Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-01-20 · Heft 18 (20.1.1928) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 18 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711633--0236-2713363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite S die neue WELT Nr. TS San Remo PENSION KOKISCH Streng wj VILLAEUGENIA Aller Komfort, mäßige Pieise Eine Nikolsburger Jüdin. Tante Sali. Von Otto Abeles. Kein Glied der weitverzweigten Familie kann, darf sich um sie bekümmern. Es ist ja ihre Sendung, für alle zu sorgen. Wer ihr Liebes erweisen will, kommt bestimmt zu spät. Sic ist ihm längst mit zartestem Bemühen um sein Wohl zuvorgekommen. Du willst die Matrone mit einer Aufmerksamkeit erfreuen? Sei zufrieden, wenn dir der günstige Äugenblick verstattet, deinen Dank zu stottern, halblaut, nur für dich seihst, denn sie schaut an deinen stammelnden Lippen vorüber, durch die Fenster der Augen in deine Brust; und kennt schon Gewicht und Pein der Last, die dir aufgelegt ist; und du hast dich schon, ohne daß ein Wiort gewechselt wurde, mit ihr ausgesprochen; und sie hat dich schon mit kurzer, kräftiger Rede aufgerichtet. * Alte Krauen sind schwatzhaft, haben neun Maß 0% Reden? Tante Sali spricht wenig, hat nur ein einziges, ' vollgewichtigcs Maß an Worten, klugen, heiteren, wesenhaften, welterfahrenen, unendlich gütigen. Nach vielen Jahren kam ich wieder nach Nikolsburg und kaufte, bevor ich das Groß Vaterhaus betrat, ein paar Blumen. Von dem Gemüseweib am Marktplatz, wo ich das Gesuchte fand, erfuhr ich, daß sie gesund und munter ist. wie immer, „die Fräulein Sali". Ja, die Siebzigerin ist ein "Fräulein, müßt ihr wissen. Diese Freude aller. Kinder, diese Mutternatur, dieser Familienhort, diese Säule an Tatkraft, klarem Verstand, Ordnungssinn, dieses Geschöpf, in die Welt gesetzt, einen Gatten zu beraten, sein Leben zu betreuen, sein Werk zu ordnen und zu . weiten, eine vielköpfige Generation zu erziehen, diese geborene Stammutter in Israel, ist unverehlicht geblieben. Ich glaube, sie war schon als halbwüchsiges Mädchen dem Hause mit den zwölf Kindern unentbehrlich. Von den Schwestern die jüngste, fiel die jüdische Notwendigkeit weg, sie zu verehlichen, bevor die anderen „ausgegeben" waren. Und als Sali hätte an die Reihe kommen müssen, war sie bereits die unentbehrliche „Tante". Dann wurde der Vater krank und pflegebedürftig. Dann blieb die gebrechliche Mutter (zurück. Dann war das Stammhaus zu erhalten, offen zu halten für die vorübergehend Kommenden, für die Gäste und Rat Holenden und — das ereignet sich doch in großen jüdischen Familien — für die Gestrandeten oder .für die Verwaisten. Aus Wien, Prag, Pest, Göding, Brünn, Mistelbach, kamen die Neffen zur Assentierung, die neugebackenen Doktoren, die frischen Ehepaare, in den Schulferien waren kleinere und größere Gäste zu betreuen,, die Gräber wurden zahlreicher,. die Jahrzeitfeiern häufiger, alljährlich — das war ein Höhepunkt — versammelte sich ein richtiger Familientag um den kreisrunden Eichentisch, den Tante Sali versorgte, es schien allen so selbstverständlich, wie ihr selbst, daß sie nur für die andern da war, und so wurde sie eine Siebzigerin, Ich überlegte das, bevor ach die alte Glocke an der I Glastür, .zog; Da öffnete sie auch schon, rief1 lustig meinen Namen, versetzte mir einen tüchtigen Begrüßungskuß — und überrumpelte, allsogleich den Blumenüberbringer. Denn sie faßte mich an der Hand, eilte mit mir ins gute Zimmer, lief, zu der Spieluhr, riß am Fädchen, daß die Dcmiizetti-Arie,mir... seit Kindesbeinen vertraut,. nur so Die ungeschwächte Anziehungsdes sensationellen Sonderverkaufes in Weißwaren veranlaßt das Warenhaus Brüder Schiffmann, II., Tabor- »straße 48, die verblüffenden Angebote anläßlich der „Weißen Woche" noch für kurze Zeit zu verlängern. Alle Erzeugnisse der weltbekannten Qualitäts-Standard-Marke „Lilien" werden zu original Fabrikspreisen verkauft. Das Riesenlager in allen, erdenklichen Weben, Chiffons, Gradl, Bettüchern, ferner in Damen- und Herrenwäsche wird bei erstklassiger Qualität zu verblüffend niedrigen Preisen abgegeben. Nachstehend einige Preisbeispiele: Wäsche- Chiffons per Mtr. 59 Groschen. Geschirrtücher ä 49 Grosehen, Daraastservietten mit Hohlsaum ä 58 Groschen, Madras-StöHe, für Vorhänge per Mtr. 70 Groschen, Batist- Taschentücher, gestickt, 20 Groschen, Damen-Wäsche- Garnituren, ajouriert und gestickt, Hemd oder Hose S 1.98, Herren-Hemden, alle Halsweiten S 2,90. Herren-Kragen, weich, alle Halsweiten, nur 20 Groschen. Versäumen Sie nicht, die Besichtigung der originellen und wirklich sehenswerten Schaufensterdekoration „Der gestiefelte Kater", ein entzückendes Panorama mit märchenhaft schönen Beleuchtungseffekten. 1500 Glühlampen strahlen ein Meer von Licht über die lebensgroßen Märchenfiguren, den „gestiefelten Kater", die „Prinzessin" und den prunikhaften „Schlitten" mit dem prächtig aufgezäumten „Lippizaner" aus. Ein geschmackvoll-künstlerisch arrangierter Rahmen aus Schnee (Marke: Schneepalast), unzähligen weißen Rosen und Bergen schneeweißen Linnens vervollständigt das prächtige Gesamtbild — eine wahre Augenweide für iung und alt. Sehen Sie sich das an — Sie werden über das schöne Bild' und die fabelhaften Angebote staunen. (Entgeltlich.) perlte und legte das Blumengewinde — ohne Jede* symbolische Absicht, bloß weil es sich dort gut ausnahm — oben auf den Uhrkasten, dessen Vergoldung recht dunkel und stumpf geworden war. Das traf die Tante Sali! Flugs hat sie mich reich beschenkt und die Blumen in den Händen des hereingeschneiten Neffen dienten ihr bloß dazu, die Ucberraschung für den alten Jungen zu erhöhen, dem die geliebte Greisin unverzüglich bewies, daß sie auch in den zehn briefloscn Jahren nicht vergessen hatte, was ihm Wiedererweckung kostbarster Kindheitseindrücke sein wird. Natürlich schwieg ich, bis der altvertrautc Knacks im Uhrwerk die Musik beendete, und hatte Muße, mir die Tante anzusehen. Sie ist unverändert geblieben, das ge« scheitelte Haar mit dem keck aufgesetzten Knoten ist nicht dünner und bleicher geworden, das kleine Körperchen nicht voller, das Gesicht (wie mit Güte gegerbt!) nicht älter, das System von Falten auf Wangen und Stirn nicht dichter und schärfer. Und das linke Auge schielt noch immer. Es ist so selbstverständlich, daß diese Dunkelaugen, auh jeden Spaß lauernd, die unbändigste Lustigkeit der Neffen und Großnichten auffangend und widerspiegelnd, kein symmetrisches Paar bleiben konnten, durchs Leben gehend, wie wohlerzogene, gedrillte, uniformierte Institutskinder, sondern — nach allen Richtungen fröhlich Jugend — eben Schielaugen werden mußten. Und richtig brachte sie zum Mittagstisch den geliebten Mandelkren, den sie seit Jahr und Tag eigenhändig herrlich zubereitet, und richtig warf sie mir, als schon die Lokomotive pfiff — damit ich mich ja nicht bedanken konnte — durchs Wagenfenstcr ein Päckchen zu, ein Dutzend von den unvergleichlichen Nikolsburger „Kücheln", hergestellt in der Geheimküche der Frau Zuckerbäcker, die so heißt, wie das Gewerbe, welches ihre Familie in der Judengaß seit Generationen übt. Aber ich plaudere von ihr, als wäre nicht der Brief eingetroffen, der mitteilt, daß sie uns verlassen hat. „Tante. Sali", schreibt mir der Bruder des gottseligen Vater, „Tante Sali ist Vorgestern ganz still, ganz schmerzlos gestorben. Wlir haben sie heute bestattet." Auch dieser Siebziger, ihr leiblicher Bruder und mehrfacher Großvater, sagt „Tante Sali". Das war sie ja zeitlebens für uns alle, ohne Unterschied des Alters und des Verwandtschaftsgrades. Niemand mußte sie pflegen. Es hätte ihr sehr weh getan, sie hätte es nicht dulden mögen. Der Lenker der Geschicke hat ibr's erspart. Ich danke ihm. , Ohne Schmerzen ist sie entschlummert. Das war der reiche Lohn ihres Opferlebens. Daß man ihr in jener Welt nur alle Möglichkeit gibt, den Frohgemuten die trefflichste Genossin zu sein, den Bekümmerten die resoluteste Helferin, den Traurigen die verständnisvollste Trösterin! Daß man sie nur ja nicht mit einem Tusch der himmlischen Posaunen empfängt, daß man sie-nur ja nicht als große heilige Seele begrüßt und mit einer Ehrenkompagnie diensteifriger Engel umgibt! Ich bin — verzeihe mir — ernstlich besorgt um dein Wohl, Tante Sali, seitdem du in die Ewigkeit eingegangen bist. . Aber hier unten, auf der erbarmungswürdigen Erde, sollte man ihr ein Denkmal setzen. Es behelligt sie nicht dort oben und uns ist es, du lieber Gottj sehr nötig. Man baue. es in Nikolsburg, neben dem' alten Brunnen, nahe der alten Schul, in der 'Hauptgasse. Denn daß die Schlichte, Heitere, Gerechte, treue, Selbstlose, Tapfere, Fromme das Sinnbild der sterbenden Judenstadt war, wissen alle, die auch nur ihren Namen kannten. Und wissen erst recht die, welche sie verloren, haben. Ehrung eines jüdischen Gelehrten in Italien. Aus Anlaß der 35iährigen wissenschaftlichen Tätigkeit des hervorragenden jüdischen Gelehrten Professor Benedetto Morpurgo veranstaltete die Turiner Universität vor einigen Tagen eine Feier. Der italienische Unterrichtsminister Professor F e de Ii sandte an den Jubilar ein in herzlichen Worten abgefaßtes Glückwunschschreiben. Vom knöiglichen Hofe langte ein Begrüßungstelegramm ejn.: Aus Anlaß dieses Jubiläums wurde Professor Morpurgo zum Ehrenmitglied der biologischen Gesellschaft in Paris und des Instituts zur Bekämpfung der Krebskrankheit in Berlin ernannt. Morpurgo ist einer der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der allgemeinen Pathologie und der Erforschung der Krebskrankheit. „Habimah" in Italien. , Das hebräische Theater „Habimah", das gegenwärtig'in den Städten des Rheinlandes Gastspiele gibt, Wird itn Laufe des Februar zum ersten Male in Italien gastieren und in Mailand und Rom seine Repertoirestücke in hebräischer Sprache zur Aufführung bringen. Zahle höchste Preise für abgelegte Kleider FeldSteIII n., Rueppgasse 16 Im Teppichhaut _ Sommerfreund Igllf VUl Josefstäättretraße 35 / Telephon Ä kaufen Sie Perserteppiche infolge äußerst günstigem Einkauf zu besonders bitligen Preisen." Zahlungserleithterungen werden gewährt l Pater Hilarius und seine Zeit. , Persönliche Erinnerungen von Jakob Krauß. Den Benediktiner Pater Hilarius, der vor wenigen .Tagen als erfolgreicher Missionär im 70. Lebensjahr gestorben ist, habe ich persönlich gekannt. Ich sah ihn vor etwa 30 Jahren in Berlin, unmittelbar nachdem er das Breslaucr Rabbinerseminar verlassen und seine Bekannten durch seinen Ucbertritt zur katholischen Religion in Staunen versetzt hatte. Damals hieß er noch Nathan Rosenfeld, stand im Rufe eines hervorragenden Talmudisten und Kenners der gesamten alten und modernen hebräischen Literatur, aber auch im Rufe eines Sonderlings, der, von inneren Zweifeln getrieben, von einem religiösen Extrem in das andere verfiel, bis er, wie seine Bekannten zu sagen pflegten, so übergeschnappt war, daß es ihn ganz aus dem Judentum hinaus und in den Katholizismus hineinwarf. Nathan (Nahum) Rosenfeld war der Sohn des damaligen Oberrabbiliers von Va«asdin in Kroatien. Schon als Kind überraschte er durch seine geradezu unheimliche Auffassung, seinen Hang zum Mystizismus, der ihn dazu führte, daß ihm sogar sein Elternhaus nicht fromm genug schien und ihm auch das, was ihm sein gelehrtem Vater an hebräischem Wissen zu bieten vermochte, zu geringfügig erschien, und er daher sich kura nach seiner Barmizwahfeier entschloß, die damaligen berühmten ungarischen Jcschiwoth, so auch die Preßburger Jeschiwah, aufzusuchen und dort sein talmudisches Wissen zu vertiefen. Ueberall fiel sein scharfer, geradezu unerbittlich kritischer Geist und seine polemische Natur auf, Eigenschaften, die seine Studienkollegen in Erstaunen ver-! setzten, seinen Lehrern jedoch oft arge Verlegenheiteil bereiteten. Noch als ganz junger Mensch war Nahum Rosen-, feld bereits im Besitz der Hatara, des von drei orthodoxen Rabbinern ausgefertigte» Raöbinerdiploms, und die Varasdiner Judengemeinde^war glücklich, als ihr Rabbiner durch Krankheit verhindert war, sein Amt auszuüben, sich dessen Sohn, den berühmten Ihn] Nahum Rosenfeld, als künftigen Rabbiner zu sicher«. Um diese Zeit begann Nahum Rosenfeld, der, wie er später sagte, im jüdischen Schrifttum nichts Neues mehr finden zu können glaubte, und durch das, was er gefunden hatte, seine Zweifel nicht zu befriedigen vermochte, sich nun mit demselben Eifer, wie bisher auf das hebräische Wissensgebiet, auf das Studium, der allgemeinen Wissenschaften zu stürzen. Auch hier bewährte sich sein Fleiß, seine rasche Auffassung, und bald sah man den ehemaligen Rabbiner Nahum Rosenfeld als einen der anerkanntesten Hörer des Seminars in Breslau. Um jene Zeit hatten die Ja d e n mis s i oin ä r e aller christlichen Konfessionen sich eine neue, leider auch sehr wirksame Methode für ihren Seelenfang unter , den Juden zurechtgelegt. Besonders die Berliner Zentrale der protestantischen sowohl als auch der katholischen Judenmission lenkte ihr Hauptaugenmerk auf die Hörer der jüdischen Seminarien. Durch ihre Geheimagenten hatten sich die Missionäre die genauesten biographischen Daten jedes einzelnen Seminaristen, besonders solcher, die aus Rußland, Polen oder Ungarn kamen, verschafft; sie wußten ganz genau, welchen Weg von rechts nach links jeder dieser Rabbmatskandidaten bisher zurückgelegt hatte. Mir erzählte damals ein Missionär, der auch mich .aufs Korn genommen hatte, daß die Missionszentralen eine eigene Kartothek von jüdischen Rabbinern und Rabbinatskandidaten angelegt haben und von jedem gewissermaßen eine seelische Wetterkarte bestehe, die genau die Erschütterungen zeige, welche er in seinem Seelenleben bis dahin zu bestehen hatte. Von Nahum Rosenfeld war es bekannt, daß er in diesen Missionskreisen häufiger als zuträglich verkehrte. Seine schmächtige Gestalt, 0 seine träumerischen Augen und sein ganzes scheues, unsicheres Benehmen lockte die Aasgeier der Seelenschacherer geradezu heran. Er war bereits seelisch verwest, er war schon damals der Mission verfallen. Selbst der Entschluß, daß der große Gelehrte Dr. Nathan Rosenfeld sich als Rabbiner in eine der kleinsten Judengemeinden von Deutsehland zurückzog, war seiner Sucht entsprungen, einsam und allein grübeln zu können und fern vom großen Menschentrubel sich in Zweifel zu verzehren und sein unwahres Leben forfrzufristen. Aber auch hier konnte er seinem Schicksal nicht entgehen. Wie ein Steckbrief verfolgte ihn der Bericht der katholischen Judenmission über seine ganze Wesensart bis nach H a m, seiner ersten und letzten Wirkungs-. Stätte als Rabbiner. Hier wurde er in den Kreis einer katholischen Familie gezogen, deren Sohn sich dem Studium der Theologie gewidmet hatte. Zwischen den beiden jungen Theologen entstand eine innere Freundschaft, die, anstatt zur gegenseitigen Charakterergänzung, schließlich dazu führen mußte, daß der seelisch bereits völlig'vermorschte, unter dem Wahn der Wahrheitssuche ganz in sich verfallene Nahum Rosenfeld unterlag-und mit ungeheurem Eklat a1 s R a b b i n e r d i e T a u f e g e n o m- *men hat. Beschleunigt wurde dieser Prozeß auch noch dadurch, daß zwischen der Schwester seines Theologenfreundes und ihm selbst ein Liebesverhältnis entstanden war, das ®leichfalls von ihm mit .Erfolg das höchste ethische Opfer gefordert hatte. - In Varasdin gab es damals große Trauer. Der alte Rabbiner, den die wiederholten Eskapaden seines einst zu so großen, schönen Hoffnungen berechtigende» Sohnes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.