Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 19 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 DIE NEUE WELT Seite 3 'vtoOMMW*— SWffSS Inventurverkaufes Schilling 12.50, 14.50, 17.50, 19.50 Direkt in der Fabrik, VII., Kaiserstraße Nr. 46 Brief aus Graz. Öffentliche Berichterstattung der zionistischen Kultüsräte. — Die Obstruktion der konservativen Minderheit. — Finanzfragen. — Die jüdische Volksschule. Am 4. Jänner 1928 veranstaltete die zionistische Ortsgruppe im großen Saale des Hotels Erzherzog Johann cjnc öffentliche Versammlung, in welcher die .zionistischen Kultusrätc Bericht »über ihre Tätigkeit in der Kultusgcmcinde erstatteten. Es kann als ein erfreuliches Symptom demokratischen Geistes in der Führung der Kultusgcmeinde durch die zionistische Mehrheit gebucht werden, daß ihiemit zum ersten Male der Weg beschritten wurde, in öffentlicher Versammlung der jüdischen A1 '1 g c in e i n h c i t Rede und Antwort zu stehen und so mit allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung in lebendigen Kontakt zu treten. Denn mir aus den innigen Wechselbeziehungen zwischen Volk und .Führern kann ersprießliche Arbeit erwachsen- Es ist ein Zeichen tiefen Verstchens des Wesens der Demokratie, daß man einerseits sich voll und ganz der Gesamtheit und nicht einzelnen Gruppen gegenüber verantwortlich fühlt und auch Kritik nicht scheut, und daß man anderseits von allen winklich am Gemeindeleben Interessierten tätige Mitarbeit verlängt. Nur so können Wünsche und Anregungen an die richtige Adresse gelangen, nur so können meist wohlgemeinte, aber oft undurchführbare Wünsche, frei vom Eifer der. Parteileidenschaften, auf das Durchführbare begrenzt und. kann jeder unsachlichen Kritik dadurch das Wasser abgegraben werden. "'' Wir freuen uns, feststellen ziu können, daß die zionistischen Mandatare den rechten Weg gehen und, in der Arbeit für das Gesamtwohl alle ihre Kräfte einsetzend, nicht nur das Vertrauen ihrer engeren Parteifreunde, sonden das Vertraue« der Gesamtheit sich erworben haben. Einleitend referierte der Präsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Robert Sonnenwald in klarer, wohldurchdachter Rede über die Aufgaben der Kultusgemeinde. Er schilderte dann eingehend, mit welchen Schwierigkeiten der neue Vorstand zu kämpfen hatte, als er die Führung der Gemeinde übernahm, wie man nicht mir finanzielle Schwierigkeiten durchzukämpfen hatte, sondern auch gelegentlich Schmähungen persönlichster Art ausgesetzt war. Daß dessenungeachtet > doch gar bald das Rädergetriebe seinen Gang gehen konnte, war wohl d i e g r ö ß t e E n 11 ä u s c h u n g der ehemaligen Mehrheit, der jetzigen konservativen Minderheit. Daß natürlich viel gerechte Forderungen, so die nach einer gerechten Besteuerung usw. nicht ganz durchgeführt werden ikonnten, liegt an der noch leider durch das Gemeiudcstatut und durch das Judengesetz geförderten Qbstruktionsmöglichkeit der jetzigen Minderheit. Da nämlich zu einer Beschlußfassung über Statutenänderung eine Zweidrittelmehrheit, also 16 Stimmen, notwendig sind, fehlt der Mehrheit eine Stimme, so daß stets derartige demokratische Forderungen au der gegensätzlichen Einstellung der konservativen Minderheit scheitern müssen. Präsident Dr. Robert Sonnenwald schilderte weiter, wie auf fast allen Gebieten des jüdischen Gemcindelobens, so z. B. Schule, Kultursektion usw., ein neuer frischer Geist sich ausbreite, und schloß seine vortrefflichen Ausführungen mit der Hoffnung, daß im nächsten Kultusrat auch die Kräftcgruppieruug eine die Arbeit für die Gesamtheit schädigende Obstruktionsmöglichkeit der konservativen Minderheit ausschließe. Der Vizepräsident der Kultusgemeindc Herr Karl Schwarz sprach sodann über Finanzlagen der Kultusgemeindc. Hier wurden Zahlen greifbar lebendig und demonstrierten in aller Schärfe und Sachlichkeit das gewaltige Unrecht, das infolge der willkürlichen Festsetzung der Höchststeuergrenze an weitesten Kreisen der mitteilständischen Gemcindemitgiieder begangen wird und das zu beseitigen die konservative Minderheit sich mit allen Mitteln sträubt. Nur einiges aus dem 'Umfangreichen Zahlengebäudc möge hier angeführt werden: 1914 .zahlten 30 Prozent der Steuerzahler in der mittleren Steuerstufe von 72 bis 160 Kronen 50 Prozent des Budgets. 1926 zahlten 20 Prozent der Steuerzahler in den Stufen von 160 bis 600 Schilling 50 Prozent des Steuererfordernlsses. An Steuern zahlten somit die H ö c h s tbesteuerten den SOOOfachcn Friedensbetrag, die Mittelfestetierten dagegen den 21.000fachen Betrag. Um dieses Unrecht zu beseitigen oder wenigstens herabzumindern, war dem Kultusrat ein Antrag auf Erhöhung der Höchststeuergrenze auf 1500 Schilling unterbreitet worden. Dieser Antrag wurde leider, da er einer Zweidrittelmehrheit bedurfte, durch die konservative Minderheit zu Fall gebracht. Die Finanzkommission wird nunmehr durch eine andere Staffelung den Kreis der Höchstbesteuerten er- OTAREX Staubsauger- Bodenbürsten 1. Bezirk, Rotgasse 3 """"" '.tt-Ü weitem müssen, um nicht nur das Budget, das mit 92.000 Schilling aufgestellt wurde, ins Gleichgewicht zu bringen, sondern auch Ungerechtigkeiten in der Besteuerung nach Möglichkeit zu beseitigen. Diesem sehr instruktiven Finanzrefcrate folgten Referate der Tomipclsektion, die Herr Elias Grünschlag als jetziger Tcinpelvorstaud und Herr Vizepräsident Karl Schwarz als ehemaliger Tcmpclvorstand hielten. Herr Schwarz betonte besonders, daß der Tempel nicht bloü Bethaus, sondern auch Lehr haus sein soll. Seinem seinerzeitigen Antrage, auch Freitag abends im Gottesdienste Erläuterungen zur Tltora einzuführen, war zeitweilig entsprochen worden, doch wird seit etwa einem Jahre diese Gepflogenheit nur noch selten geübt. Trefflich ergänzt wurden diese Referate durch Herrn Samuel Solinger. Als bedeutsame Aendcrung wurde freudig zur Kenntnis genommen, daß das Aufrufen der Höhe der Thoraspenden seit eitriger Zeit unterbleibt. Sodann widmete der Vorsitzende der Schulscktioii Herr Oskar Freud mann Worto der Anerkennung für die Tätigkeit der unter der verdienstvollen Leitung des Herrn Oberlehrers Julius Steiner stehenden j ü d isehen Volksschule und bezeichnete es als einen großen Erfolg, daß es ihr gelungen ist, sämtliche jüdischen Kinder zu erfassen. Durch Elternabende wurde der glückliche Versuch unternommen, Schule und Elternhaus, die wichtigsten Glieder«- einer jüdischen Erziehung, einander näher zu bringen, um in inniger Wechselwiitkung, in stetem Gedankenaustausch miteinander befruchtend winken zu können. Herr Földös begrüßte die Versammlung als Vertreter des Zionistischen Landeskomitees und gab seiner Freude Ausdruck, daß es den hiesigen Gesinnungsgenossen vergönnt sei, so segensreich für die Gesamtheit wirken zu können; er hofft, daß auch bald in der Wiener K u 11 u s s t u b e die Zionisten die Führung zum Wohle der Gesamtheit übernehmen können. Den besten Beweis, wie sehr der jetzige Kultusrat sich das Vertrauen der Gesamtheit erworben hat, gab der nächste Diskussionsredner Herr N ewd a. Er bezeichnete sich selbst als einen derjenigen Uninteressierten, bejahte jedoch uneingeschränkt die schon geleistete wertvolle Arbeit und das noch zu erfüllende Arbeitsprogramm der Gemeindelcitung. „Nicht nur die Zionisten, alle objektiv denkenden Menschen würdigen eure Arbeit und werden euch zu danken wissen", schloß er. Nachdem noch ein Vertreter der Jugend einige Wünsche unterbreitet hatte, schloß " der Vorsitzende mit dem Danke an alle die Versammlung. Für den Fasching SÜSSSSSASJaeghais zum Hirschen", II.. Tanorstr. 17b Der arme Heine! Da liegt er in seiner Pariser Matratzengruft, eine ^vori unten auf absterbende Kreatur" (wie ihn Laube schildert), ein Häuflein geschrumpfter, abgewehrter Gliedmaßen, ein bleicher Kopf mit fast erblindeten Augen, über die sich die gelähmten Lilder senken. Acht Jahre eines unsäglichen Martyriums, der Rücken eine einzige Wunde, die Schmerizattaoken nur durch Opium und Morphium zu dämpfen, der Blick auf den Besucher oder auf das Fenster des Krankenzimmers nur ermöglicht, wenn die Hand den „Vorhang vom' fechten Auge hob", wie sich Heine bitterhumorvoll ausdrückte- Und in diesen acht Jahren unsäglichster physischer und seelischer Leiden mußte Heine auch noch eine, sagen wir, „strategische" Aufgabe lösen, die er sich selbst gestellt hatte und deren Erfüllung ihim sehr wichtig war: Seine Gattin durfte bis zur letzten Marterminute in der Matratzengruft nicht erfahren, daß Heine jüdischer Abstammung ist * Näheres, sehr Eindeutiges über diese „letzte Maske" des Dichters entnimmt man einem neuen, bedeutsamen Werke, fortab unentbehrlich für jeden, der Heine wirklich kennen lernen will. H. H. Houben*) hat mit erstaun- *), „Gespräche mit Hein e", gesanumelt und herausgegeben von H. H. Houben, Verlag Kütten & Loening, Frankfurt am Main. ljchem Fleiß sämtliche Zeitgenossen stellig gemacht, die mit dem Dichter häufiger oder auch nur gelegentlich vermehrten und ihre Eindrücke, Beurteilungen, Gespräche in tagebüchern, Aufsätzen, Briefen festhielten. Kein Roman kann spannender, kein Theaterstück dramatisch bewegter, keine moderne Revue bunter, abwechslnngsreicher sein, als dieser Aufmarsch prominenter Männer und Frauen, die sich bei dem todkranken, aber geistig stets frischen Poeten und Spötter, Denker und Gaiuseur einfanden und nachher buchten, was sie gesehen und gehört hatten. Nicht zu. ermessen, was man aus diesen mm Teil erst durch Houben erschlossenen Quellen über Heine den Großen und Heine — den Kleinen erfährt. Die Episoden, die «ich auf sein Verhältnis zu der 'hübschen, molligen, guten, unbedeutenden Gattin Mathilde beziehen, ergeben allein reichlichen Stoff zu einer jüdischen Schiöksalskomödie mit tragischem Unterton. * Berichtet da Alfred Meißner von einem Gespräche, das er nicht mit Heine, sondern mit dessen Gattin Pdathiide hatte. Sie war eine Stockfranzösin und.äußerte sich sehr abfällig über die in Paris lebenden deutschen Literaten: „Durch die Bank sind sie maliziös, boshaft; einer sucht dem antderen etwas anzuhängen." Meißner wollte die Ehre des Deutschtums verteidigen und gab zu bedenken, d'aß die Männer, über welche sich Madame Heine beklage, Juden seien. Das wallte Fraiu Mathilde nun ganz und gar nicht glauben. Insbesondere bezüglich eines gewissen Cohen nicht. „Das machen Sie mir nimmermehr weis. Cohen ist verwandt mit Henri und Henri ist ja Protestant . . ." , Da gingen unserem Meißner die Augen auf. Er schreibt: „Ich hielt plötzlich stille. Ganz wie ein Mensch, der, auf einem gefrorenen See däherschreitend, unverhofft das Wasser durch einen Spalt aufbrodeln sieht, stockte ich und zog das nächste Wort, zurück. Auf das zufälligste hatte ich etwas scheinbar Unglaubliches entdeckt, nämlich, daß Heine in Betreff seiner Abstammung seiner Frau keine Mitteilung gemacht habe und daß sie, naiv wie ein Kind, von dieser gar nichts wisse. Seine Ballade von der spanischen Judenfeindin, die plötzlich erfährt, ihr Geliebter sei ein Sohn des schriftgelehrten Rabbi von Saragossa, flog mir durch den Kopf. In jener Ballade erfährt schließlich Donna Clara, wessen Stamm der geliebte Ritter ist. Ihr Schöpfer aber, der arme kranke jüdische Dichter, war die laugen Jahre, seiner Ehe peinlichst besorgt, d'aß ja nicht einer käme and seiner Mathilde gegenüber die witzige Pointe anbrächte, die der Rabbinersohn aus Saragossa seiner Donna versetzte. Es'hätte ihn sehr unglücklich gemacht. „Sie liebt mich persönlichst und die Kritik hat dabei •gar nichts zu tun!" sagte der Dichter vergnügt zu Laube von seiner Mathilde, die niemals eine Dichtung Heines gelesen hatte. Aber'sie sollte doch nicht erfahren, daß Ihr berühmter Mann ein Jude sei. Heine bangte, solche Kunde würde Mathildens „persönlichster Liebe" Abbruch tun. Und wenn er sich von Weil!, der ehemals Kantor war, klagende, schluchzende hebräische Tempelgesänge vortragen ließ — mußte er der ^mimisch Einfältigen einreden, es seien deutsche Volkslieder . ' * Zwei Jahrzehnte dauerte das Maskenspiel und Heine kam es sehr zustatten, daß Madame der deutschen Sprache nicht mächtig War. Saphir besuchte ihn in Paris. Die Unterhaltung ging allmählich ins Witzeln 'über. Der Wiener Witzling bewahrte uns folgendes Bonmot: Saphir: „Sagen Sie, lieber Heine, spricht Ihre Frau Deutsch?" Heine: „Nur zwei Worte: .Nebbich' und Jofeh'." Saphir: „So? Das sind doch bloß zwei Namen! Der erste ist Ihr eigener, der zweite der Ihrer Frau . . ." Ein Toher Spaß des windigen Herrn Saphir; es amüsiert uns wenig, daß er so schlagfertig das Wörtchen „nebbich" als Namen für den kranken Dichter verwendete. Näher betrachtet, enthüllt sich eine Situation, deren man sich für Heine schämen anuß. Zweifellos war er vor* der Sorge gequält, er würde in den Augen Mathildens weniger gelten, wenn sie erführe, woher er kam der Fahrt. Oder er könnte sie gar verlieren, die gesunde Frau mit den Schwalbenaugen, den weißen Zähnen und üppigen Haaren. * * Armer Heine! Ich las, er halbe einem, der ihn fragte, wie ihm zu Mute wiar, als er die Taufe empfing, aus dem Dunkel seiner stets verhängten Matratzengruft zugeflüstert: „Allen Meschtwnodkn gesagt!" Die witzigrspitzige Antwort ist nicht verbürgt. Aber wer aus diesem neuen Heine- Buche erfährt, wie der Dichter vor der gütigen, ihn aufopfernd pflegenden langjährigen Ldbensgenossiti* Verstecken spielte, wie er peinlichst bemüht war, ihr alle Spuren zu verbergen, die hinführten zu der alten Jüdin in Hamburg — wer den Sohn erfolgreich bemüht sieht, der Mutter bis zum letzten Atemzug vorzutäuschen, daß er gesund und guter Dinge ist, der Gattin alber gleichzeitig zu ver« bergen, daß er eine jüdische Mutter hat, der weiß: Kam das zitierte Wort tatsächlich aus seinem Munde, dann wac es ein harter Fitten, 011 o Ab ei )