Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 19 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nf. 19 Köder für die in Besitzfragen so empfindliche englische Öffentlichkeit, die nicht weiß, daü die Behauptung, die Arbeite rföderation „H i s t adruth" sei in diese Bewegung eingeschlossen, ein faustdicker Unsinn ist. Die „Histadr-uth" ist nämlich sozialdemokratisch, steht also im Gegensatz zum Kommunismus, und sie hat dies im November öffentlich erklärt, als vier Personen zum Sowjetjübiläum nach Moskau reisten. Lord Rothermere hat das noch nicht zur Kenntnis genommen. Er wird sich wohl auch nicht darum kümmern, daß das Zentralbureau der zionistischen Weltorganisation in einer an die Presse ausgesandten Erklärung den Behauptungen des Herrn Phillips entgegentritt. Er wird etwas Neues erfinden. Eine arabische Vertretung soll, wie kürzlich aus Jerusalem angekündigt wurde, von dem siebenten palästinensisch-arabischen Kongreß beschlossen werden. Es wird hinzugefügt, daß diese Institution nach dem Muster und den Grundsätzen der Jewish Agency konstruiert werden wird. Hier ist zweifellos der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Jewish Agency, die jüdische V e rtretung, ist vom Völkerbund gebildet und im Mandatsvertrag anerkannt worden. Sie ist mit der zionistischen Exekutive identisch und dies so lange, als nicht auf Vorschlag der zionistischen Organisation die Erweiterung durch nichtzionistische Personen vom Völkerbund bewilligt wird. Dies setzt dann wieder eine Abänderung des Artikels 4 des Mandates voraus. Daraus ergibt sich, daß eine ..arab agency" im Sinne des Mandates nicht besteht und auch nicht „nach dem .Muster und den Grundsätzen der Jewish Agency" errichtet werden kann. — Zur Geschichte dieser Angelegenheit sei bemerkt, daß der gewesene Oberkommissär Sir Herbert Samuel am 11. Oktober 1923 auf Weisung des damaligen Kolonienministers, des Herzogs von Devonsliire, einer arabischen Notabeinversammlung das Anbot einer arab agency machte. Sein Vorschlag wurde von Musa Kasim Pascha als dem Präsidenten der arabischen Exekutive abgelehnt. - KLAVIERE Sämtliche a^ »» '« b an kto Km aucn auf Marken W. KREITLER Ä Teilzahlung w BX.Unfversifiäfs&traße^S w Der jüdische Unterricht und die Abfallhewegiing. Merkwürdige Ansichten des Herrn Religionsschul* inspektors. In der vorwöchigen Konferenz der Wiener jüdischen Religionslehrer, welche im Beisein der Vertreter des Kwltusvorstandes unter dem Vorsitz des Religionssohailinspektors der Kmltusgemeinde Professor Dr. R e d is ch tagte, kam es zu einem Zwischenfalle, welcher den Stand des jüdischen Erziehungswesen.s in Wien grell «beleuchtet. Herr Dr. Redisch, dessen O.b'hut dieses Erziehungswesen anvertraut ist, benützte die Gelegenheit, um seine Ansichten zoi entwickeln. Er bezeichnete die Forderung nach jüdischen Schulen als Wasser auf die Mühlen von Seipe 1 und Kunschak. Die vom letzten österreichischen Zionistentage. erhobene Forderung nach umfassender jüdischer Schulbildung nannte er einen „törichten" Beschluß. Er unternahm es auch, den verstorbenen, Oberrabbiner Professor C h a j e s i n die Debatte z u ziehen, als einen Mann zu bezeichnen, der sich in bezaig aaif Wert und Wirkung der hebräischen Sprache und des jüdischen Schulwesens falschen Illusionen hingegeben habe. Er, Dr. Redisch, habe den Verstorbenen wiederholt in diesen Angelegenheiten „gestellt", und Chajes habe verlegen, schweigen, beziehungsweise ihm, Herrn Dr. Redisch, zustimmen 'müssen. Man kann Herrn Dr. Redisch nicht der Lüge zeihen, denn Chajes ist «tot. Aber das Bild: Dr. Redisch und Chajes im Gespräche über jüdisches Erziehüngswesen und Chajes in Verlegenheit geratend, das Bild Ist wirklich schwer vorstellbar. Daß Herr Dr. Redisch unfähig ist, den Wert der hebräischen Sprache einzuschätzen, das wissen wir schon lange. Hat er es doch vor einigen Jahren zuwege gebracht, im Wiener Stadtschulrate als Vertreter der Judengemeinde ruhte und ohne Protest anzuhören, wie der Präsident dieser Körperschaft, G 1 ö c k e 1, die hebräische Sprache als reaktionären Plunder charakterisierte. Dr. Redisch hat es aber dabei nicht bewenden lassen. Er hat in seiner Rede vor. den Religionslehrern dem Zionismus und der hebräischen K u 11 u r die Fähigkeit abgesprochen, den Abfall vom Judentume zu begegnen. Er hat dafür darauf hingewiesen, daß Orgeln in den Synagogen und die V e rständlichmach ung der Gebete (das heißt also, Abschaffung des Hebräischen im Ritus) geeignete Mittel sind, die Juden festzuhalten. Daß ein System, welches einem Manne mit solchen Ansichten den Posten eines Inspektors des jüdischen Erzieh'ungswesen anvertraut, nicht danach angetan ist, den Abfall z»u verhindern, ist klar. Wie lange wird t!as System „Redisch" in der Wiener Judengemeiride noch bestehen?. Hofe! „NATIONAL" Restaurants , Wieg*, II«, Taborstraße 18 EÄS* Zentrale Lage, 200 Zimmer, fließendes m Unter der bewählten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. 0 r fl n e r kaltes und warmes Was^er und Zentral,- Vorzügliche Wiener, ungarische und ORIENTALISCHE heizung. In allen Zimmern Telephon III (rumänische) Küche. Wienerbräu und Pilsner Urquell „Wenn ich nicht mehr am Leben bin . . Chajes letzte Rede an die jüdischen Studenten. Bei dem am 10. Dezember 1927 abgehaltenen Doicfjiertentag, der jüdischen Studentenschaft der Wiener Hochschulen ergriff der Ehrenpräsident des, jüdischen Hochschulausschusses, Dr. Chajes, das Wort, um zu dem Bericht der Leitung Stellung zu nehmen. Diese Rede war die letzte, die Chajes an die akademische Jugend richtete. Es ist schon seit einigen Jahren Brauch, daß ich hier als Klagender und Anklagender stehe. Es ist mir. also begreiflicherweise ein Vergnügen, von dieser Tradition abgehen zu können. Der Bericht, den Sie eben gehört haben, beweist, daß das,, was ich Ihnen seinerzeit empfohlen habe, nunmehr auch tatsächlich eingehalten wurde, daß Sie, befreit von äußeren Bindungen, als zionistische Vertretung, der jüdischen Studentenschaft reifer und auch reiner an Ihre Arbeit herangetreten sind. Für mich war im Bericht zweierlei Erfreuliches1. Es war dies insbesondere der zweite Teil des Berichtes, der mir ja in seinen Einzelheiten bekannt und der das gemeinsame Arbeiten der jüdischen Studentenschaft mit den Vertretern der übrigen Studenten um die Besserung der Beziehungen der einzelnen Völker zueinander beinhaltet. Was mich, der ich mein ganzes Leben der jüdischen Frage widme, nun diese als Menschheitsfrage betrachte, dieser Abschnitt des Berichtes besonders freute. Wir sind uns dessen klar, daß die Herrschaft der hetzenden Elemente ein Zustand ist, der nicht dauern wird. Umso erfreulicher ist es, daß Menschen, die, in der Reife befindlich, selbst noch in die Zukunft streben, sich zusammenfinden und bemühen, diese Zustände zu verbessern und die Menschen einander näher zu bringen. Erfreulich war auch, daß -Siediesem Teil Ihres Berichtes einen verhältnismäßig so breiten Raum gewidmet haben. Erfreut hat mich auch der andere Teil Ihres Berichtes,, der von der. beginnenden kulturellen Tätigkeit sprach. .-»Dabei -ipejne ich^nich^ so sehr-, die großen Vorträge, die' Sie%i^anst^t hafen, «als Diskussionen und J'Vö''rträg'ep'--die "$ti£ Ihrerr?''Mitte-' gehalten wurden. \$h störend habe ich. in Ihrem Bericht nur das. Wort „vielleicht" empfunden, als''gesägt wurde, daß die Studentenschaft vielleicht der führende Teil* der jüdischen Jugend sei. Für uns, wie wir jung waren, war das kein „viel- 1 e i c h t", s o n d e r.n S e l b s t v e r s t ä n d lieh k ei t. Das Traurige an der jüdischen Jugend : von heute ist, daß sie so selbstzufrieden, keine revolutionären Fragen kennt und uns, die Alten, in keiner Weise an- oder aufregt. Wenn das,- \vas: von Ihren Referenten berichtet wurde, der Anfang für eine neue Arbeitsperiode sein, soll, so ist das sehr erfreulich.' Wir sind momentan, wie schon betont wurde, in einer ungünstigen Lage dadurch, daß wir keinen Zufluß aus dem Auslände haben. Dieses Defizit an Menschen empfinden nicht nur wir, sondern auch die' großen jüdischen Gemeinden in Wien,, Berlin usw. Auch das geistige Defizit war nur durch den Zufluß geistiger Werte aus dem Osten zu beheben. Was das Heranziehen der jüdischen Mittelschuljugend für ihre Arbeit betrifft, so sind Sie m der günstigen Lage, in Wien zwei jüdische Lehranstalten zu besitzen, die alljährlich eine nicht geringe Zahl von Abiturienten hervorbringen, die geeignet sein werden, in Ihrer Bewegung auf kulturellem Gebiete eine führende Rolle .zu spielen. Wenn ich nicht mehr am Leben bin, un d wen n i rg cn d e i n m a 1 v o n m eine r T ä t i gkeit in Wien vielleicht in der Geschichte dieser Stadt gesprochen wird, so wird diese meine Leistung (Schaffung des jüdischen Realgymnasiums) durch sein tfenommee seine riesige Wiikung Franzbranntwein mit Nenthol I sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. I An I Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu| eririschen und ihr$ ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. Ueberau erhältlich sicher als die von bleibenden Wert hervorgehoben. Jedenfalls werden eine Anzahl von Menschen, die diese Schule verlassen, etwas leisten und erwerben und auch in die Judäa das bringen, was dort in den letzten Jahren leider so schmerzlich vermißt wurde. Wir müssen Kräfte finden, die sich nicht nur damit behelfen, das Alte hervorzuheben, sondern neue Wege zu ebnen und neue Werke zu schaffen, damit das Judentum bereichert werde. Seit Jahrhunderten war es Ihr Privilegium, neue Werke zu schaffen. Sie haben die Möglichkeit, nicht nur das Alte zu erhalten, sondern Neues zu schaffen. Sie müssen mithelfen, eine Zukunft für uns und die Menschheit zu bauen. Dann wird auch der Referent bei Ihrem nächsten Kongresse das Wort „vielleicht" mit Recht weglassen können. «. BÄSCH, IV. ARGENTINIERSTRASSE Nr. 22 KOHLE * KOKS Tel. 51-2-87 ANTHRAZIT Tel. 56-403 Rabattsekllon des KEREN KAJEMETH Urteile über den funkelnagelneuen Antisemiten Ottokar Czernin. lieber den Grafen Ottokar Czernin, welcher, wie wir 'berichtet haben, unter die Antisemiten gegangen ist, schreibt sein Standesgenosse Grat Adalbert S t e r. nbeng in.der „Wiener Allgemeinen Zeitung": „Unmittelbar nach dorn Umsture »begann Cizernin, der Vliesritter, Geheime Rat und Operettengetteral, der Günstling des Thronfolgers Franz. Ferdinand »und der Handlanger Tissas, der vom Kaiser Karl mit Gnaden überhäufte; Ministerdilettant, den Kaiser anzugreifen und^ für die Republik in Interviews' zu werben. Als Czernin. zur Kaiscrzefc allen' Madithahern in die dMiikien Falten gekrochen war, bekämpfte Ich diese Machthaber. Kaum . war. der. Umsturz da, . verlegte er sich auf /dasselbe Geschäft bei den neuen Machthaber«. Mit ihrn seine Anhänger, vor allen der 'gewesene 'Ver- : ' trauensmann. des Thronfolgers Franz Ferdinand und des Kaiser Karl, Glam->Martinitz, der jetzt bei den Spitzen, der Behörden, besonders beim Justizminister, ein- und ''ausgeht. ' " Zur selben Zeit drehte ich mich im umgekehrten Sinne. Ich wurde »der Verteidiger-des abgesetzten, im Exil lebenden Kaisers und der von den Freunden Gzernins und Clams in ihrer Ehre schwer angegriffenen Enkelin des Kaisers Franz Josef. Und nun ereignete sich folgendes Wunder: Dieselben einstigen Würdenträger des Hofes, die mich zur TCaiserzelt wegen meiner Angriffe gegen Kaiser Franz Josef wie einen Leprakranken behandelt, boykottiert und mit Ehrenräten verfolgt hatten, wendeten sich jetzt mit den gleichen Mitteln gegen mich, weil ich das Kaiserhaus beschützte. Czernin, der 'eben ein Buch über seine Reise iß Afrika herausgegeben hat, äußerte sich über, die Juden im allgemeinen und über die Wiener Juden im besonderen voll Haß. Jetzt lüftet sich das Rätsel, warum. Er. der n u r mj-t Juden gearbeitet hat, der alles, seine Wahl, seinen ungeheuren Kriegsgewinn usw. den Juden verdankt, hat nun auf einmal entdeckt, daß ihm sein Abschied von Wien -leicht geworden ist, well er.den krummen Nasen auf der Ringstraße und auf.der Kiinunerstraße nicht mehr begegnen muß. Denselben Verrat, wie am Thronfolger und am Kaiser Karl, hat er nun auch schließlich ans e d n e n j ü d i s c he n Wählern be g a n g e n. Dieses Verrates bedurfte er, um nun Liebkind bei den in verschiedenen Aemtern mächtigen H a k e n k r.e u z 1 e r n zu werden. Selbst' im Vormärz hat es solche Verhältnisse nicht gegeben: wie heute unter dem Einfluß hakenkreuzlerischer einstiger Hofwürdenträger." Die französische Zeitung „La Tr Mbu n e J u iy e in Straßburg widmet »dem Herrn Ottokar Czernin, welcher sich in seinem Buche auch ein bißchen an die Franzosen anbiedert, indem er sie als Opfer jüdischer Kriegs gewinn er beweint, folgende Zeilen: „Uns" Juden darf jeder ehrlose Bube begeifern, jede Kröte am Weg ihren übelriechenden Saft auf uns spritzen. Der Graf Czernin, Geheimrat, Ritter des goldenen Vlieses und gegen Ende des Krieges Minister der auswärtigen Angelegenheiten der österreichlsoh- . ungarischen Monarchie, ist von Clemenceaü in öffentlicher Kammersitzung eine Exzellenz und ein Lügner genannt worden. Es ist nicht leicht festzustellen, inwieweit dieser Vorwurf den korrupten Minister des Kaisers Karl und Freund Wilhelms II. gekränzt hat. Da diese schallende Backpfeife nicht1 die Wange des Edlen erreichen konnte, hat sich wahrscheinlich kein Körperteil des gewissenlosen Manmes gerötet Gewissenlos Ist sohon eine Schmeichelei, Dieser Graf Czernin ist nunmehr ein würdiger Spießgeselle der Hitler und Ludendörff, der ungarischen und rumänischen Pogromisten. Weiter nichts. Und merkwürdig! Sobald diese Leute die Juden zu beschimpfen 'besinnen, ziehen sie Frankreich in die Debatte." Wie man slefot, hat sich Herr Ottokar Ozernin mit seinen antisemitischen Auslassungenbisnun keine allzagute Presse eingewirtschaftet, Vielleicht werden Wim seine neuen Freunde vom Hakenkreuz in Ihren Zeitungen ein Pflaster auflegen*