Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 19 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 DIE NEUE WELT Seite 7 Rabbiiiertaufen in Ungarn. Von Jakob Krausz. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 'besann in Ungarn unter den Juden eine Bewegung, die, wie in keinem anderen Lande, schwere Erschütterungen in der jüdischen Gemeinschaft hervorrief. Vom Osten und vom Westen her durch die Haskala ourd die Mendelssohnscho Reform in gleichem Maße 'bedroht, wurde das Judentum in Ungarn in zwei extreme Lager, in die i n t r a n s i g e n t e Orthodoxie und die radikale Neologie, gespalten. Die Gruppe der Vernünftigen, denen die Einheitlichkeit des Judentums wichtiger war als jede Reform und jede Haarspalterei über dogmatische Fragen, blieib als Gruppe der Status-quoante-Juden in der Minderheit. Der Radikalismus auf beiden Seiten, bei den Orthodoxen und den Reformern, hat eine große Zahl von J u d e n t a u f c u in Ungarn verschuldet, unter denen die Taufen absolvierter Rabbiner oder gac in Amt und Würden befindlicher Rabbiner seinerzeit dvc ganze jüdische Welt in Erregung versetzten. Diese ungarische Taufwclle zog sich bis in das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts hinein. Eine dieser sensationellen Taufen ereignete sich in jener Periode in der Familie des seither verstorbeneu Dajans von Kecskcmet Rabbi S. Ve n e z i,a n c r. Der alte Rabbinatsassessor wurde gewissermaßen als der Vertreter der Orthodoxie i.n das vollständig auf der Plattform der Reform stehenden Judengcmeinden von Kecskcmet berufen. Der alte Rabbi Venezianer war nicht nur ein anerkannter Taltnudist, sondern auch ein überzeugt frommer, gottesfürchtiger Mann, der, soweit seine Geme'mdemitglicder ihn in Anspruch nahmen, seine Entscheidungen strenge nach dem Schuchan Aruch traf. Allerdings haben seine Gemeindemitglicdcr nur in den seltensten Fällen von seinen Entscheidungen Gebrauch gemacht. Rabbi Venezianer hatte zwei Söhne und wollte beide gleichfalls der rabbintschen Laufbahn zuführen, weil nur diese allein ihm die Gewähr bot, daß seine Kinder nach den Vorschriften der jüdischen Religion leben würden. Sein ältester Sohn besuchte die bedeutendsten Jeschiwoth von Ungarn und erwarb sich überall durch seinen Fleiß und ganz besonders durch seine hervorragende Rednergabe einen guten Namen. Da — hier setzt bereits die Legende ein — soll der jurlgc Bacliur Venezianer in einer der größten Jeschiwoth von Ungarn, dem Rabbiner denunziert worden sein, daß er seit einiger Zeit sieh mehr dem Studium allgemeiner Wissenschaft als der Erforschung des Talmuds widme. Das galt damals, als es noch keinen Bildnngszwang für Rabbiner, keine orthodoxe Rabbincrlehranstalt in Berlin gab. als ein großes Verbrechen.' Die grenzenlose Angst, daß die Erlaubnis zur Erlangung auch der geringsten profanen Bildung die Bachuritn immer mehr und mehr dem Talmud- Studium entziehen und dem Judentum entfremden könnte, ließ die orthodoxen Rabbiner in Ungarn oft hart und so nicht selten die ungewollte Ursache werden, daß mancher ihrer besten Schüler im Trotz nicht nur dein Talmud, sondern auch dem Judentum überhaupt den Rücken kehrte. Dasselbe soll auch mit dem Sohne des Dajans von Kecskcmet, dem jungen Venezianer, geschehen sein. Eines. Tages kam Venezianer zu seinem Rabbiner mit der Bitte, ihm die Hatarah als Rabbiner zu verleihen. Da soll nun der Rabbiner ihm unter Vorhalt seiner geheimen weltlichen Studien das Zeugnis mit der Bemerkung verweigert haben, daß er kraft seiner Kenntnisse wohl die Hatarah verdiene, doch habe er sich mit seinen profanen Studien wie ein „Schegez" benommen, und einem Schegez gebe der Rabbiner keine Hatarah. Der junge Venezianer soll nun nach der zu -jener Zeit verbreiteten Erzählung in seinem Jähzorn dem Rabbiner zugerufen haben: „Nun, da Sie mich, Rebbe, zu einem Schegez stempelten, haben den Ruf unseres Hauses begründet! Elegante Mäntel, Kleider, Kostüme etc. nach Original Parisei Modellen in unseren Ateliers hergestellt mm u iopi NUR VII-Kaiserstr.HS MM %r'W^ PbBHI KfelNE PlL ALE! ■BHHHB Führendes und größtes Spezlalhaus Oesterreichs SIEGM. KORNMEHL GttÖSSPLeiSCHHAUeRBl Zentrale IX., Bci-ggasse 19, Telephon 17-3-99 u. 16»9 3 < Lieferant für Heilanstalten ij^sis^SiyiBSB^if^iis ■iMfür f^^ieisgh unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der hr Kultusgemeinde Wien IX. Bergs. 15 , XVII!., tttährlngeritr. 97 so will ich auch einer werden!" Am selben Tage noch verschwand Venezianer aus der Jeschiwah. Wenige Jahre später war der Sohn des Kecsketncter Dajans Venezianer bereits wohlbestallter Seelsorger einer protestantischen G e m c i n d c in der unlereu Bacska in Ungarn. Ich war in den Sommcrfcrieu nach der Septima Erzieher in einem Dorfe in der Bacska und hörte dort die Predigten des im ganzen Umkreis sehr beliebten Pastors Venezianer rühmen. Im Volke wurden seltsame Geschichten über diesen hervorragenden Mann erzählt, der wiederholt in die größten evangelischen Gemeinden hätte berufen werden sollen, aber irgend eine geheimnisvolle Geschichte seines Lebens habe sich stets als Hindernis erwiesen. Die Juden in jener Gegend wußten, schon mehr Bescheid. Sie erzählten sich die ganze tragische Geschichte dieses Mannes, den jugendlicher Trotz und diu fanatische Kurzsichtigkeit seiner Lehrer und sicherlich auch die Schwäche seines Vaters zu einem ehrlosen R c n e g a t e n l u ni getrieben haben. In diesen jüdischen Kreisen lebte die Ueberzengung, daß Pastor Venezianer die Hauptfeiertage der jüdischen Religion im geheimen halte, daß er insbesondere am Jomkip'Pur und am Trauertage des neunten Ab faste. Auch wollten einzelne sich persönlich davon überzeugt haben, daß Pastor Venezianer, als seine Mutter starb, die siebentägige („Schiwa,'-)Trauer strenge einhielt und daß er Freunden gegenüber seinen großen seelischen Jammer beklagte, den er durch seinen unsinnigen „Jugendstreich" auf sich geladen habe. In Kecskcmet, wo man aus der Taufe des Dajansohues im großen ganzen keine Affäre gemacht hat — denn auch Kecskcmet ist durch und durch evangelisch —-, haben sich mitunter die sonderbarsten Zufälle ergeben. Am krassesten wohl war der Fall des Ablebens eines S t u h 1 r i c h t e r s, der ein Jugendfreund des Pastors Venezianer war. Seinem letzten Wunsche gemäß sollte zu seinem Leichenbegängnis sein Freund, der Pastor Venezianer berufen werden. Kecskcmet war damals noch sehr 'liberal, die Judengemeinde äußerst assimilatorisch, und da die Gemeinde damals keinen Oberrabbiner hatte und der Kultusvorstand es als seine Pflicht ansah, zum Zeichen der gegenseitigen religiösen Toleranz dem verstorbenen Stuhlrichtcr durch den jüdischen Seelsorger einen Nachruf halten zu lassen, so ergab sich die sonderbare Situation, daß bei dem Leichenbegängnis des Stuhlrichters d c r junge Venetläner als evangelischer Pastor und sein V a t e r a i s R a b b i n e r die Leichenrede hätten .halten sollen. Tch weiß 'nicht mehr genau, wie sich die Kecskemeter Kultusgcracinde aus der Affäre gezogen hat. Immerhin bildeten sich auch um diese Taufaffäre so viele Legenden, daß sie auf Wahrheit und Dichtung nicht mehr kontrolliert werden können. Tatsache ist, daß die Familie des Üujaiis Venezianer Hinter dein Unglück .mit dem ältesten Sohne noch Jahrzehnte hindurch schwer zu leiden hatte. Selbst der zweite Sohn des Kecskemeter Dajans Dr. Ludwig Venezianer, der als Absolvent des Budapester Rabbinerseminiars als Rabbiner nach Neupcst, jener Judengemeinde, die in der Geschichte der Rabbincrtaufen eine, wie wir im nächsten Artikel zeigen werden, .unrühmliche Rolle gespielt hat, berufen wurde, hatte unter der Tatsache, , daß sein Bruder evangelischer Pastor war, .nicht wenig zu leiden. Obgleich Dr. Ludwig Venezianer sich dessen rühmen mußte, die Neupester Gemeinde wieder im Judentume fest verwurzelt zu haben und obwohl er als Kanzelredncr einen ausgezeichneten Ruf genoß und auch als Historiker manche wertvolle Arbeit lieferte, w-urde gegen ihn, als er vor acht Jahren sich wie viele andere Rabbiner aus Ungarn um die Oberrabin erstelle von Wien bewarb, der „Bruder Pastor" schwer angekreidet. Dr. Ludwig Venezianer ist vor etwa drei Jahren auf seinem Rabbinatssitz in Neupest gestorben. So lebt heute niemand mehr von der Familie des Neupester Dajans, dessen älterer Sohn, evangelischer Pastor und dessen jüngerer Sohn Rabbiner, Prediger, Regenerator einer von ihrem früheren Rabbiner an den Abgrund geführten Judengemeinde geworden war. Protestkundgebung der Jüdischen Jugend. Wir erhalten die folgende Zuschrift: Der Kultusgenieindevorstand hat die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht abgelehnt! Die jüdischen Kulturinstitutionen sind schwer gefährdet! Alle Jugendlichen werden daher zu einer Protestkundgebung der jüdischen Jugend aufgerufen, die Mittwoch den 1. Februar 1928, um 8 Uhr abends, im Hotel Bayrischer Hof stattfindet. Die jüdische Jugend fordert: Das allgemeine Wahlrecht, die Erhaltung und Sicherung'der Kulturinstitutioneri, ein Umfassendes jüdisches Kulturprogramm. Wir fordern alle Jugendlichen auf, zu erscheinen und für diese Forderungen zu demonstrieren. Die Bundesleitung des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß. DienstjubHäum. Herr Oskar Mautner, Amtsleiter im Steueramt (Einhebungsstelle) der Wiener israelitischen Kultusgemeindc, begeht am 1. Februar' sein SOjähriges Dtenstjubiläu/rn. Ein griechischer Minister über das Judentum. Der griechische Außenminister Michalakopulos, der dieser Tage in Saloniki weilte, erklärte einem Redakteur der dortigen Zeitung „Henassinua Jottdia" in einem Gespräch: Ich ergreife die Gelegenheit, meiner warmen Sympathie für die zionistische B e w e k u n g und den Kampf des jüdischen Volkes um Befreiung Ausdruck zu verleihen. Seitdem der Traum Theodor Herzls und Max Nord aus durch die Verkfindung der Balfour-Deklaration Gestalt annahm, haben die griechischen Staatsmänner wiederholt ihrer Sympathie für die zionistische Bewegung Ausdruck gegeben und ihr ihre Unterstützung geliehen. Wir unsererseits haben es nie daran fehlen lassen, die gesetzlichen Ansprüche der jüdischen Nation anzuerkennen; wenn diejenigen, die e s d i r e k t a n g c h t. mit der gleichen Begeisterung für ihr Ideal eingetreten wären, der j ü d i s c Ii c Staat w ü r d e heute bereits eine Tatsache sein. Dies ist die Meinung der gesamten griechischen Regierung und des gesamten Griechenvolkes. Sollte auch in Griechenland ein Pro- Palästina-Komitce geschaffen werden, fuhr-der Minister fort, so würde ich mich glücklich schätzen, zu seinen Mitgliedern zu gehören und werde mit ganzem Herzen bei der Arbeit sein. In meiner Geburtsstadt Patras habe ich viele jüdische Freunde. Wo immer Juden mich um Unterstützung in jüdischen Fragen gebeten haben, habe ich meine Hilfe nicht versagt. Ich schätze die hohen Qualitäten der jüdischen Rasse, die so viel zum Fortschritt von Handel und Industrie getan und so wertvolle Beiträge zu Literatur und Wissenschaft geliefert hat. Man zählt eine sehr große Reihe Juden, die Griechenland bedeutende Dienste geleistet haben. Ich selbst habe einige der S c h r i f t e n M a x Nor d a u s ins, Griechische übertragen. Ich würde, sagte der Minister weiter, in einem vollständigen Aufgellen der Juden in die anderen Völker e i n e n g r o IJ e n Verl u s t f ü r d. i e W e 11 z ,i v i I i s a t i o n sehen. Juden können wohl ihren Heimatländern gewaltige Dienste leisten und dabei gute Juden bleiben. Ich erinnere an Sir Herbert S a m u e 1. Sir Alfred M o n d, Marquis of R e a d i n g, die ihre 'unschätzbaren Kräfte England geliehen haben und dabei begeisterte Juden und Zionisten sind. Juristen, wie Bfandeis, Staatsmänner und Wirtschaftler, wie Luzzatti ob sie nun Amerikaner oder Italiener sind, bleiben doch Juden mit all •den bewundernswerten Merkmalen ihres Volkes. Warum soll dies nicht auch in Griechenland sein? Der Minister schloß: Ich bewundere die i üd i s c h e Kultur d elr - V e rg angenheit und Gegenwart, ichlese immer wieder die jüdischen Propheten und hoffe, daß der jüdische. Genius in Palästina in all seinem Glänze neu erstrahlen wird. Denn die Rasse, die. einen Einstein, einen Bergson, einen Nordau, einen Luzzatti erzeugt bat. wird noch viel der Welt z u geben haber „Mit Juden chitze ich mich nicht!" Wilhelm II. gegen Lulgi Luzzatti. Wie die italienischen Blätter meldeten, hat der König von Italien vor kurzem dem Emir von Afghanistan den Annunziata-Orden verliehen. Die Blätter knüpften an diese Nachricht die Bemerkung, daß dies der erste Fall sei, daß dieser Orden einer nichtchristlich-en Persönlichkeit verliehen wurde. Bei diesem Anlaß ■ sei nun daran erinnert, daß kurz vor dem großen Kriege 'beinahe das Präzedcmz geschaffen worden wäre, daß dieser hohe italienische Orden an einen' Nichtchristeti und dazu noch an einen Juden verliehen worden wäre. Ueber gemeinsamen Wlunsch des Königs von Italien und seiner Regierung sollte anfangs 1914 der hervorragende Nationalökonom Luis! Luzzatti, der wiederholt Ministerg ^^mrfmiiiimifiHHiiEiiiii JCxm iiiimiTiiiiiiiHiimiiiinE^H g Grundstück U Angelegenheiten jj Kauf * Verkauf jj H Verwaltung ■ f Belehnung jf Hj betreffend IHäuser*Villen| | Güter I §S wendet steh leder Interessent an die 5=5= PI uhipm g| 33 T gg Realitäten* und Verwalten£«lcattalci ==| Dr.Jim Maren» Somer | fj Wien, IX.Währinaerstrafc 31| g Telephone; A26-4-47 * 15-506 III