Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 21 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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r Seite c DIE NEUE WELT Mr. 21 II. BÄSCH, IV. AßQENTlNiERSTRASSE Nr. 22 KOHLE * KOKS T«1.51.2-87 ANTHRAZIT T«l. 56-403 Rattattiektlon das KÜREM KAJEMETH Zuschuß von S 350.000, Fürsorgewesen S 035.477, Gemeinde- Verwaltung S 935.477, die sonstigen Ausgäben einen Zuschuß von S 418.000. Die Kultussteuer wurde mit 2. Millionen Schidllng veranschlagt. Der Personaleta t, der im Jahre 1927 mehr als 40 Prozent des Budgets betrug, wird im Jahre 1928 auf 38 Prozent verbessert, falls keine Überraschungen eintreten. Dooh ist für den Fall des Abbaues -des Mieterschutzes mit einer Verschlechterung der Spannung zu rechnen. . ' Die Generaldebatte wurde am Montag in einer Nachtsitzung durchgeführt. Alls erster Redner ergriff Dr. Friedmann ('zionistische Fraktion) das Wort zu einer längeren Kritik des Voranschlages. Aus den Ziffern — führte er aus — spricht kein neuer Geist Das Budget bedeutet, daß die Gemeinde auch im nächsten Jahr den' alten Weg gehen ward. Was hier geschieht, ist keine ddkale Angelegenheit, für uns ist diese Gemeinde ein Bestand tiedll des großen jüdlsclhen Volkes. Das Defizit ist keine besonders bedrohliche Erscheinung in diesem MiMiardenbudget, <zu<mal eine Reserve in einer bisher nicht genannten Höhe vorhanden ist Redner bespricht die einzelnen Kapitel des Voranschlages und fordert die. Errichtung jüdischer Schulen durch die Gemeinde, um die Jugend mit jüdischem Geist zu erfüMen. Er verweist auf das Vorgehen der Gemeinden in Berlin, Graiz und Budapest. Das Schilagwort, daß die jüdische Schule zur Prozentnorm führt, hat sich ais grundfalsch erwiesen und muß endlich aufgegeben werden. Die Gemeinde sollte eine Enquete der jüdischen Bitern und Lehrer veranstalten, lim zu erkennen, wie tief die Forderung nach der jüdischen Schule und Erziehung geht, wie tief es empfunden wird, daß die jüdischen Kinder au den allgemeinen Schulen mit Nikolo und Christfest sich beschäftigen müssen. Redner verfangt die Zentralisierung des Für sorgew esens,. das vom soziakn brüderlichen Geist durchdrungen sein muß. Das vorliegende Miiliardenbudget ist ein Zeugnis für die Lebensfähigkeit und Leistungsfähigkeit der Gemeinde. Die Mittel zur Erhöhung der Einnahmen sind ,noch nicht erschöpft und die- Besteuerung der Zensiten muß' ausgedehnt werden. Wir verfangen die Anlegung des jüdischen Katasters, daimit die Erfassung der Zensiten systematisch vor sich gehen kann. Bei einer Bevölkerungsanizahl von 200.000 Juden werden beute nur - etwa 50.000 zur Besteuerung herange&ogen. Auch der Staatsvertrag von Saint Genuain gSht im Art. 68 die Möglichkeit und sogar das Recht,, staatliche Mittel zu fordern. Das haben auoh die Sozialdemokraten eingesehen, die im Ausschuß des Nationalrates durch den Abg. Leuthner staatliche Beiträge für die Met/ho-; disten und Altkathodiken aus dem Titel des Friedensvertrages gefordert haben. , Dem vom Referenten beklagten Defizit steint Redner das physische Defizit der Wiener Judenschaft entgegen. Die jüdischen Geburten in Wien sind von 2557 im Jahre 1924 auf 1479 im Jahre 192.7 zurückgegangen. Die Sterbefälde sind von 2695 im Jahre 1924 auf 2739 Im Jahre 1927 gestiegen, die Austritte von 881 auf 1063 angewachsen. Die ZahJ der Tr a uunge« ist von 1470?m Jahre 1924 auf 1159 im Jahre 1927 zurückgegangen. Es entfallen auf je 1000 Seelen in Wien in einem Jahr an Geburten bei Juden 7,4, bei NichtJuden 13,5, Eheschließungen bei Juden 5,8, bei Nichtjuden 9,5. Die natürliche Bevölkerungsabnahme betrug im Jahre 1926 .bei Juden 4,3 Promille, bei Nichtjuden 0,9 Promille, war also bei den Juden etwa fünfmal so groß wie bei Nichtjuden. Die jüdische Bevölkerung hat im Jahre 1927 um 2040 Personen, das ist um 1 Prozent abgenommen. Was die Austritte anbelangt, so waren von den 1063 Ausgetretenen 665, das sind 63 Prozent, in Wien geboren. Diese erschreckenden Ziffern müssen allen ins Ge» dächtnis gelegt werden, die sich mit "der Gemeinde befassen. Redner verlangt soziale Hilfe für aie Arbeitenden, sanitäre Maßnahmen, wie Einrichtung von Wöchnerinnen-: heimen, Kindergärten usw. sowie zur Hebung des Spitals die Zulassung der freien Aerzte'.wahU durch die Patienten. Der Redner erklärt, daß sich seine Fraktion ihre programmatische Freiheit auch in dem Uebereinkommen mit der Mehrheit gewahrt hat. Es besteht keine Koalition and die Zjonisten lehnen die Verantwortung für alles ab, was ohne ihre Zustimmung geschieht. Sie bekämpfen die Haltung der Mehrheit in der Angelegenheit des Geraelndebundes und in der Frage des Wahlrechtes. Die Zionisten halten; aa der < Hotel „NATIONAL äü Restaurant Wien, II., Taborstrafte 18 SK'&mS ^ttQ Zentrale Lage, 900 Zlmmtr, fließendes kaltes und warmes Wasser und Zentralheizung. In Allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. O r ü n e r VoriUglicha Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE j (rumänische) KQ<h«. Wlenerbräu und Pilsner Urquell Forderung des allgemeinen Wahlrechtes fest und werden sie unbeschadet aller Majorisierung immer wieder a u f w e r f e n. „Wir kämpfen für die Demokratie selbst auf die Gefahr hin, daß wir vorübergehend eine Einbüße erleiden sollten. Die Wahrheit und Notwendigkeit steht uns höher als das Pärtefinteresse." Der nächste Redner, Dr. Bader (sozialistische Fraktion), urglert seinen Antrag,'es sei ein aus allen Parteien beschickter Ausschuß zu' bilden, der alle antisemitischen Uebergriffe behandelt. Die Ziffern, die Dr. Friedmann vorgelegt hat, sind Erscheinungen der allgemeinen Krise. Auoh die Abfallbcwegung ist nicht auf die Juden beschränkt, sie zeigt sich auch bei Katholiken und Protestanten. Die Kultusgenieindc hat es verabsäumt, di e I ndolenz zu bekämpfen und ihre sozialen. Arbeitsgebiete zu zeigen. Der Religionsunterricht muß ausgebaut werden. . Herr Buchwa 1 d: Mit Ihrem Zirkular? Dr. Bader: Die Wanderbibliothek ist unzureichend und sie wird von Schule zu Schule wandern. Herr Buchwajd: Dann wird sie der Glöokel hinauswerfen. (Zwischenrufe.) Redner verlangt Liohtbilderkurse und Vorträge über jüdische Geschichte und jüdisches Volkstum und schließt mit der Erklärung, daß seine Fraktion gegen das Budget stimmen werde. 1 Herr B a u m i n g e r (zion. Fraktion) verwahrt sich gegen die Nichtzulassung der hebräischen Sprache bei den Verhandlungen des Vorstandes. Das Budget ist, buchhalterisch genommen, du bester Ordnung, aber es zeigt eine geistige Passivität. Das Defizit der jüdischen Seele wächst von Jahr zu Jahr, Die Krampusjudian, die Weihnachtsjuden, die Maskinjuden bilden . , , . ... : eine Austrittsarmee, die nur auf die günstige Gelegenheit zum Abfall wartet. 'Neben ihr steht eine irregeführte' jugendliche Generation, die den, Abfall in der jüdische^ Gasse proklamiert'- ünd nach antisemitfechem Rezept |?egen ICornidre ' :; -v. - v'far Festessen ündfl^ieimusik-1!■'■••■<■ ';•••"•> protestiert; (Zwischenrufe.) Vom rot e n T äs c h wurde die Parole ausgegeben und so eine wüste Alistrittspsychose in der jüdischen- Gasse erzeugt.- Für die dritte Gruppe aber ist die Erhaltung der Gemeinde e-he Sache des Herzens. Es ist charakteristisch, daß die einzige große jüdische Tat in Wien neben und sogar gegen die Gemeinde vollbracht wurde, die Schöpfung der i ü di sc h e n R e n a i ssance. Der Tempel hat nicht mehr den Zusammenhäng n;it dem Volke, da hilft keine Orgel! Gegen diesen, geistigen Niedergang'muß''■gekärrirjft'Werden. ■ Die geistige Agonie droht und die Parole muß, lauten: Mehr Judentum! < Dr. Glanz (soz. .Vereinigung) wirft der Mehrheit, vor, daß .sie. im Judentum die Schaffenskraft und Schaf-' fensfreüde ertötet. < - ..'. •> ' Nach kurzen Reden der Herren Dr. Kl-ab er, Kommeraialrat Buchwald, PapPe nh e i m und Mor i t z wurde die Generaldebatte geschlossen. Am Dienstag wurde wieder in einer Nachtsitzirag die Spezialdebatte > durchgeführt. Es sprachen: zum Kapitel Ritus die Herren Bauminger, Dr. Glanz und Vizepräsident Doktor Ii fflfflw können Sie vollständig wieder zurücker'angen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA Franzbranntwein mit Menthol ' äußerlich zu Einreibungen, innerlich auf Zucker tropfenweise genommen, verwenden. Das.b-este Hausmittel Uberall erhältlich Löwenherz; beim Kapitel Unterricht entwickelte Professor Rath den Standpunkt des bewußten Judentums in einer längeren Rede. Dann sprach Herr Scharf stein, worauf der Obmann der Schulkommission Dr. Ticho antwortete. Er erklärte, wenn die Opposition unter jüdischer Schule die. religiöse Schule verstehe, dann gehe er durch dick und dünn mit ihr. Herr Rath verlangte nunmehr eine Definition der „religiösen Schule". Es sprachen noch die Herren Dr. G1 a n z und P a p p e n h e i m. Zum Kapitel Fürsorge nahm Herr Dr. Sanel Beer das Wort, der sich mit dem Spital beschäftigte und nachdrücklich die Forderung nach freier Aerztewahl vertrat. Er forderte ferner die Subventionierung der jüdischen Sportvereine. Für die Kommission antwortete Herr Baurat Kempler, worauf der Referent Regierungsrat Dr. Oppenheim das Schlußwort hielt. Schließlich wurde ura Mitternacht der' Voranschlag in einfacher Abstimmung mit den Stimmen der Union und der Jüdischnationalen angenorrim eh. Vom neuen Judenstaat. Wohin man die Juden schicken will. — Der Krimschwinde! ist zusammengebrochen, aber jüdisches GeM fließt weiter. Der dunkle Fleck in untenstehender Skizze ist das gesegnete Gefilde, welches die bolschewikische Regierung den russischen Juden als künftigen Wohnort mitgedacht hat Nachdem sich der mit den Juden betriebene Ansiedlungssdiwindd■. in der . ,,fetten" Ukraine «und der „paradiesischen" Krim als unhaltbar erwiesen hat» (haben die Moskauer Gewaltigen eine neue Judenrettungskomödie inszeniert. Ein Juden- Staat in Sibirien. Das auserwählte Gebiet liegt hübsch abseits und 'die wütendsten Antisemiten können mit dieser Lösung der Judenfrage einverstanden sein. Diese Judensiedlung liegt tatsächlich außer jeder Geruchs-, Hör- und Sehweite. 6500 Kilometer Luftlinie von Moskau, das sind, gering gerechnet, 11.000 Kilometer Bahnfahrt Im Sumpfland des Amurflusses, von wilden, unerforschten Gebirgen umgeben, durch sie vom Stillen Ozean getrennt, von umherziehenden wilden Nomadenvölkern spärlich bevölkert, sonst nu-r aus den Schriften kühner Asienforscher bekannt. Abgeschnitten von der Kulturwelt, im verlorensten Winkel Ostasiens, weit hinter der Mongolei. Antisemitisches Herz, was begehrst du noch mehr? Wenn nicht,die Sowjettyrannen dahinter steckten, könnte man einen Scherz vermuten. Aber die Moskauer sind keine Spaßmacher, sie haben die Macht und die Brutalität, ihre widersinnigsten und totsten Vorschläge in grausame Wirklichkeit 'umzusetzen. Ihr Aufruf für die mongolischjmäiidschurisch-sJbiri'SChe Judenrepublik schloß mit dem nicht mißzuverstehenden Wink: „J e .t z i h a b'e n d i e jüdischen M a s s e n das Wort!44 Und schon klingt ein sklavisch-gehorsames Echo zurück. Der Kongreß russisch-jüdischer Arbeiter und Bauern hat die Kundgebung erlassen: „Wi r haben unbedingtes Vertrauen zu unserer , kommunistischen Regierung. Wenn de es für gut hält, dann werden wir nach dem fernsten Sibirien -gehen und dort unser neues jüdischesVaterland aufbauen!'* Ja, „jüdisches Vaterland'4 steht, isc&warz auf weiß in dieser Resolution drin. * Mit den unter Moskaus Eisenffaust hegenden, von Moskaus Spionen scharf übrwachten, von jüdischen Provokateuren ständig bedrohten russischen Judenmassen wegen dieser Antwort rechten, hieße sich an Unglücklichen versündigen. Sie antworten, 1 sste sie ebea antworten müssen, Wie aber, wird die