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Die neue Welt · 1928-02-17 · Heft 22 (17.2.1928) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 22 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife« DIE NEUE WELT Nr. 22 Ein Dybuk geht um . .An An-skis „Dyflxi'k", der auf den 'bedeutendsten europäischen und amerikanisdien Buhnen zur Aufführung gelangte, erinnert die folgende, uns au« Warschau (berichtete Begebenheit, die sich vor einigen Tagen in den Baracken für jüdische Heimlose in der Vorstadt Ana pol x«!gerra«en halben soll. In einer Wohnung dieser Baracken wohnt seit vier Wochen die jüdische Familie Hermann, bestehend aus dem Ehepaar und drei Kindern. Eines Morgens ging die 35jährige Frau Feige Hermann zu einer Nachbarin und als sie nach kurzem Verweilen wieder in ihr Wohnzimmer zurückgehen und die Tür öffnen wollte,' .habe sich ihr, so erzählt sie selbst, ein heftiger Sturmwind entgegengestellt, der ihr den Eintritt in ihre Wohnung unmöglich machte. Schließlich sei es ihr gelungen, in ihre Wohnung -einzudringen, wo sie plötzlich in Ohnmacht verfiel. Der herbeigeholte Arzt konstatierte einen hoftilgen Nervenohok, gab ihr ein Mittel und die Frau schien sich zu erholen. Arn nächsten Tag jedoch wurde sie plötzlich von heftigen? Krämpfen gequält, die so schmerzhaft waren, daß das Weib sich die Haut vom Leibe reißen wollte und unausgesetzt jämmerlich schrie. Sie erholte sich abermals und erzählte, in ihr habe sich irgend eine Mannsperson festgesetzt, die sie furchtbar quälte, mit ihr polnisch sprach -und sie zwängen wollte, sich als Frau Sala Dombrowska zu bekennen. Am selben Abend habe nun Frau Hermann, die im normalen Zustand die polnische Sprache nicht sprechen kann, laut Versicherung der Nachbarn in der Baracke, plötzlich mit ein er Männerstimme poJnäsche Lieder fand nationale Arien gesungen. Als ihre Familie versuchte, auf sie beruhigend einzuwirken, schrie sie auf polnisch: „Schert euch weg von hier! Ich werde mich von meiner Sala niemals trennen!M Als sie von diesem neuerlichen Anfall ein wenig ccu sich kam, ibat sie ihre Umgebung in herzzerreißendem Ton, man möge sie doch um des Himmels willen von jenem Unibekannten befreien, der sie so furchtbar peinige nnd zu erwürgen drohe. Sie bat mioh auch, am Saibbat in ihrem Zimmer den Gottesdienst zu verrichten, vielleicht könne „er" auf diese Weise verscheucht werden. Man entsprach ihrem Wunsch, sämtliche Juden der Baracke versammelten sich am Sabbatmorgen im Zimmer der Familie Hermann zum Gottesdienst, an dem auch die Frau weinend teilnahm. Gegen Schluß des Gottesdienstes erlitt Frau Hermann abermals ©inen Anfall, erhob ihren Arm und schrie: „Hinaus von hier, da ist meine Wohnung, hier habe ich meine ewige Ruhe gefunden!" Die Anwesenden versuchten die arme Frau mit Gewalt niederzuhalten, ajber es gelang nicht, die Unglückliche schrie immerfort mit-tiefer Männerstimme: „Ich habe mich hier festgesetzt, und werde nimmer von hier weichen!" Nun war es allen „klar", daß die Frau von einem Dybuk besessen ist und der Aelteste der Anwesenden, der auch als Vorbeter fungierte, begann diplomatische Verhandjungen mit^dem Dyibuk, um ihn zu bewegen, daß er aus äem Körper-;der Frau ziehe. Aber „er" achtete nicht auf, das freundliche Zureden und schrie und fluchte In kernigem Polnisch immer mehr und lauter, er wolle nicht einmal der Gewalt weichen, er werde sich niemals von seiner Sala scheiden. Da wurde der greise Jude böse und -h man kennt die ähnliche Szene aus An-sikis Drama — drahte der raheJpsen Seele, sie vor den Rabbi zu bringen und in den Bann Riegen zu lassen, W3»n sie nicht freiwillig die leibliche Hillle der armen unglücklichen Frau verlassen wolle. Dieser Kampf mit dem Dyibnk währte länger als eine Stunde, bis die Frau immer schwächer und auch ihre Stimme weicher, ' weiblicher wurde, Sie bat flehentlich: „Juden rettet mich! Er quält mich furchtbar, er würgt mich und will durch den Hals entfliehen!'4 Da versuchte der alte Jude wieder mit dem Dyibufc. in liebevollem Ton zu unterhandeln. Aenzflliche Hilfe richtete wenig aus, bis endlich die Kranke in Todesangst, aber wie erlöst den Arzt bat: „Verbindet mir die ß r o ß e Z eh ean meinem rectatenFuß rasch, rasch, von dort ist er soeben ausgezogen . . *** Die bei dieser Szene anwesenden Barackenbewohner erzählen allen Ernstes, daß, als man ihr ihrem Wunsche gemäß die Zehe verband, Bluts tropfen sichtbar wurden, worauf Felge Hermann in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem sie erst nach vielen Stunden erwachte. Heute ist Feige Hermann bereits ganz normal, nur furchtbar schwach und entkräftet, Sie erinnert sich an nichts und hört nur ungläubig die Geschichte von der Austreibung des Dyfouk aus ihrem Körper. An diese sonderbare Dybukgescbichte knüpfen sich bereits verschiedene neue Legenden, durch die die Dytokgeschichte selbst erst glaubhaft gemacht werden soll. So wird behauptet, und zwar von den christlichen Bewohnern der in der Nachbarschaft befindtäcben Baracke, daß in demselben Zimmer, welches jetzt von der Familie Hermann bewohnt wird, vor einigen Monaten ein christlicher Helmloser gehaust habe, der eine Braut namens Sala Dombrowska gehabt habe. Der Pole sei In dem jetzt von der Familie Hermann "bewohnten Zimmer aus Liebes- Kram gestorben. Das ist der christliche Kommentar /ur neuesten jüdischen Dybukle-gende. ... SPEZIALIST Iffir Klmtor<^tfnd M5<fcfiafi*fmmafS kOch*n* und Vor* ■ slmmer-MOBEL» Schlaffauteulis, Diwans und Ottomanen cige- ■ ner Erzeugung. Oesch3flsbcsiand seit 60 Jahren. Motto: Großer ■ Umsatz — kleiner Nutzen. Größte Auswahl! Billigste Preise 1 ■ Josef KobUlx & Sohn, VII., St«b«nit«rng. 12 | Für Ungarn verwundet, von Ungarn ausgewiesen. „Pesti Naplo" veranstaltet jetzt unter seinen Lesern eine Enquete über das stärkste Erlebnis von der Güte, beziehungsweise der Schlechtigkeit der Mitmenschen. Unter den eingelangten Zuschriften befindet sich auch die eines Juden, der als Opfer liorthy-magyarischer Ausweisungswillkür nach Polen ausgewiesen wurde und das folgende Erlebnis schildert: Als die Monarchie ihre Demarche in Belgrad überreichte, war ich bereits aktiver Soldat. Ich diente in dar ersten Kompagnie des 32. Infanterieregimentes. Wir waren die ersten, die von der Mobilisierung betroffen wurden, da das vierte Korps als erstes an die serbische Front geschickt wurde. Wir marschierten in unserer funkelnagelneuen hechtgrauen Montur so fröhlich und lustig, als ginge es zur Hochzeit. Unser Weg von der Kaserne bis zur Bahnstation wurde uns mit Blumen bestreut. Von den Fenstern regnete es förmlich Zigaretten und Schokolade. In der Station überhäuften uns die Menschen mit dem feinsten Proviant. Das war der Anfang. Ich will nicht breitspurig werden, wir kennen ja alle die Fortsetzung. loh will kurz auf den eigentlichen Gegenstand übergehen. War standen vor Schabatz und kämpften mit einem Feuer und einer Begeisterung, die während des ganzen Krieges kaum mehr ihresgleichen hatte. An einem nebeligen Frühmorgen wurden wir sium Bajonett* angriff befohlen. Hier wurde ich zum ersten Male verwundet, loh bekam auf einmal zwei Kugeln, die eine in das linke Bein, die andere in die linke Schulter. Ich verlor die (Besinnung und stürzte zu Boden. Ich weiß nicht, wie lange ich so dagelegen sein mag; als ich wieder, zu mir kam, war es noch immer halb dunkel um mich. Meine linke Seite schmerzte mich unbändig, rings um mich Todesröchein und Stöhnen. Ich löste mit ider rechten Hand die Feldflasche los, in der noch Rum vorhanden war, und versuchte mit schwerer Mühe, mich auf den Ellbogen stützend, au trinken, aber das Experiment wollte nicht gelingen, denn ich war bereits so kraftlos, daß ich immer wieder zurücksank. Schließlich gelang es mir doch, auf dem Rücken liegend, einige Tropfen Rum aus der Flasche in den Mund zu bekommen. •Plötzlich höre ich eine Stimme rechts von mir: „Gib mir, gib mir!" Ich wandte den Kopf In die Richtung der Stimme und sah einen verwundeten serbischen Offizier neben mir liegen. Ohne viel Ueberlegung reichte ich ihm meine. Feldflasche. Nach einigen Minuten rief ich ihm gleichfalls in deutscher Sprache zu, er möge mir doch den Rum zurückgeben, wobei ich mich mühsam auf den rechten Ellbogen stützte. In diesem Augenblick ertönte ein $cbuß. Der serbische Offizier hat mir nicht me'ine Feldflasche zurückgegeben^ sondern mich aus Dank angeschossen. Die Kugel traf meinen Ober- Kiefer und schlug mir sämtliche oberen Zähne aus. Ohnmächtig sank ich wieder zurück und erst im Spital erlangte ich meine Besinnung wieder. Im Spital kam ich erst darauf, daß auch mein Ring, meine Uhr und 75 Kronen Bargeld verschwunden waren. Ich glaube nicH daß es der serbische Offizier gewesen war, der. mir diese Effekten entwendet hat. Drei Monate lang stand ich in Spitalsbehandjung. Dann ging ich an die russische Front, kämpfte den Krieg bis zu Ende und wurde noch zweimal verwundet. Ein Jahr nach dem Krieg erst erfuhr ich, daß ich igar nicht berechtigt war, am Krieg teilzunehmen, weil ich, wie mir amtlich vorgehalten wurde, gar kein Ungar, sondern ... nur ein Jude bin . . . Mit vorzüglicher Hochachtung Ein heimatloser ungarischer Jude, tillllilllllillllillllllllllilllllllllillH Klub radikaler Zionismen Mittwoch, den 22. Februar 1928 um halb 9 Uhr abends findet im Klublokalc Cafe Atlashof, Wien, I., Aspernplatz, eine Klub Versammlung ,, Gegenstand: Bericht über die Lage in Palästina und] der Zionistischen Organisation — Freie Aussprache Ober das Thema „Popper ~ Lynkeus oder Marx". Im Osterreichischen Landesverbände organisierte Zionisten als Gäste willkommen. Zu dieser Versammlung ergehen keine besonderen Einladungen I Organisierter jüdischer Kampf gegen die Frauenhändler in Argentinien. Aus Buenos Aires schreibt man uns: In der europäischen allgemeinen und zum Teil auch jüdischen Presse wird, so oft vom Frauen- und Mädchenhandel und dem Anteil der Juden an diesem schändlichen Gewerbe geschrieben wird, die Sache so dargestellt, als ob die Juden in Argentinien und ganz besonders in Buenos Aires samt und sonders von diesem' Sehandgewerbc lebten und es durch ihre Beziehungen und ihre geheimen Verbindungen förderten. In Wahrheit jedoch ist das gerade Gegenteil der Fall. Trotz der hohen Beziehungen* welche die jüdischen Besitzer öffentlicher Häuser zu mancheu amtlichen Kreisen ibesitzen, hat die jüdische Gesellschaft ■im letzten Jahre einen EntsclieidungskauTpf gegen diese Auswürfe des jüdischen Volkes in Angriff genommen und führt ihn mit sichtlichem Erfolg weiter. Albgesehen von der Errichtung jüdischer Rechtshilfsstellen für irregeführte Opfer des Fraucnhandels und den Arbeiten des Infor«. mationsbureaus nach dem Ausland und den europäischen Bezugsquellen hin, hat in letzter Zeit ein rück siebt's« loser gesellschaftlicher Boykott gegen alle jene Elemente, die in irgend einer Form tmit dem Frauenhandel in Beziehungen stehen, durchgeführt. Dieser geseHschaf t-lichc Boykott erstreckt sich auf ganz Südam e r ilka und hat bereits <zu einer förmlichen Exkommunikation dieser Händler mit •lebendiger Ware durch den Willen des Volkes geführt. Alle diese Geächteten sind aus den jüdischen Lehranstalten, den jüdischen Theatern und jüdischen Vereinigungen absolut ausgeschlossen. Kein im Verdachte des Frauenhandels Stehender kann Mitglied der offiziellen jüdischen Gemeinde werden und selbst < ^dic B e s t a t tu n g d e r Leiche eines solchen auf dem jüdischen, Friedhof ist untersagt. Die jüdischen Gemeinden faßten den Beschluß, sich auf diese Weise völlig abzusondern von der Gesellschaft des niedrigsten Gewerbes und sie dadurch zu zwingen, eine eigene Gemeinschaft der moralisch Verfemten uud Vcraohtetcu zu (bilden. Theater und Kunst/ Jüdische Bühne in Wien, Lora Glücksmann. Auch die jüdischen Theater in Wien haben, ihre Prominenten. Nur sagen sie scheinbar nie ab, haben selten Gagendifferenzen-mit ihren Direktoren — also hört die Öffentlichkeit nur ' wenig von. ihnen.; ' •-• / Der Star der „ J ü cl i s c h e B ü h n c" in Wien ist Lora G1 ü c k s <rn a n n. Im gewöhnlichen Leben klein und gar nicht prätenziös, nur ihre blitzenden Augen verraten ihr Temperament.' Aber auf der Bühne wächst sie, da „brennt" dieses ganze zierliche Personellen, die Pointen r»-HSsclri Raketen gleich ins Publikum,-da gehört die' Auiinfcrksamkeit aller nur ihr. Ihr Rollenfach'ist--unbegrenzt, vom kleinen Sprühteufel „Jankaie" bis zur bösen Sieben in „Die beiden Schwiegers" — um gleich ihre besten Rollen zu nennen --> spielt sie einfach alles, sie ist Soubrette, Volksschauspieleriu und Komikerln* •hv einer Person. Diskrete Mittel verschmäht sie, ihr Fiuchregister 'st unerschöpflich — nie aber hat mau das Gefühl,'daß sie es böse meint. Wenn ihr Jona Rejßinunu als armer Pantoffelheld gegenübersteht und sie alle Flüche der Erde über ihu ausschüttet, dann dröhnt das Haus vor Lachen. Derbheit gehört einfach zu ihr, zu ihrem überschäumen,- den Temperament, zu ihrer Wirkung, Ihre große Charakterisierungskunst, ihre Mimik, ihr Aueenspiel sind unerreicht, ein Blick von ihr kann mehr bedeuten, als zehn Worte, ausdrücken können. Schade nur das Eine: daß sie einem heimischen Ensemble angehört. Würde sie mit einer Sämtliche KLAVIERE M auch auf Mark«n W, KRE5TLER A Teilzahlung VH( IX. Universitäts'tralteft ■vr

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