Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 26 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 26 IHUCHERSTUBE M. RUTH? S II.TAßORbTRASSE20a, TELEPHON 43-1-58! ■ ........' ..... ■ m *"..................... m ■ MODERNE LITERATUR ✓ WISSENSCHAFT " ■ JUGENDSCHRIFTEN ✓ JUDAICA UND HEBRAICA ■ Wie Szterertyi das Neupester Judentum reformieren wollte. Von Jakob Krausz. *) Die Emanzipation der ungarischen Juden, die auch offiziell anerkannte Trennung der Juden in glaubenstreue und fortschrittliche, die spätere Gründung des Budapester Rabbinerserainars als Gegengewicht gegen den Einfluß der Preßbucger Jeschibah, hat weiteren Sektenigründungen unter den Juden zunächst den Boden entzogen. Die neo-» löge Richtung war damals gewissermaßen selbst bestrebt, sich als eine jüdische Reformgemeinschaft darzustellen, und die Orthodoxen strengerer Observanz nahmen diesen leichtfertig ausgesprochenen Gedanken gerne auf und betrieben bei den verschiedenen ungarischen Regierungen die amtliche Dekretierung der ungarländischen Neologie als eine eigene, mit der ursprünglichen jüdischen Konfession nicht identischen jüdischen Konfession, oder jüdischen Sekte. Die Regierung wies jedesmal ein solches Ansinnen zurück. Sie hatte affenbar schon an einer jüdischen Konfession zuviel. Abgesehen davon, daß dieser Widerstreit zwischen den beiden jüdischen Richtungen den Regierungen oft ein sehr wichtiges politisches Mittel war, die beiden Gruppen, besonders bei Wahlen gegeneinander auszuspielen und durch ein förmliches Hinauflizitieren der Versprechunigen sich die Korteschdienste der einen oder anderen „Israelitischen Landeskanzlei" zu sichern. Der kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung Ungarns hat eine Hochkonjunktur geschaffen, die alle so lange ungenützt gebliebenen produktiven Kräfte der ungarischen Juden so sehr in Anspruch nahm, daß die religiösen Fragen innerhalb des Judentums in den Hintergrund gedrängt wurden. Beide Richtungen nützten den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes, an dessen Herbeiführung die Juden wohl den größten Anteil hatten, politisch für ihre Zwecke aus, während auf der anderen Seite jener Zynismus in jüdischen religiösen und Standesfragen entstand, der als Marke „Budapester" so viel zur Verächtlichmachung des Judentums in "Ungarn und in Mitteleuropa überhaupt beigetragen hat. Das unga-rische Judentum ' war in einen Sumpf geraten, der, wie sich später erwies, nicht geeignet war, den Juden in Ungarn bei einer unvorhergesehenen Erschütterung Halt zu bieten. In den Kreisen der neologen Juden gab es damals" nicht wenig Fanatiker der konsequenten Assimilation. Es waren wohl Verblendete, aber immerhin, soferne sie nicht im Solde einer Mission standen, die Korrekteren unter ihnen. Sie glaubten die Berufung in sich zu haben, durch die Gründung einer neuen Sekte, welche, wie sie sich so gerne ausdrückten, die Härten der alten jüdischen und der neuen jüdischen, das heißt der'christlichen Religion, abstreift, eine judenchristliche Religion zu schaffen, die in ihrem Aufbau, ihrer Ethik und ihren Glaubenssatzungen eine Plattform gibt, auf welche das Judentum hätte unbedingt gelangen müssen, wenn es nicht durch die Gründung des Christentums und durch andere Hemmungen'im Laufe der Jahrhunderte in seiner Entwicklung gestört worden wäre. Von solcher Idee ging auch vor etwa 40 . Jahren der damalige Oberrabbiner von Neupest, Szterenyi - Stern, aus, als er zur großen Ueber-; räschung nicht nur der jüdischen, sondern der allgemeinen '■ politischen Kreist mit seinem Traktätleiin über eine neu e c h r i s 11 i c h - i s r a e H t i s c h e R e 1 i g i o n sg r ü ndu rig hervortrat. Dieser Rabbiner Stern war sicherlich ein Narr, aber im Gegensatz zu anderen rabbiriischen Kollegen gleichen Kalibers aus jener Zeit ein Narr, der an seine Narreteien glaubte. Er kam zu diesem seinem lächerlichen Aposteltum wohl durch den Anblick und das Studium der Verhältnisse in seiner eigenen Gemeinde. Neupest — in den vorangegangenen Aufsätzen war von Neupest wiederholt die Rede — war damals erst ge- . *) In meinem in der Vorwoche aai dieser Stelle erschienenen Aufsatz über „Judenchristliche Sektengründungen in Ungarn" ist infolge Zeilenverhebungen ein unliebsamer Irrtum entstanden, den ich hier der historischen Wahrheit wegen richtigstellen will. Der Arader Oberrabbiner, von dem dort die Rede ist, hieß nicht Franz, sondern Aron Chorin. Dr. Franz Chorin war der bereits getaufte Sohn des Arader Oberrabbiners und zählte später zu "den auch frn. Auslande sehr angesehenen bedeutendsten Finanz- und Wirtschaftspolitikern Ungarns.J. K. KLUB RAPIKALER HPNISTtN. WIEN Mittwoch, den 21. März 1928 um halb 9 Uhr abends i tn Klublokale, Cafe" Atlasbof, Li Aspernplatz, 3. ordentl. Generalversammlung Tagesordnung: 1. Tätigkeits- und Kassabericht. 2. Statutenänderung. 3. Neuwahlen. 4. Eventualia. Stimmberechtigt sind statutengemäß nur Personen, welche Beitrittserklärungen gefertigt und den •Mitgliedsbeitrag entrichtet haben._. wissermaßen im Entstehen begriffen. Diese heute so wichtige Handels- und Industriestadt, fast eine Vorstadt von Budapest, war das Ziele vieler wirtschaftlich Gestrandeten oder Spekulanten, aber auch von Menschen, die bereit waren, die Schwierigkeiten des Pkmierdienstes auf noch völlig unkultiviertem Boden auf sich zu nehmen. Auch die Juden, die sich damals in Neupest ansiedelten, gehörten zum größten Teile in. diese Kategorie. Diesen Juden ist der große Aufschwung von Neupest zum überwiegendsten Teile zu danken, aber das religiöse Leben stand im Zeichen der Hast und Haltlosigkeit, der Unkultur und Grobschlächtigkeit, die die ganze Konjunkturära jener Zeit kennzeichnete. Da mochte es in dem kleinen, ehrgeizigen Rabbinerchen, das in seiner Gemeinde so viel Unbill zu leiden hatte, wohl aufgekeimt sein, daß diesem Judentum nur zu helfen sei, wenn ihm eine Religion gegeben würde, die mit seinem wirklichen Leben in Einklang gebracht ist. Originalität und schöpferische Prophetengalbe hat Rabbiner Szterenyi-Stern nicht im geringsten besessen. Das war auch sein Verhängnis. Er mußte nach kurzem Versuch, eine große Rolle zu spielen, als dramatischer Held in Lächerlichkeit sterben. Ich war damals selbst mit unter jenen, die in der evangelischen Kirche der ersten Verkündigung derinieuen zehn Gebote durch den Propheten Szterenyi-Stern beigewohnt haben. Die Kirche war vollgesteckt. Es waren besonders viele junge Menschen beiderlei Geschlechts, die in ihrer Seelennot glaubten, einen wirklichen Erlöser gefunden zu haben. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß in der Kirche damals auch auffallend viele christliche Jugend anwesend war, obgleich sie durch die Ankündigungen wissen mußte, daß es sich um eine judenchristliche Sektengründung handelte. Das Debüt Szterenyi-Stern als Religionsgründer war ein schmählicher Durchfall. Seine zehn Gebote und Lehrsätze erwiesen sich als ein Abklatsch des Reformtraktats von A r a d im Jahre 1848. Es war hier wie dort bloß ein vandalisches Demolieren des Jahrtausende alten jüdischen Moralbaues, ohne an dessen Stelle etwas anderes als windschiefe Luftschlösser zu setzen, die keinem der moralisch und religiös Gestrandeten einen vor weitereu Inneren Nöten stützenden Unterschlupf bieten. Alles, was den fortschrittlichen Juden unbequem war, wollte er opfern und versprach, eine Religion zu zimmern, die jedem bequem und niemandem zuleide ist. Es war das erste und letzte Auftreten des Budapester Rabbiners in der Kirche. Die Neologen, die vielleicht gleichfalls auf der .Suche nach einer „modernen Religion" waren, sagten es dem ungerufenen Religionsgründer ins Gesicht, daß sie ja auch jetzt als Vorsteher der neologen Gemeinde dieselben .Bequemlichkeiten in religiösen,Dingen genießen, wie sie die neue Sekte Szterenyi-Stern als Lockmittel anpreist. So blieb denn von jener sensationellen judenchristlichen Sektengründung nichts übrig, als jenes Traktätlein, das damals vorder Kirche in Hunderten von Exemplaren verteilt ,und? dann wie andere Reklamezettel ,' wieder weggeworfen wurde. Auch die Kinder Szterenyi-Sterns haben sich, wie die Kinder Aron Ghorins;' von ihrem Vater nicht düpieren lassen wollen; sie waren konsequenter als ihre Väter, schon deshalb, weil es auch einträglicher war; sie nahmen das Chriist'entum in aHer-Form an und krochen desto leichter die sonst steile Stufenleiter der : politischen und wirtschaftlichen Karriere hinan. Der Sohn des judenchristlichen Rabbiners Szterenyi-Stern, Doktor Josef Szterenyi, hatte sich noch zu Lebzeiten seines Vaters taufen lassen, wurde später H and eis mini s te r . und baronisiert. Heute ist er durch die rassenschützierische Politik trotz seines stets zur Schau getragenen Christentums politisoh in den Hintergrund gedrängt worden. Ein Kranz mit hebräischer Widmung für das amerikanische Kossuth-DenkmaÜ. Aus New York wird uns geschrieben: Mit den 500 Mitgliedern der aus, Ungarn hier zur Enthüllung des Kossuth-Denkmals eingetroffenen Abordnung kam auch der Vertreter der jüdischen Gemeinde von . Satoralja- Ujhely, Dr.. Karl Klein, der den Auftrag hat; im Namen seiner Gemeinde am Denkmal. einen Kranz niederzulegen,;dessen Schleife den hebräischen Text eines Verses des 20. Psalmes als Inschrift tragen soll. Mit diesem Psalmvers ist übrigens eine interessante Kossuth-Legende verbunden. Kossuth, der aus dem Zemplener Komitat stammte, wurde von seiner Mutter nach Satoralja-Ujhely zu dem wundertätigen Rabbi Moses Teitelbaum gebracht, "damit der ihn segne. Rabbi Teitelbaum stand nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Christen des Komitates und auch der Nachbarkomitate in überaus großem Ansehen. Auch heute noch pflegen Juden und Christen in ihrer seelischen Bedrängnis an das Grab des verstorbenen Zadik in Ujhela zu wallen und ihn um Fürsprache bei Gott zu bitten. Als Ludwig Kossuth als kleines Kind einmal schwer erkrankte, brachte ihn seine besorgte Mutter wieder zu dem großen Rabbi, damit er das kranke Kind segne und sein Fürsprecher bei Gott werde. Rabbi Moses Teitelbaum segnete nun das kranke Kind mit dem Psalmvers, der da lautet: „'Du gabst, Allmächtiger, allen, die dir vertrauen, eine Vision, auf daß sie sich erheben in die Höhe: vor der Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit." Rabbi Teitelbaum benutzte diesen Psalmvers offenbar, weil darin das in diesem Falle für ein Wortspiel geeignete hebräische Wort „Koschet" vorkommt. Ludwig Kossuth wurde gesund und er erzählte später in seinem so sehr bewegten Leben wiederholt, daß seine. Mutter die feste Ueberzeugung-hatte, AUS RUSSLANP NEU EINGEFÜHRT j ORENBURGERSCHAL ] her gestellt aus ganz feiner Wolle. Sehr dflnn und warm. Kann Im 4 kleinstem Hamltäschchen untergebracht werden. 4 ALBERT MATZNER i Wien, 1. Bezirk, Kohinussergasse,8, und FiHait«. 1 Neue Niederlage: Wien, VII. Bezirk, Mariahilferstraße 64. \ daß die Prophezeiung und der Segen d e s h e i 1 i g e n, Rabbi Moses für seinen weiteren Lebensweg von Einfluß gewesen sei. Und Kossuth fügte hinzu, daß er auch selbst nicht vom Gegenteil überzeugt sei. Hofrat Aladar Kassab Präsident der Pester israelitischen Religtonsgemeinde, Die neue Repräsentanz der Pester israelitischen Religionsgemeinde hielt am 8. März unter dem Vorsitz des Ministerialrates a. D. Dr. Edmund Blum ihre konstituierende Generalversammlung ab, auf deren Tagesordnung die Wahl des neuen Gemeindepräsidenten, zweier stellvertretender Präsidenten, 11 Vorstands- und 36 neuer Ausschußmitglieder stand. Die Mitglieder der Repräsentanz hatten sich vollzählig eingefunden. In geheimer Abstimmung wurde Hofrat Aladar Kassab einstimmig zum Präsidenten gewählt. Zu stellvertretenden Präsidenten wurden die Vorsteher Oberhausmitglied Dr. Samuel; GI ü c k t h a 1 und Dr. Marzeil Hajdu gewälhlt. Mitglieder der Gemeindieivorstehung wurden gleichfalls durch 'einstimmige Wahl:' Dr. Bela F abian, Koloman Frey, Dr.. Leo v. Buday-Goldberg er, Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Adolf Ke eskemeti, Dr. Baron Adolf K.ohner, Andor Nagy, Emil V e r t e s, Eugen Vid a, Dr. Adolf Wi 1 heim und Dr. Emil Zahler. Hoffrat Aladar Kassab wurde 1868 in Szücsi .geboren. Er ist Präsident der von ihm gegründeten Kassabsöhen Schrauben- und Eisenwarenfabrilks-A.-G., Vorsitzender der Jury der Budapester \ Handelskammer und Vizepräsident .des Landes-Industrievereines. Seit Jahnen leitet er die Wohltätigkeitseinrichtungen der israelitischen - Religionsgemeinde, ist Präsident des israelitischen Landes- Taubstummeninstituis und ist auch Präsident dies ung a r i s c h e n P r o - P a 1 ä s t i n a - V e r b a n d e s. Prinz di Scalea über Judentum und Nationalhelm. Generalkonsul Pedrazzi. Die Organisation der Zionisten Italiens gab zu Ehren des neu konstituierten Pro-Palästina-Komitees ein Bankett, dem neben den Komiteemitgliedern Unterstaats-, seikretär Professor Bodrero als Vertreterder Regierung, Deputierter Bottai als Vertreter des Parlaments und eine große Zahl Deputierter, Senatoren und Persöh'Iicbföeiten des öffentlichen11 Lebens Italiensbeiwohnten. Der Präsident des italienischen PrcHPalästina-Komitees, der frühere Minister für die Kolonien Prinz di S c al e a,-hielt eine Ansprach«, in der er sagte, die Juden halben innerhalb der Völikergeschichte ein Wunder vollbracht, indem sie ihre Existenz bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Der Redner sprach mit Wärme und Begeisterung von der großen historischen Geste der Balfour-Deklaration, die den Juden ein N a t i ö n a 1 b e i m in Palästia zugesichert hat, und zollte Großbritannien Anerkennung für diese Geste sowie für alles, was es für die Juden getan hat. Generalkonsul Pedrazzi. Der italienische Generalkonsul in Palästina, der bekannte Schriftsteller und frühere Deputierte Pedrazzi, verläßt Palästina und geht als Generalkonsul nach Tunis. Er wird nur noch bis zum Besuch des italienischen Kronprinzen in Palästina im Lande verbleiben. Das Eintreffen des Kronprinzen wird in den nächsten Tagen erwartet. Pedrazzi, der in früheren Jahren den Zionismus und die jüdische. Arbeit in Palästina scharf bekämpft hatte, änderte ,nach seiner Ernennung zum, Generalkonsul .in Jerusalem seine frühere gegnerische Haltung' und. betonte bei verschiedenen Gelegenhelten seine Bereitschaft, für. das Bestehen freundschaftlicher kultureller und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Palästina und Italien wirken zu wollen. Vorlesung Uriel Birnbaum. Sonntag, 18. März, genau 7 Uhr abends, im großen Saal des Ingenieur- und Architektenvereines, Wien, I., Eschenbachgasse 9: Vorlesung Uriel Birnbaum: „Aus eigenen Werken." Vorverkaufskarten Konzertkasse Gutmann. . Eröffnungsanzeige I Beehre mich, allen meinen Bekannten und Freunden mitzuteilen, das.s ich das Cafe Jägerhof XX., Gaussplatz 11 übernommen habe. Es ist selbstverständlich, dass ich bestrebt sein werde, das 'ieschäft auf1 solider Basiszu führen, um al'en menen Qästen einen sehr angenehmen Aufenthalt zu bieten. Um recht zahlreichen Zuspruch ersucht Leon Selzer.