Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 23 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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"Seite 8 DIE NEUE WELT Nr, 23 1 Klub radikaler Zionisten =£ ...........—........ ■' ' "" 1 I Die Klubabende am 29, Februar | und 7. März entfallen. Ein Rothschild, der ein schlechter Finanzmann ist In Ungarn fand bekanntlich vor kurzem 4er international« Zoologenkongreß statt, zu welchem unter anderen auch der in naturwissenschaftlichen Gelehrtenkreisen bekannte Londoner Baron Lyonel de Rothschild mit seinem Sekretär erschienen waren. Begreiflicherweise wurde gerade Rothschild das Ziel aller Zeirungsreporter, die von ihm .unbedingt wissen wollten, db er wirklich nur zum Kongreß und niöht etwa hauptsächlich zum Abschluß einer Anleihe nach Budapest gekommen sei. Rothschild verweigerte jedes Interview. Aber sein Sekretär versicherte, daß sein Herr tatsächlich nur für zoologische Probleme, und zwar speziell für Insekten Interesse habe, aber nicht für finanzielle Probleme. Dein wurde schon deshalb wenig Glauben geschenkt, weil bei dem Bamkett, welches der Reichsverweser H o r t h y zu Ehren der Kongreßmitglieder veranstaltete, Rothschild denüShrenplatz neben der Gemahlin Horthys angewiesen erhielt und mit seiner Nachbarin, wie versichert wird, ein sonst in Gesellschaft von Damen nicht sehr übliches Gespräch über Flöhe hielt, da, was gleichfalls bekannt ist, Lyonel Rothschild, der angeblich viel beneidete Besitzer einer Kollektion der seltensten Flohgattungen ist. Im Laufe dieses Gespräches sagte Rothschild, daß in seiner Familie von jeher eine Vorliebe, fast eine Schwäche iur Naturwissenschaft bestanden habe. Sein Vater und auch sein Großvater wären große Naturfreunde gewesen und haben sich mit dieser Wissenschaft eingehend befaßt. Er selbst sei schon als Kind durch seine Tierfreundlichkeit aufgefallen. Auf die Frage, ob er nicht auch für den Banklerberuf bestimmt gewesen sei, antwortete Rothschild lächelnd: „Jawohl, ich selbst sollte mich auch den Finanzgeschäften widmen. Ich machte auch anfangs manchen Versuch-auf diesem Gebiet, hatte aber leider wenig Erfolg, und so wandte Ich mich noch rechtzeitig meinem LielbHngsgefoiet, der Zoologie, zu. Bestrafte antisemitische Flegelei. Homonna ist eine alte Stadt in der Tschechoslowakei, In welcher Juden seit,undenklichen Zeiten leben und sowohl in wirtschaftlichen, wie im politischen Leben von ausschlaggebender Bedeutung sind. Der Besitzer der Großtrafik in dieser Stadt, R. Sefcik, empfand vor geraumer Zeit die Lust und die Ambition Häuptling der Antisemiten zu werden, und, wie er wiederholt verkündete, die Juden nach rumänischem Rezept zu behandeln. In Anwendung dieses Rezeptes erschien Sefcik vor einigen Tagen in Gesellschaft des Direktors Schefer von der T a t r a b a n k in dem dortigen Kaffeehaus und forderte, daß die in dem Lokal anwesenden Juden an die Luft gesetzt werden. Die Judenschaft von Homonna erteilte, auf diese Gemeinheit die einzig richtige Antwort: Sie machten kein Aufheben, liefen nicht zum Kadi, sondern beschlossen, das Kaffee Frimmer, in welchem der Affront sich zugetragen hatte, zu boykottieren, mit der Homonnaer Filiale der Tatrabank jede Verbindung zu lösen und die. Einlagen sofort zu kündigen. Den ambitiösen Antisemitenhäuptling Sefcik, der Pächter der Großtrafik ist, konnte man vorläufig nicht, m't Boykott strafen. Das Auftreten der Juden von Homonna verfehlte auch nicht seine Wirkung. Sowohl die Direktion der Tatrabank als auch der Cafetier richteten bereits an den Vorstand der Kultusgemeinde je ein Schreiben, in welchem sie erklären, daß sie an den Vorfällen unschuldig seien, und die Jüdische Gemeinde mit der Versicherung um Entschuldigung bitten, daß sie ihre an dem Vorfall mitschuldigen Angestellten zur Rechenschaft ziehen werden. Vorläufig verharren die Juden von Homonna und der Umgebung bei dem Boykott. Ein Opfer von „Gott der Rache". Von einem nahezu unglaublichen Vorfall berichten die polnisch-Jüdischen Blätter. In dem Städtchen Koschenitz gibt es eine kleine Gruppe von Amateurktinstlern, die von Zeit zu Zeit vor geladenen Gästen Theaterstücke aufzuführen pflegen. Diesem Verein gehören die Söhne und Töchter der angesehensten jüdischen Familien des Städtchens, auch ehassidlscher Eltern, an. Diese Amateurgruppe brachte nun vor kurzem auch Schalom Aschs „Gott der Rache'1 zur Aufführung. Als die Mähr hievon in die chassldischen Klausen gedrungen war, herrschte große Aufregung. Zunächst wegen der bekannten Szene mit der Thorarolle. Als jedoch festgestellt wurde, daß es sich nicht um eine wirkliche, sondern um eine symbolisch dargestellte Thorarolle gehandelt habe, legte sich die Aufregung einigermaßen und der Ukas, wegen der geschändeten Thorarolle einen Büß- und Fasttag einzusetzen, wurde zurückgezogen.. Hingegen richtete sich die ganze finstere Wut gegen den angesehenen , Cfiassid GötzJ Ankermann, dessen Tochter Lea in dem Stück die Rolle der Rebekka gegeben hatte. Es entstand ein gesellschaftlicher Boykott gegen die Familie ' Ankermann und als Vater Ankermann am nächsten Frei- , tagabend in das Bethaus kam, wurde er auf Befehl des Klausrabbiners beschimpft, angespien und aus dem Tempel gejagt. Seine Tochter Lea aber ist seit jener Zeit aus dem Städtchen verschwunden und wandert unstet von Verwandten zu Verwandten, weil sie als Kunstenthusiastin sich als Rüfkele in „Gott der Rache" so ausgezeichnet bewährt hat. Oberkantor Gerson Margu lies. Wie in unserem Blatte bereits berichtet wurde, hat der Wiener Kultusvorstand die durch den Tod des Oberkantors Kaufmann vakant gewordene Stelle eines Oberkantors in der Inneren Stadt auf , die Weise erledigt, daß er den bisherigen Oberkantor der Leopoldstadt Fischer in die Innere Stadt versetzte und den ersten Kantor des Währinger Gemeindetempcls, Gerson M a r* gulies, zum 0 b e r k a n t o r i n d e r Leopolds.tadt berief. Mit der Berufung Margulies' in die größte Synagoge von Wien und seine Ernennung zum Oberkantor haben nicht nur hervorragendes künstlerisches Wirken, sondern auch diie umfangreichen Kenntnisse eines' Mannes längst verdiente- Anerkennung1 gefunden,''der von seiner Jugend an mit unermüdlichem Eifer und Hingebung an seiner Vervollkommnung als Gesangskünstler und als Kantor und Chasan gearbeitet hat. Oberkantor Margulies hat auch in der Leopoldstadt. durch seine gewaltige, volltönende Tenorstimme, seinen vornehmen Vortrag und sein tiefes Verständnis des hebräischen1 Wortes das Publikum seines neuen Wirkungskreises rasch für sich gewonnen. Oberkanfor Margulies, der aus Rußland stammt und ein ausgezeichneter Hebräist ist, ist Kantor geworden aus seinem jüdischen Empfinden' heraus, das ihn; auch immer hilfsbereit macht, so oft es' sich um eine Hilfe für bedrängte Brüder öder um den Aufbau des jüdischen-Heimatlandes handelt. Juden als physische Arbeiter in Amerika. Im ungarischen Parlament hat ein, Abgeordneter — im allgemeinen gegen die Beschränkung der Lernfreiheit durch den Numerus clausus die Behauptung aufgestellt, daß die Juden überall, wo sie sich in größerer Zahl ansiedelten, so auch in Amerika, der physischen Arbeit gegenüber ablehnend verhalten. Diese unwahre Behauptung des scheinbar liberalen Abgeordneten veranlaßt einen Mitarbeiter des „Pesti Naplo", der längere Zeit in Amerika lebte und die dortigen Arbeitsverhältnisse studierte, zu fplgenden interessanten Feststellungen: . . In New York wohnen nahezu sechsmal so viel Juden als in Palästina und Budapest zusammen. Ich wqnte sechs jJIIIIIIIHII ikHiiciiiiiitimiiitiiififiiiiiifiiiii!ii«tiittitiiiiiiiiimiiitiitifU|iHiiii|Httii^ Talare «"'Barette für Kultus und Justiz in den mann gfaltiqs'en Forum erhalten Sie fertig und nadiö«Q In bester Qualität zu den billigsten Presen! in der allbekannten ünifcfrraieruHQSo.MißsitPijderBi Hl Goldstern WienJl.TaborstraöePi.tU mp-tii wm**v*?** ■ Tel 45:29 Oegf. 186ft Zahlreiche belobende Anerkennungsschreiben! Vffliftj na* allen Weltteilen 1 Btidi »riefte Ratsbß># I _ IIIIIIIIP»^ Monate am Meer, in einer Gegend, deren Bewohner in 10 Kilometer Umkreis zu 90 Prozent Juden waren. Ich speiste in einer ganz anderen Gegend in einem guten Hotef, wo 90 Prozent der Gäste aus russischen und polnischen Juden und das Personal durchwegs aus Juden bestanden. Ich kann also nicht sagen, daß ich in Amerika wenig Juden gesehen hätte. Aber mitteilen muß ich dem ungarischen Publikum, daß es in New York 72.000 Schneider gibt, von denen mehr als 70.000 Juden sind. Im Kürschnergewerbe ist nicht jeder Geschäftseigentümer Jude, aber mehr als neun Zehntel der Arbeiter sind Juden. Die überwiegende Mehrheit der Kellner in den Gastwirtschaften besteht aus Juden, und unter den Druckereiarbeitern und Schriftsetzern gibt es verhältnismäßig viel mehr Juden als in Ungarn. Das sind alles Menschen, die physische Arbeit leisten. In Arnerika verrichtet der größter eil der dortl gen Juden physische Arbeit in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Nimmt man aber den heute bereits allgemeinen Standpunkt an, daß auch der Grcisäer und sonstige Geschäftsmann, der den ganzen. Tag auf den Beinen ist, in früher Morgenstunde auf den Markt rennt, Einkäufe zu besorgen, und selbst die Ware nach Hause schleppt, sie dann im Geschäft sortiert und verkauft, gleichfalls physische Arbeit leistet, so .'giiaube ich, behaupten zu dürfen, daß. es unter den amerikanischen Juden auffallend wenig gibt, die nach unseren Begriffen als sogenannte geis tige A r b e i t e r bezeichnet werden könnten. Ist etwa der Peddlcr (Hausierer),1 der täglich .300 Stockwerke steigt, seine Ware mit sich trägt, oder der Straßenverkäufer, der vom Morgen bis zum Abend seinen mit seinem gesamten Warenvorrat beladenen Wagen vor sich hinschiebt, ein geistiger Arbeiter im landläufigen Sinn? Oder ist etwa der Ausrufer vor dem Geschäftseingang, der stundenlang sich die Lunge wundschreit, verächt-? lieh als geistiger Arbeiter zu bezeichnen? Ist etwa die Verkäuferin an den Straßenecken und in den Markthallen eine geistige Arbeiterin? Das alles sind in.Amerika typi* sehe jüdische Erwerbszweige. J 125 Jahre alt geworden. : In der Gemeinde D y d i o w bei Luhowislrä im ostgaliizisöhen Bezirke Lisko ist am .7. Februar der dortige jüdische Bürger Leiwe Feld, 125 J ahr e al t, an Altersschwäche gestorben. Er. war nie forauk und fühlte sich bis zuletzt wohl und geistig frisch. Die Witwe des Verstorbenen zählt 119 Jahre; er war mit ihr 100 . Jahre verheiratet. Es blieben drei Söhne und drei Töchter, dte, älteste Tochter ist 80 Jahre alt. Theater und Kunst Hebräisches Konzert.; Das zweite hebräische Konzert, welches am 1% Februar vom Jugentdverein „Erez Israel" veranstaltet wordeV war ein durchschlagender Erfolg. Es fand vor ausverkauftem Hause statt. Das Programm bestritt Herr Professor Artur Wöli, weicher eigene Kompositionen dirigierte. Prof. Wolf hat aus seinen Schülern und Schülerinnen einen erstklassigen Ohor gebildet. Ausgezeichnet waren die Solisten, Oberkantor Margulies, Frau Pfiiffer-Sax/ koHer- Geyer und Herr Schwertka von der .Brünner: Oper.; Herr Dr. Rotblmm, Kulturreferent des zionistischen.-Landeskomitees, hie.lt eine Wenberede für äip.^eb.r^che. Sprache und Kultur. Die Veranstaltung war; wirksamste Propaganda für den Gedanken von der Hebräisierunk des jftdh sehen Lebens. .• r Nahum Sokolow in den tJüdischen KünsUerspielen", Die „Jüdischen Künstlerspiele*'' luden den anläßlich der Gründung des Oesterreichischen Pro-Palästina-Komitees in Wien weilenden Präsidenten der Zionistischen Exekutive Nabum Sokolow für Sonntag, den 19. ,d. M„ zu einer Festaufführung der nationalen Revue „A u f n ach T c I - A w i w!" von A. M e i s e 1 s. Der Gast wurde zunaenst von den Mitgliedern der Bühne und im Haus selbst von aer Kampe herab vom Regisseur bch. tt r ünn begrubt. Uas Publikum bereitete Nahum bokolpw stürmische Uvationen. Die Vorstellung trug testüchen Charakter. Neben dem Ensemble (den Damen Weintraub-Öiraf, Bell, Meiseis, Deutsch und den Herren Zelniker, Feldbaüm, Witt«- Ier, Sigalr Herschkowits und D. Nachbar, -den, Strenge Künstlerkabarett für diese Aufführung freigegeben; hatte) wirkte der große Gesangskünstler Isaak Deutsch mit, der mit dem Vortrag jüdischer Volkslieder, seiner Domäne, wesentliches zum Glanz der FestvorsteHüng«' beitrug. Sondervorstellung der „Jüdischen Künstlerspiele". Am 29. Februar findet eine Sondervorste'lton« der erfolgreichen Komödie „In der Sommerfrische4* statt. In Hauptrollen werden die Herren Isaia'k Deutsch und Z c 1 n i k e r mitwirken. Jüdische KüHstlcrsplelo im Theater Reklame, II.. Prater- Straße 34.. W o c h e n r c p c r t.o i r e: Freitag, den. 24./ Februar, Erstaufführung des Melodrams „Herzen zu verkaufen" van Semjon Wolf mit Isaak Deutsch als Gast, Samstag, den 25., und Sqnqtag. den 26. Februar, „Herzen zu verkaufen". Montag, den 27. Februar: Bunter Abend. Dienstag, den 28. Februar: „Ewijfe Narren". Mittwoch, den 29. Februar: „Ewige Narren". Donnerstag, .den 1. März Besinn des Gastspieles der Jiddisch-amerikanischen Soubrette Betty König in der Upcrette „O, ist das ein Bochcr" von Tanzmatw. Susi Mirjam, die junge Tänzeria, deren Leistungen gelegentlich ihres Auftretens in den Jahren 1935 und 1926 in der „Wiener Morgenzeitung" gewürdigt, worden sind, gibt am Samstag, 3. März, 4 Uhr nachmittags im J p s e fs t ü d t c r t h e a t e r einen Tanznachmittag mit > völlig neuem Programm, das ernste, heitere und groteske Num* niern umfassen wird. „ Jüdische Böhne. I!.. Taborstrnße 12 ' (Hoter Stephanie). Wochenprogramm: Freitag, 24. Februar: Premiere „Wahre Liebe siegt". Lebensbild mit Gesang in vier Akten von Suckow, Samstag], 25,, bis Montag, 27. Februar: „Wahre Liebe siegt". Sonntag-, 3 Uhr, Nachmittagsvorstellung: „Die Opferung l s a k s", Bjbliscjie Operette In vier Akten von Geldfaden (Eintritt frei). Dienstag, 28. Februar: „Bas-Jerischulaim" (Die Tochter Jerusalems), Historische Operette in vier Akten von Auerbach. Mittwoch, 29. Februar: „Welwele Meschojrcr", Komödie m|t „'Gesang in vier Akten von Rackow. Donnerstag, 1. Marz: „C h a s H q l Kolbojntk/', Komödie mit Gesang in vier Akten von Baumwohl. Beginn 8 Uhr. End« 11 Uhr. Mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage freier Eintritt.'