Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 21 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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tfr. 21 DIE NEUE WELT Seite 3 jüdische Gesellschaft außerhalb Rußlands antworten? Ais die Bolschewiken mit der Ukraina- und Krhnsache kamen, fanden sie willige Helfer in den amerikanischen AssrmilationshJden, denen jede Afblenkuns vom Zionismus, vom Nationaljudentum, vom Judenstaat in Palästina hochwillkommen ist und um den höchsten Preis noch billig erscheint. Die Herren Marshal>1, Warburg, David Brown und Genossen, welche für Palästina nichts oder nur Brosamen haben, zauberten aus den Taschen der Juden Dollarmillionen ff)r die bolschewikische Krim heraus. Unvergessen soll bleiben, was damals Juden gegen das wirkliche, einzige jüdische Vaterland, gegen Palästina, zu unternehmen wagten. Als die Zionisten Widerstand versuchten — leider nur versuchten —, drohte ihnen Herr David Brown, der Hauptmanager der Krimsache, er werde mit der Parole: „Ansiedlung einer Jttderaf&milie in Palästina kostet 1000 Pfund — in der Krim nur 100 Pfund!" das Palästinaw«rk unmöglich machen. Palästina als Schundware, die man durch billiges Gegenangebot vom jüdischen Markt verdrängt. Hinter den amerikanischen Jointleuten kamen in geschlossenen Reihen der Hilfsverein deutscher Juden und alle Antizionisten aller Länder. Was werden sie jetzt tun? Werden sie auch für Sibirien gegen Palästina kämpfen? Was werden die Zionisten tun£ Werden sie auch diesmal schweigen, oder nur lässig abwehren? r. st. Aus dem dunkelsten Munkacs. Die Zustände fori Munkacser Ghetto werden nachgerade unerträglich. Die Munkacser Judengemeinde unter der Führung des zu so traurigem Ruhm gelangten Rabbiner Spira wurde nicirt ganz mit Unrecht bereits eis Schandfleck a<m Körper des jüdischen Volkes bezeichnet. Der unlautere Wettbewerb mit Bannflüchen von rechts und links hat unter den Juden der ganzen Welt seinerzeit das größte Aer.ger.nis hervorgerufen. In der letzten Zeit hat sich in Munkacs eine jugendliche Terrorbande gebildet, die mit faszistischen Mitteln arbeitet; abermals hatte die gesamte nichtjüdische Weltpresse ein Fressen an den jüdischen „Faszisten" von Munkacs gefunden. Das Böseste aber ist, — wie uns aus Munkacs geschrieben wird — daß Rabbiner Spira durch seinen Anhang auch die allgemeine Politik der Stadt korrumpiert. Wir berichteten über den Ausgang der GemeJnderatswahlen, bei denen es wegen der Haituns der Spira-Gruppe zu keinem einheitlichen WiUensausdmck der Juden kommen konnte. Trotzdem haben die Juden im neuen Gemeinderat durch ihre Stimmen und kraft der jüdischen Majorität den Anspruch auf die Stelle des Bürgermeisters. Aber wieder : waren es die Anhänger der Spira-Partei im Gemeinderat, die den Verrat am Judentum besingen, indem sie, weil keiner aus ihrer engeren Gruppe für eine Bürgermeister- Wahl in Betracht kommen konnte, ihre Stimmen für den Kandidaten der Magyaren abgaben, wodurch die Juden um ihr Recht gebracht wurden. Das jüdische Blatt „Zsido Neplap" rügt diesen Verrat in einem „Die Verlotterung des jüdischen öffentlichen Löbens" betitelten Artikel und fordert die Juden auf, sich eudMch dieser Führer zu erwehren, die leichten Herzens aus Parteienhaß nicht nur das jüdische Prestige, sondern auch die lebenswichtigsten jüdischen Interessen zu opfern bereit sind. Brief aus Palästina. Entspannung. — Die Palästina-Exekutive. r~. Amerika versagt. Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Die Stimmung des Jischuw 'hat in den letzten Wochen einen offenkundigen Wandel zu verzeichnen: das Gefühl, daß wir das Schlimmste hinter uns 'haben, daß eine Entspannung der Lage sich bemerkbar zu machen beginnt, ist allgemein. In den Kreisen der Arbeiterschaft, die am stärksten von den schweren zwei letzten Jahren, getroffen wurde, macht sich dieser Umschwung am deutlichsten bemerkbar. Viele Faktoren wirken dazu zusammen; Die Ueberzeichnung der Palästina-Anleihe binnen weniger Stunden bewies den Glauben der kapitalistischen Welt an die Entwicklungsmöglichkeiten Palästinas. Die Verwendung der Anleihe, vor allem für den Haifa er Hafenbau und die Verbesserung des Jaffacr Hafens verspricht Vieles für das wirtschaftliche Aufblühen des Landes. Der Fortschritt des R u t h c n b c r g - W c« k s, die Tote Meer-Konzession lassen neue Möglichkeiten der industriellen Entwicklung des Landes ahnen; das Ruthenberg-Werk wird auch zur Intensivierung der Landwirtschaft beitragen und die Ausbeutung der Toten Meer- Konzession erfordert wiederum den Ausbau dos palästinensischen Eisenbahnnetzes. Dazu kommen eine Reihe von nützlichen gesetzgeberischen Maßnahmen: ein gewisser Fortschritt in der Frage der Oschersteuer, dem in diesen Tagen ein Fortschritt auch auf dem Gebiete der Wer kosteuer gefolgt ist; der neue Zolltarif, die vorläufige Suspendier ung des syrischen Handelsvertrages. Auf manchen Gebieten zeigt sich eine verstärkte wirtschaftliche Tätigkeit: neue Orangenpflanzungen werden von Juden und Arabern angelegt, die bestehenden Fabriken vergrößern ihre Belegschaft und sind ausgezeichnet beschäftigt, wie ctv/a die Zementiabrik Nescher und die großen Mühlen in Haifa, wie die TextMfabrik Lodzia und die Schokoladenfabrik Lieber in Tel-Awiw, wie die Streichholzfabrik Nur in Akko. Und, last not least: beginnende Liquidierung des Arbeitslosenprobiems durch Eingreifen der Regieru ng. Nach dem letzten veröffentlichten Bericht der Arbeiterorganisation beträgt die Zahl der Arbeitslosen im Augenblick etwa 4500. Noch vor wenigen Monaten wurde R OTA R E X Staubsauger-BodenhUrstan 1. Bezirk, Rotgasse 3 .W*"S*8 diese Ziffer mit 7000 bis 8000 angegeben. Dieser erfreuliche Rückgang ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Ein Teil der Arbeitslosen hat in den Pflanzungskolonien Arbeit gefunden, ein weiterer Teil konnte in den Fabriken unterkommen, die Herabsetzung des Lohnniveaus ermöglichte jüdischen Arbeitern den Zutritt zu Arbeiten, von denen sie bisher ausgeschlossen waren, wie I., Bellarlaslraße 12. Tel. 36-3-39 V., Sch3nbrunnerstr.56. Telephon 95-55 SPRECHAPPARATE wie Gramola, Columbia, Ultraphone UNSER SPEZIAL-KOFFER-APPARAT „MINERVA".........S 7Ö'~ „MAJESTROLA" I......S 130' „MAJESTROLA", Luxus . . . S 195' ¥ Auch auf Teilzahlung! ¥ Neueste Sch lagerplatten In größter Auswahl etwa bei arabischen privaten Bauunternehmern. Vor allem ist aber das Einschreiten der Regierung zu erwähnen, das bisher freilich nur in den ersten Anfängen steht. An verschiedemen Stellten des Landes sind Ghausseebauten in Arbeit, die vom Oberkommissär angeordneter Aufforstungsarbeiten erfordern etwa 60p Arbeiter und eine Reihe anderer Pläne stehen vor der Verwirklichung. Wieweit die mit der Zionistischen Exekutive geführten Unterhandlungen zum Ziel führen werden, iäßt sich noch nicht beurteilen. Der Vorschlag der Histadruth geht dahin, daß die Exekutive Pfd. Stert. 35.000 fiür Arbeiten, insbesondere Häuserbau in den Siedlungen und Entsumpfungsaribeiten, bewilligt, womit auif die weitere Zahlung - der Erwerbslosenfürsorge, die bekanntlich Pfd. Sterl. 4000 monatlich beträgt, verzichtet werden könne. Nimmt man dazu, daß die Regierung im Laufe dieses Jahres an den Bau des von Rookef edler gestifteten Altertümer-; museumis und an den Bau der beiden aus der Cadoorie- Stiiftung zu errichtenden landwirtschaftlichen Schulen gehen muß und daß Ende dieses Jahres spätestens der Häfenbau beginnen wird —• die Tote-Meer- Konzession wollen wir vorsichtigerweise nicht in die Berechnung einschließen —, so versteht man, wieso ein ge*. wisser Optimismus Platz greifen kann. Die Hoffnung, in absehbarer Zeit mit der Zahlung der Erwerbslosenfürsorge aufhören zu können und das drückende Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, erscheint nicht mehr utopisch. Was aber ibat zur veränderten Haltung der Regierung geführt? Es ist bekannt, daß sämtliche vorausgegangenen Palästina-Exekutiven immer und immer wieder versucht haben, eine Aktivität der Regierung zugunsten der Arbeitslosen herbeizuführen. Jetzt endlich ist diesen Bemühungen wenigstens ein Teilerfolg zuteil geworden. Die Exekutive hat der Regierung klar und deutlich ihre Situation auseinandergesetzt, und die Regierung hat eingesehen, daß sie nicht länger, .untätig sein kann. Der Erfolg, der ja unzweifelhaft vorliegt, dürfte als das Ergebnis der jahrelangen Bemühungen sowohl der früheren wie der gegenwärtigen Exekutive, in erster Reihe wohl aber der Leitung der Arbeiterschaft zu verdanken sein. Und doch scheint es uns, als wenn auch die andere Seite der Medaille betrachtet werden:muß. Gerade diejenigen, die jahrelang die Palästina-Regierung wegen ihrer Inaktivität kritisierten, werden der veränderten Taktik der Regierung gegenüber, die gerade jetzt erfolgt, ein Gefühl des Mißtrauens nicht ganz über- Hing: Katha Neuheiten Ä» URS S fcfel'. LTMA VI Der Krug geht so lange . . Humoreske von Schalom Asch. Heb Arn-Leib Lichtenberg hat wieder einmal die Zahlungen eingestellt. Das ist den Leuten nichts Neues, denn das kommt bei Reb Arn-Leib Lichtenberg Öfters vor. Jedesmal, wenn Reb Arn-Leib Bankrott ansagt, erhebt sich ein großes Geschrei: „Was soll das heißen! Ausgerottet soll er werden!" Da macht Reb Arn-Leib sich auf und fährt zu seinem Schwager in die nahe gelegene Stadt, wo ihn kein Mensch kennt. Inzwischen hat sein Weib das ganze Geld in Papierscheinen in ein Tuch gewickelt und es sich um den Leib gebunden. Dann geht sie händeringend umher und jammert die Leute an: „Schaut, was für ein furchtbares Unglück mich heimgesucht hat!" Nach einigen Tagen kehrt Reb ArnwLeib zurück, verständigt sich mit seinen Gläubigern, gleicht sich mit ihnen aus, indem er ihnen eine anständige Ouote, sagen wir |5 Prozent, bietet, und seine Kreditfähigkeit ist wieder hergestellt. Denn die Leute sagen sich so: ,,Hat sich einer ausgeglichen, so muß ihm etwas davon geblieben sein, daher kann man Ihm wieder Kredit geben", bis er sich von neuem , . . insolvent erklärt. Dann schreit man natürlich wieder Gewalt, gleicht sich aber doch aus, räumt ihm neuen Kredit ein und das Rad dreht sich wieder weiter — wie Gott will! Reb Arn-Leib ist nun wieder einmal so weit. Seine Frau hat sich, wie immer in diesem Falle, das Papiergeld in einem Tuch um den Leib gewickelt und klagt händeringend den Leuten ihr Leid. Doch diesmal sollte die Geschichte nicht so glatt ablaufen! Gerade muß es so kommen, daß unter den einzulösenden Wechseln einer auf ganze dreihundertfünfzig Rubel der Witwe Chaje-Raize gehört Was dieses Weib aufführen imstande war, sollt ihr mm gleich hörenl ... ..•.•."«. Als sie erfuhr, daß Reb Arn-Leib wieder einmal nicht zaiüt, blieb -sie vorerst ganz ruhig — als ginge sie die Sache wenig an. „Was m i r kommt — sagte sie — das wird er mir schon zurückgeben — soll ich so leben!" Sie setzt sich ihre Feiertagshaube auf und .macht sich mit einer erwachsenen Tochter auf den Weg zu Reb Arn-Leib. Sein Weiib Jochewed empfängt sie sehr liebenswürdig, fordert sie sogar auf, Platz zu nehmen. Reb Arn- Leib erscheint in höchsteigener Person und wünscht ihr einen „Guten Morgen", worauf sie ihm artig: „Ein gut Jahr" erwidert. „Also, womit kann ich dienen, Chaje-Raize?" ergreift Reb Arn-Leib endlich das Wort. „<Da seht Ihr meine verwaiste Tochter, die Braut, sie Ist geikommen, sich Ihre Nedan (Mitgift) ibei Euch*zu holen." „So, so" —- sagt er darauf — „also um ihre Nedan . . . Aber Cha'je-<Raize, habt Ihr denn in der Stadt nichts reden igehört?" „Ob ich -gehört habe oder nicht —- was geht denn mich an, was die Leute herumreden?" „Aber leider ist es wahr, was die Leute herumreden, Chaje-Raize. Gott soll mir so helfen^ daß es nicht wahr sein soll, wie es wahr ist!" „Was ist wahr?" fragte Ohaije-Raize. „Daß Ich zahlen soll, aber leider nicht zahlen kann. Man hat mir viel Geld für die Steuern abgenommen — ich 'kann Euch meine Geschäftsbücher zeigen. Im übrigen — es werden sich ja alle davon überzeugen." „Was soll das heißen, daß Ihr nichts habt, am zu satten?" „Was Ihr hörtr „Und wem gehören die Schränke mit dem vielen Silber, dem Leihen und den Pelzen — und das drei Stock hohe Haus und da« und das und das?" „Das gehört alles — meiner Frau, lang soll sie leben, und meinem Schwiegervater — denn er hat das alles seiner Tochter mitgegeben! Ich selbst bin ein Bettler — ein wirklicher Bettler — der Kaftanrock, den ich am Leib habe, ist noch mein — ich bin am Bettelstäbe . . ." „Wissen Sie was, vergessen Sie, bitte, nicht an mich, wenn Sie von Haus zu Haus gehen — von mir kriegen Sie auch ein Stückchen Brot —" spricht Ghaje-Raize. Sie erhebt sich mitsamt ihrer Tochter, der armen Waise, wünscht ihm noch einen „Guten Tag" und geht dann ihrer. Wege, Reb Arn-Leib dachte, daß er sie nun endgültig los sei. Aber da hatte er sich gründlich geirrt. Als Reb Arn-Leib am Freitag abends aus dem Tempel heimkommt, sieht er um den weißgedeckten Tisch viel mehr Leute als sonst sitzen. Reb Arn-Lefb ist . hoch erstaunt — kommt näher — und was sieht er? Uim den Tisch herum sitzt Chaje-Raize mit ihren sechs unmündigen Waisenkindern — wie die Orgelpfeifen —• mit einer jung verwitweten Tochter, die sehr nahen Mutterfreuden entgegensieht, und einem (geschiedenen Sohn mit seinen vier kleinen Kindern. Reb Arn-Leib wünscht „Gut Schabbes" und wie ein Mann erheben sich alle und antworten im Chor: „Gut Schabbes, Reb Arn-Leib, ein gut Jahr!" Reb Arn-Leib sieht sich suchend nach seiner Frau um: Die sitzt ganz verweint in einer Ecke des Zirrjmers, umringt von den eigenen Kindern, die händeringend klagen: „Die ganze Bande hat sich hier breitgemacht und läßt uns an unseren eigenen Tisch nicht heran!" Reb Arn-Leib geht auf Ohaje-tRaize zu. . „Was soll das eigentlich bedeuten?'« „Das bedeutet was es bedeutet," «fbt sie zm Antwort. ,/Und wo bleibt Ihr Gewissen?44 „Mein Gewissen ist dort — wo es hingehört." „Wir sind gekommen," fährt sie fort, „um zu hören,