Er war bereit, auf seinen Rang als Capitain zu verzichten, er' wollte bloß Second-Leutnant werden. Wahrscheinlich wäre er auch einverstanden gewesen, ein einfacher Unteroffizier zu sein, aber davon konnte nicht gesprochen werden, da er nur eine Hand besaß. Und was den Offiziersrang betraf, so hatten die Bureaukraten im War-Office hundert Ausreden, darunter vielleicht eine von Wichtigkeit: Nach der englischen Verfassimg darf kein Ausländer einen Offiziersposten in der englischen Armee bekleiden. Trumpeldor hörte sich das Urteil an, das über ihn gefällt wurde, lächelte, sagte wie immer „Ejn dawar" und beschloß nach Rußland ztt fahren. ■ „Was werden Sie dort machen?", fragte ich ihn. Er hatte zwei grandiose Projekte. Erstens, war er sich dessen sicher, daß man bei der Kerenski-Regierung mit Sawinkow als Kriegsminister es durchsetzen könnte, daß man eine jüdische Armee schaffe: nicht eine Legion, sondern eine Armee von hunderttausend oder mehr Leuten — und aus einer anderen Sorte von Juden bestehend. Und diese Armee müßte an die Kaukasusfront marschieren und sich über Armenien und Mesopotamien bis auf die andere Seite des Jordan durchschlagen. Und zweitens: Seine Antwort auf diese Frage wird nie meinem Gedächtnis entschwinden: er gab sie mir in einem schlechtbeleuchteten Zimmerchen. Aber dem jüdischen Volke gab er diese Anwort auf den Bergen und Tälern Palästinas und das Volk wird sie auch nie vergessen. Seinen erste«! Plan hat Rußlands Untergang zerstört, den zweiten hat er durchgeführt. Ich habe seine Worte nicht aufgezeichnet Ganz unnötig. Sie klingen mir noch heute im Gedächtnis! T nach. Im jenen halbdunklen Zimmer in Chelsea, Mitto. Sommer 1916, erörterte er mir den einfachen und herr-: liehen Gedanken des „Hechaluz". „Was sind das", fragte ich, „Arbeiter?" »Nein. Der Begriff ist ein noch viel breiterer. Sie müssen auch Arbeiter sein, aber nicht nur das allein. Wir werden Menschen brauchen, die „alles" sind. Alles, was Palästina erfordern wird. Ein Arbeiter hat seine Arbeiterinteressen, ein Soldat sein Zu- |llllllllllllllllllll!lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllin | DIE SCHÖNSTEN PERÜCKEN | I AUS BESTEM HAAR ZU 1 s BÜRGERLICHEN PREISEN s | WIEN, I., K2KRN TN ERSTRASSE 28 | 1 BUDAPEST, VACZI UTCA 19 I MlllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllN i '■> H lv \i s 'fctf i *- n K- Wiener Täuflinge im 18. Jahrhundert. Von Ludwig 5 a t o. Im Phaidon-V erlag ist ein Buch Ludwig ßatos erschienen, ,yDie Juden im alten Wien", welches historische Treue mit fesselnder, eleganter Schreibart vereint. Es bietet in knapper Form eine bisher fehlende Gesamtdarstellung der Geschioke der Wiener Judenhejt und eine Fülle neuer, interessanter Details und Episoden. Wir bringen mit Erlaubnis des Autors ein Kapitel zum Abdruck. Auf den . neuen Zeitgeist sind auch die Regierungsnetboden des. aufgeklärten Josef'H. eingestellt, der den Juden und dem Judentume wohl wenig Achtung entgegenbringt, seinen jüdischen Untertanen gegenüber aber trotzdem eine gewisse Milde walten läßt, da er hofft, auf diese Weise die Auflösung des Judentums und die Beseitigung des ihm stets als Schreckgespenst erscheinenden Talmuds leichter herbeiführen •zu können, als durch die brutale, herzlose Strenge seiner Vorfahren. Schließlich kommt noch ein Moment hinzu: die französische Revolution, die. im Grunde genommen, die soziale Ergänzung und Krönung des durch den geistigen Umsturz begonnenen Werkes darstellt. Sie vollendet die Umwälzung in der Denkungsart des achtzehnten Jahrhunderts, sie spricht zum ersten Male die völlige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Bürgern des Staates aus und «tritt für die Assimilation in die Bresche. Die Summe aiV dieser Umstände wirkt bestimmend auf die Lebensgestaltung der Wiener Judenschatft Ihre gebesserte soziale Stellung glauben sie mit dem alten Judentume niptot-mehr in Einklang bringen zu (können , nnd so gefat die Abgebt von ihm Hand in Hand tpU iforem sozialen Aufstieg. Die einst so eifrig besuchten Betstuben der Familien Oppenheimer, Wert heimer und anderer vornehmer Juden stehen nun vereinsamt und verlassen da, die wenigen Andächtigen — meist sind es erst vor kurzem zum Aufenthalte zugelassene oder nur vorübergehend in Wien weilende Volksgenossen — versammeln sich in einem Bethause, das in dem armseligen Zinshause zum „weißen S t e r n" eingerichtet wird. Die Wiener Juden, des schirmenden Daches der jüdischen Gemeinde durch die Staatsgewalt beraubt, sind allen Stürmen und Nöten der Zeit schutzlos preisgegeben. Sie entbehren in diesen schweren Zeitläufen mehr denn je des engen Zusammenlebens in der Gemeinschaft, der jüdischen Schule und der lenkenden Hand des geistigen Führers. Der vor hundert Jahren .geleistete Verzicht auf das jüdische Gemeinwesen erweist sich als ein viel zu hoch bezahlter Preis für das Recht des Aufenthaltes in Wien. Indes wäre es ein Unrecht, wollte mau die Erscheinung des Abfalls verallgemeinern. Die überwiegende Mehrheit der Wiener Judenschaft bleibt trotz der täglichen Verlockungen der prachtvollen Kaiserstadt dem Judentume treu und bekundet viel mehr Widerstandskraft als die Berliner Judenheit, die in dieser Zeit ein Drittel ihrer Seelen an das Christentum abgibt. Es konwnen sogar Fälle vor, daß bei Taufen vornehmer Familien die, eine Ehehälfte — zumeist die Frau — dem Judentume treu bleibt. Die Gattin des Karl Abraham Freiherrn v. Wetzlar, Eleonore Baronin Wetzlar von Plan'kenstern, bleibt bis zu ihrem Tode eine treue Jüdin, wiewohl ihr Gatte und ihre zehn Kinder zum Christentum übergetreten sind. Dasselbe ist auch bei der Mutter des berühmten Freiherrn von Sonnenfels der Fall, Das Gebäude steht fest, wenn auch hie und da der Mörtel abbröckelt. Die Getauften werden jenseits der trennenden (Brücke zumeist mit hohen Ehren angenommen. Einer der ersten Wiener Juden, der in dieser Zeit die Taufe nimmt, ist Abraham W e t z 1 a r, einer der Gründer des Heiligen Vereines, der die Gültigkeit der frommen Satzungen durch eigenhändige hebräische Unterschrift bekräftigt hatte. Sein Ansehen und seine persönlichen Beziehungen reichen so weit, daß Fürst E s t e r h a z y ihn zu seinem TestamentvoJlstrecker bestellt, was immerhin — .insbesondere in Ungarn — noch großes Aufsehen erregt. Er wird nach seiner Taufe in den Freiherrnstand erhoben und der frischgebackene Karl R e i c h s f r e<ih e r r von W e<t % 1 a r- P1 a n k e n s t e r n, ein reicher, kunstverständiger Marin, der auch Mozart tatkräftig fördert, verschwägert sich durch die Heirat seiner Töchter mit den feudalsten Familien Oesterreichs. Und man begreift es: der Schwiegervater 4er Grafen Festetich, Clary und Triangi kann und will nicht mehr den Rüsttag des Neumondes in Buße und Einkehr begehen. Dem Beispiele Wetzlars folgt ein Sprößling einer vornehmen Wiener Familie: Josef Michael Edler v. Arnsteiner, Sohn des Adain Isaak Arnsteiner. Aber viel größer ist die Zahl und Bedeutung der auswärtigen Konvertiten, die sich in Wien niederlassen. Die erste Rolle unter ihnen spielt wohl die Familie Sonnenfels. Lipman Berlin, Sohn des Rabbi Michael des Frommen in Berlin,"läßt sich zunächst in Eisenstadt, dann in Nikolsburg nieder, wo er mit seinen Söhnen Franz, Anton und Josef die Taufe nimmt und sich von nun an Alois Wiener nennt Seine brave jüdische Frau bleibt dagegen dem Judentum treu, weshalb er sich kurzerhand von ihr lossagt. Franz von Lothringen, Gemahl der Kaiserin Maria Theresia, der der Alchimie mit Leib trnd Seele ergeben ist, verschafft dieser Gebeimkunst ekle neue Blutezeit. Am Wiener Hofe steht die dm Westen zu dieser Zeit bereits bdächette Alchimie, noch in hohem Ansehen und .wird