Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 24 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite ä DIE NEUE WELT Nr. 24 SIEGM. KORNMEHL aROSSFLElSCHNAUEREI Die „Bibliothek" der jüdischen Großgemeinde Wien. IRUCHEPSTUBE M. RATH? ■ ll.TAÜOK5TRASSE20a, TELEPHON 43-1-58 i 4.........'......... « ■ ■.................... J MODERNE LHERArUR , WISSENSCHAFT JUGENDSCHRlFfEN ✓ JUOAICA UND HEBRAICA J der Fußballklubs. Fräulein Löwi, die nebst anderen Agenden das Amt der Parteienabfertigung innehat und den Bildungsgang, die wissenschaftlichen Neigungen, den Arbeitsgeist aller ständigen Blbiiothcksgäste kennt, erzählt uns von einem Autodidakten, seines Zeichens Firmeninhaber eines Heringsladens in der tiefsten Brigittenau, der hier unter eifriger Benützung eines Wörterbuches Kant las, lange Monate und mit Bienenfleiß, bis er sich durchgearbeitet hatte. Als im Kriege die Flüchtlinge kamen, war so mancher in der jüdischen Bibliothek zu Hause, bevor er noch ein Dach über dem Kopfe hatte. Nach den statistischen Ausweisen, in die wir Einblick nahmen, zählt die Bibliothek durchschnittlich 1200, Besucher im Monat, und im Jahre 1927 wurden 3100 Bände entlehnt. Bezüglich cer Entlehnungen, die auch von . auswärts erfolgen — selbst nach Jerusalem gehen wiederholt Sendungen von der Wiener Ferdinandstraße — Ist insoweit Einschränkung geboten, als bestimmte Wetlke Seltenheitswert besitzen. Mit der Zeit mit dem Geist der Zeit — haben sich die Benutzer der Bibliothek gewandelt. Die Spezies, welche die Elite jüdischer Lese- und, Studier räume bildete — die Schar der Autodidakten, der wissensdurstigen Kleinbürger, Händler, Hausierer — ist vom nüchternen geistlosen Betrieb und von der Erwerbshast des Großstadtlebens zum Aussterben verurteilt. Dafür stellt in immer reicherer Zahl die jüdische Moderne neues Menschenmaterial bei: die Schüler und Absolventen des jüdischen Realgymnasiums sowie des hebräischen Pädagogiums, die Teilnehmer : der neuen jüdischen Bildungsvereines und Lehnktirs bilden jetzt das stärkste Kontingent der Frequentanten. Auch sonst ist vielen Studierenden diese Bibliothek Berater und Erzieher geworden, weil sie für ihre Maturaarbeiten und Dissertationen unter der Einwirkung der jüdischen Renaissance eben andere Themen wählen als ehedem in der AssimHationsperiode. Jener Abfa-JJ und dieser Zuwachs legen der Gemeinde, welche die jüdische Bibliothek verwaltet, doppelte Pflichten auf. Je gefahrvoller Erwerbshast und Zwcckstreberei, das Haften am äußerlichen Tand und die Hingabe an die gedankenlose Phrase, je sieghafter Tagessensation, Kreuzworträtsel, Rummy die jüdische Geistig<keit bedrängen, um so leichter erreichbar; anziehender, angenehmer müssen die Räume und Einrichtungen der Bibliothek werden. Es verhält sich diesfalls — bis zu einem gewissen Grade —. wie mit bestimmten Eisenbahnlinien. Man baute sie nicht, weil Bedarf war, sondern der Bedarf stellte sich ein, weU sie gebaut wurden. Daß aber die neuen Besucher, die bewußt jüdischen Studenten und Wissenshungrigen, weitestgehend zu fördern sind, ist nacktes' Gebot der' Seibsterhaltung. Nicht weit" und hoch genug 'könnten die Hallen der Gemeindebibliothek sein, Gärderoberäume,1 ScHreibgelegenheiten, Beratungszimmer mir den Lektoren, Erholungsgärten müßten zur Verfügung'stehen, alles müßt« so zweckmäßig und entgegenkommend eingerichtet werden — wie es die Spieltische in den Bridgestuben sind, weil wir das Glück haben, eine neue jüdische Generation' wachsen zu sehen und sie, also uns durch die GemeliidebikHothek fördern zu können. Es ist der Traum eines Besuchers, der unserer Bibliothek in der'-'Ferdinandstraße und ih>eri Einrichtungen viel zu danken hat, der weiß, daß die'-grausame' Wirklichkeit der Erfüllung solcher Wünsche' zunächst entgegensteht, der aber nicht daran glauben kann, daß die Verantwortlichen den gegenwärtigen Zustand belassen — diese „Bibliothek" der jüdischen Großgemeinde Wien, in einePrivatwohnung gepfercht, mit einem lachhaft unzulänglichen, unhygienischen, unappetitlichen Leseräum, in dem sich auch nur eine Stunde aufzuhalten eine Qual ist. Otto Abel es. Ein Katholik — Besitzer eines Tempelslizes. Von einer netten Geschichte eines Öemeindegewaltigen In einer slowakischen Provin?gemelnde wjrd uns im folgenden berichtet: Der Vorstand der Tapolcsaner orthodoxen Ku'Itusgemeinde entschloß sich,. die säumigen Kultussteuerzahler durch strenge Maßnahmen zur Begleichung der Steuerschuld zu zwingen. Der Exekutionsapparat wurde in Bewegung gesetzt und . wer init der Steuerleistung nicht, flink genüg war, konnte es erleben, daß Ihm eines schönen Tages die gepfändeten Möbelstücke öder auch ein unbeweglicher Besitz . gerichtlich versteuert wurde. Einer dieser Steuerpflichtige«, ein bekannter und angesehener Kaufmann mit: einem großen Warenlager hatte auch einen von seinen Vorfahren ererbten eigenen Sitz Im Tempel der Kultusgemeinde. Der Vorstand pfändete, da der Kaufmann .^ie-'S'tljnero^^lcht bezahlt hatte, den Tempelsitz und ließ die Sache jiis zur Versteigerung des Sitzes kommen. Nun ergab sich folgende unerquickKcbe Szene: Der Tempels»? wurde, wje etwa ein Lederlauteuil an den Meistbietenden versteigert, aber Juden hatten doch irgendwie das! Empfinden, daß diese Versteigerung eine unjüdische Sache sei,; Üiji so mehr,, als ja der Kaufmann auch viele andere pfändbare Gegenstände Zentrale IX-, Beryg»»ae 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9 34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen fflr ^ty^.Fieitfh unter Aufsicht de« Ehrwürdigen Kabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien IX. Beirag« IS ✓ XVIII.« WShrlitgerstr. Vi Der Sturm gegen das Schächten, Eine eigenartige Expertise des Warschauer Magistrates. Die vom Warschauer Magistrat und dem Stadtrat eingesetzte Kommission zum Studium der Frage der jüdischen rituellen Schichtung, entwarf einen Fragebogen» der an die Hauptstädte des Auslandes verschickt werden soll. Eine der Fragen lautet: „Aus welchen Gründen hat Ihre Stadtverwaltung die rituelle Schächtung erlaubt?" Ein jüdisches Mitglied der Kommission legte Verwahrung gegen diese Frageformulierung ' ein und bezeichnete sie als provokatorisch. Er schlug die folgende Formulierung vor: „Sind in Ihrer Stadt Beschränkungen gegen die Schächtung eingeführt?" Schließlich würde gegen die Stimmen der jüdischen Kommissionsmitglleder die erste Formulierungangenommen. Es wurde beschlossen! den Fragebogen außer nach den wichtigsten Städten Polens nach folgenden Städten des Auslandes zu versenden: Berlin, Hamburg, München, Dresden, Frankfurt a. M., Paris, Marseille, Toulouse, Lyon» W i e n, ■ Prag, Zürich, Bern, Amsterdam, Brüssel, Antwerpen, Madrid, Kopenhagen, Rom, "Venedig, Florenz, Osk>. Stockholm, Helsingfors, Moskau, Leningrad, Kiew, Odessa, Charkow, Kowno, Riga, Libau, Rewal, Bukarest, Jassy, Softe, Belgrad, New York, Chicago, Philadelphia, Boston» London, und Manchester. Eine Debatte im englischen Unterhaus. im englischen Unterhaus fragte am 20. Februar Sir R[; Thomas den Minister für öffentliche Gesundheit* ob er eine Verordnung erlassen wolle, wonach die Benutzung des-sogenannten „human killer", einer Vorrichtung ztfr Erleichterung des Todeskampfes des geschlachteten Viehs,"in allen Schlachthäusern ohne Ausnjahme bbfigät sein solle. Minister Chamberlain erwiderte, da? gegeriWärtig mehr als 260 Schlachthäuser den „human jflljer" benutzen» er sehe sich aber nicht veranlaßt, die Schlachthäuser durch ein Gesetz zur Benutzung dieser Methode zu zwingen. Brigadier-General Chartr le referierte über die zweite Lesung der Bill, die vorsieht, daß in Schottland in allen Schlachthäusern der Blutentziehung eine mechanische Betäubung vorangehen müsse. Eine Klausel in diesem Gesetz besagt ausdrücklich, daß anf die Schächtung nach jüdischem Ritus diese Vorschrift keine An wen* diu finde, Die fjill wurde mit 118 gegen 11 Stimmen in zweiter Lesung verabschiedet. T Die Jüdischen Ehescheidungen in England. Wie ans London berichtet wird, beschäftigte sich d?r Verband1 der erujJisch-jttdiscben Gemeinden (Board of DepuMes) in seiner am 20. Februar abgehaltenen Monatsyiersammjung mit der Ehescheidungsfrage. Mr. Felix erstattete den- Bericht des juridischen jurid parlamentarischen Komitees und verlas einen Brief des Council, in welchem'Abhilfe dagegen gefordert wird, daß jüdösche Fragen, die nach dem Zivrlgesetz von ihren Männern geschieden sindi ö i n e zweite Ehe nicht eingehen können, weil oft die Männer si ch w ei ge r n, ihnen den religiösen Scheidungsbflef („Get") zu geben. Der Council verlangt, daß die jüdischen Autoritäten, wie der Beth din und dae Advokaten des Board of ■ Deputies die englische Rächt er schaft über die Bedeutung der Angelegenheit abklären irnd ersuchen sollen, eine zivile Scheidung nicht auszusprechen; bevor nicht eine Bescheinigung des Oberr^bbanergerichts über die erfolgte religiöse Scheidung vor- Ufii:-Es würde beschlossen, sich mit dem Beth din über die, zu ergreifenden endgültigen Maßnahmen ins Einvernehmen zu setzen. Die Frühjahrsmodenschau im Warenhaus Brüder Schiff mann, IL, Taborstraße 48. ist eine Sensation, Alle Neuheiten in Frühlahrsstoffen werden zu - verblüffend niedrigen Preisen abgegeben. Garantiert erstklassige Qualitätsware in denkbar reichster Auswahl. Nachstehend ejnige/Preisbeispiele: Kleiderstoffe, doppeltm\< per1 Meter S 1.90. Kasha. für Kleider, per Meter S ^.90. Kostümstoff, 140 breit. S 2.90. 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Der Bibliothckssaal der Jüdischen Großgemeinde Wien hingegen (,3aal" schrieben wir aus Höflichkeit) ist winzig, der Stil dieses kahlen, schmalen Zimmers in der Ferdinandstraße ist weder modern noch antik und schon gar nicht zweckmäßig. Bei „Vollbelag" — und der Besuch läßt nichts zu wünschen übrig -— haben ganze 48 Leser Platz, Aber das müssen hübsch dünne, sichtlich unterernährte Leser sein. Denn diese Zahl von Sitzgelegemhelten ließ sich nur durch hohe Rechenkunst herausdividieren. Man machte die Tische so schmal, daß die einander gegenüber Sitzenden alle Vorsicht üben müssen, um nicht mit Stirnen und Nasen gegeneinander zu stoßen. Bei jenen, die den Kopf bedeckt halten, ist das Karambol des Hutes mit dem Nachbarn überhaupt nicht, mit dem Vis-ä-vis nur dann zu vermeiden, wenn man den Hut tiefst in den Nacken rückt Und auf dem. zur Sitznummer gehörigen Miniaturraum Folianten samt Hilfsbüchern unterzubringen, dazu noch, ohne des Nachbarn Kreise zu stören, ist ein Taschenspielerkunststück. Das Lesezimmer sieht übrigens größer aus, als es ist. Das kommt von der beängstigend niedrigen Decke, ferner von der dicken Luft, verursacht durch die stundenlange Ueberfüllung. Man muß es nicht erst betonen, daß die Menschen, die sich hier geistig betätigen, nicht gerade zu den mit Glüoksgütern Gesegneten gehören. Ihre Kleider, Hüte, Ueberröcke haben manchen Lenz gesehen, mancherlei Gerüche in sich aufgenommen. Obzwar der Ventilator ununterbrochen und vorlaut surrt, herscht hier nioht die erquicklichste und bekömmlichste Atmosphäre. Der Chef der Bibliothek, Herr Regierüngsrat Doktor W a c h s t e i n, berichtet Interessantes über die Geschichte und Entwicklung dieser Bücherei, die — es wird wohl vorläufig frommer Wunsch bleiben — geeigneterer, würdigerer Räume bedürfte, in der sich die Bücherfülle ordentlich und zweckmäßig ausbreiten könnte und die vor allem dem lesenden Publikum tauglichen Aufenthalt böte. Im Jahre 1814 überreichte der Buchdrucker und Verleger Anton SchmJd dem Kultusvorstande 133 Bände der von ihm verlegten hebräischen Bücher äls - Zeichen „des innigsten Dankes und der größten Hochachtung für die ganze israelitische Nation". Der Meister :hatte an diesen Editionen ein schönes Stück Geld verdient und er bat, man möge seine Bücherspende im Bethause des Dampflnger-Hoifes zur" Aufstellung bringen. Diese Schenkung wurde die erste Zelle der Gemeindebibliothek. Nach dem Jahre 1848 begann man kleine Peiträge für. Neuf ansohaffungen auszuwerfen, die eigentliche Entwicklung der Bibliothek begann aber erst mit der Wirksamkeit des Gemeiridelehrers Samuel Hammerschlag, der'sich seit 1857 int seiner freien Zeit mit Fleiß, Liebe und Verständnis dar Bibliothek widmete. Trotzdem man ein lächerliches Budget zur Verfügung hatte, zählte im Jahre 1885 der Bücherbestand bereits 8000 Bände. Heute1 gilt diese Bücherei in Fachkreisen als sehr ansehnlich. Sie besitzt die Nachlässe des großen Predigers Mannheimer, des Dichters Leopold. Kompert, die Sammlungen -Breuer, Kuranda, Wolf, Haib e rstamm und, nicht zuletzt, den Nachlaß jenes Mannes, dessen Kind, sozusagen die Bibliothek der Kultusgemeinde ist, nämlich 'Hamm erschlag s. Als besonders wertvoll gilt ferner die für die Bibliothek erworbene Sammlung hebräischer Werke des Barons Moses W a 1 d b e r g. * Für alle Fälle gehört dieses Studier- und Lesezimmer der Kultusgemeindebibliothek zu den vornehmsten, wertvollsten, zu den edelsten jüdischen Zusammenkunftsorten der Stadt. So abgenützt auch die Schuhe der Besucher sein mögen und so fadenscheinig ihre Röcke — sie stehen In der menschlichen Gesellschaft um viele Etageh höher als die Spieltischgäste der Kaffeehäuser, die gut. angezogenen Fünfuhrtänzer, die sportbegeisterten Anhänger ||llinilllllllll!»!IIUIIIIMimillHH!IUIUIIIHIIUIIHIIIII milL Talare * Barelte für Kultus und Justiz in den mann ifiltiw'tnFanwn rhaltta Sie fertig udnitb ttB In bester Qualität zü ößfi öilWeo Prä! btoalrbrtoiity 0Dif8nni6itiflSJ-B.Mai3ÖiiieiÄini WieoJI.TaMatilit.tU jlüWiiililMHBSef!) tri Tel 45-29 Qegr 1866 Zah reiche belobende Anerkennungsschreiben! fwsamj n«d) afipn Welireika 1 Relts Wailrtoti Kalfljte y?tii! %mm\