Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-03-16 · Heft 26 (16.3.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 26 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711641--0337-2713472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26 DIE NEUE WELT Seite 3 1000 Dollar S?f3£S miBBIB mmimmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm ,st die beste Empfehlung! mmmmmmmmmmmmmmmamm otto kasereb Auditorium sofort zu merken. Die fast dramatische Steigerung der Ausführungen des Verteidigers, den der gegnerische Vertreter oft unterbrach, erzeugte eine nervöse Spannung. Dadurch, daß Czernin nur etnen einzigen Satz geklagt hat, will er der Verantwortung für die anderen erhobenen Angriffe ausweichen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Absicht gelingt. Schon jetzt aber ist sichtbar, wie sehr Eidinger, der jetzt plötzlich zum Konfidenten Czernins degradiert wird, recht gehabt hat. Czernin hat mit ihm Geschäfte gemacht und ihn seinen lieben Freund genannt. Zum Schluß ist er der Graf und Eidinger der Jud\ RUNDSCHAU. Juden voran! In gewissen Nobelhotels der westlichen Großstädte logieren aufdringlich elegante Männer und herausgeputzte Frauen, gewöhnlich rudelweise. Wenn man trägt, erfährt man, daß es Handelsagenten, Spezialbeauf tragte und Einkäufer der Sowjetrepublik sind. Wenn man auf den schreienden Gegensatz hinweist, in welchem die Lebensführung dieser Menschen zur Idee steht, in deren Dienst sie arbeiten, erhält man zynische Antworten. Das Proletariat hat ein Recht auf glanzvolle Vertretung im Auslande, Rußland hat eine Ideologie, die Fremde nicht verstehen und ist niemanden . Rechenschaft schuldig etc. Der Außenstehende muß diese Antworten hinnehmen, aber die russischen Massen geben sich auf die Dauer nicht damit zufrieden. Der Unterschied in der Lebensführung der Führer, insbesondere der mittleren und kleinen, und der Geführten erzeugt gärenden Groll. Genießerei und Korruption in. der Beamtenschaft schaffen einen Geist neidvoller Unzufriedenheit, vor dessen Ausbrüchen die Machthaber zittern. Es ist als Konzession an dieses Voiksernpfinden aufzufassen, wenn die Regierung von Zeit zu Zeit vor der breitesten Oeffentiichkeit fürchterliche Exempel statuiert und einige Dutzend leitender Funktionäre aburteilen und erschießen läßt. Es liegt System darin, daß bei solchen Anlässen von der sonst so gern geübten Geheimnistuerei und Vertuschung abgesehen wird und die Nachrichten vom Strafgericht groß und breit aufgemacht werden.. Aber .auch in der Art, wie Name n der ^Verbrecher" bekannt gegeben werden, herrscht ein System. J u d e n voran! Auf die j ü d i s che n Namen wird das Hauptgewicht gelegt, sie werden zuerst genannt und so nachdrücklich, daß die echtrussischen daneben verblassen und verschwinden. Man lenkt, ganz nach altem feudalen und bürgerlichen Rezept, den Groll auf die Juden ab. Der Jud ist schuld und die anderen sind Verführte. Dieser Die Patriarchin von Eisenstadt. Von Otto Aoeles. . Habt ihr schon ein heiteres Ghetto gesehen? In Bisenstadt, gibt es dieses Wunder. Man müßte hinpi'lgern. Eine Gasse,, den Berghang emporklimmend. Heiter, wie das Schloß der Fürsten Esterhazy, das' sie Jahrhunderte schützte, sind die bescheidenen Häuser der Judensiedlung gehalten. Das Cczack der Dächer und Giebel und winzigen Vorbauten schneidet sich wie scharfe Falten in das freundliche Greisenantlitz des Gässels. Ein malerischer Mauerbogen — der erst in jüngster Zeit von einem treuen Sohn Eisenstadts wiederhergestellte „Erew" — bildet die Pforte. Blumenschmuck grüßt von den - Fenstern, Blick in friedliche reich gegliederte Höfe, uralte steinerne Pfeiler mit Ketten, die noch heute vor Sahbateingang geschlossen werden, Rathans, Synagoge; ein Brunnen plätschert, ein bizarr geformtes Haus mit freiliegenden Treppen zu den Stockwerken zieht den Blick des Besuchers an, dann biegt die Gaß fast rechtwinkelig ab und mündet im „Guten Ort", der heiteren Ruhestätte rühmlicher Eisensfädter Ahnen, gebettet in weites fruchtbares Hügelland, zur Stunde, da ich diese Zeilen schreibe, wohl schon reidh besteckt mit den ersten Blüten des Frühlings. Hier ruht die Frumet Fr. Ghajim ha-Levi Wolf und die Inschrift ■ auf dem Grabstein ist ihr Porträt: „Vor diesem Steine ve.rejnigien sich Arme und Dürftige zu einem Klagelied. Er deckt ihre /Hilfe und Stütze. Diese Frau, die da im Schutthaufen liegt, wer könnte ihre Werke schildern? Und wollten ,wir es versuchen, i'hne frommen Taten zu preisen, so stünde uns hindernd, ihr Verbot entgegen. Bwor sie starb, verbot sie sich ausdrücklich die Lobpreisungen. Wir aber mqchteu inniglich ihr gutes Angedenken erhalten. Darumhaben wir wenigstens diese Worte eingeritzt." Da« Porträt ist nicht geschmeichelt. Nicht serviler Ueberschiwang and berechnende Ergebenheit den Erben gegenüber hat die Farben gemischt; und nicht das löbliche Motiv, über Tote nur Gutes ■zu s««?en, bat das Bildnis Gedanke wird wohl nicht ausgesprochen, aber er kommt in der Anordnung der Namen grell zum Ausdrucke. Alle verstehen so, wie man es will. Die Verlautbarungen über den letzten großen Korruptionsskandal in Moskau tragen den Stempel dieser Methode. Bei der staatlichen K i n o s t e 11 e wurden Riesenunterschlagungen aufgedeckt. Man hat jahrelang die Löhne von tausenden Statisten verrechnet, welche nie verwendet, und Kosten für prunkvolle Aufbauten, welche nie ausgeführt wurden. Die Namen der etwa zwanzig Schuldigen lauten: Epstein, Lurie und Genossen! Epstein und Lurie leuchten voran, die anderen verschwimmen in der Beifügung „und Genossen". So wird's gemacht. Armes, von den bösen Juden verführtes und betrogenes russisches Volk, hört man in Rußland sagen und die reaktionär-antisemitische Presse des Auslandes singt die gleiche Melodie. Wie sie es tat, als vor kurzem die russische Regierungspresse immer und immer wieder von den siebzig Gepäcksstücken erzählte, mit welchen der verräterische Jude T r o t z k y - B r a u n s t e i n in die Verbannung ging. Ue'ber die Perlen, Toiletten und Orgien der „eleganten" Genossinnen K o Ion ta i und Lunatscharski, welche in Paris und Berlin viel Aufsehen erregten, ist man in christlicher Nachsicht rasch vorbeigegangen. Bei Trotzkys Koffern ist man Die am 28. Februar vom ungarischen Abgeordnetenhaus angenommene Novelle zum Numerus clausus-Gesetz gelangte am 13. März vor das Oberhaus. Der reformierte Bischof Dr. Balthasar (Debreezih) erklärte, die Vorlage abzulehnen, weil sie mit den allgemeinen MenseJienrechten und der Gerechtigkeit nicht v er etj'nj'a. r ist und weil sie mit den Interessen Ungarns in Widerspruch steht. Der Numerus clausus bedeutet einen systematischen Abbau der ungarischen Kultursuprematie, die Kodifizierung der Angst und d e r G e h ä s s i g k e i t. Redner müsse seine Ansichten verkünden, um der Welt darzulegen, daß es in .diesem Lande noch Leute gibt, die in den Fragen des traditionellen ungarischen Liberalismus und des demokratischen Gedankens schöner gemacht. Sie war eine Große in Israel. Und stark. Und sehr gütig. Wo Männer weltabgewandt über dem Talmud saßen, wo das „Lernen" geheiligter Sinn des Lebens und Ziel des Wirkens war, wo die Sorge um das Brot und um die Kinder, wo das Regiment des Hauses auf die Gattin überging, dort mußten überragende Frauen erstehen, Säulen der Familie, wie es etwa die genialische Glückel'von Hameln war, Säuflen der Gaß, wie die große Krakauer Jüdin Bube Machale. Und die Frumet Wolf, die Patriarchin von Eisenstadt, ist hoch gepriesen, wie die beiden jetzt genannten berühmten Judenfrauen. Mit männlicher Kraft und Einsicht stand sie ihrem Hause vor, der Klientel der Eisenstädter Armen, diie sie um sich scharte, war sie Beraterin, Erzieherin (nicht bloß ATmosengeberin) nnd sie griff tüchtig in die Gemeindepolitik ein, denn die Balbattim wußten, daß es sehr klug war, auf diie Stimme der Frau Frumet zu hören. Ich dürfte solche .allgemeine, leicht aus der Feder fließende, gut klingende Leumundsnote nicht hieher setzen, wäre ich nicht durch ein Schriftstück dazu legitimiert. Es stammt von ihrer Hand, ist ihr Testament, läßt in ihr Herz blicken und ist würdig, einem jüdischen Frauenbrevier eingefügt zu werden. Hier einige Stellen aus dem umfangreichen Dokument. Zunächst die Schlußsätze: „Zum Abschiede sollte ich Euch, meine hieben Kinder, Lehren und Lebensregeln hinterlassen. Da Ihr aber aile erwachsen seyd, so kann ich Euch keine solchen geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt, ich werdie mich daher auf einige zwar allgemeine, aber wichtige Lehren beschränken: Vornehmlich vermahne ich Euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne welche Ihr weder ganz glücklich auf Erden, noch jenseits Ruhe und Belohnung finden werdet; seyd mit Eurem Geschick und mit dem, was Ihr habt, zufrieden und richtet Eure Bedürfnisse nach Eurem Einkommen ein, seyd friedfertig gegen jedermann und unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familienzwist keinen Zugang zu Euch finden. Seid vielmehr einig und unterstützt Euch gegenseitig mit Rath und That. Ihr müßt Euch näher und fester aneinanderscMießen. Ihr habt. es nötnig und werdet es mehr als jetnahls ndthig haben, hartnäckig geblieben. Schlauer Jude! Armes Rußland! Der Feldzug Ibn Sauds. Im englischen Unterhaus erklärte Kolonialminrstei Amery am 11. März: „Ich habe keine neueren Nachrichten über weitere Einfälle der Wahabiten ins Irakgebiet. Indische Truppen wurden bisher noch nicht nach dem Persischen Golf entsandt. Es fiegl ferner in London keine Bestätigung vor, daß Ibn Saud einen Heiligen Krieg erklärt halbe oder eine derartige Bewegung unterstütze." Auf eine Anfrage erklärte Amery sodann, daß die englische Regierung durch A g e n t e n Ibn Sauds in K a i r o mit dem Hedschaskönig in Verbindung stehe. — Ibn Saud hat allein in den Jahren 1917 bis 1923 543.00C Pfund englische Subsldien erhalten, und zwar für Dienste, die er England im Kriege gegen die Türkei geleistet hat. — Unter dem Eindrucke det Meldungen aus Arabien wenden sich wiederum einzelne englische Zeitungen, so der „Evening Stan« dard", gegen die Zwecklosigkeit der arabischen Mandate Englands. Diese sich stets wiederholenden Kämpfe zeigen, wie sehr die Araber untereinander gespalten sind. Andererseits wird um so deutlicher, daß Palästina in Wirklichkeit das einzige tatsächlich ruhige Land des Nahen Ostens ist und dies nur dank der jüdischen Arbeit, auch unter dem Druck der verschiedenen Richtungen kein Feilschen kennen. Stephan B e s e r e t i erklärte, daß er trotz aller Drohbriefe sich zu seinen liberalen Anschauungen bekenne, von denen Ungarn unter keinen Umständen auch nur um Haaresbreite abweichen dürfe. Der aus der Affäre der Frankenfälscher bekannte Graf Paul Teleki. ehemals Ministerpräsident und Schwager des Grafen Bethlen, hielt eine der frechsten antisemitischen Reden, die je in einer gesetzgebenden Körperschaft von einem führenden Politiker gehört worden sind. Er forderte die Ausdehnung des Numerus clausus-Gesetzes auf das wirtschaftliche Leben, da seiner Meiwenn der für Euch mehr als für mich traurige Fäll eintritt, daß Eure Mutter aus Eurer Mitte Euch entrissen wird und so — gleichsam der Mittelpunkt — seinem Kreis entschwindet. Lebet wohl und empfanget hiemit den Segen Eurer bis in den Tod treuen Mutter Fanny Wolff. — Eisenstadt, am 8. September 1830." Nicht adle Kinder hat sie in dieser letzfcwilHigen Verfügung gleichmäßig bedacht. Der Aeltieste wurde bevorzugt. Aber, was hart und ungerecht erscheinen könnte, wird durch eine erklärende Klausel zur klugen, gerechten Maßnahme einer jüdischen Stammutter: „. . . hierunter 'bemerk« ich, daß er ein Schriiftgelehrter äst und daß eben, weil er sich dem Lernen gewidmet, er sich nicht zu sehr strapezieren könne und Handel und Wandeil überhaupt nicht sein Element zu sein scheint." Die Frumet Wolf kannte das Leben und sie kannte diie Menschen. Oh, 'keinem ist über die Gasse zu trauen, auch den eigenen Kindern nicht! Anordnungen der weisen und edlen Mutter, eben noch wie ein Gebot des Himmels geheiligt, könnten vergessen sein oder mißachtet, kaum daß ihr Leichnam ausgekühlt ist. Und wer über steinen Tod hinaus wirken will, wie es ihm auferlegt ist durch Verantwortung, Treue und Erkenntnis, der hat menschliche Schwäche und Selbstsucht ins Kalkül zu ziehen und darf sich durch Affenliebe zu den Kindern nicht beeinflussen lassen. Die Patriarchin von Eisenstadt rechnet damit, daß die Erben in kindlicher Ehrfurcht ihren letzten Willen unverändert vollziehen werden — aber, sie rechnet nicht allein damit: „Wie aber, wenn Eure kindliche Liebe nicht länger als mein Leben dauerte? Euer Gehorsam mdt mir zw Grabe ginge?" In aller Ruhe und mit herrlicher Sicherheit hat die starke Frau in der Stunde, da sie vom Leben Abschied nahm, unumstößliche Reohtstitel formuliert, die sie dem Testament mit Nachdruck einverleibt. Wenn man sie liest und erfaßt, wächst ihre Gestalt zur Führerin und Riohtertoi. Ein Bildner möge aus frei schaffender Phantasie, befruchtet durch die Lektüre dieses Testaments, die Gestalt der Frumet WoW in Marmor meißeln. Auf den Sockel setz« man ihre Worte : „Ihr müßt Euch näher und fester aneinaiKterscWleßsenl" Der Numerus clausus vor dem Oberhaus. Teleki fordert die Ausschließung der Juden aus dem Wirtschaftsleben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.