Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 20 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 DIE NEUE WELT Seite 3 ^mtu,Ru — S'Ä Inventurverkaufes C Schilling 12.50, 14.50, 17.5®, 19.50 Direkt in der Fabrik, VI!., Kaiserstraße Nr. 46 Spurlos verschwunden. Ein rätselhafter Fall im Preßburger Ghetto. Seit genau einem Jahre ist ein Jüdisches Märiehen in Preßiburg aus dem Elte ruh aus abhängig. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird diese Angelegenheit, einer der mysteriösesten Fälle dieser Art, nunmehr in ein Stadium treten, in dem die vollste Aufmerksamkeit der Oeffenrlichkeit erregt wird. Insbesondere wird es sich die jüdische 0 e f f e n tlichkeit angelegen sein lassen müssen, die volle Aufklärung dieses Falles zu fordern. Einerseits um dem Mädchen, wenn es noch am Leben weilt, Hilfe zu bringen, andererseits aber eine Wiederholung zu v c rh i n d e r n. Am 31. Jänner 1927 hat sich die 17jährige Elisabeth K o Ii n, die Tochter eines Taknudlehrers der Jeschiwah in Preßburg, aus der in Venturgasse Nr. 7 gelegenen elterlichen Wohnung entfernt. Seit diesem Tage ist das Mädchen verschwunden und esv konnte weder ein annehmbares Motiv für eine freiwillige Abgängigkeit, noch irgend eine Spur gefunden werden. Das Elternhaus liegt in dem uralten Preßlbitrger Ghetto, am Abhang des berühmten Schloßberges. Das Haus ist vorne zwei Stockwerke hoch und ist hinten an die Lehne des Damhügels derart angebaut, daß es einen ebenerdigen Ausgang hat. Dieser Ausgang mündet au f d e n Dörnhof, in die Gegend des Kapitels, in dessen Mitte siclh der, allen Besuchern Preßburgs .beikannte, g o t h i s c h e Dom erhebt. Die 17jährige Elisabeth Kahn, die von ihren strenggläubigen Eltern gut erzogen wurde, war in einem Farbwarengeschäft auf dem Fruchtplatz angestellt. Sic : hatte am 31. Jänner 1927 um 7 Uhr früh die Wohnung verfassen, •urn sich wie gewöhnlich in das Bureau zu begeiben. Dort ist sie nicht eingetroffen und seit sie die Türe des Elternhauses hinter sich geschlossen hat, ist sie von niemandem mehr gesehen worden. Das Mädchen hatte keinen auffälligen Verkehr; es war am Abend vorher mit einigen Freundinnen beisammen gewesen, die an ihr nichts Besonderes bemerkten, auch keine Aenderung des Wesens oder der Stimmung. Sie war sehr stank kurzsichtig, klein, nicht hübsch und hatte kein Geld bei sich. | Die Behörden der Stadt Preßiburg haben alles getan, was die kriminalistische Erfahrung in solchen Recherchen vorschreibt. Das Mädchen wurde n« den Anschwemmstellen der Donau, in den Grenzstationen und in Freudenhäusern gesucht, Razzien wurden vorgenommen, zahllose Personen, die aus irgend einem Grunde verdächtigt schienen, beobachtet. Es ergab sich bei den polizeilichen Nachforschungen nicht die geringste Spur. Die Untersuchung schlief ein. Erst jetzt nach einem Jahre wird sie wieder aufgenommen. Der Redakteur des „Abend", Herr Bruno Frei, jrat sich mit dem Fall beschäftigt und teilt nunmehr seine, wie betont sei, subjektiven Eindrücke mit, die sich mit den Recherchen, die im Auftrag der unglücklichen Eltern von einem Wiener Rechtsanwalt angestellt wurden, in wichtigen Punkten decken. Diese privaten Nachforschungen gehen von dem Umstand aus, daß der rückwärtige Ausgang des Hauses in das Kaipitelgäßchen des Dompl'atzes mündet. Zur Zeit des Verschwindens der Elisabeth Kohn haben sich reisende katholische Missionäre in Preßburg aufgehalten. Die an ihren Besuch erinnernde Inschrift auf dem Kreuz am D o m e i n g a n g, die mit M e s s i n g n ä g c 1 n eingeschlagene Jahreszeit 1927, ist aus sonst unerklärlichen Gründen entfernt worden und die Nagellöcher sind noch jetzt erkennbar. Der Wiener Rechtsanwalt, auf den sich Herr Frei beruft, hat am S. April 1927 in der Polizeidirektion zu Preßiburg mit dem Polizeikonimissär Novak eine Unterredung gehabt, über die ein Protokoll auigenoirnmen wurde. Darin findet sich die Bemerkung, der Rechtsanwalt habe in der Wiener Pblizeidirektion (bekanntlich der Zentrale zur Ueberwachung des Mädchenhandels) erfahren, daß es noch heute Fälle gibt, in denen Mädchen aus strenggläubigen jüdischen Häusern von reisenden ROTAREX St ay bsau ger- Bodenbiirsten 1. Bezirk, Rotgasse 3 T8,ephon SttJ? Missionären in polnische Klöster verschleppt werden. Daraufhin begab sich der Rechtsanwalt im Flugzeug nach Krakau. Dort hatte er eine Unterredung mit dem Polizeipräsidenten, über die er sich die folgende Notiz gemacht hat: „Laut Mitteilung des Polizeipräsidenten von Krakau sind in letzter Zeit mehtere Fälle in Polen zu verzeichnen, wo Mädchen aus rein jüdischen Kreisen durch herumziehende katholische Missionäre' teils freiwillig, teils unfreiwillig in katholische Klöster gebracht wurden, so Äumi Beispiel in Lemberg, in der Umgebung von Krakau und anderen Ortschaften. Der Polizeipräsident brachte mir seine feste Ueberzeugung zum Ausdruck, daß auch dieser Fall sich entweder in Polen oder in der Tschechoslowakei, möglicherweise sogar in der unmittelbaren Nähe von Preßburg auf diese Weise klären wird. Er riet mir eindringlichst, sofort nach meiner Rückkehr in dieser Hinsicht gleich die Polzc.idirektion Preßiburg z« veranlassen, in dieser Richtung Nachforschungen zu pflegen. Ich vcranlaßte hierauf die Polizeidirektlou Krakau, daß dieselbe sofort alle notwendigen Maßnahmen ergreife, ließ die Photographie der Else Kohn vervielfältigen und gab meine weiteren Ausführungen zu Protokoll. In derselben Weise intervenierte ich bei der P o 1 i z e i d i r c k t i o n in Warsc ha u, von welcher umfassende Nachforschungen eingeleitet wurden." lieber diese Unterredung mit dem Polizeipräsidenten von Krakau berichtete der Rechtsanwalt vorerst dem in Preßburg die Untersuchung führenden Pollzeirat Garai (derzeit in Kaschau) im Beisein aller Kriminalbeamten, die sich an der Suche nach der Elisabeth Kohn beteiligt hatten. Als Garai erklärte, daß er nur auf Grund einer <a m tliehen Handhabe diese schwerwiegenden Nachforschungen einleiten könne, wurde das Protokoll verfaßt, in welchem die Unterredung mit dem Polizeipräsidenten von Krakau niedergelegt ist. Die Po'lizeidirektioii leitete das Protokoll mit dem Rechtsanwalt an die Polizeidirektion Kraikau, damit diese die Richtigkeit dieser Angaben bestätige. Es kam zu einem amtlichen Briefwechsel zwischen Krakau und Preßburg, der schließlich versandete. Bei der letzten Nachfrage zuckte Polizeirat Garai die Achseln: „Ich (kann doch nicht ohnewelters alle Klöster des Landes durchsuchen lassen.. Das ist der gegenwärtige Stand der Angelegenheit. Es muß alles angewendet werden, daß in diese dunkle Affäre Licht kommt. Die Podiizeidirektion in Preßburg hat eine neuerliche Untersuchung des Falles angeordnet. Der amüsante Judenknabe. Von Otto Abeles. In den humoristische Wochenblättern, in der „Lustigen Ecke" bestimmter Tageszeitungen ist er allwöchentlich anzutreffen, der kleine Moritz. , „Wie herrlich der Allmächtige den Laubwald in bunten Farben aufleuchten läßt!" schwärmt der Klassenlehrer beim Oktoberausflug. „Kunststück, es is doch Herbst!"repliziert der kleine Moritz — im Witzblatt, das mir eben vorliegt. Aber nebenan am JCaffehaustisch legen sie die neuesten Anekdoten vom kleinen Moritz los, jene, die keine Zeitung drucken dürfte: die schmierigsten Zoten, die ordinärsten Sexualspässe ....; Ihr wißt doch, wie man sich ihn vorstellt, den kleinen Judembuben. Verkniffene Aeuglein, runder Rücken, riesige Ohren. Trägt einen kompletten Speisezettel auf der speckigen Jacke und bohrt mit den schwarzgeränderten Fingern beständig in der Nase, so daß ihn der Religionslehrer mahnen muß, „sich nicht so viel herauszxwiehmen". Geht eine ganze Woche „hinter die Schule" und ist, zur Rede gestellt, mit den frechsten Lügen parat. Schließt mit dem Nebensitzenden einen Kontrakt: „Bist du mein Freund in Latein, bin ich dein Freund In Mathematik." Hat überhaupt nur Sinn fürs Schachern und addiert beim Kopf rechnen: „36 und 64 ein Schilling." * * Es gibt viele andere Kinderherühintheiten: Ludwig Thomas deutschen „Lausbub", den Wiener Schusterjungen, den witzigen Setzerlehrling Peter Schneuzehen, das englische Geschwisterpaar Bob und Teddy, den amerikanischen Malefizjungen a la Jaokie Coogaiii — um nur die populärsten, beliebtesten, humorvollsten aufzuzählen. Von allen diesen unterscheidet sich der amüsante, vielzitierte Judenknabe, der kleine Moritz, vornehmlich dadurch, daß er mehr hinterlistig als ausgelassen, mehr abgefeimt als spitzbübisch r- und weit mehr skrupellos als unbändig ist. Ein altkluger Zyniker ist dieser Siebenkäsehoch, ohne Fünkchen Gemüt. Der Legendenkraiiz, den sie um das wenig anmutige Haupt dieses Knaben legen, läßt mit aller Eindeutigkeit, meine' Verehrten, ungefähr folgende Leitmotive aufklingen, die auch ein ungeschulter Zuhörer auffängt und behält: „Seht, das ist der zukünftige Gauner, der mit felger Hinterlist die Leute schröpft, — Aus solchen Judenlbuben werden jene AdvoKaten, die hungernden Arbeiterfamilien das Bett pfänden. « Das wird einmal sin lichtscheuer Kerl, der Frauen nach Südamerika verkauft oder gestohlenes Gut um Spottpreise ersteht. Und man wird ihn nie packen können, wenn auch alle Komplicen längst hinter Schloß und iRegel sind . , « * Wer hat den kleinen Moritz zur populären Figur gemacht? Etwas Literaturhlstorik wird da von Vorteil sein. Ursprünglich war der kleine Moritz gut arisch, hatte ein urdrolliges Gesicht und prächtige zeichnerische Anlagen. So phantasierte er mit dem Schulgriffel in freien Stunden auf einer mächtigen Schiefertafel. In den „Fliegenden Blättern" und in den „Meggendorfern" sah man dann häufig seine rühmlichen Werke, unter denen etwa stand: Wie sich der kleine Moritz eine Straußenjagd vorstellt. Oder: Den Sturz des Ministeriums. Oder: Die Entdeckung des Nordpols. Und ihr alle, die ihr gelegentlich die Wortwendung „wie sich's der kleine Moritz vorstellt" mit Vorteil benützet, um die Unerfahrenheit eines Plänemachers, die Naivität eines Weltverbesserers, die Ahnungslosigkeit eines Bierbankpolitikers abzutun, verbindet mit dieser Floskel zu Unrecht die Vorstellung eines jüdischen Kindes, wie ich es soeben ein wenig drastisch zeichnen mußte. Und selbstverständlich hat der kleine Moritz, von dem bestimmte Witzemacher so saubere Gesohichten erzählen und über ..den sich bestimmte Kaffeehausgäste krankiachen, mit dem Namensvetter aus Wilhelm Büschs unsterblicher Bubengesohichtc nichts gemein. Er hätte die Stückchen ganiz anders ausgeführt. Wenn man schon die Witwe Bolte um die Hühner bringen will, so fängt man sie doch ein und verkauft sie, statt sie zu würgen. Was man mit dem Erlös doch spekulieren kann! Und wenn schon der Lehrer Lärnpel explodieren muß, so sucht man doch rasch, ehe man die Flucht ergreift, den Tatort nach nützlichen Silberlingen ab. Kommt aber schließlich der gute Onkel hinter! alle Missetaten, dann bat man eine längst bereitgehal teue Geschichte bei der Hand, gibt den ahnungslosen Kameraden preis und schiebt alles auf den Max., * Die Figur jenes jüdischen Geschöpfes, dessen Kindermund unzüchtig, zynisch-spitzig, kaschemmenhaft realistisch ist, dieser gruudverderbte Junge, gefährliche Taugenichts und arge Ekel wurde in jenem, jetzt glücklicherweise schon sehr dünnen Gesellschaftskreis des Jargon- Tingel-Tangels von Budapest, Wien und Prag geschaffen, in einem Milieu, welchem Selbstbeschmutzung als eine recht "erheiternde Angelegenheit erscheint. Als der Chaim Kanalgitterbestandteil und der Schmul Afterduft für die „Lozelöcher"' allmählich nicht mehr ergiebig genug waren, ließ ein gesegneter Zufall die Kulturträger von der Sorte der „Budapester" den kleinen Moritz finden. Rasch wurden ihm Beine und Nase gebogen, diei Haare zerzaust, die Aeuglein verdreht und das ahnungslose Kind wurde das Gefäß für alle Unsauberkeiten und anrüchigen Anekdoten, welche der Geist einer bestimmten Künstlergeneration allabendlich für ihr Stammpublikum ersinnen mußte, ' rt« Die Zeit der „Budapester" hat sich längst überlebt; die Jargon-Zote hat gründlich abgewirtschaftet'. Aber der „/kleine Moritz" ist geblieben. Er maß verschwinden. Man ist kein beschränkter Spaßverderber, kein engstirniger Eigenbröitier, wenn man solches fordert. Nicht Schalom Alechem, Perez und Asch, nicht Kompert und Zangwill, die doch alle ihrem Volke den Spiegel vorgehalten halben, fanden in der Fülle jüdischer Menschen .die Thersitesnatur des unappetitlich-zynischen, des herzlosverlogenen, übergescheiten „Meinen Moritz", der kein enfant terrüble ist, sondern ein greisenlhaifter Bub. Wahr ist vielmehr, daß der Abschaum des Großstadtjudentums ~ den die Juden Jeglicher „Richtung", immer tatkräftiger ausscheiden — seine eigene Lebensauffassung und Gesinnung auf diese Knabenfigur 'übertrugen, * Im Vorjahre wohnte ich der Premiere 'einer übrigens unterhaltsamen, sonst durchaus angenehmen jüdischen Posse bei. Aber im zweiten Akt trat der kleine Moritz persönlich auf, sprach, benahm sich — nur, wie eben der Witzblatt-Moritz . spricht und sich benimmt. Bemerkenswerte Wirkung: die sich sonst den Bauch hielten, in Lachkrämpfen wanden, wenn sie Neues über ihn lasen oder hörten, waren sehr betreten, als sie ihm leibhaftig begegneten. Fast alle schämten sich dieser unsäglichen Verunglimpfung de* jüdischen Kindes, sie hätten sich -verkriechen mögen — und die Gezählten an die Luft spedieren, die m kichern begannen. Ich kann nicht umhin, von einer Schändung der jüdischen Kindesseele zu sprechen. Arg, wie'die jetzt gehäuf«, ten, von verführter nichtjüdischer Jugend begangenen Schändungen unserer Friedhöfe. Nein, ärger 1 Denn die Anekdoten vom kleinen Monte werden von Juden fabri-: ziertj von Juden mündlich iiberüeiert, von Juden belacht.