Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 22 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nt. 72 Ein Besuch im jüdischen Versorgungshaus. Veteranen der Arbelt. — Durchschnittsalter der Insassen 76 Jahre. — Eine diamantene Hochzeit in der Anstalt — Qas Siechenheim muß verlegt werden! Beim Eintritt, von den Fenstern des Treppenhauses, sieht man auf das teuerste Wiener Denkmal altjlklischen Gemeinschaftsgefühls, auf den berühmten Judenfriedhof in der Seegasse. Als im Jahre 1670 die Bewohner des Ghetto „Im Werd" aus Wien verjagt wurden — es war eine blutige Judenhatz, ein Spießrutenlaufen längs des Donaukanals — verließ der Vorsteher Fränkhel seine an Leben und Eigentum gefährdeten Angehörigen, eilte zum Wiener Magistrat, erlegte eine hohe Summe und forderte einen Revers, mit dem sich die Behörde vernichtete, die Wohnstatt der Toten nicht zu zerstören, wenn sie schon die Woihnstatt der Lebenden „ausräucherte". Das Dokument wurde unterschrieben, der bezahlte Pakt eingehalten und so Wieb der Judenfriedhof in der Seegasse unversehrt. Beim Verlassen des Gebäudes, das diesen alten Friedhof umgibt, darf der Besucher mit Genugtuung feststellen, daß die Errichtung und Führung dieses jüdischen Versorgungshauses, eine ebenso rühmenswerte Tat der Zeitgenossen ist, wie die Sorge um Erhaltung und Heiligung der Gräberstätte in Zeiten ärgster Bedrängnis eine Kulturtat des Ahnen war. Man darf die Insassen „Veteranen der Arbeit" . nennen. Denn fast alle sind bis ins Greisenalter ihrem bürgerlichen Beruf nachgegangen: Das Durchschnittsalter der Bewohner dieses Hauses der Fürsorge beträgt nicht weniger als 76 Jahre. Vorbedingungen für die Aufnahme — für diejenigen nämlich, die so glücklich sind, sie zu erlangen — sind ein Mindestalter von 65 Jahren und ein zehnjähriger Aufenthalt in Wien. Wer es leisten kann, zahlt 4 Schilling täglich. Die Bewohner dieses jüdischen Altersheimes sind weder „kaserniert" noch werden sie „abgefüttert". Es gibt im jüdischen Versorgungshaus nicht die gefürchteten „Wohn- und Schlafsäle" und die demütigende, deprimierende „Speisenausfassung" ist hier auch nicht Hausbrauch. In den einzelnen Zimmern wohnen zwei, höchstens vier. Personen und allen werden die Mahlzeiten in ihre Wohnung zugetragen. Das traurige Los, nicht mehr sein eigenes Heim zu besitzen, ist insbesondere den Ehepaaren erleichtert, welche hier ihren Lebensabend verbringen und die ihnen ans Herz gewachsenen Einrichtungsstücke und Gebrauchsgegenstände mitgenommen haben. Ein greises Paar feierte hier die goldene Hochzeit — es war ein Fest des Hauses — und, einen festlichen Tag erster Ordnung wird man hoffentlich in diesem Jahre im jüdischen Versorgungshaus begehen dürfen: Eine brillantene Hochzeit! Der Mann steht im 83., die Frau im 81. Lebensjahre, beide Ehegatten erfreuen sich unverminderter geistiger und körperlicher Frische und die Verwaltung umgibt diese Patriarohen des 'Hauses mit besonderer Sorgfalt.' Ehr Gewährsmann hat sich davon überzeugt: Philemon und Bauois fühlen es nicht, daß sie „in der Versorgung" sind. Soweit dies überhaupt zu erreichen ist, fühlen es bestimmt auoh die anderen Insassen nicht. Herr Verwalter Popper, der-uns durch das Haus führte, machte uns mit einem Mann bekannt, der bereits 24 Jahre in der Seegasse wohnt und die Anzahl derjenigen, die länger als 10 Jahre im Versorgungshaius leben, ist nicht gering. Wir trafen einen Schuster, der zu den langjährigen Insassen zählt und noch rüstig seinem Beruf nachgeht, einen Buchbindermeister, dessen 90. Geburtstag bevorsteht, zu einer Zimmergemeinschaft sind ein ehemaliger Schuhrahmenfaibrtkant, ein emeritierter Bankbeamter und ein Buchhalter vereint. Es gibt auch ein „Kaffeehaus", ein geräumiges Zimmer, In dem man sich zur Lektüre, zum Plausch, zum Adel" oder z-ut KlaJbriaspartie trifft, selbstverständlich auch eine Betstube. Wir kamen, unangesagt, zur Mittagszeit und konnten uns überzeugen, daß gut und reichlich gekocht wird. Täglich zweimalige, nur an zwei Tagen der Woche einmalige Fleischkost. In der bitteren Kriegszelt und in der ersten Nachkriegszeit war man hier — wie uns erzählt wird — sogar besser daran, als in den Privatwirtschaften. Die Juden haben an die Greise und Greisfanert #n der Versorgung" nicht vergessen. Aus dem Auslande trafen Naturalsendungen ein, mit der ausschließlichen Bestimmung für das Fürsorgehaus in der Seegasse. Allerdings konnte damals nur das halbe Haus besetzt gehalten werden und erst ein Sanlerungskomttee, vom Vorstand der Kultusgemeinde ins Leben gerufen, hat wieder den' „Vollbeläg" ermöglicht. Und für die Versorgung der Arbeiterveteranen, der gesunden Greise, die ihrem Berufe nicht mehr nachgehen .können, der gesunden Matronen, die im Erwerbsleben standen oder eine Familie großzogen — dies ist ja die eigen-tllöhe Bestimmung des Hauses in der Seegasse — 'komrrit auch weiterhin leider Die bestrenommleite 1. Wiener orthodoxe Maxxothfabrlk Israel Vortrefflich WIEN, II. Bezirk, Qbmrm Augart«i»traft* 92 erzeugt unter Aufsicht des ehrwürdigen orth. Rabblnats der Israel. « ultusgeme iide Wien die feinsten, dünnsten u. besten MAZZOTH und GRIESS Streun hyglenieoh! Ueberau erhhlttlchi Tügllch f,|,0b gebaekenl Im Teppichhaus Sommerfreund VULJosefttadttretrcrfe 35 \ Telephon Ä SU-IST »<§lf kaufen Sie Perserteppiche infolge äußerst günstigem Einkauf zu besonders billigen Preisen. Zahtungserleichterungen werden gewährt I bloß das halbe Haus in Betracht. Die andere Hälfte, räumlich getrennt vom Heim der gesunden alten Leute, dient nämlich der Unterbringung von Siechen, hoffnungslos Erkrankten, Hilflosen, die der Spitalspflege nicht überantwortet werden können. Das Siechen-haus in einem g e s o n d e >r t en Heim unterzubringen, das Versorgungshaus mit seinem Maxi-mal belaß von 335 Betten durchaus den gesunden, mobilen judischen Veteranen der Arbeit zu widmen, wäre ein wahrhaft dringlicher Akt jüdischer sozialer Fürsorge. Weit über Oesterreich hinaus müßte sich die Judenheit an der Förderung dieser modern geleiteten, sehr wertvollen jüdischen Institution beteiligen. Wlie wir uns durch Einblicknahme in die statistischen Aufzeichnungen überzeugten, sind bloß 147 Insassen nach Oesterreich, von den übrigen — das Haus ist natürlich bis auf das letzte Bett belegt — sind 69 nach der Tschechoslowakei, 64 nach Polen und die' restlichen in fallender Anzahl nach Ungarn, Rumänien, Rußland, Jugoslawien und sogar nach der Türkei und nach Italien zuständig. Auf dem Tisch der Verwaltungskanzlei liegen aber mehr als 300 Aufnahmsgesuche,, von denen ungefähr 100 nach gründlichster Prüfung als „sehr dringlich" befunden werden mußten. Sollen wir an diesen Bericht den üblichen Appell an die jüdische „Oeffcntlichkeit" knüpfen? Wir nehmen Abstand. Wlir müssten uns schämen . . , a. Die Frontkämpfer. In dem Organ der Frontkämpfer vom 3. Februar, lesen wir tinter dem Titel „Auf Horchposten", eine Bemerkung über einen Empfang österreichischer Invalider beim französischen Außenminister Briand. Diese Bemerkung lautet: Man stelle sich vor: B r a n d e i s z und Hirsch als Repräsentanten der Österreichischen Frontkämpfer, sogar der „wirklichen Frontkämpfer"! Als Friedensmissionäre vor Briand, dem französischen Premierminister! Nur schade, daß sich alle diese Dinge im Fasching ereignen; und Briand die Frage versäumte: „Wievielprozentig sind Sie invalid, Monsieur Brandeisz, und woher haben Sie die Prozente?" Und was herausgekommen wäre, wenn, Briand sich nach dem Namen des anderen österreichischen Invalidenrecken erkundigt hätte und wo er im Krieg mitgekämpft habe, und Brandeisz sehr rasch hintereinander versichert hätte: „Hirsch heißt de* Mann, Hirsch heißt der Mann»..!" Hier ist, wie man sieht, der Ton* der Etappenhelden sehr gut getroffen. Die besondere Niedrigkeit dieser Auslassung ergibt sich aber noch daraus, daß der hier genannte Herr Brandeisz im Krieg einen schweren Kopfschuß erlitten hat, Herr Hirsch hat durch eine Handgranate beide Hände verloren, ist blind geworden und auf einem Ohr taub. Den Hinterländlern>. die ihre Tapferkeit in den dreckigen Hirsch-Witzen ausleben, ist es natürlich besser gegangen. Das Sterben fürs Vaterland war den Juden überlassen, die dann auf Horchposten noch verhöhnt und angerülpst werden. Eeflepste AKlmg ■gm! Preise haben den Ruf unstrss Nauses begründet! Elegante Mantel, Kleider, Kostüme etc. nach Original Pariser Modellen in unseren Ateliers hergestellt IS JULIUS KU Rl IIIJR VII. Kalserstr.115 mm mW sro ■meerbi kbink pimaui bmbmh FlLiALKt Führendes und größtes Speziaihaus Oesterreichs Herr Deutsch aus Romanshorn. Ein Besuch bei der Judenmission in der Seegasse* Ein Leser schreibt uns: Bereits seit Monaten las ich in den Budapester Zeitungen, vor allem aber in dem assimilatorischen Organ „Egyenlöseg" alarmierende Berichte und Artikel über die Tätigkeit der „Christusgläubigen Juden". Diese Artikel enthielten aber ein für Zionisten seltsames Konglomerat von Begriffen* die miteinander wahrlich nicht viel zu tun haben: Christentum, Chaluiz, Keren Hajessod, Neues Testament, Zionismus etc. etc. Ich empfand das Gefühl, das mich immer befällt, wenn ich das Gekläffe dieses Blattes gegen aMes, was wirklich jüdisch ist, vernehme: Für diese Sippe ist keine Waffe genug schmutzig, wenn sie nur gegen das nationale Judentum verwendet werden kann. Vor der Eingangstür der ,£ese- und Redehalle Jüdischer Hochschüler44 übergab mir eine „gerettete" ungarische Jüdin eine Einladungskarte. Sehr einfach, bescheiden,, „für jedermann zugänglich" wurde mitgeteilt, daß Herr Deutsch aus Romansiborn Wien wieder beglückt und um 8 Uhr abends in den Räumen der Seegasse 16 A Vorträge halten wird. Um die Neugierde zu reizen, waren die Themata angegeben. Darunter eines: „Die Auferstehung Israels'4. Ich beschloß, diese „Auferstehung" mitzufeiern. Ich betrat den Saal unter den Klängen der einleitenden Psalmen — waschechte geistige Erzeugung der Schwedischen Mission für Israel. Während der eigenen Melodie — wie stolz vermerkt war — hatte ich Muße und Zeit, die Situation au überschauen. 30 Personen, 17 dem weiblichen, 13 dem männlichen Geschlechte angehörig, größtenteils mittleren Alters, nur einige ältere Frauen und 2 junge Mädchen. Die erste Ueberraschung war, daß ich mich nach langem Einschätzen und prüfenden Blicken zu der Feststellung entschloß, von den Anwesenden konnten höchstens 10 Juden gewesen sein! Die kleine Orgel verstummte, Herr Deutsch betrat die Bühne und begann mit unseren Propheten zu jonglieren. Jechekels Psalm, das Lebendigwerden der verstreuten Knochen, dann Hosea mußten ihm die Grundlage schaffen. Dann begann die Tbeorie der Auferstehung . . . Er entwarf ein „feinskizziertes" Bild des gegenwärtigen Zustandes des jüdischen Volkes. Wie tief das Judentum gesunken ist. Erster Schaohzug gegen die Assimilanten! In der vulgärsten Tonart, die mir jemals in einer Proipagandarede entgegentrat, wurden die nichtnationalen Juden erledigt. Man beginnt leise zu zweifeln, ob man sich in der Adresse nicht geirrt hatte — dann kommt die kalte Dusche! Herzls Name wird in die Luft posaunt, sogar mit dem Wort „edel" versehen, dann aber 30 Jahre als inzwischen vergangen konstatiert und siehe die Resultate! Kein Agudis't, kein nationaldeutscher Jude hätte es schöner bringen können: „Kommunistische Gruppe", „Junge Menschen, die an nichts glauben", .^Russische Bolschewiken", „Der ganze Unterschied, daß man nicht mehr in Rußland, sondern in Palästina lebt, nicht mehr russisch,1 sondern hebräisch spricht4', „Man soll auf ein Viertel Jahr nach Palästina gehen und diese Menschen anschauen4', „Wenn diese erste Station 30 Jahre gedauert hat, wie lange wird das ganze Werk dauern", „Was ist bis jetzt geschehen? ... „Aber zur Auferstehung gehört 'ein neues Herz und ein neuer Geist", „Wir können uns kein neues Herz geben", „Man kann sich doch nicht selbst beim Schopf packen und sich aus dem Morast ziehen'4. Und als Konklusion die neue Lehre: „Dadurch, daß man in ein neues Land geht, neue Sprache spricht, wird man kein neuer Mensch", „Zum neuen Leben gehört etwas Neues". Und die andächtigen Zuhörer — mit Ausnahme von mir und noch 2 Anwesenden' waren anscheinend lauter Stammgäste im Saal — schienen aHe zu verstehen, was dieses LebenseüxJr, diese nach Originalrezept von Steinach hergestellte verjüngende Wunderarznei sei: Das neue Testament. Noch ein wenig OrgeHdang, dann fremmdschaffliche Einladung des Vortragenden für die weiteren Abende. Die „Auferstehung" war vorläufig zu Ende, Bei der Tür des Saales stand Herr Deutsch und drückte jedem einzelneji höchstpersönlich die Hand zum schweren Aibsohied. „Aber kommen Sie unbedingt wieder zw uns*4 — sagten er und - die 4 als Nonnen gekleideten weiblichen Wesen im Vorraum. Ich konnte nur durch besonders * schnelle Bewegung dem freundschaftlichen Händedruck entgehen, loh wollte nicht einer unverdienten Auszeichnung teJlhaitig werden. Beim engen Ausgang aber trat mir die eine Nonne fünfmal „zufällig4* In den Weg, bis sie auf einen ausdrucksvollen Blick von mir den Weg aus der Mausefalle — der ganze Zugang mahnte mich immer an diesen Gebrauchsgegenstand -t öffnete. Nach eiq Gruß vom Portier und meine Seelenrettung war mißlungen. Einige mir bekannte -:Gü/:cliter: sah ich dort. Alte Methoden der Leu-te verriet .'-mir von neuem sie sind KARTON N AG E N FABRIK Ii GELBAND « C», WIEN, IX. QRUNDLSTR. 3 M Telephon 19-0-69 <M ■► beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit <■ ALLEN ARTEN KARTONS